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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Die Politische Meinung

Nadia Murad: Ich bin eure Stimme. Das Mädchen, das dem Islamischen Staat entkam und gegen Gewalt und Versklavung kämpft, Knaur Verlag, München 2017, 376 Seiten, 19,99 Euro.

Jan Ilhan Kizilhan, Alexandra Cavelius: Die Psychologie des IS. Die Logik der Massenmörder, Europa Verlag, Berlin/München/Wien/Zürich 2016, 424 Seiten, 22,90 Euro.

Aktham Suliman: Krieg und Chaos in Nahost. Eine arabische Sicht, Nomen Verlag, Frankfurt am Main 2017, 232 Seiten, 17,90 Euro.


Der Autor übernimmt die ab Juni 2015 inzwischen von der Mehrheit der Eziden gebrauchte und von der üblichen Schreibweise „Jesiden“ abweichende Bezeichnung, vgl. http://www.ezw-berlin.de/html/3_171.php.


Bücher zum Aufstieg und zum Terror des mittlerweile zusammengeschrumpften „Islamischen Staates“ (IS) gibt es inzwischen mehr als genug. Für den interessierten Leser wird es deshalb immer schwieriger, das für ihn passende Buch zu finden. Doch nun haben drei Autoren, die alle in Deutschland leben, aber im Nahen Osten geboren wurden, bemerkenswerte Publikationen vorgelegt.

Dazu gehört Krieg und Chaos in Nahost des deutsch-syrischen Journalisten Aktham Suliman, der jahrelang das Deutschlandbüro des arabischen Nachrichtensenders Al-Jazeera leitete und der zu den renommiertesten Nahostkennern zählt. Suliman nimmt den Konflikt in und um Syrien und den Irak seit der Befreiung Kuwaits im Zweiten Golfkrieg 1990/91 unter die Lupe. Ganz bewusst wählt er nicht die Perspektive des fernen, abgehobenen Experten. Aktham Suliman beschreibt den Irrsinn von Krieg und Terror aus Sicht des mit leidenden und scharf beobachtenden Arabers, der als Student in die alte Bundesrepublik der 1980er-Jahre kam.

„Fata-Morgana-Demokratie“

Geschickt verknüpft Suliman in ironischem Ton verfasste Anekdoten und schreckliche Reportererlebnisse mit der großen Politik. Dabei wirft er Fragen auf, die bislang im deutschen Diskurs keine Rolle spielten – etwa das Phänomen des „Demokratisierungsflüchtlings“. Hinter dieser Wortschöpfung Sulimans verbergen sich Menschen, die die Bombardements der internationalen Allianz in Syrien und insbesondere im Irak während des Dritten Golfkrieges 2003 überlebten, sonst aber alles verloren hatten. Dieser Verlust, so Suliman, wäre für die Betroffenen vielleicht verschmerzbar gewesen, wenn auf die Bomben Wohlstand und Demokratie, so wie im Westen Deutschlands nach 1945, gefolgt wären. Im Irak sei stattdessen eine „Fata-Morgana-Demokratie“ errichtet worden. Ähnliches gelte für den „Arabischen Frühling“, der Leid, Tod und Vernichtung brachte, aber keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Rückblickend, so Suliman, handelte es sich um 25 verlorene Jahre für Millionen Menschen in einer zerrissenen Region. Übrig geblieben sei die trübselige und wenig hoffnungsvoll stimmende Tatsache, dass „wir Araber am Ende der Geschichte als Flüchtlinge zu Gast bei der Welt waren und immer noch sind“.

Eines dieser Flüchtlingsschicksale ist Nadia Murad. In ihrem Buch Ich bin eure Stimme will sie für die Tausende Mädchen und Frauen sprechen, die der IS verschleppte, verkaufte und vergewaltigte, die aber aus falscher Scham schweigen. Eine authentischere Stimme als Nadia Murad ist kaum vorstellbar! Als Zwanzigjährige wird sie vom IS verschleppt, kann jedoch fliehen. Viele ihrer Familienangehörigen überleben den Vormarsch der Terrormiliz hingegen nicht.

