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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Die Politische Meinung

Jedes Mal, wenn ich um eine Prognose für Afrika gebeten werde, drängt sich mir im Stillen eine der Wahlmöglichkeiten für den Beziehungsstatus im Facebook auf: nicht „Single“ oder „vergeben“, sondern „Es ist kompliziert“. Wie kann es auch anders sein, wenn es um eine allgemeine Aussage über einen Kontinent geht, dessen 54 Nationen sich in manchen Dingen so radikal voneinander unterscheiden wie die Schweiz von der Türkei?

Das Problem besteht nicht nur darin, eine Formulierung zu finden, die nichtssagend genug ist für eine derartige Vielfalt. „Es ist kompliziert“ ist wohl deswegen die gescheiteste Antwort, weil man so oft in demselben Land und zu derselben Zeit von großen Fortschritten begeistert und ob der Anzeichen drohender Katastrophen bestürzt sein kann.

Nehmen wir Kenia, wo ich im August 2017 zum fünften Mal über die Wahlen berichtet habe. Ich habe in Nairobi tatsächlich einige Male die Orientierung verloren, weil zwischenzeitlich so viel Geld in – größtenteils von Chinesen gebaute – Umgehungsstraßen, Brücken, Einkaufszentren und Bürogebäude investiert wurde, in eine dringend benötigte und schon lange überfällige Infrastruktur. Die Verbreitung der Mobilfunktechnik und des mobilen Zahlungsverkehrs ist eine der großen Erfolgsgeschichten Afrikas, und so hatte ich denn auch bereits nach zwanzig Minuten eine neue SIM-Karte und einen Safaricom-Mobilfunkanschluss ergattert. Ich blieb meinem vertrauten Taxifahrer treu, musste aber mit Bedauern feststellen, dass meine Freunde mit Uber zu einem Bruchteil der Kosten in der ganzen Stadt herumfuhren. Alles gut, oder?

Dabei ist der Bau vieler neuer Gebäude so schäbig ausgeführt, dass sie bereits wieder auseinanderfallen. Die öffentlichen Ausschreibungen litten unter derart gierigen Abschöpfungen, dass Kenia noch jahrzehntelang für diese überteuerten Abzockgeschäfte wird bezahlen müssen. Die neuesten Malls, deren Bau im Wesentlichen einer korrupten Elite zur Geldwäsche dient, erscheinen geisterhaft und unbenutzt. Die zwei größten Supermarktketten des Landes stecken in einer Krise; ihre Regale erinnern an Ostberlin vor dem Mauerfall.

Außerdem waren die Wahlen selbst nicht gerade erfreulich. Der massenhafte Exodus ethnischer Gruppen, die sich in Nairobi und Kisumu im Feindesland fühlten, beweist, wie vergiftet die Beziehungen der mehr als vierzig kenianischen Stämme mittlerweile sind. Die Spannungen sind stärker denn je; einige Oppositionelle fordern bereits die Aufteilung des Landes in ethnische Zonen. Dass das Wahlergebnis durch den Obersten Gerichtshof aufgrund von „Unregelmäßigkeiten“ für ungültig erklärt wurde, mag als Zeichen einer unabhängigen Justiz – in Afrika eine Seltenheit – in der ganzen Welt auf Beifall gestoßen sein, macht aber eine Aussöhnung noch unwahrscheinlicher.

Löwen im Aufbruch?

Was mich aber am meisten beunruhigte, war die schreiende Ungleichheit. An Verkehrskreiseln, die von verglasten Hochhäusern überschattet werden, drückten sich zerlumpte Bettelbuben wütend gegen meine Autofenster, während ihre Mütter bittend die Hände ausstreckten. Kenias Bruttosozialprodukt wird in diesem Jahr um fünf bis sechs Prozent steigen, aber die Familien auf der Straße wissen, dass ihnen das nichts nützt.

Als die Unternehmensberater von McKinsey im Jahr 2010 in einem Bericht mit dem Titel „Lions on the Move“ den Slogan „Africa rising“ prägten, war ich nur eine der vielen Analystinnen und Analysten, die zynisch die Stirn runzelten. Veröffentlicht wurde der Bericht zu der Zeit, als aufgrund der Subprime-Hypothekenkrise in den USA und der Stagnation in der Europäischen Union das Geld der Anleger auf der Suche nach einer neuen Heimstätte um die ganze Welt wirbelte. Die Finanzklemme zeigte uns, dass Investitionen ebenso anfällig für Moden sind wie jeder andere Sektor auch. Es schien, als sei „Africa rising“ lediglich ein weiterer Fall von kollektivem Wunschdenken.

