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Seit dem Angriff auf einen Kippa-tragenden Passanten in Berlin diskutiert Deutschland über Judenhass unter Zugewanderten aus dem Nahen und Mittleren Osten. Endlich, muss man hinzufügen. Denn religiös motiviertes Mobbing und Judenfeindlichkeit sind in nahöstlich geprägten Migrantenmilieus schon seit Jahren präsent und stellen längst eine Herausforderung für Schulen, Behörden, Kulturbetriebe und – nicht zuletzt – die Betroffenen dar.

Bei der Suche nach den Ursachen richtet sich der Blick vor allem auf die Religion. Aber ist der Islam wirklich antisemitisch und woher kommt die Feindschaft gegenüber Juden unter Muslimen? Vieles spricht dafür, dass die derzeitige Debatte den falschen Akzent setzt.

Import und Ideologie

Tatsächlich gibt es auch in Deutschland seit vielen Jahren eine akademische Debatte über Judenfeindlichkeit im Islam. Trotz zum Teil unterschiedlicher Schwerpunktsetzungen besteht hier weitgehende Übereinstimmung, dass der in nah- und mittelöstlichen Gesellschaften verbreitete und wachsende Judenhass ein Phänomen der Moderne darstellt und weniger religiös als vielmehr politisch und ideologisch begründet ist.

Es finden sich in den islamischen Gründungstexten durchaus Stellen, die judenfeindlich gelesen werden können und auch gelesen werden. Dennoch war ein Antijudaismus, wie er das Christentum prägte, im islamischen Raum lange unbekannt. Das änderte sich erst, als mit dem Kolonialismus europäische Vorstellungen in den Nahen Osten einsickerten, darunter auch die verbrecherischen. Auf fruchtbaren Boden fielen diese Ideen vor allem bei jenen, die den Islam als politisch-ideologische Alternative zu westlichen Ordnungsmodellen interpretierten: die Islamisten. Sie entwarfen als erste in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts einen ideologisch geprägten Judenhass nach europäischen Vorbildern.

Staatliches Versagen und staatliche Verantwortung

Wie andere Narrative, Ideen und Symbole des Islamismus fand der islamistische Judenhass in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts dann zunehmend Eingang in das Denken des gesellschaftlichen Mainstreams. Die noch jungen Staaten und Regime in der Region hatten hieran erheblich Anteil. Der Nahostkonflikt oder genauer, die Feindschaft zu Israel, diente ihnen als identitätsstiftendes Narrativ und als bequeme Ablenkung von eigenen Versäumnissen. Später trat dann der Versuch in den Vordergrund, dem erstarkenden politischen Islam durch Übernahme einiger seiner Forderungen und Ideen das Wasser abzugraben. Vor allem der islamistische Judenhass passte ins Kalkül – konnte er doch gegen den politischen Gegner Israel in Stellung gebracht werden, ohne im Inneren für Verwerfungen zu sorgen.

Aber solange Islamisten und Medien noch weitgehend unter staatlicher Kontrolle waren, vollzog sich der gesellschaftliche Wandel nur allmählich. Noch Mitte der Neunzigerjahre konnte man in den Reisebüros am Kairoer Tahrir-Platz israelische Flaggen sehen, jüdische Besucher waren auf dem Sinai gern gesehen und selbst in Syrien beobachtete man die Annäherungen im Rahmen des Camp-David Prozesses mit Hoffnungen.

Damit war spätestens in den Nullerjahren Schluss. Geduldet und gefördert von den Regierungen und befeuert von privaten Fernsehkanälen und später den sozialen Medien avancierte der ursprünglich islamistische Judenhass zum Allgemeingut. Berufsverbände, öffentliche Einrichtungen, Religionsbehörden und staatliche Medien zogen nach. „Israeli“ und „Jude“ wurde im Sprechen und Denken vieler Syrer, Iraker, Libanesen und Ägypter zu Synonymen und zu Schimpfwörtern in einem zunehmend von Desinformation, Hysterie und Verschwörungsmythen geprägten Diskurs.

Eingewanderter Diskurs

Dass dieser Diskurs nicht bei Grenzübertritt abgelegt wird, sollte eigentlich klar sein. Die neue Judenfeindlichkeit ist damit vor allem nah- und mittelöstlich und wird hierzulande durch Ausgrenzungserfahrungen, Identitätsdiskurse und Radikalisierungstendenzen weiter verstärkt. Ursächlich islamisch ist sie nicht.

Hat das alles also nichts mit dem Islam zu tun? Keineswegs, denn auch der Islam ist hierzulande noch in seinen nahöstlichen Herkunftskulturen beheimatet. Dementsprechend sind antijüdische Schriften und Predigten auch in deutschen Moscheen verbreitet. Muslimische Verbände und Multiplikatoren müssen hiergegen viel stärker vorgehen. Aber das wird nicht reichen. Der Skandal um die Verleihung des Musikpreises Echo zeigt die erschreckende Normalität des Judenhasses in manchen nahöstlich geprägten Milieus und darüber hinaus, ob religiös oder nicht.

Judenhass als außenpolitische Aufgabe

Die neue Form des Judenhasses ist deshalb nicht nur eine gesellschaftliche und innenpolitische Herausforderung. Sie muss auch zum Thema der Außenpolitik gegenüber den Staaten im Nahen und Mittleren Osten gemacht werden. Die primären Ursachen für den eingewanderten Judenhass finden sich weniger im Koran oder in der israelischen Politik sondern vielmehr im Denken und Handeln der politischen Akteure in Kairo, Damaskus, Bagdad und anderswo in der Region. Dass der neue Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung ein erfahrener Außenpolitiker ist, weist deshalb in die richtige Richtung.

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    AbbildungDr. Andreas Jacobs ›
    Koordinator Islam und Politik
    Tel. +49 (0)30 26996 3744
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