Dank eines Sonderkontingents des Landes Baden-Württemberg kann Murad nach Deutschland ausreisen. Seitdem hat sie eine Mission: aufklären, warnen, anklagen. Ohne Übertreibung kann die so zerbrechlich wirkende, aber unglaublich willensstarke Frau als die weltweit prominenteste und authentischste Stimme der IS-Opfer gelten. Nadia Murad sprach vor den Vereinten Nationen, vor dem Europarat und mit zahlreichen führenden Politikern; darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel. Im September 2016 wurde Nadia Murad zur „Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel“ der Vereinten Nationen ernannt. Amal Clooney, die ein Vorwort zu dem Buch beisteuert, ist Nadia Murads Rechtsanwältin. Nadia Murads Buch beschreibt nicht allein das Martyrium einer jungen Frau. Es erzählt die Geschichte einer religiösen Minderheit, der 2014 die völlige Auslöschung drohte: Nadia Murad wird 1993 im Nordirak als Tochter einer einfachen ezidischen Großfamilie im Dschabal Sindschar, westlich der einstigen Millionenmetropole Mossul, geboren. Die entlegene Region war jahrhundertelang ein Rückzugsort der kleinen religiösen Minderheit der Eziden1, die immer wieder Not und Verfolgung erdulden mussten. Als Nadia Murad auf die Welt kommt, regiert Saddam Hussein; der Zweite Golfkrieg 1990/91 hatte den Diktator geschwächt, aber er konnte sich an der Macht festklammern – auch in den kahlen, im Sommer glutheißen Höhenzügen des Dschabal Sindschar.

Zeitenwende zum Bösen

2003 wird Saddam Hussein gestürzt und eine internationale Koalition unter der Führung der USA übernimmt die Regierungsgewalt. Das Sterben geht dennoch weiter: Religiöse Minderheiten geraten immer stärker unter Druck. Wie der Journalist Aktham Suliman nimmt auch Nadia Murad wahr, wie sich in ihrer kleinen Welt in den Bergen des Sindschar eine Zeitenwende hin zum Bösen abzeichnet. 2003 sei das Schlüsseljahr für vieles, was dann folgte. Brutale, lokale Auseinandersetzungen hätten sich, so Murad, damals gesteigert und seien anschließend in einen umfassenden islamistischen Terrorismus übergegangen. In sunnitischen Dörfern habe man begonnen, islamistischen Extremisten Unterschlupf zu gewähren und Eziden als „Ungläubige“ abzuqualifizieren.

Im Sommer 2014 kommt es zur Katastrophe. Terrormilizen des IS überrennen weite Teile des Dschabal Sindschar. Für den IS sind die Eziden „Teufelsanbeter“ und haben kein Lebensrecht. Zigtausende Männer, Frauen und Kinder werden ermordet oder verschleppt. In mehreren Kapiteln beschreibt Nadia Murad ihre Leidenszeit und ihre Flucht. Meist sind es einfache, aber umso brutaler wirkende Sätze wie: „Jede Sekunde in der Gewalt des ‚Islamischen Staats‘ war Teil eines langsamen, schmerzvollen Todes – sowohl körperlich als auch seelisch“; oder: „Irgendwann gibt es nur noch die Vergewaltigungen und sonst nichts mehr. Es wird einfach zum normalen Tagesablauf.“ Diese Sätze wühlen den Leser auf und lassen die brutale Realität des IS für seine Opfer erahnen. Mit- oder gar Schuldgefühle bei ihren Peinigern hat die junge Frau nie erfahren: „Sie waren einfach überzeugt davon, im Recht zu sein und Gott auf ihrer Seite zu haben.“

Zu einem ähnlichen Urteil kommen der Psychologieprofessor und promovierte Orientalist Jan Kizilhan und die freie Journalistin Alexandra Cavelius in ihrem ebenso beeindruckenden wie erschreckenden Buch Die Psychologie des IS. Auch sie sehen hinter der IS-Gewalt eine Methode. Ziel der Miliz sei, die Opfer physisch oder psychisch zu vernichten. Dies gelte insbesondere für die Mädchen und Frauen. In den patriarchalen Gesellschaften des Nahen Ostens bedeutet eine Vergewaltigung noch immer den Verlust der Ehre des Opfers und der ganzen Familie.

