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Gesellschaftliche Grundlagen von Wirtschaftsordnungen

Volkswirtschaften sind geordnete Systeme. Auch in Marktwirtschaften, die per definitionem eine weitgehende Selbstregulierung über den Preismechanismus (Marktmechanismus) als Grundlage besitzen, werden vielfältige Ordnungsprinzipien eingesetzt, die eine koordinierende und verhaltenskanalisierende Wirkung auf die Wirtschaftssubjekte (Nachfrager und Anbieter auf Märkten) entfalten.

Reale Ausgestaltungen von Wirtschaftssystemen erscheinen unter diesem Ordnungsaspekt als Wirtschaftsordnungen. Zugleich sind Wirtschaftssysteme Teil- oder Subsysteme der Gesellschaft, die dem Bereich der Wirtschaft gegenüber ein übergeordnetes System darstellt. So wie die Gesellschaft als Ganzes ist auch das in sie eingebettete Wirtschaftssystem durch eine umfassende Komplexität von Strukturen und Funktionen gekennzeichnet.

Neben ihrem Ordnungscharakter weisen Wirtschaftssysteme einen Ablauf- oder Prozesscharakter auf. Wirtschaftssysteme sind in ihren Strukturen und Funktionen maßgeblich durch Abhängigkeitsverhältnisse zu anderen Teilsystemen (Subsystemen) der Gesellschaft bestimmt. Dazu gehören die Beziehungen zum politischen System, zum sozialen System, zum rechtlichen System und zum kulturellen System. Allerdings ist keine einseitige Abhängigkeit der übrigen Subsysteme vom Wirtschaftssystem und auch keine einseitige Abhängigkeit des Wirtschaftssystems von den übrigen Subsystemen zu unterstellen, sondern es handelt sich um wechselseitige Abhängigkeiten. Der ordoliberale Theoretiker W. Eucken hat für dieses Phänomen den Begriff von der „Interdependenz der Ordnungen“ geprägt, mit dem er die gegenseitige Wechselwirkung der Wirtschaftsordnung mit allen anderen Lebensordnungen zum Ausdruck bringen wollte. Von der Gesamtordnung erwartete Eucken, sie sollte so sein, „dass sie den Menschen das Leben nach ethischen Prinzipien ermöglicht“ (Eucken 1959, S. 132). Zugleich berücksichtigt seine Forderung nach einer „funktionsfähigen und menschenwürdigen Ordnung“ (ebenda, S. 21) für die moderne Wirtschaft die gesellschaftliche Determiniertheit des wirtschaftlichen Subsystems. Die Wirtschaftsordnung wird hier nicht unter dem ausschließlichen Blickwinkel eines sachlich-effizienten Funktionsmechanismus betrachtet, sondern auch unter dem Aspekt ihrer Gestaltbarkeit durch und für den Menschen. Dabei fließen gesellschaftliche Wertvorstellungen sowohl in den Prozess einer bestimmten Wirtschaftsordnung ein als auch in ihre praktische Errichtung und Ausgestaltung. Als geeignete wirtschaftspolitische Instrumentarien erscheinen dabei Ordnungspolitik und Prozesspolitik. Ordnungspolitik legt die Rahmenregeln für das Wirtschaftsgeschehen fest, während Prozesspolitik das Wirtschaftsgeschehen in direkter Weise beeinflusst. Spieltheoretisch ausgedrückt bedeutet dieser Sachverhalt, dass Ordnungspolitik die Spielregeln setzt, während Prozesspolitik die Spielzüge markiert.

Ob spezifische Wirtschaftsordnungen die Fähigkeit besitzen, sich als relativ stabile Systeme zu erhalten, hängt maßgeblich davon ab, in welcher Art und Weise und in welchem Umfang die Interdependenzen zu anderen Subsystemen der Gesellschaft stattfinden. Zugleich sind Interdependenzen ein Gradmesser dafür, dass Wirtschaftsordnungen nicht statisch-unveränderlich sind, sondern in ihrer jeweiligen Ausprägung einer permanenten Dynamik der Entwicklung unterliegen. Den damit verbundenen „Wandel der Ordnungen“ zu erfassen, wird in der modernen Ordnungstheorie mit Hilfe von evolutorischen Ansätzen angestrebt, mit denen z. B. Pfadabhängigkeiten der Entwicklung analysiert werden können. In der „neuen Wirtschaftsgeschichte“ wird der Wandel der Wirtschaftsordnung als Bestandteil eines generellen Wandels der institutionellen Rahmenbedingungen der Gesellschaft begriffen. Insbesondere die Analyse von Handlungsanreizen wird dabei zur Erklärung des Wandels der wirtschaftlichen Entwicklung und ihrer Ordnungsformen herangezogen. Auch in der Forschung über die Transformation von Wirtschaftsordnungen wird dem Umstand Rechnung getragen, dass Veränderungen der Wirtschaftsordnungen in der Regel von Umbrüchen in anderen gesellschaftlichen Subsystemen begleitet werden oder durch diese überhaupt erst möglich sind, wie es das Beispiel des Zusammenbruchs der politischen Systeme in der DDR und den mittel- und osteuropäischen Ländern nach 1989 belegt.

