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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Veranstaltungsberichte

Sonne. Stille. Nihilistische Emotionen? Eisiger Wind ist es nicht, der uns das Blut in den Adern gefrieren lässt. Es ist das Gefühl der Rat- und Machtlosigkeit.

Wir stehen fast alleine am Haupttor des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald. Der Nachmittag ist heiß. Nennenswert geregnet hat es hier in Thüringen ohnehin seit vielen Wochen nicht mehr, der Blick schweift daher in eine gewissermaßen ausgedorrte Landschaft. Ausgedorrt – das sind wir nach drei Tagen Buchenwald trotz allen Lebensmutes doch auch ein wenig. Doch das sollte nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Vielmehr lässt sich die Botschaft, die viele Schülerinnen und Schüler aus dieser Reise mitnehmen werden, eher als nahezu euphorisch beschreiben. Niemals wieder – daher gerade jetzt ein klares „Ja“ zur Aufarbeitung.

Neue Eindrücke – Realitäten prallen aufeinander

Früh am Mittwochmorgen treffen sich die Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse der Wilhelm-Wundt-Realschule Mannheim, um gemeinsam mit ihren Lehrern Richtung Weimar aufzubrechen. Nach einer vierstündigen Fahrt rollt der Bus auf einen großzügigen Parkplatz vor den ehemaligen Kasernen der SS-Totenkopfstandarten, welche heute als Unterkunft für Besuchergruppen der Gedenkstätte Buchenwald fungieren. Während der Busfahrt wird bereits der kompakte Zeitplan vorgestellt, gefüllt mit Workshops, Gruppenarbeiten, Rundgängen und Museumsbesuchen. Die dreitägige Exkursion beginnt – nach einer kurzen Einführung in die Tätigkeitsbereiche der Konrad-Adenauer-Stiftung – mit einer Vorstellungsrunde in zwei Kleingruppen, in welchen die Schüler für den Rest der Zeit verbleiben sollten, gefolgt von einem ersten Rundgang über das Gelände. Dabei geben die Referenten Jan Malecha und Helmuth Rook den Schülerinnen und Schülern Zeit, um sich an diese besondere Umgebung zu gewöhnen und die verschiedenen Eindrücke auf sich wirken zu lassen. Zeit, die wir alle brauchen sollten. Das pädagogisch-vermittlerische Geschick Malechas und Rooks wird anhand einer sehr einfühlsamen, wenngleich zielgerichteten Art des Nachfragens und der Einbeziehung deutlich.

Doch nun – auch gedanklich – hinaus in die Anlage. Zuerst wird der Bahnhof gezeigt, an dem die Häftlinge ankamen. Weiter geht es zum „Carachoweg“, über welchen die Neuankömmlinge damals gejagt und geschlagen wurden. Bereits hier werden manche Schülerinnen und Schüler ruhiger und nachdenklicher. Manche Orte scheinen gar vollkommen unvorstellbar, wie zum Beispiel ein kleiner Zoo mit einem Bärengehege, welches sich unmittelbar vor dem Haupttor des Lagers befindet. Hier trafen sich damals SS-Offiziere, um sonntags mit ihren Familien spazieren zu gehen, direkt neben einer mit 380 Volt Starkstrom abgetrennten anderen Welt. Nicht ohne die Teilnahme wohlhabender Weimarer Bürger, versteht sich. Erstaunlich. Die ewige Frage nach dem „Nichts-mitbekommen-haben“ und dem „Keinen-Kontakt-haben“ stellt sich uns in diesen drei Tagen gewiss nicht nur dieses einzige Mal. Die gesamte Exkursion ist geprägt von einem ständigen Wechsel zwischen absurden Realitäten, von Folterkammern geht es zum Kuchenessen, von Zeitzeugenfilmen zum Abendessen.

