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Wirtschaftsethik

Wirtschaftsethik befasst sich mit der Frage, wie moralische Normen und Ideale unter den modernen Bedingungen einer eher internationalen, wettbewerblich verfassten Marktwirtschaft zur Geltung gebracht werden können. Dabei zeigt sich, dass die in der Wirtschaftsethik primär behandelten Probleme wie Umweltverschmutzung, Korruption, Arbeitslosigkeit oder Armut nicht lösbar sind, ohne über den „Bereich Wirtschaft“ hinauszugehen. Daher erweitern neuere Ansätze den Begriff, indem sie Wirtschaftsethik als ökonomische Theorie der Moral auffassen und hierbei ein methodisches Verständnis von Ökonomik als allgemeiner (Rational Choice-) Analyse gesellschaftlicher Interaktionen und Institutionen zugrunde legen.

Das Grundproblem der Wirtschaftsethik besteht darin, dass moralisch motivierte Vor- und Mehrleistungen Einzelner – Individuen oder Unternehmen – im Wettbewerb zu gravierenden Nachteilen bis hin zum Ausscheiden aus dem Markt führen können, so dass es zu Nutzeneinbußen kommt, sofern den erhöhten Kosten keine kompensierenden Vorteile gegenüberstehen. Unter Konkurrenzbedingungen sieht es daher oft so aus, als stünden Moral und Eigeninteresse in einem dualistischen Gegensatz zueinander.

Eine solche Wahrnehmung des Problems legt es nahe, eine moralische Domestizierung eigeninteressierten Handelns zu fordern. In diesem Argumentationsmuster setzen Diagnose und Therapie letztlich beim „Wollen“ wirtschaftlicher Akteure an: Als Urasche der Übel werden Werteverfall, Egoismus und Profitgier angesehen; zur Lösung werden Bewusstseinswandel und Umkehr empfohlen. Im Zentrum stehen hier die – vermeintlich zu korrigierenden – Präferenzen der Menschen.

Die Alternative hierzu besteht darin, nicht auf das „Wollen“, sondern auf das „Können“ der Akteure zuzuschreiten. Im Zentrum stehen dann nicht die Präferenzen der Akteure, sondern die Restriktionen ihres Handelns: die wettbewerblichen Anreize, die einen daran hindern, sich moralisch zu verhalten, selbst wenn man es will.

Diese alternative Wahrnehmung des Problems hat eine lange Tradition. Sie kann sich auf Adam Smith berufen, der als Moralphilosoph die Ökonomik als wissenschaftliche Disziplin begründet hat. Zentral hierfür war seine Einsicht in die wettbewerbliche Entkopplung von Handlungsmotiven und Handlungsergebnissen. Die klassische Formulierung hierfür lautet: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen.“ Oder anders: Der Wohlstand aller hängt nicht vom Wohl-Wollen der Einzelnen ab.

Aus dieser Perspektive kommt es nicht so sehr auf die Motivation des Handelns an, also nicht darauf, wie stark das Eigeninteresse der Akteure ist, sondern vielmehr darauf, wie sozialverträglich dieses Eigeninteresse kanalisiert wird: inwiefern es gesellschaftlich in Dienst genommen wird. Unterscheidet man zwischen der Rahmenordnung des Handelns und den Handlungen innerhalb der Rahmenordnung – oder in der Sprache des Sports: zwischen Spielregeln und Spielzügen –, so wird dies sofort verständlich. Wenn wirtschaftliche Akteure ihre wettbewerblichen Spielzüge am Gewinnziel orientieren, dann hängt es von den Spielregeln ab, ob die Verfolgung des eigenen Interesses zu Lasten oder zu Gunsten Dritter erfolgt. Deshalb lautet die grundlegende These der Wirtschaftsethik: Unter modernen Wettbewerbsbedingungen avanciert die institutionelle Rahmenordnung zum systematischen Ort der Moral.

Die starke Betonung von Regeln, die für alle Konkurrenten gleichermaßen verbindlich sind, hat ihren Grund darin, dass es darauf ankommt, moralische Leistungen mindestens wettbewerbsneutral, d. h. nicht zu einem Nachteil im Wettbewerb, werden zu lassen. Nur so kann moralisches Verhalten Einzelner vor der Ausbeutung durch Konkurrenten geschützt werden. Zu diesen Regeln oder Institutionen, die es zuallererst ermöglichen, dass grundsätzlich jeder von den Vorteilen des Wettbewerbs profitieren kann, gehören z. B. Eigentumsrechte, die Sicherung der Vertragsfreiheit, Institutionen zur besseren Durchsetzung von Verträgen, Kartellgesetze, Haftungsregeln etc. Da moralisch unerwünschte Zustände nicht auf moralische Defekte der Akteure, sondern auf Funktionsdefizite der Ordnung zurückgeführt werden, müssen angestrebte Veränderungen bei einer Reform dieser Ordnung und ihrer Anreizwirkungen ansetzen. Insofern kann man die ökonomische Ethik auch als Ordnungsethik oder Anreizethik kennzeichnen.