In der Institutionenökonomik werden die gesellschaftlichen Grundlagen von Wirtschaftsordnungen prononciert herausgestellt. Das geschieht durch eine vertiefte Analyse von Institutionen mit der Zielstellung, deren Einfluss auf die Stabilität gesellschaftlicher Ordnungsformen offenzulegen. Indem institutionelle Arrangements menschliches Verhalten durch die Stabilisierung von Erwartungen regulieren, kanalisieren und koordinieren, wirken sie auch auf das Ordnungsgefüge der Wirtschaft zurück. Unter Institutionen sind somit nicht nur und auch nicht in erster Linie Organisationen mit sachlicher und personeller Struktur zu verstehen; zu den Institutionen gehören ganz wesentlich auch Regeln und Regelsysteme für menschliches Verhalten. Formelle Verhaltensregeln sind die Verfassung, die Gesetze, die Wirtschaftsordnung und Verträge. Informelle Verhaltensregeln sind durch die gemeinsame Kultur einschließlich der Sprache und Geschichte sowie der weltanschaulichen Grundorientierungen gegeben. Aber auch Traditionen, gesellschaftliche und individuelle Usancen und Moralvorstellungen sowie Normen zählen zu den Institutionen. Um Regeln und Regelsystemen im wirtschaftlichen Bereich einen verbindlichen Charakter zu verleihen, müssen sie durchsetzbar sein, d. h. mit Sanktionsgewalt ausgestattet werden. Hier zeigt sich deutlich die Wechselwirkung zwischen dem ökonomischen System und dem politischen System (Legislative und Exekutive) sowie dem rechtlichen System (Judikative). Aber auch die enge Verbindung zum vorherrschenden Moralkodex in einer Wirtschaftsgesellschaft wird sichtbar, der nicht direkt im Gesetz verankert sein muss, aber dennoch individuelles Verhalten steuert.

In den letzten Jahren ist eine Renaissance des Denkens in Wirtschaftsstilen zu beobachten. Der Begriff des Wirtschaftsstils, der von A. Spiethoff und W. Sombart eingeführt wurde, hebt von vornherein stärker als die Begriffe der Wirtschaftsordnung und des Wirtschaftssystems auf die gesellschaftliche Fundierung der Wirtschaftsgestaltung ab. Unter einem Wirtschaftsstil ist die tatsächliche Ausprägung eines Systems zu verstehen, die in der Regel so vielgestaltig ist, dass ein tieferes Verständnis nur durch ein interdisziplinäres Forschungsprogramm erreicht werden kann, an dem Ökonomen, Soziologen, Politik- und Kulturwissenschaftler sowie Historiker beteiligt sind. In diesem Zusammenhang bleibt erwähnenswert, dass das deutsche Ordnungskonzept der Sozialen Marktwirtschaft von seinem Begründer A. Müller-Armack als Konzept eines Wirtschaftsstiles entworfen wurde, das diese interdisziplinäre Breite aufweist, wenn neben den Basismerkmalen eines marktwirtschaftlichen Systems gleichberechtigt die Grundwerte der sozialen Gerechtigkeit und des sozialen Ausgleichs verankert sind.

Literaturhinweise

  • Cassel, D. (Hrsg.) (1999), Perspektiven der Systemforschung, Berlin;
  • Eucken, W. (1990/1952), Grundsätze der Wirtschaftspolitik, 6. durchges. Aufl., Tübingen;
  • Schefold, B. (1994), Wirtschaftsstile, Band 1: Studien zum Verhältnis von Ökonomie und Kultur, Frankfurt/ M.

Friedrun Quaas