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In Gottes Namen?

Zur kulturellen und politischen Debatte um Religion und Gewalt


Sankt Augustin, 17. Aug. 2004
ISBN: 3-937731-20-2

 
 

Der Sammelband „In Gottes Namen? Zur kulturellen und politischen Debatte um Religion und Gewalt“ beleuchtet Religion und Gewalt aus interreligiöser und kulturell-literarischer Perspektive. Hrsg.:Birgit Lermen, Günther Rüther.

 

Seit den terroristischen Anschlägen vom 11. September 2001 hat das Verhältnis von Religion und Gewalt große Brisanz gewonnen. In diesem Spannungsfeld ist die Literatur als Seismograph besonders gefragt. Indem die Schriftsteller den religiösen Fundamentalismus analysieren und deuten, warnen sie vor Positionen, die unversöhnlich gegenüber anderen Sinngebungs- und Wertetraditionen sind.
Die Broschüre „In Gottes Namen? Zur kulturellen und politischen Debatte um Religion und Gewalt“ beleuchtet Religion und Gewalt aus interreligiöser und kulturell-literarischer Perspektive. Ein Aufsatz ist Filmen gewidmet, in denen Gewalt und religiöse Symbolik gleichermaßen eine Rolle spielen – zum Beispiel „The Matrix“ Pulp Fiction“ und „Natural Born Killers“. Der von Birgit Lermen und Günther Rüther herausgegebene Band enthält Beiträge von Theologen, Germanisten, Politikern und Schriftstellern.

Bezugspreis der Broschüre: 5 EUR.

Bezugsadresse:
Birgitt Scheja, Konrad-Adenauer-Stiftung, Rathausallee 12, 53757 Sankt Augustin
eMail


Inhalt:

Einführung
Birgit Lermen / Günther Rüther
7
Religion und Gewalt – und Politik?
Norbert Lammert
15
Zeichen der Verständigung: Eine Neugestaltung des Verhältnisses der Weltreligionen
Eugen Biser
21
In Gottes Namen? Gewalt und Gewaltüberwindung in der Auseinandersetzung mit dem kanonischen Text in den monotheistischen Religionen
Albert de Pury
35
Der Protestantismus und die Weltreligionen
Martin Hein
63
Fünf kurze Kapitel über Religion und Gewalt in der Weltliteratur der Gegenwart
Hans-Rüdiger Schwab
85
Religion und Gewalt im Film. Totalität und Transzendenz in Natural Born Killers, Pulp Fiction und The Matrix
Oliver Jahraus
115
Krieg im Glauben des Friedens. Wie die Gewalt in den Islam kam
Dennis Halft / Andreas Jacobs
153
Auswahlbibliografie 167
Autoren und Herausgeber 175

Leseproben:

Zeichen der Verständigung: Eine Neugestaltung des Verhältnisses der Weltreligionen
Eugen Biser

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Was können wir tun? Wir müssen – und das ist die erste Antwort – zunächst auf der Möglichkeit der Versöhnung der Konfessionen bestehen. Gerade die beiden Religionen, mit denen das Christentum in einem konfliktreichen Verhältnis steht, Judentum und Islam, haben eine wurzelhafte Gemeinsamkeit, ungeachtet all der Tragödien, die in der Geschichte aufgehäuft worden sind. Diese Gemeinsamkeit besteht in dem Wort „Frieden“ – „Schalom“. Es ist auch ein Bestandteil des Wortes Islam. Diese Abrahams-Religionen sind also von der Wurzel her Friedensreligionen. Nicht umsonst heißt es im Epheserbrief von Jesus Christus, dass er nicht nur den Frieden gebracht hat, sondern den Frieden in leibhaftiger Verkörperung darstellt. Er ist unser Friede (Eph 2,14).

Eine Verständigung zwischen den Weltreligionen ist möglich. Wie aber kann sie mit Blick auf die zeitgeschichtliche Situation realisiert werden? Dass wir im größten Augenblick der gesamten bisherigen Weltgeschichte leben, davon hat sich leider so gut wie kein Bewusstsein bei uns eingestellt. Was die Menschheit seit Jahrtausenden geträumt hat, ist in unseren Tagen Zug um Zug realisiert worden. Ich gebe einige Beweise dafür, dass wir in einer Zeit der realisierten Utopien leben. Das himmlische Feuer des Prometheus ist in den Kernreaktoren gebändigt worden. Der Traum von der Sternenreise wurde realisiert, als amerikanische Astronauten 1969 zum ersten Mal den Fuß auf die Oberfläche des Mondes setzten. Und ein Traum Goethes aus dem zweiten Teil seines Faust-Dramas, den man nur als Alptraum bezeichnen kann, ist ebenfalls im Begriff, realisiert zu werden. Es ist der Traum von einem technisch gefertigten Menschen, von einem Humunculus. Wenn ich mich nicht ganz täusche, wird in absehbarer Zeit das erste geklonte Baby das Licht der Welt erblicken. Daran führt sicher kein Weg mehr vorbei; und deswegen stellen sich hier ganz neue, auch denkerische Aufgaben.

