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Soziale Marktwirtschaft: Soziale Irenik

Die Idee der sozialen Irenik geht zurück auf Alfred Müller-Armack. Im Allgemeinen ist mit Irenik die Lehre vom Frieden gemeint, wobei der Begriff am griechischen Wort eirene (Frieden) bzw. an dem Namen der griechischen Friedensgöttin Eirene, Tochter des Zeus, angelehnt ist.

Im speziellen Bezug ist der Begriff der sozialen Irenik von Müller-Armack in doppelter Bedeutung benutzt worden. Erstens zeigte er damit die Möglichkeit einer die Weltanschauungen verbindenden Sozialidee auf, zweitens ist der Begriff der sozialen Irenik direkt verbunden mit der gesellschaftlichen Dimension des Charakters der Wirtschaftsordnung der Sozialen Marktwirtschaft.

Im Mittelpunkt der zuerst genannten Bezugsebene steht die Frage, wie in unterschiedlichen sozialtheoretischen Ansätzen auch im Falle vorhandener Gegensätzlichkeiten die Gestaltung der Sozialordnung als eine gemeinschaftliche Aufgabe begriffen werden kann. Exemplarisch hat Müller- Armack diese Idee auf die geistige Situation der westeuropäischen Welt nach dem Zweiten Weltkrieg angewendet, wenn er im Katholizismus (Katholische Soziallehre), Protestantismus (Evangelische Sozialethik), Sozialismus und Liberalismus die führenden weltanschaulichen Positionen sah und zugleich prognostizierte, dass wohl keine von ihnen in absehbarer Zeit verdrängt werden könne, aber auch keine die alleinige Herrschaft erlangen würde.

Die Idee der sozialen Irenik gibt eine Empfehlung für den Umgang mit dieser Tatsache des unvermeidlichen Nebeneinanders unterschiedlicher weltanschaulicher Positionen. Dabei geht es nicht um eine Verwischung vorhandener Gegensätze, sondern um ihre Vermittlung oder Versöhnung unter der Bedingung, dass diese „das Faktum der Gespaltenheit als gegeben nimmt, aber ihm gegenüber die Bemühung um eine gemeinsame Einheit nicht preisgibt“ (Müller-Armack 1950, S. 563).

In diesem Zusammenhang hat Müller-Armack jeden Versuch, andere als die eigenen weltanschaulichen Positionen einfach wegdiskutieren zu wollen, als „falsche Irenik“ bezeichnet. Nur bei Anerkennung der gleichberechtigten Koexistenz verschiedener geistiger Standorte und weltanschaulicher Positionen sei Irenik als Lösungsweg erfolgversprechend anwendbar. Dabei stehe jede Gruppe von Weltanschauungen vor der Aufgabe, ihre eigene Isolierung zu überwinden, indem sie das Anliegen und den Standpunkt anderer in das eigene Denken einbeziehe. Müller-Armack war also weder der Auffassung, dass die jeweils spezifischen Positionen vollständig aufgegeben werden müssten, noch dass im irenischen Prozess der Versöhnung der Positionen alle Antagonismen (Gegensätze) überwunden werden könnten.

Wenn allerdings der Versuch, das übergreifend Gemeinsame in an sich trennenden Weltanschauungen zu finden, nicht als Utopie scheitern soll, so ist zu beachten, dass dieses Gemeinsame kaum in einer konkreten Sozialordnung, sondern am ehesten in einer abstrakten sittlichen Idee des Sozialen zu finden ist. Eine solche abstrakt-allgemeine Idee des Sozialen könnte ein hohes Maß an Zustimmungsfähigkeit dadurch erlangen, dass sie Wertvorstellungen umfasst, die konsensfähig sind.

