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Arno Geiger erhält den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2011

Der 1968 in Bregenz geborene, in Wolfurt/Vorarlberg aufgewachsene Arno Geiger hat bislang ein Drama, fünf Romane, einen Band mit Erzählungen sowie jüngst das autobiographische Buch Der alte König in seinem Exil publiziert, das mit außergewöhnlich positivem Echo aufgenommen, für den Leipziger Buchpreis 2011 nominiert wurde und in der Spiegel-Bestsellerliste vom 21.3.11 auf dem zweiten Platz stand. In der deutschen Literaturwelt genießt der Autor seit seiner Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis (2005) ein hohes Ansehen. Am 18. September 2011 wird Arno Geiger in Weimar mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet. Die Laudatio hält die Berliner Literaturkritikerin Dr. Meike Feßmann (Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 2006).

1994 wurde Geiger mit einem Nachwuchsstipendium des österreichischen Bundesministeriums für Kunst ausgezeichnet, 1998 mit dem Abraham Woursell-Award für junge europäische Literatur (ein amerikanisches Stipendium) und einem Stipendium des Literarischen Colloquiums Berlin. 1999 erhielt er das Literaturstipendium des Landes Vorarlberg, 2001 den Carl-Mayer-Drehbuch-Förderpreis, 2005 den Förderpreis zum Friedrich-Hölderlin-Preis, 2008 den Hebel-Preis des Landes Baden-Württemberg, 2010 den Literaturpreis der Vorarlberger Buch- und Medienwirtschaft, 2011 den Hölderlin-Preis.

Biographie und Werke

1993 schloss Geiger, der als eines von vier Kindern eines Gemeindesekretärs und einer Grundschullehrerin groß wurde, sein Studium der Deutschen Philologie, Alten Geschichte und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Wien und Innsbruck ab. Von 1986 bis 2002 arbeitete er als Videotechniker bei den Bregenzer Festspielen.

Sein literarisches Debüt feierte er 1996 beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Im gleichen Jahr erschien seine Erzählung „Das Kürbisfeld“ in der österreichischen Zeitschrift manuskripte. 1997 wurde sein erster Roman beim Hanser Verlag publiziert: Kleine Schule des Karussellfahrens, der vielgelobte Roman über einen Taugenichts, der zwischen der Enttäuschung über das Revolutionsjahr 1989 und der träumerischen Erinnerung an die Französische Revolution 1789 schwankt. Auch im zweiten Roman Irrlichterloh (1999), einer modernen road novel, steht eine Taugenichtsfigur im Mittelpunkt. Die Kritik hat den ersten beiden Romanen „hohes Tempo“ und Dialogwitz bescheinigt. Das Drama Alles auf Band oder Die Elfenkinder (Deuticke Verlag, 2001), das Geiger gemeinsam mit Heiner Link als Hörspiel konzipierte, fand hingegen wenig öffentliche Resonanz.

Gut bei der Kritik kam der dritte Roman Schöne Freunde (2002) an. Er handelt von einem Grubenunglück und dem Aufbruch der Überlebenden in eine unbekannte Welt. Erzählprinzip dieser Romane ist: Statt einer einsträngigen Handlung dominiert die Montage anekdotischer und lakonischer, heiterer oder tragischer Minigeschichten mit überraschenden Wendungen und Entdeckungen. „Schreiben ist für mich immer Entdecken“, sagt Geiger.

Dieses Prinzip dominiert in dem Band mit Erzählungen Anna nicht vergessen. Er erschien 2007 und wurde 2009 als dtv-Taschenbuch ein Bestseller. Hier beweist Geiger sein Talent für fabulierfreudige Versuchsanordnungen von familiären Konstellationen. Die Kritik attestierte ihm dabei „Experimentierfreude, Konsequenz, Empathie“ (NZZ). Die Titelgeschichte handelt von einer Frau, die „im Auftrag von Frauen deren Ehemänner auf die Probe stellt, ob sie für amouröse Abstecher zu haben sind“, aber an der Angst ihrer Tochter leidet, „aus dem Gedächtnis ihrer Mutter zu verschwinden“.