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Selbstverständlich ist auch die Sklaverei kein Gegensatz zur Freiheit, sondern der betrübliche Zustand, dass es in den Sozietäten der Menschheit immer wieder Zustände gegeben hat und gibt, in denen Menschen die Freiheit entzogen wird. Dabei brauchen wir nicht nur an die Antike mit der Institution der Sklaverei zu denken, sondern auch an unsere Gegenwart; denn zu meinen großen Kümmernissen gehört die Tatsache, dass die Ereignisse von 1989 längstens vergessen und verdrängt worden sind. Wer denkt noch daran, was damals geschehen ist, als der eiserne Vorhang zusammenbrach, als Millionen von Menschen die vierzig bzw. siebzig Jahre lang erduldete Sklaverei abgenommen bekamen? Als über Ungarn die Menschen aus den abgeriegelten Ostgebieten in den freien Westen herübergekommen sind, ist etwas geschehen, wovon selbst die besten Politiker im Grunde nur träumen konnten, weil es nur drei – nämlich Gorbatschow, Helmut Kohl und der alte Bush – auch gewollt haben. Die Wiedervereinigung Deutschlands war ein wahres Himmelsgeschenk, und sie müsste nicht nur dichterisch gewürdigt, nicht nur künstlerisch gerühmt, sondern endlich theologisch ausgewertet werden. Denn davon kann bis zur Stunde noch gar keine Rede sein.

Wir leben auch in dieser Hinsicht in der denkbar größten Stunde der bisherigen Menschheitsgeschichte; und wir sollten dabei auch nicht vergessen, was das neue Europa und der europäische Zusammenschluss bedeutet! Auf dem blutgetränkten Boden Europas, auf dem Jahrhunderte hindurch die entsetzlichsten Raub- und Vernichtungskriege geführt worden sind bis hin zu den beiden Weltkriegen mit ihren Hekatomben von Menschenopfern, entsteht eine Zitadelle des Friedens. Dieses neue Europa sollte nicht nur unter politischen und pekuniären Gesichtspunkten gewertet werden. Natürlich müssen die Finanzen in Ordnung gebracht, natürlich muss für eine innere Ordnung und eine Verfassung gesorgt werden. Aber was Europa braucht, ist vor allen Dingen ein Bewusstsein des Himmelsgeschenkes, das uns mit diesem neuen Europa geschenkt ist. Das muss auch in die Köpfe der Schüler hinein gebracht werden, denn dieses neue Europa ist der Lebensraum, in der sie einer gesicherten Zukunft entgegengehen.

Mein Vater hat, als ich zehn Jahre alt war, gesagt: „Auch du musst noch einmal in den Krieg“. Er hat leider recht behalten, schlimmer und bitterer, als ich es je befürchtet habe. Die heutige Jugend braucht das nicht mehr zu fürchten. Dies ist ein Privileg und eine Vergünstigung, die endlich in die Köpfe – der Pädagogen wie der Schüler – getragen werden muss.

In diesem Sinne müsste auch eine religiöse Allianz gebildet werden. Denn bei einem Zeichen der Verständigung darf es nicht bleiben. Die drei Weltreligionen, die wie keine anderen auf dieser Welt von ihrem innersten Prinzip her Religionen des Friedens sind, müssten ungeachtet all des Schrecklichen, was die Vergangenheit über sie gebracht hat, sich zusammenfinden, und jeder sollte in seinem Bereich darauf hinarbeiten, dass die größte aller Menschheitsutopien Wirklichkeit wird in unserer Welt und Zeit. Doch der Friede in der Welt ist gebunden an die Friedensbereitschaft im kleinsten häuslichen Raum. Dort den Frieden herzustellen – den Frieden in den Familien, den Frieden an den Arbeitsstellen, in den Büros, in den Klassenzimmern – ist bekanntlich die schwerste, aber auch vordringlichste Aufgabe. Dort muss der Anfang gemacht werden, denn in der Welt kann nur leuchten, was im kleinen Raum des privaten und zwischenmenschlichen Lebens seinen Anfang nimmt.

