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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Die Politische Meinung

Droht „die Unterwerfung“ unter den Islam? „Islam“ bedeutet für die meisten Muslime „Hingabe“. Für sogenannte Islamkritiker und für Salafisten bedeutet „Islam“ Unterwerfung; Europa soll vergewaltigt werden, Pegida ruft zur Rettung auf. Für die Schriftstellerin Bat Ye’or steht die Einführung des Kalifats kurz bevor. Immer mehr „Seher“ rufen, die die ersten Anzeichen dafür zu deuten meinen.

Wachsamkeit gegenüber antidemokratischer, auch religiöser und militärischer Expansion ist ohne Zweifel angebracht. Für die richtigen Bewertungen brauchen wir Analysen der Gegenwart, im Osten wie im Westen. Wer aber solche Szenarien schärft, möchte eine Herde in Bewegung setzen. Das geschieht über die Dramatisierung der Begriffe „Religion“ und „Islam“ und über eine gnadenlose Reduktion der Komplexität der Phänomene. Dabei zeigen die Gewaltereignisse des 20. Jahrhunderts, wohin die Beschwörung vermeintlicher sozialer Gesetze führen kann. Menschen, die große Angst hatten, suchten als Kollektiv nicht die Freiheit, weder die politische noch die Freiheit des Denkens.

Dass wir vielleicht vor der Tyrannei nie gefeit sein werden, dass uns Geschichte in dieser Hinsicht nichts lehren kann, weil sie sich nicht in den Szenarien wiederholt, die wir erwartet, bekämpft und für die wir Vorsorge getroffen hatten, darüber schrieb Michel Houellebecq in seinem ebenfalls mit Unterwerfung betitelten Science-Fiction-Roman. Was er mit böser Ironie karikiert, lesen andere als konkrete Vorhersage.

Das ist neu. Denn über Jahrzehnte war die Theorie von der unweigerlichen Überwindung der Religion durch die Vernunft westlicher Konsens. Nach 1992 formulierte Francis Fukuyama sogar die „Theorie vom Ende der Geschichte“ als dem unmittelbar bevorstehenden weltweiten Sieg von Liberalismus und Demokratie, säkularisiert selbstverständlich.

Man könnte an weitere Theorien erinnern, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts als irrig herausstellten, zum Beispiel an den Traum Ludwig Feuerbachs: „Der Atheismus aber ist liberal, freigebig, freisinnig; er gönnt jedem Wesen seinen Willen und sein Talent; er erfreut sich von Herzen an der Schönheit der Natur und an der Tugend des Menschen.“ Die unterdrückten Massen waren auch nicht freisinnig. Dass religiöse Menschen keine besseren Menschen sind, war schon im 17. Jahrhundert formuliert worden. Die diskriminierten Minderheiten sind es ebenfalls nicht.

Unterwerfungsalbträume

Man hätte das Scheitern solcher Theorien nutzen müssen, um in Ruhe nachzudenken. Das geschah nicht. Wir haben diese Chance verstreichen lassen, nur um neuen Propheten politische Meinungsführung zu gestatten. Statt Fukuyama wieder einmal Samuel Huntington, der den Kampf der Kulturen vorhersagt, statt Säkularisierungstheorie Unterwerfungsalbträume. Zu Vorboten der Unterwerfung werden ganz unterschiedliche Phänomene erklärt. Dass der islamistische Terror explizit nichts anderes im Sinn hat, versteht sich. Zu Vorboten der Unterwerfung wurde auch das empörende Urteil des Frankfurter Landgerichts zugunsten der Kuwait Airways, die einen Israeli nicht befördern wollte. Dazu gehörte das Verschwinden von Kreuzen auf den Käsepackungen bei Lidl. Dazu gehören auch die Forderungen strenggläubiger Gruppen, ihre Lebensweise hinzunehmen. Die Diktatur der sogenannten „intoleranten Minderheiten“ habe schon begonnen, weil sie die liberal-kapitalistischen Systeme zwangsläufig von innen aushöhlten und überformten, wie Nassim Taleb schreibt. Müssen wir also bald alle halal essen?

Die Wörter „intolerant“ und „tolerant“ sind die strategischen Waffen in dieser Polemik. Damit spielen „Seher“ mit unserer politischen Hilflosigkeit, unserem ins Wanken geratenen Wollen, der religiösen Toleranz. Toleranz, um dies in Erinnerung zu rufen, ist die Duldung einer als falsch bewerteten Religion (oder politischen Position). Toleranz wird überflüssig, wenn die andere Position bejaht oder wenn alle Positionen gleichgültig sind. In einer pluralen Gesellschaft wollen wir, dass unterschiedliche Stimmen und Lebensweisen einen Platz haben und dass Menschen einander darin in ihrer Verschiedenheit aushalten.