Nicht die Steine, sondern die Gefühle fesseln

Am nächsten Morgen geht es wieder früh los, Zeit ist schließlich knapp. Die Führung vom Vortag wird fortgesetzt mit einem Besuch des „Prominentenbaus“, in dem prominente Häftlinge wie Dietrich Bonhoeffer, Ludwig Gehre und Friedrich von Rabenau festgehalten und auch ermordet wurden. Eine drückende Stimmung macht sich breit. Verstärkung schafft diesbezüglich der Besuch des Steinbruchs. Hier kamen viele Menschen ums Leben, durch teilweise sinnfreie Arbeit und Schikane der Aufseher. Man stelle sich etwa eine winterlich vereiste, steile Rinne vor, durch die man mit einem Holzkarren schwere Steine – das Ganze mit wohl kaum Griff verschaffenden Holzschuhen – zu transportieren hat. Und: wenn der Bedarf fehlte, fuhr man eben mit den Steinen hinauf und wieder hinunter. Die Frage nach dem „Warum“ mag zwar nicht neu sein, bringt aber hier besonders drastisch einen simplen Gedanken in das Bewusstsein: die Lust an Gewalt, begründet mit ideologischer Motivation, kommt scheinbar als einzig plausible (wenn dieses Wort an dieser Stelle überhaupt verwendbar ist) Erklärungsmöglichkeit in Frage. Es ist nicht das einzige Mal während dieser drei Tage, dass die Auseinandersetzung mit der Attraktivität und dem Ursprung des in der SS weitverbreiteten Sadismus ein zentrales Thema ist. Wir betrachten Bilder junger SS-Männer. Was mag ihre Motivation gewesen sein? Das Zugehörigkeitsgefühl zu einer gesellschaftlichen Elite; das Verlangen nach Orden, Abzeichen und Aufstiegsmöglichkeiten; der Glaube an eine notwendige rassistische „Auslese“? Oder – in den letzten beiden Kriegsjahren – gar ganz pragmatisch: auf diesem Wege nicht an die Front zu müssen? Zwei Dinge werden von den Referenten jedoch stets klargestellt: zum einen ist die überwältigende Mehrheit der SS-Männer freiwillig zum Dienst im KZ gekommen, zum anderen ist auch die hemmungslose Gewaltausübung in weiten Teilen eine Frage der individuellen Einschätzung. Es bedarf also einer gewissen Enthemmung: nicht zuletzt ist heute bekannt, dass dabei Alkohol eine entscheidende Rolle spielte.

Der Ort, der in Buchenwald wohl die größte emotionale Belastungsfähigkeit abfordert, ist das Krematorium. Eine Schülerin fragt nach einem möglichen Fotoverbot innerhalb des Gebäudes. „Das musst du für dich selber entscheiden“ meint Malecha, sichtlich erfreut über diese diskussionswürdige Erkundigung. Man kann es sich denken: die meisten verzichten freiwillig darauf.

Das Krematorium ist ein besonderer Ort der Stille. Viele Angehörige sehen es als eine Art Friedhof, da sie davon ausgehen, dass ihre Vorfahren in den dortigen Öfen verbrannt wurden, bevor die Asche irgendwo auf dem Gelände verteilt wurde. Ein Behandlungszimmer, ein Schacht hinab in den Keller, ein Lastenaufzug nach oben und sechs Öfen. Stille.

Abgeschlossen wird die Führung mit einem Besuch der Folterkammer, welche vor allem unter Martin Sommer, dem „Henker von Buchenwald“, viele Menschenleben forderte. Das darauffolgende Mittagessen: schwer verdaulich.

Am Nachmittag haben die Schülerinnen und Schüler Zeit, um sich in der Dauerausstellung im historischen Kammergebäude umzusehen. Hier werden persönliche Gegenstände ausgestellt, Einzelschicksale erzählt und erstaunlich zahlreiche Filmsequenzen gezeigt. Nebenan befindet sich die nicht minder interessante Ausstellung zur Häftlingskunst. Sie schildert die Geschichte im Unterschied zu fast allen existierenden Fotografien aus Sicht der Häftlinge, was ihre Bedeutung heraushebt. Oft sind es nur wenige Bleistiftstriche, die ein Bild ausmachen – warum den Häftlingen meist nicht mehr als das möglich war, bedarf keiner Erklärung.

„Ihr werdet hochgehen, aber nie wieder runterkommen“

Den Tagesabschluss bildet die Fahrt nach Weimar. Unten angekommen, unternehmen wir eine Führung auf Spuren der NS-Zeit, die weniger offenkundig zu finden sind – Gedenktafeln sind rar, die ehemalige Gestapo-Zentrale etwa wäre wohl niemals als solche erkannt worden.