Religion und Gewalt im Film.
Totalität und Transzendenz in Natural Born Killers, Pulp Fiction und The Matrix
Oliver Jahraus

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2. Filmische Phänomenologie von Religion und Gewalt: Wahrnehmungsschulung
Wenn der Film Kultur repräsentiert, d.h. sowohl abbilden als auch vertreten kann, so muss all das, was er repräsentiert, eben zu dieser repräsentierten Kultur gehören. Insofern wird der Film zum kulturellen Paradigma. So stark Religion und Gewalt im öffentlichen und politischen Diskurs abgelöst wurden, so stark kehren sie im filmischen Diskurs wieder. Aus diesem Grund kann man auch von der kulturellen Paradigmatik von Religion und Gewalt sprechen. Dabei kann der Film die kulturelle, gesellschaftliche und staatliche Trennung von Religion und Gewalt wieder aufheben und die komplexen Formen der Verknüpfung regelrecht in Szene setzen.

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Es ist verblüffend, wie leicht sich das Themenfeld Religion und Gewalt in diesem Mainstream-Film finden lässt. Schon im Überblick von ca. 25 überprüften Filmen wird deutlich, dass für eine Heuristik des Themenkomplexes von Religion und Gewalt die angekündigte Wahrnehmungsschule hilfreich ist, denn dieser Komplex tritt zumeist nicht auf den ersten Blick, nicht plakativ, sondern vielfach sehr subtil in die Argumentationsstruktur eingebettet auf. Selbst bei einem Film wie MATRIX, der eine Vielzahl von religiösen Anspielungen plakativ nennt, ist es erforderlich, die Wahrnehmung zu systematisieren, um die Konzeptualisierungsebene von Religion erfassen zu können.

Typischer mag die Erinnerung an die Rezeption des Films PULP FICTION sein. Wer den Film ein- oder zweimal gesehen hat, wird sich sicherlich an die Gewaltszenen erinnern und vielleicht auch daran, dass einer der beiden Killer zweimal eine Bibelstelle zitiert, bevor es zu einem Showdown kommt. Aber erinnert man sich auch noch daran, dass sich genau in einer solchen Killerszene ein Dialog zwischen den Figuren entspannt, der explizit als „theologische Diskussion“ bezeichnet wird? Die entsprechenden Szenen sind, weil der Film seine Geschichte nicht chronologisch erzählt, über den gesamten Film verteilt. In der entsprechenden Sequenz werden zwei Killer, Vincent (John Travolta) und Jules (Samuel L. Jackson) von ihrem Chef, Marsallus, losgeschickt, um in einer Wohnung eine Gruppe junger Männer zu töten, die Marsallus betrogen haben sollen. Bevor sie getötet werden, entspinnt sich ein grotesker Dialog, oder besser Monolog, über Hamburger und korrekte Sätze, bevor dann schließlich jenes Bibelzitat aus Hesekiel 25,17 fällt, in dem von Rache die Rede ist.

Bevor ich auf den ideologischen Zusammenhang eingehe, will ich ein kurzes Schlaglicht auf jenen Prozess werfen, mit dem im Film diese religiöse Ebene entfaltet wird und religiöse Zeichen gesetzt werden. Es handelt sich um einen Zeichenprozess, in dem entsprechende Zeichen eingeführt werden. In der Kultgemeinde zum Film gibt es eine Diskussion über die Frage, was sich in dem Koffer befinde, den die beiden Killer von den jungen Männern zurückholen. Man sieht es nicht, aber man sieht, dass sein Inhalt leuchtet. Der Koffer hat ein Zahlenschloss mit der Nummer 666. Als der Koffer wieder in der Hand der Killer ist, behaupten beide, dass sie wieder glücklich seien. Ihr Chef will den Koffer um jeden Preis haben. Was könnte es also sein? Eine Interpretationslinie hat sich herauskristallisiert: Im Koffer sei die Seele des Chefs; er habe sie an den Teufel verkauft (daher die Teufelszahl 666) und hole sie sich nun zurück. Die eigentliche theologische Diskussion entspinnt sich genau in der Fortsetzungsszene.

Obschon sie chronologisch unmittelbar an die eben besprochene Szene anschließt, zeigt sie der Film aus Gründen des dramaturgischen Spannungsbogens erst sehr viel später. Nunmehr erscheint auch eine Gegenkraft zum Teufel, nämlich Jesus. Abgesehen vom Reden und Handeln der Figuren ist Jesus visuell präsent, dezent und markant zugleich. Genau in dieser Szene wird eine an ein Kruzifix gemahnende Konstruktion an der Wand im Hintergrund sichtbar.

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Kontakt

AbbildungProf. Dr. Michael Braun ›
Leiter des Referates Literatur
Tel. +49 2241 246-2544
Michael.Braun(akas.de

 

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