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Schattenwirtschaft

Eine Volkswirtschaft lässt sich in zwei Bereiche aufteilen: Die offizielle (reguläre) Wirtschaft und die Schattenwirtschaft (inoffizielle, irreguläre Wirtschaft). Die Schattenwirtschaft umfasst alle wirtschaftlichen Aktivitäten, die eine Wertschöpfung darstellen, aber nicht in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) – also auch nicht im offiziell ausgewiesenen National- bzw. Inlandsprodukt – direkt erfasst werden. Die VGR behilft sich, indem sie den offiziell erfassten Aktivitäten einen geschätzten Schattenwirtschafts-Aufschlag zuordnet (Wirtschaftskreislauf, Volkseinkommen, Sozialprodukt).

Die nicht direkt erfassbare Wertschöpfung der Schattenwirtschaft kann man wiederum in zwei Bereiche aufteilen: in eine Wertschöpfung, die nach den Kriterien der VGR gar nicht erfasst werden soll, und in eine Wertschöpfung, die zwar erfasst werden müsste, aber aus verschiedenen Gründen (z. B. Verheimlichung) nicht erfasst wird. Der erste Bereich kennzeichnet die sog. Selbstversorgungswirtschaft, beim zweiten Bereich handelt es sich um die sog. Untergrundwirtschaft. Selbstversorgungsaktivitäten sind z. B. Nachbarschaftshilfe, Haus- und Gartenarbeit, freiwillige unentgeltliche Mitarbeit in privaten Hilfsorganisationen (wie Feuerwehr und Unfallhilfe), persönliche soziale Dienste u. ä. Bei den Aktivitäten im Untergrundbereich handelt es sich u. a. um Schwarzarbeit, Schmuggel, Verlagerung von Einkommen in Steueroasen u. ä. Aus dieser Aufzählung wird bereits deutlich, dass Selbstversorgungsaktivitäten überwiegend legal, Untergrundaktivitäten dagegen überwiegend illegal sind.

Da die Definitionen dessen, was unter Schattenwirtschaft subsumiert wird, national und international nicht einheitlich sind, findet man auch die Abgrenzung, dass die Selbstversorgungswirtschaft (Haushaltsproduktion) sowie gewisse kriminelle Aktivitäten, denen man keine die Wohlfahrt fördernde Wertschöpfung zuerkennt (z. B. Rauschgifthandel, raub- und mordbezogene Aktivitäten) nicht als Schattenwirtschaft behandelt werden. Letztlich hängt die Abgrenzung der Schattenwirtschaft von dem Ziel ab, mit dem man die Erfassung der Schattenwirtschaft begründet.

Die Ursachen der Schattenwirtschaft sind vielfältig. Man kann sie in drei Kategorien einteilen: 1. Ursachen, die in der (wachsenden) Staatstätigkeit begründet sind; 2. Ursachen, die im Strukturwandel von Arbeitsmarkt und Beschäftigungssystem liegen; 3. Ursachen, die vom Wertewandel der Privaten ausgehen.

Was die schattenwirtschaftsrelevanten (wachsenden) Staatsaktivitäten angeht, so stehen hier vor allem das Steuer- und Abgabensystem, das Sozialsystem sowie das staatliche Regulierungssystem im Fokus. Prinzipiell kann man sagen, dass private Wirtschaftssubjekte Transaktionen in die weitgehend abgabe- und regulierungsfreie Schattenwirtschaft verlagern, wenn sie dies in ihrem Arbitragekalkül (Belastungsarbitrage) als vorteilhaft befinden. Sie weichen dann durch Exit-Optionen aus den vom Staat gesetzten institutionellen Arrangements aus.

In Bezug auf die schattenwirtschaftsrelevanten Ursachen des Strukturwandels von Arbeitsmarkt und Beschäftigungssystem ist zu konstatieren, dass hier das Netz von staatlichen und nichtstaatlichen Regulierungen die Hauptrolle spielt. So erzeugt z. B. eine weitgehende Entkoppelung von Lohn und Produktivität durch Flächentarifverträge, die eine genügend große Lohndifferenzierung verhindern, (unfreiwillige) Arbeitslosigkeit, die dann ein Angebotspotenzial für die Schwarzarbeit darstellt. Schattenwirtschaftsfördernd ist zudem eine Reihe von kollektivvertraglichen Regulierungen in Bezug auf Arbeitszeit(verkürzung), Arbeitsschutz, Kündigungsschutz und Sozialplanpflicht bis hin zu manchen Vorschriften in der Gewerbe- und Handwerksordnung, die den Arbeitsmarktzugang bzw. -austritt erschweren. Letztlich ist auch der Ausbau des Sozialsystems prinzipiell schattenwirtschaftsfördernd, wenn z. B. aus dem Bereich von Sozialhilfe und Arbeitslosigkeit ein Angebotspotenzial für die Nebenbeschäftigung in der Schwarzarbeit entsteht.