Wir werden in dieser durchaus sympathischen und sehenswerten Kleinstadt das Gefühl nicht los, dass Menschen kommen und gehen, ohne die ganze Wahrheit über die Geschichte erfahren zu haben. Egal, ob man wegen Goethe, Schiller, Herder und Liszt kommt oder doch, um das Gebäude zu sehen, in dem die erste demokratische Verfassung für einen deutschen Staat ausgearbeitet wurde: diese jeweiligen Stadtführungen klammern die Gräuel, die sich kaum zehn Kilometer entfernt zugetragen haben, aus. Wir dagegen besuchen weitere besondere Orte wie das Hotel Elefant und das (unvollendete) Gauforum Weimar. Den Tagesabschluss bildet ein geselliger Pizzeriabesuch in der Stadt, der uns für ein paar Stunden wenigstens auf andere Gedanken bringt.

Den Freitag beginnen wir nach dem Frühstück einmal mehr im Seminarraum. Denn: bei all dem hochprofessionellen Guiding hilft alles nichts, wenn man sich nicht wirklich selbst aktiv in die Schicksale einzelner Häftlinge hineinzuversetzen versucht. Also: Action. Die Schülerinnen und Schüler waren für den gestrigen Besuch in der Dauerausstellung angehalten, sich mit einer bestimmten Geschichte näher zu befassen und sollen sie nun mit den anderen teilen. Es fällt eines sofort auf: die Schülerinnen und Schüler greifen sich besonders Beispiele heraus, die eine Art von Hoffnung vermitteln können. Es wurde etwa recherchiert zu einer Gruppe, die monatelang verdeckt mit dem Bau von Radioempfängern beschäftigt war, oder auch zu jener, der es gelang, während des amerikanischen Luftangriffs auf das Lager am 24. August 1944 (der insbesondere die Zerstörung der Gustloff-Waffenwerke zum Ziel hatte) Waffen zu stehlen, um für die Unterstützung einer möglichen Befreiung gerüstet zu sein.

Danach geht es wieder nach draußen. Seltsam, aber der Weg durch das Haupttor kommt uns schon fast vertraut vor. Zunächst: eine Gedenktafel, die die Nationalitäten aller Gefangenen auflistet. Da es auch einige staatenlose Insassen gab, spielt die Nationalität jedoch eine zweitrangige Rolle. Im Vordergrund steht das Mensch-Sein, weshalb das Denkmal dauerhaft auf 37 Grad erhitzt ist: Körpertemperatur.

Ferner besichtigen wir die einzige wiederaufgebaute Baracke, die sich neben den Überresten des sogenannten „Kleinen Lagers“ befindet. Dieser Ende 1942 errichtete Lagerteil galt die meiste Zeit als Sterbe- und Siechenort. Die SS soll diesen Teil selbst kaum betreten haben, was Bände spricht.

Der Blick auf die Holzbaracke, von der ein Teil mit unserer 15-Personen-Gruppe schon ausgefüllt zu sein scheint, bringt im Zusammenhang mit der Faktenkenntnis unser aller Vorstellungsvermögen schon wieder an die Grenzen: bis zu 2.000 Menschen sollen auf einer solchen Grundfläche inhaftiert gewesen sein. Zahllose Bilder, die bei näherem Interesse sehr einfach im Internet zu finden sind, sagen hierbei mehr als Worte. Die Baracke dient heute auch als Lagerstätte für neue Fundstücke: „Wir müssen damit etwas aufpassen, man weiß nie, was da mal drin war!“. Zum Graben komme man als Team der Gedenkstätte jedoch ohnehin kaum, es fehle dafür schlichtweg an Arbeitskapazität, und nicht zuletzt auch an finanziellen Mitteln, so Malecha. Ob das im Deutschland des 21. Jahrhunderts ein Zustand sein kann, darf angezweifelt werden.

Anschließend geht es vorbei an den Ruinen der ehemaligen Villen der obersten SS-Kommandanten des Lagers, unter anderem an der des Lagerkommandanten Karl-Otto Koch, über dessen Frau Ilse Koch („die Hexe von Buchenwald“) und deren Brutalität den im Haus und im Lager arbeitenden Häftlingen gegenüber sich zahlreiche Mythen ranken – wenngleich manches davon durchaus bestätigt ist, wie wir erfahren.

Der Aufstieg zu einer neuen Welt?