Der seit 2010 an der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen lehrende Jan Kizilhan gehört zu den führenden Experten über den IS. Mit einem einzigartigen Projekt gelang es ihm, mehr als tausend traumatisierte ezidische Frauen und Kinder zur ärztlichen Behandlung nach Baden-Württemberg zu bringen. Wie Murad und Suliman stammt Kizilhan aus der Region: In den 1970er-Jahren kam er als Kind aus dem kurdischen Teil der Türkei, wo früher eine starke ezidische Minderheit lebte, nach Deutschland. Kizilhan verfügt somit sowohl über die wissenschaftliche Expertise als auch über die notwendigen Sprachkenntnisse, um mit seinen Patientinnen zu kommunizieren. Immer wieder besucht er die Zufluchtsorte der Eziden im kurdischen Nordirak. Für das Forschungsprojekt sprach er aber nicht nur mit den Opfern, sondern auch mit den Tätern. Seine Gesprächsprotokolle beschreiben ein Ausmaß an Grausamkeit, das „die Grenzen unseres Verstandes“ sprengt, wie der Autor selbst feststellt.

„Rückkonvertierung“ der Täter

Unter anderem dokumentierte Kizilhan in seinem Buch Teile des Gesprächs mit einem inhaftierten IS-Massenmörder in Kirkuk. Vor den Augen des Lesers entsteht das Bild eines Gewalttäters, der zeitweilig in Italien lebte, sich gewählt ausdrücken kann, keineswegs ungebildet erscheint und dennoch unfähig ist, für seine Mord- oder Vergewaltigungstaten irgendeine Art von Mitgefühl oder gar Schuld zu verspüren: Die ermordeten ezidischen Männer waren ihm „egal“; die Vergewaltigung der Mädchen bereitete ihm „Spaß“.

Kizilhan und Cavelius verstehen ihr Buch nicht allein als Dokumentation von Menschheitsverbrechen, sondern versuchen, Lösungswege aufzuzeigen: Die IS-Anhänger hätten in einer „sektenähnlichen Situation, in einer anderen Realität, die keinen Kontakt zur Wirklichkeit der Opfer hat“, gelebt. Jedes Argument gegen den IS sei als Propaganda zurückgewiesen worden. Nur durch eine „Rückkonvertierung“ der Täter sei es möglich, die von ihnen ausgehende Gefahr zumindest einzuschränken, selbst wenn dies für die Opfer unerträglich klingen mag. Ebenso notwendig wie die Schaffung von Sicherheitskonzepten sei daher die Beschäftigung mit dem Islam, da „der IS seine Verbrechen islamisch-religiös begründet“. All diese Maßnahmen würden Generationen beschäftigen; ohne Garantie auf Erfolg. Keine einfachen, aber ehrliche Thesen! Doch wer könnte nach den Menschheitsverbrechen, die der IS verübte und wohl auch leider in der Zukunft verüben wird, schnelle Lösungen anbieten?

Drei Bücher von vier höchst unterschiedlichen Autoren, die die Herausforderung des islamistischen Terrorismus unter den verschiedensten Blickwinkeln analysieren und dokumentieren: Jedes einzelne bringt dem Leser großen Erkenntnisgewinn, die Lektüre aller drei Bücher zusammen führt indes zu einem mehr als dreifachen Mehrwert.


Stefan Meining, geboren 1964 in München, Historiker, Redakteur des ARD-Politmagazins „Report München“ beim Bayerischen Rundfunk.

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