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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Die Politische Meinung

Es ist heiß an diesem Sonntagmittag in Mossul. Unbarmherzig brennt die Augustsonne vom Himmel, 52 Grad Celsius zeigt das Handydisplay an. Schützend halten sich junge Studentinnen in schwarzen Abayas (traditionellen Überkleidern) und farbenfrohen Hijabs (Kopftüchern) ihre Schreibhefte und Bücher über den Kopf. Schwatzend und lachend warten sie am Eingang zu den Mauerresten, die einmal die Universität von Mossul waren. Einst als zweitgrößte Bildungseinrichtung des Irak weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt, ist von der Universität heute wenig mehr übrig geblieben als Ruinen. 31 Monate – also fünf Semester lang – hatte der Islamische Staat (IS) hier gewütet. Seiner Schreckensherrschaft fiel ein Großteil der wertvollen Bücher und alten Manuskripte zum Opfer, vor allem aber starben Hunderte Professoren und Studenten. Nun soll trotz allem wieder so etwas wie Alltag einkehren – selbst wenn das fast völlig zerstörte Universitätsgelände wegen der durch den IS verlegten Sprengfallen nur eingeschränkt zugänglich ist.

Die Aufgaben in Mossul sind gewaltig. Am 9. Juli 2017 hatte der irakische Premierminister Haider al-Abadi die vollständige Befreiung der Stadt verkündet. Weite Teile Mossuls – darunter auch die an-Nuri-Moschee, in der IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi 2014 das „Kalifat“ ausgerufen hatte – liegen nach dem fast neun Monate langen Kampf der irakischen Armee und der internationalen Anti-IS-Allianz gegen die Terrororganisation in Schutt und Asche. Allein der Wiederaufbau der Infrastruktur wird etwa eine Milliarde US-Dollar kosten, schätzen die Vereinten Nationen. Zudem hat der IS weite Teile Mossuls vermint. Die Räumung der Sprengfallen ist aufwendig und geht nur schleppend voran. Um sich ein Bild von der Situation vor Ort zu machen und die Möglichkeiten eines künftigen Engagements auszuloten, unternahm das Auslandsbüro Syrien/Irak der Konrad-Adenauer-Stiftung im August eine erste Fact-Finding-Mission in den Osten der Stadt. Von Erbil ging es in drei geschützten Fahrzeugen durch Checkpoints der kurdischen Peschmerga, der schiitischen Milizen und der irakischen Armee nach Mossul – eine fast vierstündige Überlandfahrt durch die ausgedörrten Felder der Ninawa-Ebene, vorbei an eingezäunten Flüchtlingslagern, die früher wenig mehr als eine Stunde gedauert hatte.

Prekärer Aufbruch

Bereits in den Vororten der ehemals zweitgrößten Metropole des Irak zeigt sich, dass der Wiederaufbau in vollem Gange ist. Über die staubigen, schlaglochgeplagten Einfallstraßen rumpelt eine schier endlose Kolonne von altersschwachen Sattelschleppern, bis oben hin beladen mit Steinen, Bauholz und Zement. Überall ist Baulärm zu hören, Arbeiter in blauen Arbeitsanzügen gießen in der Mittagshitze dampfenden Asphalt auf die Straßen, gesprengte Brücken werden repariert, eingestürzte, durch Einschusslöcher entstellte Häuser eingerüstet. An den Straßenkreuzungen bieten Händler auf hölzernen Schubwagen Fisch aus dem nahegelegenen Mossul-Stausee an. Auch die Wasseraufbereitungsanlage werde bald wieder ihren Betrieb aufnehmen, berichtet der aus Mossul stammende Mohammed von der Women Empowerment Organisation (WEO), einer Partnerorganisation, die bereits wieder Projekte in Mossul durchführt und die den Besuch mitorganisiert hatte.