Aber der Slogan hielt sich, gestützt von Wachstumsraten, die den industrialisierten Norden in den Schatten stellten, von Chinas rasch wachsendem Rohstoffhunger, von dem hohen Anteil von Jugendlichen an der Bevölkerung – Arbeitskräfte für den alternden Norden – und von dem Eindruck, good governance sei endlich so weit fortgeschritten, dass die afrikanischen Volkswirtschaften jetzt abheben könnten, wenngleich auch gelegentlich von einer schockierend niedrigen Ausgangsbasis.

„Afro-Pessimismus“

Vielleicht beruht die Wirkung der Darstellung darauf, dass sie die Grundregeln der Ökonomie betont und Fragen, die mit Menschenrechten und politischer Vertretung zusammenhängen, ausklammert. Dies passt auch zu den Ansichten der Entwicklungsindustrie, die ganz im Stillen zu dem Schluss gelangt war, die Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen ließen sich besser mit autoritären Regimen wie von Meles Zenawi in Äthiopien, Paul Kagame in Ruanda oder Yoweri Museveni in Uganda erreichen als mit zerstrittenen Mehrparteien-Demokratien.

Aufgrund des erneuten Ölschocks und der Flaute in China wird das Mantra vom „Africa rising“ jetzt nuancierter betrachtet oder infrage gestellt, jedoch sind die Kriterien immer noch rein ökonomischer Natur. All das, was mir in Kenia die größten Sorgen bereitete – wachsende soziale Spannungen, die Polarisierung der Politik, die Manipulation demokratischer Prozesse durch Eliten, die sich als geborene Herrscher fühlen –, wird weiterhin vorsätzlich außer Acht gelassen. Das Leitwort dieser Kriterien stammt von Bill Clinton: „It’s the economy, stupid!“ Hat man das einmal begriffen – so die Annahme – kommt alles andere automatisch. Dem kann ich nicht zustimmen. Diejenigen, die sich über den „Afro-Pessimismus“ empören, den Kommentatoren wie ich ihrer Ansicht nach vertreten, sollten sich vielleicht gelegentlich ein paar einfache Fragen stellen: Würde ich persönlich dort leben wollen? Würde ich dort mein eigenes Geld – nicht das meiner Investoren – anlegen?

Wenn der Fall der Berliner Mauer das Ende für Mengistu Haile Mariam, Mobutu Sese Seko und ihresgleichen bedeutete, die von den einst mit ihnen verbündeten Supermächten alleingelassen wurden, so führte die Zerstörung der Twin Towers am 11. September 2001 dazu, dass sich das Interesse des Westens nicht mehr auf good governance, sondern auf Sicherheit und den Schutz vor dem Schreckensbild des radikalen Islam konzentrierte. Die afrikanischen Führer, oftmals frühere Rebellen mit einem Gespür für militärischen Pragmatismus, sind sich dessen bewusst und schlagen daraus Kapital.

„Fleischfresser auf Beutezug“

John Githongo, der kenianische Kämpfer gegen Korruption, bezeichnet das letzte Jahrzehnt als eine „demokratische Rezession“. Ich sehe es als „die Rückkehr der Sekurokraten“; weniger „Löwen im Aufbruch“, eher „Fleischfresser auf Beutezug“. Die Hardliner-Regime kopieren sich ganz offensichtlich gegenseitig: In einem afrikanischen Land nach dem anderen wird die Verfassung so geändert, dass der jeweilige Präsident endlos weiter regieren kann. Alternde Führer richten Quasi-Dynastien ein und bereiten Kinder oder Ehepartner auf die Machtübernahme vor. Die Einführung einer kostspieligen digitalen Wahltechnik, die der industrialisierte Norden größtenteils für überflüssig hält, hat nur wenig dazu beigetragen, das Vertrauen der Öffentlichkeit in Wahlen zu stärken, die routinemäßig manipuliert oder, wie in der Demokratischen Republik Kongo oder in Eritrea, gar nicht erst abgehalten werden.

Rechnet man die Zeit zusammen, die Idriss Déby, Paul Biya, Yoweri Museveni, Paul Kagame, Robert Mugabe und Isaias Afewerki als Herrscher von Tschad, Kamerun, Uganda, Ruanda, Simbabwe und Eritrea verbracht haben, dann kommt man auf ernüchternde 172 Jahre. Kein Wunder also, dass der zehn Jahre alte Ibrahim Prize for Achievement in African Leadership – der „Preis für vorbildliche ehemalige Staatschefs in Afrika“ – erst viermal verliehen werden konnte.

