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Fehérvárcsurgó/Budapest – Warum haben die Medien europaweit unter Vertrauensverlust zu leiden – und was lässt sich dagegen tun? Über diese Frage haben sich jetzt Wissenschaftler, Journalisten und Publizisten auf einer internationalen Konferenz „Welche Medien für welche Gesellschaft?“ der József Károlyi-Stiftung und des von Frank Spengler geleiteten KAS-Auslandsbüros Ungarn ausgetauscht.

Schon in seiner Eröffnung auf Schloss Károlyi in Fehérvárcsurgó südwestlich von Budapest beklagte der französische Botschaft in Ungarn, Eric Fournier, die vielen Desinformationen im Internet, und dass große Medienkonzerne „Informationssilos“ seien, deren Produkte in „Filterblasen“ gemäß der eigenen ideologischen Vorlieben konsumiert würden. Bildhaft gesprochen: „Fischesser essen Fisch, Fleischesser essen Fleisch.“ Es stelle sich, so Fournier, die Frage der Verantwortung der Regierenden. So denke Frankreich über ein Gesetz gegen Fake News nach, die in den sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter produziert würden.

Von einer „Infokalypse“ in einer durch Vorurteile, Gefühle und Verschwörungstheorien („Lügenpresse!“) geprägten digitalisierten Gesellschaft sprach Prof. Stephan Russ-Mohl, Gründer der Europäischen Journalismus-Beobachtungsstelle EJO. Auf dem Weg zur „Desinformations-Ökonomie“ hätten sich die Anbieter von Informationen im Netz gewandelt: Blogger und Social Networks, automatisierte Algorithmen und Social Bots, Spin Doctors und Trolle seien zu Medienproduzenten geworden, neben denen es die klassischen Medien schwer hätten. Allerdings sei der Vertrauensverlust in die Medien schon seit den 1970er-Jahren als kontinuierlicher Prozess zu beobachten. Journalisten in Europa hätten das nicht wahrnehmen wollen. Der Weg zu mehr Glaubwürdigkeit könne, so Russ-Mohl, nur über mehr Faktenchecks und Richtigstellungen im Internet sowie über mehr Medienkunde an Schulen erfolgen.

Eine andere Art der Glaubwürdigkeitsfrage stellt sich beim Blick auf die historische Einordnung der Entwicklung der ungarischen Medien. In Ungarn, so József Martin, Vorsitzender der ungarischen Abteilung des Europäischen Journalistenverbands, hätten nach dem Fall des Kommunismus 1989 zwei Sichtweisen zu Medien und Journalismus miteinander konkurriert, die des Anspruchs der neutralen Berichterstattung und die, die die eigene, als richtig erkannte Sicht mithilfe der Presse durchsetzen wollte. Weil nach der Wende Reformer der Staatspartei und die Medien das Miteinander suchten und die meisten Medien regierungsfreundlich den Kurs der damaligen ungarischen Regierung unterstützen, setzte sich die Pro-Regierungs-Haltung durch. „Es ist schwer, regierungsfreundliche Medien zu haben, weil dann langfristig die Lakaien das Sagen bekommen“, konstatierte Martin. Kritisch recherchierende Online-Medien und Zeitungen wie „Index“, „Origo“, „Figyelö“ und „Metropol“ seien nach der Einschätzung des Referenten in den vergangenen Jahren im stärker werdenden Zentralismus Ungarns unter Druck gesetzt, auf Linie der Regierung gebracht oder mangels wirtschaftlicher Basis eingestellt worden. 80 Prozent der ungarischen Medien gehörten heute zu regierungsfreundlichen Unternehmen, die kritischen Medien seien wesentlich geschwächt: „Wir schließen die Fenster und Türen und hören nicht mehr auf den gesunden Menschenverstand“, klagte Martin.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist mit der staatlichen Nachrichtenagentur MTI verschränkt worden. Damit, so sah es auch Jozsef Martin, habe in Ungarn eine „Einverleibung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ stattgefunden, der ein wesentliches Element westlicher Demokratien sei. Für József Martin gibt es nur den Weg, dass unabhängig denkende Journalisten ihre „innere ethisch-moralische Haltung bewahren“ sollten, das sei die einzige Hoffnung in einem Land, das im Reporter-ohne-Grenzen-Bericht weltweit auf Rand 73 von 180 Staaten bei der Pressefreiheit liegt - hinter der Mongolei, aber noch vor Griechenland und deutlich vor dem Schlusslicht Europas, Bulgarien (Rang 111). Dass auch Journalisten selbst Anteil am Niedergang der ungarischen Medien haben, machte Bálint Ablonczy deutlich, Redakteur der bürgerlichen Wochenzeitung „Heti Válasz“. Journalisten hätten den Bedarf an Aufklärung in der postkommunistischen Zeit, den „Schrei nach Glaubwürdigkeit“, nicht befriedigen können. Journalisten seien es gewesen, die den Versuch eines Runden Tisches zwischen Journalisten und Politikern hätten scheitern lassen. Für Ablonczy ist wichtig, dass man sich als Journalist seinen gesunden Menschenverstand bewahren und sich im Internet auch mit anderen Meinungen auseinandersetzen müsse. „Die Menschen sind enttäuscht von den hysterisierten Meinungsblasen auf Facebook.“ Der Journalist sei weder Aktivist noch Politiker und müsse sich aus seiner Komfortzone in die Welt der Menschen bewegen, die anders dächten als er selbst.

Für Dr. Marcus Nicolini, Leiter der Journalistischen Nachwuchsförderung der KAS, ist wichtig, dass Medien wieder mehr das Ohr für Themen der normalen Menschen entwickeln. „Erst wenn Leser, Hörer und Zuschauen sich in den Themen ihrer Zeitung, ihres Radios und Fernsehens wiederfinden, schenken sie den Medien wieder mehr Vertrauen.“ Dazu gehörten auch, dort präsent zu sein, wo die Menschen leben und einen Pluralismus an Meinungen wiederzugeben. Medien müssten den Leuten erklären, wie sie arbeiten, Fehler bei der Recherche zugeben und mit Mut und Haltung gegen Falschnachrichten und Beleidigungen im Netz vorgehen. Digital ausgebildete junge Journalisten könnten dank „mobile reporting“ mit dem Smartphone wieder mehr als Reporter auf die Menschen zugehen. Journalisten in Ländern mit eingeschränkter Medienfreiheit empfahl er, sich über Landesgrenzen hinaus mit anderen Journalisten zusammentun und in Netzwerken wie dem internationalen Global Investigative Journalism (GIJC)-Netzwerk zusammenzuschließen. 2019 wird die KAS einer der Hauptsponsoren der weltweiten GIJC-Konferenz investigativ arbeitender Recherchejournalisten sein, die in Hamburg stattfinden wird. Mit vielen kleinen Schritten lässt sich mehr Vertrauen in die Medien gewinnen, und damit in einen wesentlichen Pfeiler der Demokratie. Über allem aber steht die Aussage der französischen Medienprofessorin Célestine Bohlen: „Ohne Wahrheit und Verstand gibt es keine Demokratie.“

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.

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Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.


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