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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Die Politische Meinung

Im sechsten Pariser Arrondissement trafen sich Anfang der 1980er-Jahre der Liedermacher Wolf Biermann und der Schriftsteller Manès Sperber. „Warum nennen Sie sich eigentlich immer noch einen Kommunisten?“, fragte der kommunistische Renegat den zuvor ausgebürgerten DDR-Dissidenten: „Es kann keinen guten, keinen richtigen Kommunismus geben.“

Sperber, bekannt geworden durch seine Trilogie Wie eine Träne im Ozean, erinnerte an seinen Lebensweg, der ihn aus dem jüdischen Schtetl in die Utopie des Kommunismus geführt hatte. Nach dem Bruch mit diesem „Kinderglauben“ bekam er es in Paris mit zwei verbündeten Todfeinden zu tun – als Jude mit der nationalsozialistischen Gestapo und als Ex-Kommunist mit Stalins Mördern im französischen Apparat der Komintern. „Von diesem Alten ließ ich es mir gesagt sein“, schreibt Biermann in seiner anrührenden Autobiographie Warte nicht auf bessre Zeiten! (Berlin 2016) „Ich glaubte ihm das, was mein Kopf im Grunde längst wusste, aber mein Herz nicht hatte wahrhaben wollen.“ Und warum nicht? Aus einer Art „Kinderliebe“ zu seinem „ewig jungen“ Vater, der als Jude und Kommunist im KZ ermordet worden war.

Kommunismus-Forscher Gerd Koenen, selbst früher einer studentisch-maoistischen K-Sekte angehörend, sucht in seinem neuen Werk Die Farbe Rot nach Gründen für den „Kinderglauben“ (Sperber) an eine Ideologie, deren versuchte Umsetzung – nach Schätzungen in Stéphane Courtois’ Schwarzbuch (Stéphane Courtois et al.: Das Schwarzbuch des Kommunismus, München 1998). – hundert Millionen Menschen das Leben kostete, darunter 65 Millionen Opfer in China und zwanzig Millionen in der Sowjetunion: „Nie hat es eine Bewegung gegeben, die sich in solch ultimativer Weise dem ‚Höchsten der Menschheit‘ geweiht und gerade deshalb in so flagranter Weise der Maxime gehuldigt hat, dass ihr ‚alles erlaubt‘ sei.“ (Gerd Koenen: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus, München 2017)

Auch wenn der Kommunismus am Ende desaströs scheiterte, möchten ihm manche linken Vordenker noch heute eine positive historische Rolle zuschreiben. Ihre Enttäuschung nach dem Epochenbruch 1989/90 wurde oft mit der These verarbeitet, der Kapitalismus sei nur sozial aufgestellt und leistungsfähig im unmittelbaren Wettstreit mit einer kommunistischen Weltmacht gewesen. Als Gegenmodell zum Kapitalismus habe er gleichsam zu dessen Zivilisierung beigetragen.

Doch diese Legitimationsthese ist wenig stichhaltig. So hat Sandrine Kott, Professorin für Moderne Europäische Geschichte an der Universität Genf, die Annahme widerlegt, seit der Oktoberrevolution hätten die bürgerlichen Klassen in Europa und auf dem amerikanischen Kontinent permanent fürchten müssen, ihre Länder an den Kommunismus zu verlieren, wenn sie der Arbeiterschaft nicht durch soziale Reformen entgegenkämen. Kott lokalisiert die Ursprünge der westlichen Wohlfahrtsstaaten anderenorts: „Ich glaube nicht, dass der Sozialstaat primär eine Antwort auf die Revolution ist. Die Basis vom Sozialstaat wurde im Krieg in Abwehr von Nazi-Deutschland erfunden.“ (Sandrine Kott im Interview mit Andreas Beckmann: Was bleibt vom Kommunismus? Abschied von einer Illusion, in: Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, Deutschlandfunk, 24.08.2017). Eine These, wie sie der Historiker Götz Aly nicht müde wird, mit Beispielen zu belegen (Götz Aly: Hitlers Volksstaat, Frankfurt am Main 2005). Wer behaupte, Hitler habe seine Macht lediglich mit SA, SS und Konzentrationslagern gefestigt, verbreite die halbe Wahrheit – so Aly: „Zustimmung und Massenloyalität gewann er mit sozialpolitischen Maßnahmen, die auch heute noch funktionieren.“ (Götz Aly: „Spanien zum Nachdenken“, Kolumne, in: Berliner Zeitung, 20.11.2012)

„Nicht alles war schlecht“?

