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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Die Politische Meinung

Der Dreißigjährige Krieg ist gleichermaßen Trauma und prägendes Element der Neuzeit. Besonders in der unübersichtlichen Gegenwart kommt man als Bezugspunkt auf ihn zurück. Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler erkennt in seiner zum Bestseller avancierten aktuellen Studie Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618–1648 verblüffende Parallelen zu den blutigen Konflikten im Nahen Osten. Und auch der in Cambridge lehrende irische Historiker Brendan Simms fragt nach dem Modellcharakter des Westfälischen Friedens für die Lösung des jahrzehntealten Nahost-Problems.

Der Aufmerksamkeitshaushalt der Öffentlichkeit ist begrenzt, weshalb auch die interessantesten historischen Analogien Unterstützung benötigen. 2018 hilft der Gedenkkalender, der 400. Jahrestag des Kriegsausbruchs. Die letzte Hausse hatte die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg zum 350. Jahrestag des Westfälischen Friedens erlebt. Damals, 1998, mit einem europäischen Fluchtpunkt: 1648 als gemeinsamer Erinnerungsort eines sich friedlich vereinigenden Kontinents.

Traumatische Wirkung der Glaubenskämpfe

Krieg und Frieden – nicht nur die Gedenkanlässe bestimmen die Perspektive. Das wusste schon Goethe, der seinen Faust sagen lässt: „Was ihr den Geist der Zeiten heißt, / Das ist im Grund der Herren eigner Geist, / In dem die Zeiten sich bespiegeln.“ Wo 1998 im Erinnern an den Westfälischen Frieden der Fortschrittsoptimismus eines Jahrzehnts aufleuchtet, das von der Überwindung des Kalten Krieges geprägt war, reflektiert das aktuelle Interesse an den Kämpfen des 17. Jahrhunderts die Spannungen unserer konfliktreichen Jetztzeit.

Den Dreißigjährigen Krieg als Deutungsfolie zum besseren Verständnis des Zeitgeschehens zu betrachten, hat in Deutschland Tradition. Besonders gilt das für das lange 19. Jahrhundert, das von den Befreiungskriegen gegen Napoleon bis zur Weltkriegsepoche reicht, die gern ebenso prägnant wie unhistorisch als Zweiter Dreißigjähriger Krieg bezeichnet wird. Zu Recht wird auf die langanhaltende traumatische Wirkung der Glaubenskämpfe verwiesen. Wie präsent sie noch 200 Jahre danach, während der Formierungsphase des deutschen Nationalstaats mit ihren Debatten um die nationale Identität, gewesen sind, ist dennoch kaum bekannt.

Gerade das historisch gesinnte 19. Jahrhundert erlebte gewaltige und gewalttätige Umbruchphasen, in denen Menschen verstärkt Halt und Orientierung in der Geschichte suchten – und es hatte prägnante Jubiläen. 1848 fiel beides zusammen: Revolution und 200. Jahrestag des Westfälischen Friedens. Im Aufbruchspathos der Märzrevolution dominierte zunächst die Erinnerung an die Verträge von Münster und Osnabrück. „Wie Zenith und Nadir, wie Anfang und Ende“, ständen sich die Jahre 1648 und 1848 gegenüber, hieß es, womit zeittypisch ein innerer Zusammenhang zwischen Westfälischem Friedensschluss und dem als nationalpolitische Misere empfundenen Hier und Jetzt im Deutschen Bund konstruiert wurde.

Fauler Westfälischer, wahrer Frankfurter Friede

Angesichts der historisch überkommenen, tiefgreifenden gesellschaftlichen Segmentierung aus partikularstaatlichen und dynastischen Bindungen sowie konfessionellen Prägungen beanspruchte die bürgerliche Verfassungsbewegung das Recht zur „nationalen Reparatur“ für sich. In der Paulskirche sollte anstelle des von Fürsten ausgehandelten „faulen“ Westfälischen der vom Volk zu verhandelnde „wahre“ Frankfurter Frieden begründet werden. Das war das nach innen gerichtete emanzipatorische Programm. Nach außen sollte nichts weniger als das Jahr 1648 – und das hieß im Verständnis der Epoche: der Zerfall des Reiches und die nationale Schmach und Schwäche gegenüber einem „übergriffigen“ Ausland – aus der deutschen Geschichte „getilgt“ werden. Die Nation sollte zu neuer Macht und Größe gelangen. Dem Gedenken an den Westfälischen Frieden kam im Moment des „Völkerfrühlings“ also keine friedensstiftende Funktion zu. Vielmehr wirkte die Erinnerung im Kontext des europäischen Aufbruchs der Nationen aggressiv nach außen.

