Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Soziale Marktwirtschaft

Sozialkapital

Funktionierende Märkte entstehen nicht von selbst. Eine Marktwirtschaft ist keine Naturerscheinung, sondern ein Kulturprodukt. Damit ist zweierlei gemeint: Zuerst benötigt eine Marktwirtschaft einen rechtlichen Rahmen, eine Wirtschaftsverfassung mit Institutionen und Rechtsregeln (formelle Institutionen/Bindungen). Zusätzlich setzt eine marktwirtschaftliche Ordnung aber auch nicht-rechtliche Bindungen voraus, Verhaltensweisen zwischen den einzelnen Personen, die auf Vertrauen aufbauen und verläßlich eingehalten werden (informelle Institutionen/Bindungen). Man stelle sich eine Situation vor, in der Vertrags- und Vertrauensbrüche allgegenwärtig sind und die Normen der Wirtschaftsverfassung und des zwischenmenschlichen Verhaltens ständig nur mit hohen Aufwendungen von finanziellen Mitteln und Nerven (Transaktionskosten) durchgesetzt werden müssen. Ohne ‚schwache‘ Bindungen wären die ‚starken‘ Bindungen des Rechts schnell überfordert.

Im Konzept der Sozialen Marktwirtschaft wird die Notwendigkeit formeller und informeller Bindungen von jeher unterstrichen. Die ordnungsökonomische Einsicht, dass Marktwirtschaften nicht im institutionellen Vakuum untersucht werden können, umfaßt beides: So wird betont, dass die Wirtschaftsordnung eine „rechtsschöpferische Leistung“ (Böhm, Franz) und durch Ordnungspolitik zu gestalten ist. Darüber hinaus wird die Bedeutung von „geschichtlichen Bindungskräften“ (Müller-Armack, Alfred) hervorgehoben. Diese wirken nur informell aufgrund der gegenseitigen Akzeptanz zwischen den Personen, sie sind aber gleichwohl für eine Marktwirtschaft unerläßlich. Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft betrachtet damit jene gesellschaftlichen Grundlagen von Wirtschaftsordnungen, die durch die „Soziologieblindheit“ (Röpke, Wilhelm) der Ökonomie bisweilen übersehen werden (Marktmechanismus, Soziale Marktwirtschaft: Menschenbild). Es darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden, dass die ‚Väter‘ der Sozialen Marktwirtschaft ihre Neufassung des Liberalismus als „soziologischen Neoliberalismus“ bezeichnet haben.

In neuerer Zeit wurde der institutionelle Rahmen von Marktwirtschaften von der Institutionenökonomik untersucht. Diese betrachtet vor allem die formellen Institutionen des Rechts. Die Berücksichtigung informeller Institutionen geschieht neuerdings mit einem Begriff, der ursprünglich aus der Soziologie (und Politologie) stammt: Sozialkapital.

Mit dem Begriff Sozialkapital wird aus ökonomischer Sicht nahegelegt, dass es sich dabei um einen Produktionsfaktor (Produktion und Angebot) handelt, der für eine Wertschöpfung erforderlich ist. Es sind Investitionen in dieses Kapital notwendig, um einen langfristig nutzbaren Kapitalstock aufzubauen und Re-Investitionen, um die ständige Entwertung des Kapitalstocks auszugleichen. Bei dieser allgemeinen Beschreibung bleibt aber fraglich, 1.) wie und woraus der Kapitalstock gebildet wird und 2.) welches die Wertschöpfung ist.

Die erste Frage kann man auf zwei Arten beantworten: Man kann erstens mit dem Begriff Sozialkapital die Lücke füllen zwischen isoliertem Individuum und Gesellschaft, zwischen Wirtschaftssubjekt und Gesamtwirtschaft. In diesem Fall wird der Wert von Beziehungsnetzwerken betont. Diese halten eine Gesellschaft als „sozialer Kitt“ zusammen. Nur in solchen Netzwerken kann in Sozialkapital investiert werden. Neben dieser strukturellen Betrachtungsweise kann auch gefragt werden, woraus Sozialkapital besteht. Aus diesem Blickwinkel wird Vertrauen betont. Entscheidend ist dabei, dass Vertrauen zwar in sozialen Netzwerken entsteht, aber nicht auf dessen Mitglieder beschränkt ist. Sozialkapital ist generalisiertes Vertrauen, also die allgemein geteilte Erwartung, in Kooperationsbeziehungen nicht ausgebeutet zu werden.

Damit ist auch eine Antwort auf die zweite Frage möglich: Sozialkapital ermöglicht die Realisation jener Kooperationsgewinne, die in einer Marktwirtschaft angestrebt werden. Generalisiertes Vertrauen ermöglicht anonyme Marktbeziehungen, Arbeitsteilung und Tauschbeziehungen auch zwischen Fremden – ohne jedes Mal die Gesetzbücher zu studieren oder fingerdicke Vertragswerke aufzusetzen. Allerdings ist die Wirkung von Sozialkapital nicht auf die Wirtschaftsordnung beschränkt. Im Zusammenhang mit der Beschreibung des Sozialkapitals durch soziale Netzwerke wird die Bedeutung von freiwilligen Vereinigungen zur Verfolgung gemeinsamer Zwecke aller Art hervorgehoben. Solche freiwilligen Assoziationen und das dort gebildete Sozialkapital werden als Voraussetzung einer funktionsfähigen demokratischen Staatsordnung angesehen (Zivilgesellschaft).

Aufgrund seiner Bedeutung für eine funktionsfähige wirtschaftliche und politische Ordnung spielt Sozialkapital eine wichtige Rolle in der Entwicklungs- und Transformationsökonomik sowie in der Politik internationaler Organisationen, namentlich der Weltbank. Betrachten wir deshalb abschließend, welche wirtschaftspolitischen Schlüsse aus der aktuellen Diskussion über das Sozialkapital gezogen werden können: Für die Wirtschaftspolitik in einer marktwirtschaftlichen Ordnung ist die Einsicht zentral, dass die Politik Wohlstand nicht direkt produzieren kann. Wirtschaftspolitik kann lediglich die Voraussetzungen für Wohlstand schaffen – eben den institutionellen Rahmen setzen. Die Untersuchung des Sozialkapitals macht aber deutlich, dass auch bestimmte Voraussetzungen nicht direkt staatlich hergestellt werden können. Dies steht in einem gewissen Gegensatz zum Optimismus mancher ‚Väter‘ der Sozialen Marktwirtschaft, die davon ausgegangen sind, dass der erforderliche „soziale Kitt“ durch Gesellschaftspolitik unmittelbar mit geschaffen werden könnte.

Literaturhinweise:

  • Coleman, J. (1991), Grundlagen der Sozialtheorie, Bd. 1-3. München: Oldenbourg;
  • Dasgupta, P./Serageldin, I. (Hrsg.) (1999), Social Capital: A Multifaceted Perspective, Washington, D.C.: The World Bank;
  • Putnam, R.D. (Hrsg.) (2001), Gesellschaft und Gemeinsinn: Sozialkapital im internationalen Vergleich, Gütersloh: Bertelsmann Stiftung;
  • ders. (1993), Making Democracy Work, Princeton: University Press;
  • Okruch, S. (2010), Ordnungsökonomik und Soziologie – zwischen „soziologischem Neoliberalismus“ und „Soziologieblindheit“, in: Beckmann, Klaus / Müller, Christian / Röpke, Katrin (Hrsg.), Politikberatung für Marktwirtschaft in Transformationsstaaten: Grundlagen, Visionen und Anwendungen, Frankfurt am Main: Peter Lang, S. 35-54.

Stefan Okruch