Selbst Kritiker eines noch so krisengeschüttelten Kapitalismus in globalisierten Zeiten verspüren keine Sehnsucht nach dem ökonomisch gescheiterten Modell des Realsozialismus. Auf der Habenseite der wohlwollenden Bilanzierer, für die „nicht alles schlecht“ war, wird demgegenüber gern das Loblied auf die Bewegung der „Blockfreien“ in den Gremien der Vereinten Nationen angestimmt. Überdies wird – wie von der Berliner Historikerin Annette Leo – mit Blick auf die DDR gerade die Förderung sozialer Frauenrechte hervorgehoben, zum Beispiel die Einrichtung von Tages- und Wochenkrippen sowie das „liberalere“ Abtreibungsrecht, um das die Feministinnen im Westen viel länger hätten kämpfen müssen. Berufstätigkeit und Mutterschaft seien in sozialistischen Ländern wie der DDR aufgrund der Sozialgesetzgebung viel einfacher zu vereinbaren gewesen als im Westen (Annette Leo im Interview mit Andreas Beckmann, Was bleibt vom Kommunismus? Abschied von einer Illusion, in: Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, Deutschlandfunk, 24.08.2017).

Weltökonomisch betrachtet, lieferte sich die Sowjetunion in den 1950erund 1960er-Jahren mit dem Westen eine technologische Aufholjagd auf den Gebieten der atomaren Rüstung und der Raumfahrt („Sputnik-Schock“, 1957). Chruschtschows und Ulbrichts Losungen aber, den westlichen Konsumkapitalismus „zu überholen ohne einzuholen“, ernteten alsbald nur Hohn und Spott. Zumindest für die nachholende Entwicklung zurückgebliebener Volkswirtschaften sei die planwirtschaftliche „gewaltsame Modernisierung“ der Sowjetunion unter Stalin ein „Vorbild“ gewesen, fasst Ralph Bollmann die ökonomische Bilanz des Sowjetkommunismus zusammen: „Das erklärt die relativen Erfolge, die kommunistische Bewegungen nach der Entkolonialisierung in einigen Ländern der ‚Dritten Welt‘ erlebten.“ (Ralph Bollmann: „Good bye Lenin“, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.10.2017) Am Ende der kommunistischen Zwangsherrschaft jedoch konnte auch Gorbatschows Perestroika („Umbau“, 1986) das Ruder nicht mehr herumreißen. Lenins planwirtschaftliches Modell war, weltgeschichtlich betrachtet, krachend gescheitert.

Was übrig blieb

Es mag heute abwegig erscheinen, die Hoffnung auf eine gerechtere Welt oder die Zähmung des globalen Kapitalismus mit einer Renaissance des Kommunismus zu verbinden. Im Zenit seiner Machtstellung um 1980 gab es 22 Volksrepubliken auf der Welt. Übrig geblieben ist nur die seit Deng Xiaoping turbokapitalistisch aufgestellte Kommunistische Partei Chinas, deren Programm noch immer mit dem Satz beginnt: „Das Ziel ist der Kommunismus.“ Was viele freie Geister im Westen beunruhigt, ist, wie eine kommunistische Parteidiktatur mit einem staatlich gelenkten Kapitalismus zu einem – um welchen Preis auch immer! – funktionierenden Gesellschaftsmodell vereint werden konnte.

So scheint die naive Selbstüberschätzung des Westens nach 1989 zu weichen, für die stellvertretend Francis Fukuyamas Befund stand, dem zufolge mit dem Sieg des liberalen Kapitalismus im Wettstreit der Systeme auch ein „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama: Das Ende der Geschichte, Reinbek 1992) in Sichtweite kam. Weit gefehlt, denn der Kommunismus scheint noch lange nicht tot. Er existiert noch – und zwar mental in Denkformen (Paternalismus!) sowie ideologisch in neu formierten Frontstellungen gegen hybride Formen des Globalkapitalismus und die westliche Wertegemeinschaft (Occupy-Bewegung und Linkspopulismus).

Das kommunistische Denken gründe auf der Überzeugung, „dass der Staat, der fürsorgliche Staat, der patriarchalische Staat, der nationale Staat letztlich ja auch alles richten soll, die nicht nur die Kommunisten gehabt haben“, meint Gerd Koenen (Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus, München 2017). So hält er es für keinen Zufall, dass am Ende der Sowjetunion in praktisch allen Republiken, in die das Land auseinandergefallen sei, erst einmal die Führer – und in vielen Fällen bis heute die alten Parteichefs – präsent gewesen seien. Ebenso verdeutlichen die in der Ost-Ukraine 2014 gewaltsam durchgesetzten sogenannten Volksrepubliken – wie auch Putins siegergeschichtlicher Zugang zu Stalins Erbe –, dass in Russland die Diktatur als akzeptable Staatsform immer noch nicht ausgedient hat. Schließlich wertet Koenen auch die Renaissance einer nationalreligiösen Ideologie als eine „Übersetzung“ von altem kommunistischem Denken.