Funktion eines Totschlagarguments

Die Doppelaufgabe, Freiheit und Einheit zu schaffen, überforderte die Paulskirche bekanntlich – vor allem wegen der ungeklärten Rolle beider deutschen und zugleich europäischen Mächte Preußen und Österreich. Es gelang nicht, die binnennationalen Konflikte parlamentarisch einzuhegen. Die Anhänger einer entweder kleindeutsch-preußischen oder aber großdeutsch-habsburgischen Ordnung standen sich am Ende in zwei Lagern derart kompromisslos gegenüber, dass von einem „kalten Bürgerkrieg“ gesprochen werden kann. Im Zuge des sich im Frühjahr 1849 dramatisch zuspitzenden Verfassungsstreits darüber, was eigentlich zu Deutschland gehört und wer an die Spitze des neuen Staates treten sollte, wurde der Dreißigjährige Krieg als Steinbruch für Argumente zum Gegenstand der politischen Kontroverse. Hier ging es um historische Schuld – und um Geschichtserzählungen, die zukünftige Herrschaftsansprüche legitimieren sollten.

Vereinfacht gab es zwei Spielarten der Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg: So konnte entweder das Bild einer „Art Armageddon der deutschen Geschichte“ wachgerufen werden, wie es der Historiker Nikolaus Buschmann treffend bezeichnet hat. Das zielte mit der Warnung vor den Folgen deutscher Zwietracht auf ein einiges Deutschland, quasi als homogene Leidensgemeinschaft. Es hatte die Funktion eines Totschlagarguments, mit dem sich quasi jeder den Status quo verändernde Vorschlag als die Ordnung gefährdend desavouieren ließ.

Übersteigerte Krisenmentalität

Dem gegenüber stand ein Geschichtsverständnis, das den Dreißigjährigen Krieg zur historischen Berufungsinstanz erkor, um den preußisch-protestantischen Führungsanspruch als geschichtliche Notwendigkeit zu legitimieren. Was mit der Reformation begonnen habe und im Dreißigjährigen Krieg gegen Habsburg und Rom verteidigt worden sei, harre nun der nationalen Durchsetzung. Das war eine bis in liberale Kreise anschlussfähige Erzählung. Der mit der Reformation gewonnenen Freiheit des Geistes habe nun die politische Freiheit zu folgen. Sieg- und Niederlagengeschichten des Dreißigjährigen Krieges – zumeist gedeutet als protestantisch-deutscher Befreiungskampf – lieferten das historische Anschauungsmaterial, um in der politischen Auseinandersetzung der eigenen Kraftrhetorik Nachdruck zu verleihen.

Krieg war in der öffentlichen Debatte des 19. Jahrhunderts omnipräsent. Dabei erlebten die Deutschen einen lang gewahrten „bewaffneten Frieden“, wie es hieß – eine Art „Kalten Krieg“ avant la lettre, der auf einem prekären Mächtegleichgewicht in Europa beruhte und zu dem das gewaltgestützte Bewahren der alten Herrschaftsverhältnisse gegenüber Partizipationsansprüchen aus der Gesellschaft trat, vor allem des aufbegehrenden Bürgertums. Obwohl in der Mitte Europas die Anwendung von Gewalt begrenzt blieb, erst recht gemessen an der fortgeschrittenen Militärtechnik, wie sie der Krimkrieg (1853–1856) und der amerikanische Bürgerkrieg (1861–1865) vor Augen führten, bemächtigte sich öffentlicher Meinungseliten eine übersteigerte Krisenmentalität – mithin das Gefühl, in einem latenten Kriegszustand zu leben.