Hinsichtlich des angesprochenen Wertewandels der Privaten ist vor allem anzumerken, dass die Schattenwirtschaft durch sinkende Steuermentalität (Einstellung der Bürger zur Besteuerung generell) und sinkende Steuermoral (Einstellung gegenüber Steuersündern) ausgeweitet wird. Es gilt dann zu untersuchen, welches die Determinanten des Wandels von Steuermentalität und Steuermoral der Bürger sind.

Wenn man die vielfältigen Ursachen der Schattenwirtschaft im Detail diagnostiziert hat, kann man auch die wirtschaftspolitischen Therapien ableiten. Aus der Ursachenanalyse ist zu schließen, dass es dabei weniger um schärfere Strafen und Verbote gehen kann, sondern um eine stärkere Hinwendung der Wirtschaftspolitik zu markt- und wettbewerbsadäquaten institutionellen Arrangements, die für die Bürger und Unternehmen die Abgaben- und Regulierungslasten legalen Wirtschaftens reduzieren und damit den Anreiz zum Ausweichen in die Schattenwirtschaft möglichst minimieren.

Über die notwendige Intensität und Größenordnung von wirtschaftspolitischen Maßnahmen zum Abbau der Schattenwirtschaft ist zu streiten. Das liegt vor allem daran, dass der Umfang der Schattenwirtschaft z. B. in Deutschland in einer Vielzahl von empirischen Untersuchungen sehr unterschiedlich hoch eingeschätzt wird: Er reicht, mit zeitlichen Schwankungen, von etwa 14 bis 18 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den höchsten Werten bis zu 3 bis 6 % des BIP in den niedrigsten.

Dieser Unterschied ist erheblich, er basiert vor allem auf völlig unterschiedlichen theoretischen Ansätzen zur empirischen Erfassung der Schattenwirtschaft, die alle mehr oder weniger umstritten sind. Neuere Studien, die vornehmlich auf Befragungen basieren – und nicht auf ökonometrischen Schätzverfahren von z. B. (Bar-)Geldnachfragefunktionen, die für die monetäre Abwicklung von Schattenwirtschaftstransaktionen als dominant bedeutsam angesehen werden –, deuten darauf hin, dass die Schattenwirtschaft in Deutschland wohl eher bei 5% als bei 15% des BIP liegt. Daraus folgt, dass die wirtschaftspolitische Brisanz des Phänomens Schattenwirtschaft vermutlich gar nicht so groß ist, wie sie verschiedentlich in Literatur und politischer Öffentlichkeit bisher dargestellt wurde.

Will der Staat mithin die Schattenwirtschaft eindämmen, so ist es weniger sinnvoll, dies durch allzu strenge Verbote, Kontrollen und Bestrafungen von Schattenaktivitäten zu versuchen. Vielmehr sollte der Staat die Ursachen des Ausweichens in die Schattenwirtschaft – nämlich die zu hohen Kosten (auch Zeitkosten) legalen Wirtschaftens, bedingt durch zu hohe Abgaben und zu strikte Regulierungen –, beseitigen. Letzten Endes bedeutet dies, dass der Staat seine Ansprüche an die Bürger zurücknimmt. Dies würde dann dazu führen, dass die Wirtschaftsbürger einen Anreiz haben, ihre schattenwirtschaftlichen Aktivitäten – wenigstens zum Teil – freiwillig in den offiziellen Bereich zurückzuverlagern. Schrumpft auf diese Weise die Schattenwirtschaft, so stärkt dies die Funktionsfähigkeit der Sozialen Marktwirtschaft.

Literaturhinweise

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  • Petersen, H.-G., U. Thießen, P. Wohlleben (2010), Shadow Economy, Tax Evasion, and Transfer Fraud – Definition, Measurement, and Data Problems, International Economic Journal, Vol. 24, No. 4, S. 421-441;
  • Petersen, H.-G. (1984), Ursachen und Konsequenzen einer wachsenden Schattenwirtschaft, in: Koch, W. A. S., H.-G. Petersen (Hrsg.): Staat, Steuern und Finanzausgleich. Probleme nationaler und internationaler Finanzwirtschaften im zeitlichen Wandel, Berlin, S. 111-153;
  • Schäfer, W. (2008), Schattenwirtschaft und Korruption, in: Petersen, H.-G., S. Gelaschwilli (Hrsg.): Nachhaltige Finanz- und Sozialpolitik in Georgien, Potsdam, S. 273-289;
  • Schäfer, W. (2006), Schattenwirtschaft, Äquivalenzprinzip und Wirtschaftspolitik, in: Enste, D. H., F. Schneider (Hrsg.): Jahrbuch Schattenwirtschaft 2006/2007, Wien, Berlin, S. 165-182;
  • Schneider, F. (2007), The Economics of the Hidden Economy, Vol. I and II, Cheltenham.

Wolf Schäfer