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Freiburger Schule

Der Begriff „Freiburger Schule“ besitzt sowohl eine historische als auch eine unverändert aktuelle inhaltliche Bedeutung. Er steht für jene im Nachhinein auch als Ordoliberalismus bezeichnete ordnungstheoretische Tradition, welche der Nationalökonom Walter Eucken gemeinsam mit den damals ebenfalls in Freiburg im Breisgau lehrenden Rechtswissenschaftlern Franz Böhm und Hans Großmann-Doerth in den dreißiger Jahren begründet hat. Alle drei Wissenschaftler beschäftigten sich theoretisch mit dem Verhältnis zwischen Markt und Staat, mit der der Frage nach der Ordnung einer freien Wirtschaft und mit dem Wettbewerb; sie sahen sich dabei der christlichen Moral und der Freiheit verpflichtet. Um Eucken und Böhm gruppierte sich darüber hinaus auch der akademische Widerstand einiger Mitglieder der Freiburger Schule gegen den Nationalsozialismus in den so genannten Freiburger Kreisen.

Neben Eucken, Böhm und Großmann-Doerth zählt man auch deren Schüler und engere Kollegen zur historischen Freiburger Schule, vor allem K. Paul Hensel, Hans Otto Lenel, Adolf Lampe, Friedrich A. Lutz, Karl Friedrich Maier, Fritz W. Meyer, Leonhard Miksch und Bernhard Pfister, zudem Constantin von Dietze. Als enge Verwandte im Geiste werden auch Wilhelm Röpke und Alexander Rüstow auf Seiten des soziologischen Liberalismus gewertet. Zu den späteren Nachkommen und theoretischen Fortentwicklern der Freiburger Schule rechnet man in den Wirtschaftswissenschaften insbesondere Erich Hoppmann, Manfred Streit, Viktor Vanberg und Hans Willgerodt; in den Rechtswissenschaften sind dies Ernst-Joachim Mestmäcker, Wernhard Möschel sowie Ulrich Immenga.

Als Geburtsstunde der Freiburger Schule gilt das Erscheinen des ersten Hefts der von Eucken, Böhm und Großmann-Doerth herausgegebenen Schriftenreihe „Ordnung der Wirtschaft“ im Jahr 1937. Unter der programmatischen Überschrift „Unsere Aufgabe“ erklärten die drei Herausgeber, die Wirtschaftsverfassung sei „als eine Gesamtentscheidung über die Ordnung des nationalen Wirtschaftslebens zu verstehen“ und somit sei auch „die Rechtsordnung als Wirtschaftsverfassung zu begreifen und zu formen“. Man sprach auch von der „Interdependenz der Ordnungen“. Erstmals wurde der Blick vorrangig auf die Regeln gerichtet, innerhalb derer sich ein gedeihliches, ausgewogenes Miteinander der Menschen in Wirtschaft und Gesellschaft ergeben sollte.

Entscheidend war hierbei die Idee einer Wettbewerbsordnung. Von Böhm stammt der emblematische Satz, der Wettbewerb sei das „genialste Entmachtungsinstrument der Geschichte“. Der Wettbewerb wird bewusst als Leistungs- im Gegensatz zum Behinderungswettbewerb verstanden und als „staatliche Veranstaltung“ betrachtet, da er seine Voraussetzungen nicht selbst schaffen und erhalten könne.

Analytisch wie normativ entwickelte sich das Freiburger Programm in der Nachkriegszeit zur konzeptionellen Grundlage der Sozialen Marktwirtschaft, wie sie schließlich von Ludwig Erhard in die politische Praxis umgesetzt wurde. Schlussstein dieser Gestaltungsaufgabe war die Verabschiedung des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen im Jahr 1958.

In seinem Buch „Grundsätze der Wirtschaftspolitik“, das erst 1952 posthum erscheinen konnte, hat Eucken die Vorteilhaftigkeit der Wettbewerbsordnung im Unterschied sowohl zur Zentralverwaltungswirtschaft als auch zum Laissez-faire als Basis einer freiheitlichen, aber wohlgeordneten Marktwirtschaft beschrieben. Es geht darum, einen Ordnungsrahmen zu setzen und zu erhalten, der den Menschen „das Leben nach ethischen Prinzipien ermöglicht“. Eucken wies auch auf den essentiellen Bezug der Ordnung zur Freiheit hin: „Von den Menschen darf nicht gefordert werden, was allein die Wirtschaftsordnung leisten kann: ein harmonisches Verhältnis von Einzelinteresse und Gesamtinteresse herzustellen … Freiheit und Ordnung sind kein Gegensatz. Sie bedingen einander.“

In seinem Buch hielt Eucken auch den bis heute maßgeblichen Kanon von „konstituierenden“ und „regulierenden“ Prinzipien der Wettbewerbsordnung im Geiste der Freiburger Schule fest. Die konstituierenden Prinzipien sind abstrakte Ordnungsregeln von universaler Geltung; sie bestehen aus dem Kernelement eines funktionierenden Preismechanismus’, unterstützt vom „Primat der Währungspolitik“ (Sicherung eines stabilen Geldwerts nach innen wie nach außen), offenen Märkten, gesichertem Privateigentum, Vertragsfreiheit, Haftung und einer „konstanten“, das heißt berechenbaren Wirtschaftspolitik.

Die regulierenden Prinzipien zeigen darüber hinausgehend Ansatzpunkte für eine Wirtschaftspolitik, die innerhalb der allgemeinen Rahmenbedingungen gestaltend in die spontanen Marktergebnisse eingreifen muss, um den konstituierenden Prinzipien tatsächlich Geltung zu verschaffen. Es sind dies die Monopolkontrolle, eine maßvolle Umverteilung von Einkommen, die Korrektur externer Effekte und Mindestlöhne im Fall eines anomalen Arbeitsangebots.

Literaturhinweise

  • Böhm, F. / Eucken, W. / Grossmann-Doerth, H. (1937), Unsere Aufgabe. Vorwort der Herausgeber zu: Lutz, F. A., Das Grundproblem der Geldverfassung, Stuttgart, S. VII-XXI;
  • Eucken, W. (1952), Grundsätze der Wirtschaftspolitik, Tübingen;
  • Horn, K.: Die Soziale Marktwirtschaft, Frankfurt;
  • Goldschmidt, N. / Wohlgemuth, M. (Hrsg.) (2008), Grundtexte zur Freiburger Tradition der Ordnungsökonomik, Tübingen.

Karen Horn