Toleranz, und diese Tatsache geht in den überhitzten Streitereien unter, ist kein Wert an sich. Sie soll vielmehr Werte schützen, zum Beispiel Freiheiten wie die Religionsfreiheit. Deshalb steht es gerade nicht infrage, dass eine demokratische Gesellschaft jedes Verhalten dulden muss, das sie für falsch hält. Sie muss nicht und sie tut es nicht. So formuliert sich die deutsche Gesellschaft nicht nur ein Strafrecht; sie zieht auch Grenzen des persönlichen Ausdrucks, wenn sie zum Beispiel die Leugnung des Holocaust mit guten Gründen verbietet. Jede demokratische Gesellschaft kann diese Grenzen anders setzen. Wir haben uns in Deutschland entschieden, keine allgemeine Freiheit zum Kauf von Waffen einzuräumen, sondern ziehen ein staatliches Gewaltmonopol vor. Unser Staat schränkt Menschen in einer Weise ein, die für die Mehrheit der US-Bürger unvorstellbar ist.

Aushandeln, was Religion ist

Gleichzeitig sind die Freiheiten für streng religiöse Lebensführung in den USA erheblich größer als in Europa. Parallelgesellschaften wie die radikalchristlichen Amish wollen wir hier nicht dulden. Schon die Einrichtung eines Gebetsraumes in einer Universität erschien in Frankreich als derart unerträglicher Angriff auf die laïcité, dass Universitätspedelle absichtlich Hunde in muslimischen Gebetsnischen defäkieren ließen. Im vorvergangenen Sommer wurden Frauen in Frankreich von Polizisten gezwungen, sich unter Tränen an öffentlichen Stränden weiter auszuziehen, als sie es wollten. Wir werden uns also gesellschaftlich verständigen müssen.

Müssen wir alle auf Schweinefleisch verzichten, um tolerante Deutsche zu sein? Dürfen wir einander frohe Ostern wünschen und einen gesegneten Ramadan, oder dürfen wir beides nicht sagen und müssen auf eine neutrale Formulierung ausweichen? Müssen wir verschleierte Frauen als Erzieherinnen akzeptieren? Wir müssen nichts davon! Unsere Freiheit gerät auch nicht in Gefahr, wenn wir uns damit auseinandersetzen. Aber sie gerät in Gefahr, wenn wir darüber in Panik geraten. Wir müssen aushandeln, was als Religion zu betrachten ist und für welche Verhaltensweisen Freiheiten gelten sollen, denn unser heutiges Verständnis von Religion gilt nicht überall.

Besser wäre es, wir wären dabei nicht so hilflos. Besser wäre es, wir wüssten mehr über die Geschichte und die Gegenwart von religiösen Praktiken.

Sicher ist, dass die Diskussion nicht allein von denen entschieden werden kann, denen Religionen gleichgültig sind. Sicher kommt es dabei zu Wertekonflikten. Ich verlange, dass die Gleichheit von Männern und Frauen ohne Abstriche gilt. Als Nichtkatholikin, Nichtjüdin und Nichtmuslima kann ich hinnehmen, dass Frauen keine Priester werden dürfen und es nur wenige Rabbinerinnen und Imaminnen gibt. Aber ich verurteile, dass die Berliner Imamin Seyran Ateş mit dem Tod bedroht wird. Die staatliche Preisgabe von Frauen auf dem Kölner Domplatz und die groteske Berichterstattung der ersten Tage danach zeigte, wie hilflos wir mit diesen Konflikten umgehen.

Herrschen, dulden, nichtdulden

Der heutige Toleranzdiskurs in Europa steht am Ende einer langen Geschichte. Er entstand aus der Erfahrung einer totalen Entfesselung in den europäischen Religionskriegen. An die Stelle von Verfolgung, Vertreibung und Krieg trat allmählich die politische Duldung. Das galt nicht für alle; unter anderem die Emanzipation der Juden ließ noch lange auf sich warten. Während die Politik der Toleranz heute als Fortschritt und europäische Errungenschaft gefeiert wird, darf nicht vergessen werden, dass sie in einem Raum entstand, in dem das alte Nebeneinander unterschiedlicher Religionen gerade nicht mehr geduldet worden war. Es war die europäische Neuzeit, nicht das Mittelalter, die die Ghettos hervorbrachte, die Marginalisierung und die Prekarisierung von religiösen Minderheiten.