Trotz der Fortschritte beim Wiederaufbau sind laut der Internationalen Organisation für Migration bislang nur knapp 300.000 Binnenflüchtlinge nach Mossul zurückgekehrt, etwa 800.000 leben nach wie vor in Lagern außerhalb der Stadt. Die Gewalt des radikal-islamistischen IS hatte sich ab 2014 in Mossul gezielt gegen Schiiten, Christen und andere Minderheiten gerichtet. Heute schrecken viele aus Angst vor den ehemaligen Nachbarn und Freunden, die oftmals mit dem IS kollaborierten, vor einer Rückkehr in die Heimat zurück. Zwar werden sich die Wunden im Straßenbild in den nächsten Jahren durch ausreichende Investitionen „verarzten“ lassen; doch wie eine Aussöhnung zwischen den verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen der mehrheitlich von sunnitischen Arabern bewohnte Stadt sowie Tätern und Opfern der IS-Herrschaft gelingen kann, ist ungewiss und für viele noch kaum vorstellbar. Nur wenige Kilometer entfernt von der Universität ist von Aufbruchsstimmung wenig zu spüren. Wie ein Mahnmal ragt am Ufer des Tigris der massive Komplex des Ninawa International Hotels in den Himmel. In den letzten zweieinhalb Jahren wehten hier die schwarzen IS-Fahnen, die Terrororganisation hatte es als einziges Hotel im „Kalifat“ weiterbetrieben. Hier stiegen hochrangige IS-Kommandeure ab, bereiteten sich Selbstmordattentäter auf ihre Anschläge vor, wurden minderjährige Jesidinnen als Sexsklavinnen gehalten. Auf den Straßen vor dem Hotel lungern finster dreinblickende junge Männer in ziviler Kleidung herum, die Kalaschnikows über den Schultern baumelnd, ohne erkennbare Aufgabe oder Zugehörigkeit. Reguläre irakische Sicherheitskräfte sind nicht in Sicht, die einheimischen Begleiter der Delegation drängen zum Aufbruch.

Die Sicherheitslage in Mossul ist fragil und könnte sich in den kommenden Monaten weiter verschlechtern. Die irakischen Sicherheitskräfte sind nach dem langen Kampf gegen den IS abgenutzt.

Mossul und sein Umland werden heute von einer Vielzahl unterschiedlicher Milizen kontrolliert. Unter ihnen befinden sich auch radikale, Iran-nahe Gruppen der al-Haschd asch-Schaabi, einer Dachorganisationen schiitischer „Volksmobilisierungskräfte“, die sich 2014 im Zuge des Kampfes gegen den IS formierten und zur Befreiung des Nordirak beigetragen haben. In der Vergangenheit haben diese Gruppen in den befreiten Gebieten des Irak immer wieder Racheakte an der lokalen sunnitischen Bevölkerung verübt, was auch in Mossul die Spannungen anheizt. Zudem liegt die Stadt an der Grenze der umstrittenen Gebiete im Nordirak, die sowohl von der irakischen Zentralregierung als auch der kurdischen Regionalregierung beansprucht werden. Der Konflikt zwischen Bagdad und Erbil droht – nach dem gegen irakischen und internationalen Widerstand durchgeführten kurdischen Unabhängigkeitsreferendum – zu eskalieren, was direkte Folgen für Mossul hätte.