In Demokratien liegen derartige Werte insbesondere mit der Anerkennung von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit als Grundwerte vor. Genau diese beiden Werte sind es auch, die die Basis im Konzept der Sozialen Marktwirtschaft bilden. Marktwirtschaftliche Effizienz und sozialen Ausgleich so miteinander zu verbinden, dass in der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik beide Wertorientierungen in ausreichender Qualität und Quantität berücksichtigt werden, verlangt zum einen, in vielfacher Perspektive denken zu können und zum anderen auch in der Lage zu sein, die vorhandenen Alternativen gegeneinander abzuwägen. Müller-Armack selbst hat genau dies getan, als er sein Konzept der Sozialen Marktwirtschaft in Abgrenzung zu anderen wirtschafts- und gesellschaftstheoretischen Ansätzen und Praktiken entwickelte. Insofern ist dieses Konzept selbst ein Beispiel für eine sozial-irenische Herangehensweise. Es ist sowohl eine eigenständige weltanschauungsübergreifende Sozialidee als auch ein integrativer, offener Stilgedanke zur Humanisierung der Gesellschaft durch soziale Strukturen, die auf Ausgleich und irenische Vermittlung von Konflikten ausgerichtet sind.

Zugleich wird die Soziale Marktwirtschaft als Gesellschaftskonzeption dadurch ein besonders prägnantes Beispiel für einen realitätsbezogenen wissenschaftlichen Ansatz, der sich dadurch auszeichnet, dass ökonomische Theorie auf die gesellschaftlichen Notwendigkeiten und Forderungen bezogen und angewandt wird. Das entsprechende Instrument ist Ordnungspolitik, mit deren Hilfe die Freiheit des Marktes so kanalisiert werden kann, dass soziale Kooperationsgewinne, also Gewinne für alle Beteiligten, entstehen. Die angeblich unversöhnlichen Werte der Freiheit und der Gerechtigkeit können also potenziell auf eine spezifische Weise ausgesöhnt werden, ohne dass es dabei um einen Kompromiss gehen müsste, bei dem der eine gewinnt, was der andere verliert, sondern bei der es zu gesellschaftlichen Win-Win- Situationen kommen kann.

Müller-Armack hatte diesbezüglich insbesondere die Sozialgestaltung der Einkommensbildung sowie Infrastruktur- und Umweltinvestitionen für wichtig erachtet, um den Wohlstand breitester Schichten der Bevölkerung zu gewährleisten. Auch das Ringen um eine sozial verträgliche Gestaltung der Betriebsverfassung (Mitbestimmung) galt ihm als Beispiel für irenisches Vorgehen in der Wirtschaft. Unter dem ethischen Blickwinkel des Strebens nach sozialer Friedfertigkeit hat Müller-Armack die Soziale Marktwirtschaft eine „irenische Formel“ genannt, „die versucht, die Ideale der Gerechtigkeit, der Freiheit und des wirtschaftlichen Wachstums in ein vernünftiges Gleichgewicht zu bringen“ (Müller-Armack 1969, S. 131). Zugleich erscheint sie als der Versuch, dem Gemeinwohl dienende Ziele des öffentlichen Lebens auf der Basis einer stabilen Ordnung zu erreichen und auftretende Zielkonflikte in der Wirtschaftspolitik auf friedlichem Wege zu lösen.

Literaturhinweise:

  • Müller-Armack, A. (1950), Soziale Irenik, Wiederabdruck in: Ders., Religion und Wirtschaft. Geistesgeschichtliche Hintergründe unserer europäischen Lebensform, 3. Aufl., 1981, Bern, Stuttgart, S. 559-578;
  • Ders. (1969), Der Moralist und der Ökonom. Zur Frage der Humanisierung der Wirtschaft, in: Ders., Genealogie der Sozialen Marktwirtschaft. Frühschriften und weiterführende Konzepte, 2. erw. Aufl., 1981, Bern, Stuttgart, S. 123-140;
  • Ders. (1973), Der humane Gehalt der Sozialen Marktwirtschaft, ebd., S. 167-175.

Friedrun Quaas