Entgegen den Mittelaltermythen duldeten christliche und islamische Herrscher zwischen 700 und 1450 in aller Regel andere monotheistische Religionen. Was man auch immer in heutigen Debatten aus dem Koran oder der Bibel meint zitieren zu müssen: Sowohl unter christlicher als auch unter muslimischer Herrschaft war es im Mittelalter bei Strafe verboten, Muslime und Juden beziehungsweise Juden und Christen im eigenen Land anzugreifen. Leben und Besitz eines Angehörigen dieser unterlegenen Religionen hatten einen rechtlich geringer bemessenen Wert, aber es hatte einen. Ihr Schutz war mit Loyalität und Steuern abzugelten. Allein Abtrünnige der eigenen Religion, Häretiker und Apostaten, hatten ausdrücklich kein Existenzrecht. Um die Hegemonie der herrschenden Religion zu sichern, wurden die Geduldeten rechtlich und sozial untergeordnet. Das System war inhärent gewalthaltig, und Gewalt trat überall in Wellen auf.

Aber das Gefüge hatte so lange Bestand, wie es wirtschaftlich einträglich war und solange es kein Mittel gab, die religiöse Einheit mit Gewalt durchzusetzen. Am Ende dieser Epoche war es möglich, wurden die Juden aus Spanien oder den deutschen Städten vertrieben und die Kirchen Asiens zerstört. Der Neuzeit erwuchs ein religiöser Fanatismus bisher unbekannter zerstörerischer Kraft. Die europäische Antwort darauf war die Toleranzphilosophie.

Daneben entstanden neue pragmatische Formen für ein Zusammenleben unterschiedlicher religiöser Gruppen in den USA, in Europa und in Asien. Dazu gehörten eine rechtliche und soziale Diskriminierung oder das Ghetto. Sie schützten in veränderter Weise wie im Mittelalter die Hegemonie der herrschenden Weltanschauung.

Die naiven und panischen Aktionen bei uns haben viel damit zu tun, dass eine demokratische Gesellschaft eine solche Hegemonie doch wohl hinterfragen muss, will sie ihren Prinzipien treu sein. Doch wie können wir den Anspruch auf religiöse Hegemonie aufgeben und zugleich die freiheitlichen und demokratischen Prinzipien nicht zuletzt gegenüber neuen hegemonialen Ansprüchen schützen? Diese Herausforderung ist weltweit noch nicht gelöst, auch nicht von den Europäern. Die Freiheitsund Gleichheitspostulate der Französischen Revolution, die heute als stolzes Erbe gegenüber der befürchteten „Unterwerfung“ beschworen werden, wurden nicht einfach verwirklicht. Um alte Hegemonien zu schützen, ersannen Wissenschaftler und Philosophen vielmehr neue Ungleichheitsbegründungen, zum Beispiel Theorien von biologisch-rassischer Minderwertigkeit, vom physiologischen Schwachsinn des Weibes. Damit konnte effektiv die Einlösung des Gleichheitspostulats blockiert werden, zum Teil bis jetzt. Eine andere Strategie war im 19. Jahrhundert die These, dass Katholiken oder Juden ihrer religiösen Bindung halber überhaupt keine loyalen Staatsbürger sein könnten. Sie wird jetzt wieder aufgestellt, über Muslime.

Wirklichkeitstest der Religionsfreiheit

Eine Bedingung für die gleichberechtigte Teilhabe, also die rechtliche Emanzipation der Juden, war die Assimilation, die Unsichtbarkeit, die Aufgabe alltäglicher religiöser Praxis. Angesichts dieser Erfahrung, die auch eine Verlusterfahrung war, formulierte der jüdische Historiker Salo W. Baron in den USA 1928 die Hoffnung, dass nun die Zeit gekommen sei, in der demokratische Freiheitsrechte auch für eigensinnige Lebensformen religiöser und ethnischer Minderheiten Raum bieten könnten, in der Loyalität und Besonderheit sich nicht ausschließen müssten. Er schrieb dies angesichts der sich weltweit ausbreitenden Welle diktatorischer Regime.

Fast hundert Jahre später, nach dem Holocaust, angesichts furchtbaren Terrors und Flucht, können und müssen wir über diese Hoffnung erneut nachdenken. Das war bisher nicht nötig, denn in Deutschland gab es – nicht seit dem Mittelalter, sondern erst seit 1945 – keine größeren und sichtbaren religiösen Gruppen mehr, an denen wir unsere politische Läuterung hätten ausprobieren können. Menschen, die sich für Opfer halten (der Tyrannei der Kirche, des Weltjudentums, des Weltislams, des Weltkommunismus), können jedoch keinen klaren Gedanken fassen. Aber wir wollen.


Dorothea Weltecke, geboren 1967 in Arolsen, Historikerin, Professorin für Mittelalterliche Geschichte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

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