Der „Prinzipienkrieg“

Dabei stand ein Begriff im Raum: der „Prinzipienkrieg“. Er reflektiert unser Verständnis vom 19. Jahrhundert als Zeitalter der Ideologien. Zeitgenössisch stellte er die rhetorische Klammer für ganz unterschiedliche Imaginationen vom Krieg dar. Darin fanden die vielfältigen Gesellschaftskonflikte Ausdruck: die politisch-ideologischen, die sozialen und nicht zuletzt die virulenten religiös-konfessionellen. Unser Verständnis von Krieg als wesentlichem Vehikel zur nationalen Identitätsstiftung ist in Deutschland deshalb immer auch auf die Angst vor dem Bürgerkrieg zu akzentuieren – als eine der lang anhaltenden Wirkungen der Gewalterfahrungen im Zeitalter der Glaubenskriege. Dass immer wieder Bilder vom Dreißigjährigen Krieg wachgerufen wurden, um diese Kriegsvorstellungen historisch zu unterlegen und auf diese Weise zu dramatisieren, hatte auch mit dem Gefühl zu tun, von einem feindlichen Ausland eingekreist zu sein. Diese Sorge musste sich den Zeitgenossen geopolitisch geradezu aufzwingen, denn die geografische Mittellage schien Deutschland zum potenziellen Schlachtfeld für die Kämpfe der europäischen Nationen zu prädestinieren.

Machtpolitische Motivation

Mehr noch: Es gehörte zum geschichtlichen Erfahrungsschatz der Deutschen. Dazu kam die machtpolitische Schwäche, die aus der Staatenvielfalt entsprang und zu Bündnissen mit auswärtigen Mächten verleitete – nicht zuletzt die besondere Stellung Österreichs und Preußens als eigenständige europäische Mächte.

Einen Höhepunkt erlebten die Bezüge auf den Dreißigjährigen Krieg deshalb im Deutsch-Deutschen Krieg 1866, als der latente Konflikt zwischen dem „katholischen“ Habsburg und „protestantischen“ Preußen in eine offene gewaltsame Auseinandersetzung der rivalisierenden Mächte eskalierte. Der Krieg war zwar machtpolitisch motiviert und blieb militärisch eingehegt; in der öffentlichen Debatte dominierte allerdings das Bild vom Prinzipienkrieg, griff die Sorge vor einem enthegten, spezifisch deutschen Bürgerkrieg um sich: als Mischung aus „Bruderkrieg“, Staatenkrieg und Konfessionskrieg, verstärkt noch durch Vorstellungen von Deutschland als „Dreschtenne“ des Auslands – und in der propreußischen Kriegspropaganda zusätzlich radikalisiert mit rassistischen Verweisen auf das multiethnische Habsburgerreich.

Königgrätz – Abschluss des Dreißigjährigen Kriegs?

Während militärisch der Rubikon zur Totalisierung des Kriegs noch nicht überschritten wurde, wie die Forschung betont, hatten Teile der politischen Öffentlichkeit diesen Schritt längst getan. In der öffentlichen Debatte 1866 wurde die Auseinandersetzung zum Kampf um Sein oder Nichtsein der Nation stilisiert, wurde in unversöhnlicher Härte zum „Vernichtungskampf“ aufgerufen.

Die erstaunliche religiöse Überfrachtung der Auseinandersetzung ist dabei bemerkenswert aktuell. Nation und Religion waren eben keineswegs sich gänzlich ausschließende Antipoden, wie es das verbreitete Verständnis des Nationalismus als „Ersatzreligion“ oder als „säkulare“ und „politische Religion“ nahelegt. Nation und Religion bedingten einander und durchdrangen sich wechselseitig – das gilt vor allem für die protestantisch-preußische Seite.

