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Neuerscheinungen von Literaturpreisträgern der KAS zur Leipziger Buchmesse 2018

Von Michael Braun9. März 2018Kommentieren


Literaturfestivals sind die besten Aushängeschilder des Literaturbetriebs. Kaum ein Ort in Deutschland, an dem nicht Lange Nächte der Poesie, Literarische Herbste, Open Mikes, Lesungsreigen, Poetry Slams und Autorenwettbewerbe stattfinden. Zwischen LitCologne und Leipziger Buchmesse ist ein guter Zeitpunkt, um die Neuerscheinungen der Literaturpreisträger der Konrad-Adenauer-Stiftung zu mustern aber auch andere Bücher verdienen Aufmerksamkeit.

Buchmesse Leipzig
Die Leipziger Buchmesse findet vom 15. bis 18. März statt. (Bild: Leipziger Buchmesse)

Genau 25 waren es übrigens im Jahr 2017, aus welchem Anlass ein Jahreskalender mit Fotografien und Texten erschienen ist. Der 26. Preisträger der Stiftung ist Mathias Énard, der mit seinem letzten, übrigens auch in Leipzig ausgezeichneten Roman Europas „Kompass“ nach Osten zeigen lässt.

Melancholie der Dinge: Adam Zagajewskis neue Gedichte

Adam Zagajewski (Preisträger der KAS 2002) ist ein urbaner Flaneur. Lange Zeit unter Publikationsverbot in Polen, als Bürgerrechtler ins Exil genötigt, lebte der in Lemberg geborene Dichter seit den 1980er Jahren in Westberlin, Paris und Houston. 2002 kehrte er nach Polen zurück. Krakau widmete er eines seiner schönsten Gedichte: „Kleines Selbstporträt (Juni)“, ein re-enactment über das Glück des Wiederfindens, das aber doch nur geliehen und vergänglich ist. Daran schließen die neuen Gedichte in dem Band „Asymmetrie“ an. Der Titel ist Programm. Es geht um Kindheitserinnerungen, die Eltern, die Kunst, vertraute Orte, aber an die Stelle von Trauer oder Zorn (was eine Sache für Elegie oder Satire ist) setzt Zagajewski die leise Melancholie der Dinge, die zu reden beginnen, wo die Menschen schweigen. Lyrische Denkzettel mit Intensität und Emphase: „Jedes Gedicht, selbst das kürzeste, / kann sich in ein erblühendes Poem verwandeln, / denn überall verbergen sich unermessliche / Vorräte an Herrlichkeit und Grausamkeit und warten / geduldig auf unseren Blick, der sie befreien kann“ (aus dem Polnischen von Renate Schmidgall).

Erinnerung an die Stimmen des Krieges: Arno Geigers neuer Roman

Arno Geiger (Literaturpreis 2011) hat mit seinem Vaterdemenz-Buch „Der alte König in seinem Exil“ dem Thema Literatur und Verantwortung eine neue Dimension gegeben: Man kann von der Familienbande (in des Wortes doppelter Bedeutung) ebenso ethisch wie ästhetisch erzählen. Der jüngste Roman „Unter der Drachenwand“ ist ein Experiment am Ursprung der Nachkriegsliteratur: Wie kann man die Stimmungslage der letzten Weltkriegsjahre aus der Sicht eines unfreiwilligen Heimkehrers darstellen? Arno Geiger wirft seinen Helden, den 24jährigen Kriegsveteranen Veit Kolbe, in die Mondseelandschaft im Salzburgischen, mit einsamen reichsdeutschen Frauen, kinderlandverschickten Schulklassen, blutjungen Rekruten und einem von der Deportation bedrohten jüdischen Zahntechniker in Wien. Die Handlung wird in teils fingierten, teils auf dokumentarische Zeitzeugnisse zurückgehenden Tagebuchnotaten wiedergegeben. Es ist ein Bericht über Traumata und Tabus, Panikattacken und Glücksbegehren, verwundete Seelen, versehrte Körper und die vermeintlichen safe places der Heimatfront. Alles gehalten in einem Stifter-Stil, der ebenso weit entfernt ist von dem Kasinoton Jüngers wie von der Kahlschlagprosa der historischen Nachkriegsliteratur Bölls und Borcherts.

Politik im Roman: Norbert Gstrein erzählt von aktuellen Weltnöten

Die Romane von Norbert Gstrein (Preis 2001) haben einen politischen Sitz im Leben. „Die kommenden Jahre“ beginnen im Frühjahr 2017 in den USA. Es ist die Ära ante Trump. In Deutschland gibt es das Flüchtlingsdrama. Der Held des Romans ist ein Glaziologe. Also auch noch das Problem des Klimawandels. Diese Weltbrennpunkte dienen aber weder als Kulisse noch als Kritik. Die Ehe- und Berufsprobleme des Gletscherforschers sind aufs engste verflochten mit dem dubiosen Schicksal einer syrischen Flüchtlingsfamilie, denen er Obdach in seinem Sommerhaus nahe Hamburg gewährt hat. Gerüchte, Geheimnisse, Bedrohungssituationen sorgen für den spannenden Fortgang der Handlung. Und für einen doppelten Ausgang: das „dreizehnte Kapitel“ gibt es gleich zweimal, in einer eher tragischen Variante und mit einer Glückswende. Überdies: ein Roman über die Doppelmoral der Flüchtlingshelfer, die sich gerne beim Helfen zusehen lassen.