Mit einer solchen Konzeption von Wirtschaftsethik wird den Veränderungen Rechnung getragen, die mit der funktionalen Differenzierung in gesellschaftliche Subsysteme evolutionär entstanden sind. Die alte „Hauswirtschaft“ wird zu einer modernen „Volkswirtschaft“ und heute zu einer „Weltwirtschaft“. Sie ist gekennzeichnet durch tiefe Arbeitsteilung, anonyme Austauschprozesse, lange Produktionswege unter Beteiligung vieler Akteure, wachsende Interdependenzen und hohe Komplexität. Das Resultat einer modernen Wirtschaft hat daher kein Einzelner, kein Unternehmen und kein Staat in der Hand; folglich ist dafür auch kein Einzelner (allein) verantwortlich (zu machen).

Hieraus resultiert als zentrales Problem der modernen Wirtschaft und Gesellschaft die soziale Kontrolle von Handlungen. In kleinen, überschaubaren Gruppen ist die informelle Kontrolle durch Lob und Tadel im täglichen Umgang möglich und vielfach auch tatsächlich ausreichend, um moralischen Normen Geltung zu verschaffen. In großen anonymen Gruppen wie der heutigen Weltgesellschaft ist der Beitrag des Verhaltens Einzelner jedoch kaum bzw. nur unter hohen Kosten kontrollierbar. Daher muss das System der – grundsätzlich unverzichtbaren – Kontrolle umgestellt werden: Die Kontrolle muss in der modernen Gesellschaft prinzipiell als Selbstkontrolle erfolgen – im eigenen Interesse, das durch institutionelle Anreize sozialverträglich kanalisiert wird. In dieser Umstellung sozialer Kontrolle liegen große Potenziale für individuelle Autonomie und Emanzipation, aber auch für gesellschaftliche Produktivität und Zivilisation.

Aus diesen Überlegungen folgt die generelle Anforderung an die Wirtschaftsethik, alternative Ordnungsregeln daraufhin zu prüfen, inwiefern sie geeignet sind, moralische Normen und Ideale unter Wettbewerbsbedingungen zur Geltung zu bringen. In dieser Hinsicht sind individuelle und kollektive Selbstbindungen besonders interessant, denn sie erzeugen jene Verlässlichkeit wechselseitiger Verhaltenserwartungen, die für eine produktive Zusammenarbeit erforderlich sind. Solche Regeln können nur dann Verbindlichkeit erlangen, wenn der Einzelne (hinreichend) sicher sein kann, dass die anderen sich ebenfalls an die Regeln halten. Das aber ist nur zu erwarten, wenn die Regelbefolgung aller den Interessen jedes Einzelnen mehr dient als die Defektion (Verletzung der Regeln) und daher die Durchsetzung von Regeln allgemein zustimmungsfähig wird: Regeln müssen selbstdurchsetzend sein oder gemacht werden.

Dieser Prozess der Regeletablierung kann in modernen Gesellschaften aufgrund der wachsenden Komplexität insbesondere bei grenzüberschreitenden Problemen nicht mehr ausschließlich dem Nationalstaat überlassen werden. Politische Strukturen, welche die Partizipation nicht-staatlicher Akteure ermöglichen, sind allerdings erst im Entstehen begriffen. Doch wächst Unternehmen als „Corporate Citizens“ ebenso wie zivilgesellschaftlichen Organisationen eine zunehmende Ordnungsverantwortung für institutionelle Rahmenbedingungen zu, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene. Deshalb werden sich alternative Entwürfe zur Wirtschaftsethik daran messen lassen müssen, welchen Beitrag sie leisten können, um Dialog- und Lernprozesse zwischen den Akteuren konstruktiv anzuleiten. Letzten Endes müssen wir auch auf der Weltebene gemeinsam darüber entscheiden, nach welchen Regeln wir spielen wollen.

Literaturhinweise:

  • Homann, K. (1994/ 2002), Ethik und Ökonomik: Zur Theoriestrategie der Wirtschaftsethik, in: Homann, K./ Lütge, C. (Hrsg.), Vorteile und Anreize, Tübingen, S. 45-66;
  • Ders. (2001/ 2002), Ökonomik: Fortsetzung der Ethik mit anderen Mitteln, in: Homann, K./ Lütge, C. (Hrsg.), Vorteile und Anreize, Tübingen, S. 243-266;
  • Ders./ Suchanek, A. (2000), Ökonomik: Eine Einführung, Tübingen;
  • Smith, A. (1776/ 1994), An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, edited, with an introduction, notes, marginal summary, and enlarged index by E. Cannan, New York, Toronto;
  • Suchanek, A. (2001), Ökonomische Ethik, Tübingen.

Ingo Pies
Alexandra von Winning