Mochten gegnerische Stimmen auch noch so sehr auf den Duellcharakter der Auseinandersetzung verweisen oder die dynastischen Interessen in den Kriegszielen anprangern: Preußische und protestantische Meinungsführer bewerteten die Ereignisse als Prinzipienkrieg. „In der Schlacht bei Königgrätz hat endlich der Dreißigjährige Krieg seinen Abschluß gefunden“, jubelte in Berlin die Protestantische Kirchenzeitung für das evangelische Deutschland über den Kriegsausgang, der die Weichen in Richtung eines preußisch geführten Deutschlands gestellt hatte, „der nationale Gedanke und der Protestantismus haben gesiegt.“ Unter Preußens Führung könne sich die nunmehr selbstständige deutsche Nation durchweg nach protestantischen Grundsätzen gestalten. Damit gab das Blatt eine verbreitete, bis in liberale Kreise hinein mitgetragene Deutung wieder.

Der Versuch, religiöse Gefühle mit dem Griff in die Asservatenkammer des Dreißigjährigen Krieges politisch auszubeuten, blieb ein Phänomen der Propaganda – auch wenn 1866 vereinzelt über Kirchenschändungen und Gewalt gegen katholische Priester berichtet wurde. Religion war längst zur Ideologie geworden – so wie sie auch heute oftmals ein Vehikel zur Durchsetzung machtpolitischer Ansprüche ist und vielfach dazu dient, weltliche Interessen oder soziale und kulturelle Verwerfungen zu kaschieren – das allerdings erschreckend wirkungsvoll, damals wie heute.

Tragikstolz auf deutsches Ur-Trauma

Eliten der Nationalbewegung pflegten in der Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg als deutsches Ur-Trauma eine Art Tragikstolz. Die territoriale Zersplitterung und die als demütigend empfundene Schwäche des Deutschen Bundes lösten nationale Minderwertigkeitsgefühle aus. Hinzu traten Einkreisungsängste gegenüber dem Ausland. Beides mischte sich mit einer spezifisch deutschen Hybris – einem Sendungsbewusstsein, das sowohl aus einem von der historischen Wirklichkeit weit entfernten, als Phase nationaler Einheit und Größe verklärten Bild des mittelalterlichen Reiches als auch von der Reformation abgeleitet sein konnte.

Eindrücklich zeigt sich am Beispiel der Geschichtspolitik mit dem Dreißigjährigen Krieg, wie nachhaltig sich die Erfahrungen extremer Gewalt und nicht verarbeiteter Schuld auf die politische Kultur in der nationalen Findungsphase auswirkten. Mit den Weltkriegen im 20. Jahrhundert und den deutschen Verbrechen trat an seine Stelle eine neue Katastrophenerfahrung, folgenreich für die nationale Identität und die staatliche Einheit. Mit ihr stellte sich die Schuldfrage neu – und ihre Beantwortung war eindeutig. Hitler, der – glaubt man den Tagebucheintragungen Joseph Goebbels’ 1938/39 – als „ganz großes Ziel“ die „restlose Liquidation“ des Westfälischen Friedens anstrebte, riss mit dem Untergang seines „Dritten Reichs“ auch den Reichsmythos, der den deutschen Nationsgedanken nachhaltig geprägt hatte, mit in den Orkus der Geschichte. Damit verschwand auch ein wesentlicher Bezugsrahmen für die geschichtspolitische Brisanz des Dreißigjährigen Krieges. Seine innenpolitisch spaltende Wirkung hat die Erinnerung an diesen Krieg völlig verloren.

Inspirierende Bezugspunkte

Geblieben ist die düstere Faszination für das dreißig Jahre währende Gemetzel, für den vielschichtigen Krieg in Europa, den es trotzdem zu beenden gelang. Das Zeitalter der Ideologien und Glaubenskämpfe ist nicht vorbei. Angesichts einer multipolaren Welt mit fragiler Ordnung und wachsendem Neonationalismus bleiben der Dreißigjährige Krieg und der Westfälische Friede hochaktuell und in einem veränderten Erinnerungsrahmen inspirierende Bezugspunkte.


Hilmar Sack, geboren 1972 in Frankfurt am Main, Historiker mit den Forschungsschwerpunkten Nationalismus, Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, Autor der Studie „Der Krieg in den Köpfen. Die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg in der deutschen Krisenerfahrung zwischen Julirevolution und deutschem Krieg“ (Duncker & Humblot 2008), gefördert durch ein Promotionsstipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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