Von der Würde der Verfolgten: Martin Mosebachs Reisebuch über die 21 ermordeten koptischen Christen

Im Frühjahr 2017 reiste Martin Mosebach (Literaturpreis der KAS 2013) nach Ägypten, mit einer religiösen Mission. Er besuchte in dem oberägyptischen Dorf El-Or die Familien der 21 koptischen Männer, die zwei Jahre zuvor von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) an einem libyschen Strand ermordet worden waren. Ausgangspunkt ist ein im Jahr 2015 vom IS veröffentlichtes Video, das die Enthauptung dieser entführten christlichen Kopten zeigte. Mosebach geht es aber in erster Linie nicht um die Auseinandersetzung mit dem Terror, sondern um das Andenken an die Kopten, deren Anzahl inoffizielle Beobachter sogar auf 20 Prozent der ägyptischen Bevölkerung schätzen. Als demütiger Reporter, als teilnehmender Beobachter und als religiös empfindlicher Aufklärer rekonstruiert Mosebach das kurze Leben der jungen Männer, ihre Religiosität, Liturgie und Rituale ihres Glaubens, ihre Arbeit. In den hinterbliebenen Familien findet er kaum Trauer und Zorn vor, auch keine Verzweiflung, wohl aber Hochachtung vor der Stärke des Glaubenszeugnisses der Männer, die Martyrer im ursprünglichen Sinn des Christentums genannt werden können. Ein Gedenkbuch an moderne Martyrer, eine Reise ins Frühchristentum, ein politischer Denkzettel, der abseits der islamistischen Okkupation des ‚Märtyrers“ die Aufmerksamkeit auf die christliche Bedeutung des Märtyrertums lenkt.

An der Universität: Andreas Maier setzt sein Heimaterinnerungsepos fort

Mit dem sechsten Roman (elf sind geplant) seines hessischen Heimatepos, „Die Universität“, ist Andreas Maier in Frankfurt angekommen. Der Roman führt in die Studentenwelt der späten 1980er Jahre, es geht um Lernen, Lesen und Liebe, aber das ist es nicht, was die Faszination des Maiertons ausmacht. Der Autor, der mit einem Stipendium der Adenauer-Stiftung über Thomas Bernhard promoviert hat, verwandelt den grimmigen Humor des großen Meisters in Erzählkomik, inszenierte Verwirrung und szenische Grotesken. Etwa in dem Pflegedienst-Kapitel. Der inzwischen 22-jährige Student braucht Geld und verdingt sich als Altenpfleger. Seine Patientin ist eine rabiate alte Dame im Kettenhofweg, von der es heißt, dass sie „in gleichförmiger Regelmäßigkeit ihr Personal verschleiße“. Die Dame ist Gretel Adorno, die Witwe des 1969 verstorbenen Frankfurter Philosophen Theodor W. Adorno. Sie hütet die Belegexemplare der Werke ihres Mannes, verschanzt sich hinter der F.A.Z. und beschimpft ihre Pfleger als „Hornochsen“. Nebenbei bemerkt: Maiers Roman hat damit teil an einer literarischen Adorno-Renaissance. Gisela von Wysocki hat einen Adorno-Roman geschrieben, „Wiesengrund“ (2016), Marcel Beyer hat in seinem Essay „Das blindgeweinte Jahrhundert“ (2017) das berüchtigte Busen-Attentat auf Adorno vom 22. April 1969 rekonstruiert.

Für mutige Leser: eine Archäologie des digitalen Zeitalters

Ungewöhnlich ist so ziemlich alles an diesem Buch, das sich „Poem“ nennt, als Inhaltsverzeichnis ein Diagramm mit rätselhaften Abkürzungen enthält und mit Wikipedia-Kopien hantiert. Ein Verwirrspiel mit „dunklen Zahlen“ und Buchstabenkürzeln, das uns der 1977 geborene Autor Matthias Senkel da auftischt. Es geht um eine Art Roulettespiel durch die Sowjetunion der 1980er Jahre. Dort treffen sich junge Programmierer zur Spartakiade. Die kubanische Nationalmannschaft verschwindet. Trainer, Spartakiden, Militärs und Spione, Dolmetscher und Politiker beschäftigen sich mit Lochkarten und Röhrenspeichern, Elektronenröhrenrechnern, Superskalarcomputern und anderen Informationstechnologien, die, anders als die Abhörsysteme des KGB, selten tun, was sie tun sollen, nämlich funktionieren. Was aber reibungslos schnurrt, ist der Schaltkreisverkehr der vielen kleinen Erzählungen, die von des Autors höchsteigener „Literaturmaschine“ produziert werden. Eine Perle darunter ist die Episode „Dichtung und Wahrheit“, in der der bis heute ungeklärte Duell-Tod des russischen Nationaldichters Puschkin noch einmal ganz anders erzählt wird. Der Roman – denn um einen solchen handelt es sich zweifellos – ist eine russische Gespenstergeschichte aus der Frühzeit des Computers, eine Archäologie des digitalen Zeitalters, munter mäandernd erzählt, manchmal etwas übertrieben, aber ein echter neuer Ton in der Gegenwartsliteratur, jenseits von Realismus und Neoromantik. Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2018.

  • Arno Geiger: Unter der Drachenwand. Roman. München: Hanser, 2017.
  • Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre. Roman. München: Hanser, 2018.
  • Andreas Maier: Die Universität. Roman. Berlin: Suhrkamp, 2018.
  • Martin Mosebach: Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer. Reinbek: Rowohlt, 2018.
  • Adam Zagajewski: Asymmetrie. Gedichte. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. München: Hanser, 2017.
  • Matthias Senkel: Dunkle Zahlen. GLM-3. Berlin: Matthes&Seitz, 2018.

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