Der schiitisch-sunnitische Gegensatz

All das spielt dem IS in die Hände. Auch nach der offiziellen Befreiung ist die Terrororganisation weiterhin in der Stadt, agiert mittlerweile als Aufstandsbewegung aus dem Untergrund mit Guerillataktiken und Anschlägen. Wie viele Einwohner mit der Gruppe sympathisieren, ist unklar. Seit dem Sturz des sunnitischen Diktators Saddam Hussein 2003 sind die sunnitischen Araber systematisch im Irak marginalisiert worden und lehnen zu großen Teilen die schiitisch dominierte Zentralregierung in Bagdad ab. Der IS hatte sich als Alternative zur „schiitischen Diktatur“ dargestellt. In einer von der Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützten nicht repräsentativen Umfrage, die die lokale Nichtregierungsorganisation Iraqi Institution for Development (IID) im November 2016 telefonisch im noch vom IS besetzten Mossul durchgeführt hatte, gaben achtzig Prozent der Befragten an, sich nicht von der irakischen Zentralregierung repräsentiert zu fühlen. Dem seit 2014 amtierenden Premierminister Abadi ist es demnach nicht gelungen, den Sunniten eine Perspektive im Irak aufzuzeigen. Damit bleibt die Gefahr bestehen, dass der IS in sunnitisch-arabischen Gebieten wie Mossul wieder erstarkt.

Acht Kilometer östlich vom Stadtzentrum im Vorort Gogjali betreibt IID eine Schule und kämpft damit bereits heute gegen eine Radikalisierung der Generation von morgen. Hinter einer schmutzigen Betonhauswand in dem heruntergekommenen Städtchen dringt heller Kindergesang hervor. Das bunte Interieur des kleinen Klassenraums will so gar nicht zur grauen Tristesse des Vororts passen, überall hängen Kinderzeichnungen, zwanzig Schüler tanzen zusammen mit der Lehrerin zur lauten Musik eines Alphabet-Liedes. Allein die müden Augen der Kinder scheinen die Strapazen der letzten Jahre zu verraten. Unter der Herrschaft des IS habe man sich nur selten auf die Straße getraut, erzählt fast flüsternd Firas Salahe, der untersetzte Schulleiter, der es anders als viele seiner Bekannten nicht über das Herz gebracht hatte, seine geliebte Heimatstadt zu verlassen. Viele der Kinder seien traumatisiert, bräuchten psychologische Betreuung.

Mammutaufgabe Aussöhnung

In einer gemeinsamen Erklärung vom 11. Juli 2017 haben der französische und der deutsche Außenminister darauf hingewiesen, dass „die Niederlage von IS in Mossul (…) die einzigartige Möglichkeit (bietet), das Land wieder aufzubauen und auf eine nationale Aussöhnung hinzuwirken“. Nur wenn dies ansatzweise gelingt, kann das zentrale Ziel deutscher und europäischer Politik in der Region, den Irak langfristig zu stabilisieren, realisiert werden. Mit Blick auf den langfristigen Kampf gegen den islamistischen Terrorismus und die Behebung von Fluchtursachen ist dies ein entscheidender Faktor. Die Bundesregierung, die schon heute einer der größten Geber im Irak ist, hat für dieses Jahr weitere 100 Millionen Euro an Soforthilfe für Mossul zur Verfügung gestellt.

Während der technische Wiederaufbau „lediglich“ einer finanziellen Anstrengung und Managementleistung bedarf, kommt mit Blick auf die Aussöhnung zwischen religiösen und ethnischen Gruppen, die Rehabilitation und De-Radikalisierung von aktiven Unterstützern und Sympathisanten des IS sowie die Re-Integration von Binnenflüchtlingen eine Mammutaufgabe auf die internationale Gemeinschaft zu. Bei der Bearbeitung dieser Themenfelder wird auch die Konrad-Adenauer-Stiftung einen Beitrag leisten. Ein Schwerpunkt des Auslandsbüros Syrien/Irak liegt 2018 darin, die Bemühungen der Bundesregierung politisch zu flankieren und gemeinsam mit etablierten Partnern wie der WEO und der IID auf eine friedliche Zukunft Mossuls hinzuwirken.


Nils Wörmer, geboren 1978 in Duisburg, Leiter des KAS-Auslandsbüros Syrien/Irak mit Sitz in Beirut (Libanon).

Lucas Lamberty, geboren 1989 in Aachen, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im KAS-Auslandsbüro Syrien/Irak mit Sitz in Beirut (Libanon).

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