Mindestlöhne helfen den „Working Poor“?

„In Deutschland sind immer mehr Menschen auf staatliche Hilfe angewiesen, obwohl sie arbeiten gehen. Das ist ungerecht – Wir brauchen einen Mindestlohn, denn jeder sollte von seiner Arbeit leben können!“

Richtig ist:

Die Globalisierung führt dazu, dass in Deutschland die Nachfrage nach vor allem geringer qualifizierten Arbeitnehmern sinkt. Ihre Arbeitskraft kann in anderen Ländern (deutlich) günstiger angeboten werden. Um einer hohen Arbeitslosigkeit in den betroffenen Sektoren vorzubeugen, muss sich das deutsche Lohnniveau entsprechend anpassen. Das Problem jedoch ist, dass dieses Lohnniveau in Deutschland nicht zum Leben reicht. Unsere Preise sind deutlich höher, als zum Beispiel im osteuropäischen Ausland. Den betroffenen Arbeitnehmern wird daher ihr Lohneinkommen durch staatliche Transferleistungen aufgestockt. Weil sie trotz eines Arbeitsplatzes auf staatliche Hilfe angewiesen sind, werden sie in der Debatte oft als „Working-Poor“-Arbeitnehmer bezeichnet. Ihre Anzahl steigt seit Jahren an und steht im starken Kontrast zu den exzessiven Lohn- und Bonuszahlungen anderer Branchen, die immer wieder durch die Medien bekannt werden. Es ist daher verständlich, dass die Forderung nach einem „gerechten“ Lohn für alle immer wieder laut wird.

„Man muss von seiner Arbeit leben können!“ – Aus diesem Grund wird oft ein Mindestlohn eingefordert. Der Staat soll einen gerechten Lohn gesetzlich garantieren und dadurch Armut wirksam bekämpfen.

Aber:

Grundsätzlich ist nur ein sehr geringer Anteil von dieser sogenannten Erwerbsarmut betroffen. Zwar steigt die Anzahl der „Working Poor“-Arbeitnehmer formal seit einigen Jahren an – die meisten unter Ihnen arbeiten jedoch nur Teilzeit oder haben einen Minijob. Der Anteil der „Working Poor“, der trotz einer 40-Stunden-Woche auf staatliche Hilfe angewiesen ist, ist gering und sinkt seit 2007 kontinuierlich.

Trotzdem bleibt es natürlich ein gut nachvollziehbares Ziel, diesen Menschen helfen zu wollen. Wir müssen uns also fragen: Können Mindestlöhne prinzipiell die Situation dieser Arbeitnehmer verbessern?

Um diesem Ziel gerecht zu werden, muss sich die Höhe des Mindestlohns am Auskommen der Arbeitnehmer orientieren. Die Politik muss also festlegen, wie viel ein Arbeitnehmer zum Leben braucht – wann er also nicht mehr „arm“ ist. Kommt sie also zu dem Schluss, für Miete, Essen, vielleicht ein Auto und Freizeitaktivitäten benötigt man in Deutschland rund 1000 Euro, käme sie auf einen Mindestlohn von etwa neun Euro.

Ein Mindestlohn in dieser Höhe hätte Folgen für den Arbeitsmarkt. Manche Jobs könnten wegfallen, manche könnten ins Ausland verlagert, manche in den Schwarzmarkt verschoben werden. Besonders schwerwiegend ist, dass vor allem diejenigen von Arbeitslosigkeit bedroht wären, denen man eigentlich helfen möchte: geringer Qualifizierten.

Im Moment wird ihnen durch die Aufstocker-Regelung die Teilhabe am Arbeitsmarkt erleichtert – und sie ist es, die meist der Schlüssel zu gesellschaftlichem Anschluss, Selbstwertgefühl und letztlich auch sozialen Aufstiegschancen ist. Diesen so wichtigen Einstieg in den Arbeitsmarkt könnte man geringer Qualifizierten durch einen Mindestlohn erschweren – ohne ihre finanzielle Situation wesentlich zu verbessern. Denn in seiner Höhe bliebe ihr Einkommen gleich – lediglich die Bezugsquelle würde sich ändern: der Arbeitgeber anstelle des Staates.

Fakten
  • Nur 1% aller Erwerbstätigen ist trotz einer Vollzeittätigkeit auf Arbeitslosengeld-II angewiesen.
  • Die Anzahl der erwerbstätigen Arbeitslosengeld-II-Bezieher betrug im Jahr 2010 rund 1,4 Millionen. Das sind circa 160.000 mehr als noch im Jahr 2007. (Bundesagentur für Arbeit)
  • Allerdings ist die Anzahl der Vollzeit arbeitende Aufstocker im gleichen Zeitraum gesunken. Waren es 2007 noch 340.000, sind es 2009 „nur noch“ knapp 290.000 gewesen. (Bundesagentur für Arbeit)
  • Die Anzahl der aufstockenden Teilzeitbeschäftigten ist im Gegensatz dazu gestiegen. 2009 waren es mit 880.000 Teilzeitbeschäftigten bereits gut 130.000 mehr als noch im Jahr 2007. Einen wachsenden Anteil unter ihnen machen dabei die geringfügig Beschäftigten aus. (Bundesagentur für Arbeit)