Die einstmals so rührige Zivilgesellschaft wird gewaltsam gefügig gemacht. Die Einführung gesetzlicher Vorschriften gegen die aus dem Ausland finanzierten Nichtregierungsorganisationen in Eritrea wird in Kenia, Uganda, Ägypten und anderswo nachgeäfft. Jedes Jahr veröffentlicht die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ einen Überblick über Fälle, in denen Journalisten bei der Erfüllung ihrer Pflichten schikaniert, verhaftet oder getötet wurden. Diese Berichte wirken genauso ernüchternd wie die Lagebilder von Freedom House. Und wenn Sie außerhalb von Südafrika als Schwuler oder Bisexueller auf die Welt kommen, dann helfe Ihnen Gott.

Die Verwirklichung einiger Millenniumsziele – fließendes Wasser auf dem Land, Dorfkliniken mit Medikamenten in den Regalen – zeigt einen gewissen Trickle-down-Effekt, aber bessere Kommunikation bedeutet auch, dass sich die Afrikaner nur allzu bewusst sind, dass eine korrupte Elite den weitaus größten Teil des Kuchens für sich selbst beansprucht. Und wie mir ein mittlerweile nach Dubai ausgewanderter Freund sagte: „Mir fällt kein einziges afrikanisches Land ein, in dem ich mich sicher fühle, wenn ich einen Polizisten oder einen Uniformierten sehe.“

Reif für einen afrikanischen Frühling

Natürlich hat es hier und da Lichtblicke gegeben. Wer freute sich nicht, als die Regierungen der Nachbarländer von Gambia dem größenwahnsinnigen Yahya Jammeh im Januar 2017 heimleuchteten oder als die Wähler in Ghana und Nigeria 2016 und 2015 einen friedlichen Regimewechsel zustande brachten – gegen alle Erwartungen? Feiern war auch angesagt, als ein Volksaufstand Präsident Blaise Compaoré 2014 zwang, aus Burkina Faso zu fliehen. Jedoch stecken nur allzu viele der afrikanischen Länder, die ich am besten kenne, entweder in einer Art existenziellem Klebstoff fest, oder sie stolpern rückwärts. Besonders niederschmetternd ist es, wenn man sieht, wie weit die zwei jüngsten Nationalstaaten des Kontinents, Eritrea und Südsudan, ihresgleichen hinter sich lassen, wenn es um Repression und Menschenrechtsverletzungen im Innern geht und Hunderttausende gezwungen sind, über die Grenzen zu flüchten.

Zusammen mit der Nabelschau der früheren Kolonialmächte bedeutet die Wahl eines isolationistischen Präsidenten in den USA, dass die neuen Sekurokraten in Afrika auch weiterhin auf die Gleichgültigkeit des industrialisierten Nordens zählen können. Und jede Hoffnung, Südafrika könne sich nach der Apartheid zu einem moralischen und politischen Schwergewicht entwickeln, wurde durch die korrupte, rezessionsgeplagte Präsidentschaft von Jacob Zuma zunichte gemacht. Der Jugendüberschuss, oft von Investoren als Grund für Optimismus angeführt, wird noch zur größten Herausforderung werden. Ungeduldige, arbeitslose und ehrgeizige Jugendliche, in den Armenvierteln der Städte durch die Urbanisierung zusammengewürfelt, waren die Triebfeder des Arabischen Frühlings, dessen Nachwehen der Nahe Osten immer noch verarbeitet. Afrika ist reif für seinen eigenen Frühling.

Wenn man diese Bedenken nicht anspricht, macht man sich meiner Ansicht nach eines Rassismus schuldig, der auf geringen Erwartungen beruht. Ein herablassendes „Nicht schlecht für afrikanische Verhältnisse“ bringt den Bewohnern des Kontinents keinen Vorteil. Fühle ich mich also zuversichtlich oder besorgt? Wie ich schon sagte: Es ist kompliziert.

Übersetzung aus dem Englischen: Wilfried Becker, Germersheim.


Literatur der Autorin über Afrika:

Auf den Spuren von Mr. Kurtz: Mobutus Aufstieg und Kongos Fall, edition TIAMAT, Berlin 2002, 336 Seiten, 21,95 Euro.

I Didn’t Do It For You. How the World Betrayed a Small African Nation, HarperCollins Publishers 2005, 464 Seiten, 12,99 Euro.

Jetzt sind wir dran: Korruption in Kenia. Die Geschichte des John Githongo, edition TIAMAT, Berlin 2010, 424 Seiten, 22,00 Euro.

Borderlines, Fourth Estate, London 2015, 352 Seiten, 18,49 Euro.


Michela Wrong, geboren 1961 in London, Journalistin und Schriftstellerin, verbrachte sechs Jahre als Auslandskorrespondentin von Reuters, der BBC und der „Financial Times“ auf dem afrikanischen Kontinent.

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