Die „Systemfrage“

Dass in Zeiten der globalen Finanzkrise wieder die „Systemfrage“ gestellt und von einer „Renaissance des Sozialismus“ die Rede ist, kann kaum überraschen. Weltweit demonstrierten nach dem Ausbruch der Lehman-Pleite und ihrer verheerenden Folgen vor allem jüngere Menschen in der Occupy-Bewegung gegen die Macht der Märkte. Joachim Gauck, der frühere Bürgerrechtler, zog damals die Wut der schwärmerischen deutschen Anhänger auf sich, als er den Protesten kalt den Stöpsel herauszuziehen versuchte: „Ich habe in einem Land gelebt, in dem die Banken besetzt waren.“ Der Traum von einer Welt, in der man sich der Bindung an Märkte entledigen könne, sei eine romantische Vorstellung. Zu glauben, dass die Entfremdung vorbei sei, wenn man das Kapital besiege, und dann alles schön sei, sei ein fataler Irrtum (Joachim Gauck in: Süddeutsche Zeitung, 20.02.2012).

Beeindrucken konnte der spätere Bundespräsident die neulinken Kapitalismuskritiker nicht. „Untergraben wir den Kapitalismus!“, lautet etwa die Kampfparole des US-Soziologen Eric Olin Wright, der an der „realen Utopie“ zimmert; „anstatt den Kapitalismus durch Reformen ‚von oben‘ zu zähmen oder mittels eines revolutionären Bruchs zu zerschlagen“, will er dessen Erosion durch emanzipatorische Alternativen „in den Räumen und Rissen innerhalb kapitalistischer Wirtschaften“ vorantreiben (Eric Olin Wright: „Untergraben wir den Kapitalismus!“, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 10/17). Gedacht ist an eine Kombination aus einem bedingungslosen Grundeinkommen mit neuen Technologien, die auch nicht-kapitalistische Produktionsformen begünstigen und einen „wohlwollenden lokalen Staat“ vorsehen. Ebenso sei eingeräumt, dass heute, „nach dem Ende der Systemkonkurrenz und unter dem Eindruck der multiplen Krise des globalisierten Kapitalismus nicht nur Marxisten über das mögliche Ende der kapitalistischen Produktionsweise nachdenken“ (Erik Olin Wright: „Untergraben wir den Kapitalismus!“, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 10/17). Im Übrigen geht von den Postkommunisten – wie der deutschen Partei Die Linke – selbst in Zeiten schwerer Krisen des Kapitalismus keine zündende Idee oder Vision zum Aufbruch aus. Geblieben sind nur festgefahrene Ausstiegsszenarien sowie Schadenfreude über die Desorientierung im Westen und Putins neue Gegenmacht.

Reformkommunistische Illusionen

Ebenso geblieben ist vom Kommunismus die von Manès Sperber als so abwegig empfundene reformkommunistische Illusion, eine von Grund auf gute Idee sei nur nicht richtig umgesetzt worden. Leider haben gerade Sozialdemokraten – ungeachtet ihrer freiheitlichen Tradition – selbst nach dem Fall des Kommunismus munter an dieser Illusion partizipiert. 2008 zum Beispiel, im vierzigsten Gedenkjahr des „Prager Frühlings“, meldeten sich Günter Grass, Wolfgang Thierse, Claudia Roth und andere in die Jahre gekommene AltJuso-Vordere zu Wort, um den Impuls für einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ wieder aufzunehmen: „Bei der jetzt beginnenden Suche nach dritten Wegen (…) können die Ideen, die Dubcek und die Seinen (…) entwickelten, (…) durchaus wieder von Interesse sein“ („Manifest zum 40. Jahrestag des ‚Prager Frühlings‘“, in: Frankfurter Rundschau, 21.08.2008).

Im Jahr darauf wurde den Machthabern in Kuba zum 50. Jahrestag ihrer Revolution in der Neuen Gesellschaft empfohlen, sich künftig am „chinesischen Erfolgsweg“ zu orientieren (Thomas Meyer: „Kuba, ach Kuba. 50 Jahre Revolution“, in: Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte, 3/2009). Kommunismusforscher Gerd Koenen warnt indes vor altlinker Nostalgie, Reform- und Renaissanceerwartungen: „Wer freilich nach der Morgenröte irgendeines neuen herrlichen ‚Sonnenaufgangs‘ Ausschau hält, begibt sich zum x-ten Male in das Gravitationsfeld jener (…) regressiven Utopien und Visionen, an denen der Sozialismus und Kommunismus des 19. Und 20. Jahrhunderts schon viel zu sehr gekrankt hat.“ (Gerd Koenen: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus, München 2017)


Norbert Seitz, geboren 1950 in Wiesbaden, freier Hörfunkautor beim Deutschlandfunk und Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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