Es ist heiß. Nicht ganz ohne Protest machen wir uns auf den lang erscheinenden Weg zum in der DDR der 1950er-Jahre erbauten Mahnmal, das unseren letzten Programmpunkt bildet. Unser erster Eindruck: pompös. Wir begutachten die gesamte Anlage. Wir begutachten, im Unterschied zum bloßen „Besichtigen“. Das stellt sich als unverzichtbar heraus, denn – und auch das ist gewissermaßen ein Schock – hier ist Geschichte geschickt für die politischen Zwecke eines jungen Staates uminterpretiert worden. Sieben Stehlen, neben denen man einen gewaltigen Treppenabgang hinuntergeht, symbolisieren die entsprechend zu den Bildhauereien passenden Existenzjahre des Lagers. Betont wird logischerweise besonders der Zusammenhalt unter den Häftlingen, die sich am Ende selbst – in dieser Darstellung fälschlicherweise natürlich ohne die Hilfe der amerikanischen Soldaten, vor denen die SS ja bereits floh – befreien. Weiter gehen wir entlang dreier von der SS mit Asche aufgefüllter Erdsenken, die als Ringgräber gestalten wurden. Wie viele Menschen hier begraben sind, ist unklar, Schätzungen belaufen sich auf etwa 3.000.

Weiter geht es auf der „Straße der Nationen“, die mit ihren monumentalen Feuerschalen auf großen Steinblöcken gerade an die Architektur erinnert, deren Zeit man doch eigentlich hinter sich lassen wollte. Zum Schluss geht es den Hügel wieder hinauf, symbolisch auf einen bis zur Aussichtsplattform 51 Meter hohen Turm zu (stehend für die damals angenommene Zahl von 51.000 Toten, es waren jedoch 56.000), der sich leicht mit der nun geplanten, freiheitlichen sozialistischen Weltrevolution in Verbindung bringen lässt. Vor und nach der freiwilligen Besteigung des Turms wird spürbar, dass den Schülerinnen und Schülern in diesem Moment greifbar vor Augen geführt wird, wie leicht sich Dinge undifferenziert darstellen lassen. Und: wie viel man damit erreichen kann. Noch eine zentrale Erkenntnis.

Die Gefahr der Schlussstrich-Mentalität

Abschließend: was bringt das nun alles, 75 Jahre später? Kein Zweifel: in mittlerweile breiten Gesellschaftsteilen ist es umstritten, ob Schulklassen heute noch im Rahmen eines Lehrprogrammes in ehemalige Konzentrationslager fahren sollten. Diese Diskussion greift in Wahrheit weiter und dreht sich um die Aufarbeitungsfrage an sich: „So lange ist es her, so Vieles weiß man, so Vieles ist doch wiedergutgemacht worden, halten die Kinder das überhaupt noch aus?“. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung sagt: 81 Prozent der Deutschen möchten gerade die Geschichte der Judenverfolgung "hinter sich lassen" – eine Definition dieses Wunsches freilich meist schuldig bleibend. Die Historiker führen wiederum seit Jahrzehnten ihre eigene „Schlussstrich-Diskussion“. Das Urteil der 9. Klasse nach drei Tagen Buchenwald ist verblüffend, es ist ein anderes. „Mir war es zu kurz, mir war es zu straff, ich hätte mir gern mehr Zeit genommen, mit hat es was gebracht!“, so die mehrheitliche Position in der Abschlussrunde. Ein 77-jähriger Oppositionsführer im Deutschen Bundestag, der die Geschichte umdeuten möchte und den Nationalsozialismus als „Vogelschiss in 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ sieht? Jetzt erst recht: Aufarbeitung hat kein Ablaufdatum. Da sind die Neuntklässler aus Mannheim intellektuell schon sehr viel weiter. Und das ist ein mehr als nur triftiger Grund dafür, dieses Format auch an der Wilhelm-Wundt-Realschule fortzuführen.

Vielen Dank an Frau Kienle, Herrn Kettner, der sich eben darum ab dem nächsten Jahr kümmern wird und insbesondere an Herrn Gerárd, ohne dessen Engagement diese Tradition niemals entstanden wäre!

Autoren:

Sophie Lorisz absolviert derzeit ein Praktikum im Bildungsforum Baden-Württemberg
Robin Schenk absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr im Politischen Leben

Fotos:
Robin Schenk

Über diese Reihe

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