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„Es gibt noch viele Tabus, was binationale Paare angeht“

Nancy und Nils mit ihrer Tochter

Nancy Bravo Nuñez und Nils Günter sind ein mexikanisch-deutsches Journalistenpaar aus Hamburg. Sie haben sich im Jahr 2000 in Mexiko kennen gelernt, als Nils bei Nancys Firma, einem TV-Sender, ein Praktikum absolviert hat. Nils war damals noch Student und hat zudem einen Spanisch-Intensivkurs an der Uni in Mexiko besucht.

Was kann die Gesellschaft von binationalen Beziehungen lernen?

NANCY: Es ist meiner Meinung nach immer noch ein Tabu wenn jemand heutzutage ein junges binationales Paar zusammen sieht, das außerdem auch noch heiraten will. Einige Personen dachten damals, als ich hierher kam, dass ich nur wegen des Visums heiraten wollte. Aber ich habe mein Praktikum bei Greenpeace absolviert, habe die Sprache gelernt und habe zusammen mit meinem heutigen Mann gelebt. Wir waren verliebt und haben uns entschieden zu heiraten. Jedoch früher als geplant, denn ohne die richtige Aufenthalts-Erlaubnis waren wir gezwungen uns oft räumlich zu trennen und das wollten wir nicht mehr.

Wir Menschen sind alle gleich, egal welche Hautfarbe, Religion, Sozialstatus, usw. die Leute haben. Hauptsache die Personen verstehen, lieben und respektieren sich. Das ist es, was die Gesellschaft besser akzeptieren könnte.

Wie beeinflusst die Kultur eure Beziehung?

NILS: Ich habe meine Augen geöffnet bekommen durch den Zugang zu einer anderen Kultur. Das ist eine Besonderheit in unserer Beziehung. Vorher hatte ich keinerlei Kontakt zur Latino-Community in Hamburg und wusste nicht mal genau von deren Existenz.

Was ist an eurem Partner „typisch Deutsch" oder „typisch Mexikanisch"?

NANCY: Ich sage, typisch Deutsch ist alles planen zu müssen und nicht spontan sein zu können. Es muss das Gefühl existieren, dass alles sicher ist, zum Beispiel viele Versicherungen für jeden Fall kaufen. Ich habe zudem das Gefühl, dass es ist eine sehr individuelle Gesellschaft ist.
NILS: Typisch mexikanisch ist: Vieles ist schnell ein großes Drama, obwohl es eigentlich Kleinigkeiten sind.

War Religion für euere Beziehung ein Thema?

NANCY: Wir haben verschiedene Religionen, er ist Lutheraner und ich Katholisch. Wir haben eine Ökumenische Hochzeit gehabt! Bis jetzt ist das kein Problem gewesen, da wir an den gleichen Gott glauben. Wir respektieren unsere Meinungen. Wir beide sehen die Religion eher locker. Wir sind offen und müssen nicht jeden Sonntag in die Kirche gehen.

Nancy, war es für dich schwieriger bei gleicher Qualifizierung einen Job zu finden?

NANCY: Ja, der Job ist bis jetzt meiner Meinung nach tatsächlich ein Problem gewesen. Da ich von Null an anfangen musste, ohne Sprachkenntnisse, war es sehr schwierig. Meiner Meinung nach wurde ich plötzlich auf das Thema Sprache reduziert. Meine anderen Fähigkeiten wurden ausgeblendet und auf einmal war ich nur eine Ausländerin. Was es bedeutet, von Null an anfangen zu müssen, interessiert keinen. Ich hatte die Motivation, die Fähigkeiten und einen Beruf. Aber es war nur wichtig die Sprache zu beherrschen.

Obwohl ich meinen Beruf als Journalistin weiter ausüben wollte, war mein erster Job Verkehrszählung in den Hamburger Straßen. Dann habe ich privat Spanisch Unterricht gegeben. Die spanische Sprache war sehr „in“, alle wollten sie lernen oder suchten Muttersprachler. Gleichzeitig habe ich Deutsch gelernt. Am Ende habe ich es geschafft, meine eigene TV-Sendung Puerto Abierto - ein zweisprachiges Latino-Magazin im Fernsehen per Kabel in Hamburg zu produzieren. Leider musste ich wegen meiner Schwangerschaft das Projekt auf Eis legen. Mittlerweile habe ich aber zwei gute Jobs. Mein Traum ist immer noch der Journalismus...

Welche Sprache spricht ihr zu Hause?

NILS: Heute sprechen wir in beiden Sprachen, da wir beide Spanisch und Deutsch können. Wir haben uns auf Spanisch kennen gelernt. Später haben wir einfach gewechselt und dann war unsere Kommunikation immer auf Deutsch.
NANCY: Ja, aber seit unsere Tochter geboren ist, vor fast vier Jahren, reden wir miteinander wieder Spanisch, damit sie mehr von meiner Sprache hört. Das heißt: Meine Tochter und mein Mann reden Deutsch und ich rede nur Spanisch mit ihr. Und zwischen uns dreien reden wir fast immer Spanisch, es sei denn, unsere Tochter ist nicht dabei.

Nancy, warum sprichst du Spanisch mit deiner Tochter?

NANCY: Ich möchte meiner Tochter durch meine Sprache meine Wurzeln weiter geben. Ich kann ihr auf Spanisch vorsingen, was ich als kleines Mädchen gern gehört habe. Ich kann Märchen erzählen, die ich gern gelesen habe. Ich kann meine Sitten und Gebräuche nur durch meine Sprache weiter geben. Anders kann ich mir nicht vorstellen, dass es klappen würde. Außerdem bekommt sie jetzt schon eine zweite Sprache geschenkt, so dass sie mit meiner Familie in Mexiko kommunizieren kann. Das ist mir sehr wichtig.

Wie akzeptieren eure Eltern die Beziehung?

NANCY: Meine Eltern haben mir immer meinen Raum gegeben. Sie respektieren meine Beziehung und sie sind einverstanden mit meiner Ehe. Als ich ihnen sagte, dass ich nach Deutschland zu meinem damaligen Freund (heute Mann) gehe, haben sie mich unterstützt.
NILS: Meine Eltern und meine Familie waren von Beginn an sehr offen und gespannt auf die neue Kultur, die ich nun in die Familie reinbringen würde. Meine Eltern stehen bis heute hinter uns.

Was ist das Positive an einer binationalen Beziehung?

BEIDE: Zwei Sprachen üben zu können! Auch zwei Welten entdecken und andere Perspektiven sehen zu können.

Vielen Dank für das Interview!