Der Durchbruch gelang Geiger 2005 mit dem buchpreisgekürten Roman Es geht uns gut, der über 400.000 Mal verkauft und in 20 Sprachen übersetzt wurde. Das Buch gehört zu den bedeutenden Erinnerungs- und Familienromanen der Gegenwart. Es erzählt, wie Politik in den Alltag von drei Generationen im Österreich des 20. Jahrhunderts hineinragt und wie die Vergangenheit in der Gegenwart nachwirkt; die erzählte Zeitspanne reicht von 1938 bis 2001. Besonders hervorgehoben wurden in der Kritik das Thema Erinnerung und Gedächtnis, die Sprachkraft, die Dialogkunst und – in der internationalen Kritik – der gelungene Anschluss an die große österreichische Romantradition von Broch bis Menasse (Le Monde).

Der fünfte Roman Alles über Sally (2010) ist ein „Abenteuerroman über die Ehe“ mit happy ending (Meike Feßmann), ein „psychologisches Kabinettstück“ (FAZ) über die Erzählbarkeit der Ehe und über Liebe als aktive Erinnerungarbeit. (Das Kairo-Kapitel des Romans hat im Frühjahr 2011 eine unerwartete Aktualität im interkulturellen Dialog gewonnen).

Arno Geigers jüngstes Buch Der alte König in seinem Exil (2011) wurde in der Kritik hochgelobt. Das Buch ist vieles zugleich: Autobiographie, Familiengeschichte, Vatererzählung, Dorfchronik und vor allem stark familiär gefärbte Krankheitsgeschichte der Alzheimer-Demenz. Es geht um Geigers 1926 geborenen Vater, bei dem sich 1995 erste Anzeichen der Krankheit zeigten. Als der Vater vorübergehend in ein Pflegeheim musste, begann der Sohn mit dem Schreiben über den Vater und der Aufarbeitung von dessen Lebensgeschichte.

Geigers Buch behandelt das Thema Altern und Demenz auf eine neuartige Weise: nicht diagnostisch wie Jonathan Franzen (Das Gehirn meines Vaters, Die Korrekturen, 2002), nicht als Abrechnung wie Tilman Jens (Demenz: Abschied von meinem Vater, 2009), nicht in der Verpackung einer Fiktion (wie in Martin Suters Roman Small World, 1997), sondern mit Empathie, in einer demütigen Haltung gegenüber der Krankheit, die das Familienleben grundlegend verändert.

Bedeutend ist das König-Buch (das Titelzitat stammt aus Virginia Woolfs To the Lighthouse, 1927) aus mehreren Gründen:

  • es fokussiert das Thema Altern und Gesellschaft (im Jahr 2025 wird sich hierzulande der Anteil der über Achtzigjährigen auf 12 Prozent der Gesamtbevölkerung vervierfacht haben);
  • es bezeugt die Menschenwürde dementer Menschen;
  • es betont ganz ohne Nostalgie und ohne jede Polemik den Zusammenhang von Erinnerung und Heimat;
  • es zeichnet eine exemplarische autobiographische Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts nach und vor allem das Schicksal der Schülersoldatengeneration, zu der sein Vater gehört;
  • es zeugt von großer Sprach- und Dialogkunst, von Präzision der Beobachtung und moralischer Größe.

Würdigung

Geigers Werke, besonders Es geht uns gut, Anna nicht vergessen, Alles über Sally, Der alte König in seinem Exil, sind – so die Begründung der Jury – Zeitromane von hoher gesellschaftspolitischer Relevanz. In ihren Themen kann sich unsere Gesellschaft in der technisch-globalen Moderne erkennen: Es geht um die Freiheit des Willens, um Menschenwürde, um Sprache und Persönlichkeit, um den Umgang mit Krankheit und Altern, um interkulturelle Erfahrungen.

Zugleich zeugen diese Werke von einer Ethik der familialen und sozialen Verantwortung, die sich bewährt, wenn der Charakter stärker wird als die Intelligenz, das Verstehen wichtiger wird als das Wissen. So schreibt Geiger mutige Charakterbücher, die den Leser nach dem Sinn des eigenen Lebens und Alterns fragen lassen. Arno Geigers Erinnerungsromane plädieren für ein kommunikatives Gedächtnis, das die Generationen nicht trennt, sondern zusammenführt und zusammenhält.

Arno Geiger schreibt fern von Epigonentum, mit genuiner sprachästhetischer Gestaltungskraft „über die grundlegenden Dinge, die uns getrieben haben, die Menschen zu werden, die wir sind.“

Michael Braun