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Giersch, Herbert

geb. am 11. Mai 1921, gest. am 22. Juli 2010

Parlamentarischer Rat Westbindung Soziale Marktwirtschaft Bilaterale Beziehungen Europapolitik Wiedervereinigung


Jeder, der kompetent in Freiheit lehren und forschen dürfe, habe eine Bringschuld gegenüber der Gesellschaft, hat Herbert Giersch einmal gesagt. Zutiefst geprägt vom Trauma der Weltwirtschaftskrise, kam er einst zur Ökonomie, weil es doch so etwas geben müsse wie einen „Wirtschaftsdoktor“. Ihn trieb die Furcht um, ein ähnlich dramatisches Abrutschen der Wirtschaft wie damals könne sich durchaus wieder ereignen. Auch das Thema Deflation war für ihn nie erledigt. Für ihn war die Ökonomie kein Glasperlenspiel, ihm ging es um praktische Relevanz. Dazu gehörte auch, den Horizont des eigenen Denkens über das rein Wirtschaftliche hinaus zu öffnen und es mit philosophischen, moralischen und historischen Fragen eng zu verknüpfen. Sich zur Freiheit und zur Offenheit der Welt zu bekennen, war für den sorgenvollen Optimisten selbstverständlich. Herbert Giersch ließ sich keiner Schule zuordnen. Als Liberaler, der dennoch offen war für kollektive Steuerungsversuche im Geiste des Keynesianismus, hatte er einen eigenständigen, abhängig von der empirischen Realität im Detail auch wandlungsfähigen Standpunkt. Als überzeugter Marktwirtschaftler war er normativ beherzt, aber nie dogmatisch. Als kreativer Vordenker und wortgewandter Politikberater, vor allem im Rahmen des 1963 gegründeten Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, war Giersch einer der theoretisch und praktisch einflussreichsten deutschen Ökonomen der Nachkriegszeit. Gegen Ende seines Lebens musste er wieder eine globale Wirtschaftskrise erleben; begleitet von einer besser abgestimmten Politik blieb sie aber von minderer Härte und Dauer als in den dreißiger Jahren.

In der Frühphase seines Schaffens widmet sich der gebürtige Schlesier vor allem der Regionalökonomik, der Theorie der Außenwirtschaft sowie verschiedenen Fragen der wirtschaftlichen Integration. Seine große Zeit ist gekommen, als 1963 der Sachverständigenrat gegründet wird und im Zuge der Rezession von 1967 auf Grundlage des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes die Ära der Globalsteuerung anbricht – also die Zeit einer keynesianisch inspirierten Nachfragepolitik, deren Ziel es ist, mit staatlichen Mehrausgaben die Wirtschaft auf Wachstumskurs zu halten, ohne sich freilich dafür Inflation einzuhandeln. Als Mitglied des Sachverständigenrats, den er in Paradigma und Diktion nachhaltig prägt, steuert Giersch zahlreiche theoretische Konzepte bei, die der spätere Wirtschaftsminister Karl Schiller schließlich in der Praxis anwendet. Von Giersch stammt der Begriff der „Konzertierten Aktion“, im Rahmen derer es mit den vereinten Kräften aller Akteure gelingen soll, die Inflation in Schach zu halten. Die Tarifparteien sollen Lohnzurückhaltung an den Tag legen, Regierung und Notenbank Stabilitätsorientierung in der Fiskal- und Geldpolitik.

Der Erfolg der Globalsteuerung ist indes begrenzt. Die angestrebte Antizyklik lässt sich politisch nicht einhalten; die Verschuldung steigt rasant. Anstelle einer nachhaltigen Erholung erlebt Deutschland in den siebziger Jahren eine weitere scharfe Rezession, die eine geschrumpfte Industrie und Massenarbeitslosigkeit zurücklässt. Giersch erkennt, dass sich die Herausforderung von der Nachfrageseite der Wirtschaft auf die Angebotsseite verschoben hat, sodass nunmehr Strukturfragen auf die Tagesordnung gehören. Giersch wird zum Verfechter einer ordnungstheoretisch wohlüberlegten angebotsorientierten Wirtschaftspolitik. Er wirbt weiter für eine moderate Lohnpolitik, damit eine wachsende Zahl von Menschen eine Chance erhält, den Weg zurück in den Arbeitsmarkt zu finden, und er setzt sich für Deregulierungen auf Arbeits- und Produktmärkten ein, damit Investitionen rentierlicher werden und das Wachstum kräftiger. Es geht um Innovationskraft, um Dynamik in der Suche nach neuen Produktideen und Verfahren, um einen nicht unnötig herausgezögerten Strukturwandel.

In der Spätphase des Bretton-Woods-Systems zwischen 1969 bis 1973 macht sich Giersch zum Fürsprecher einer Aufwertung der D-Mark und plädiert am Ende sogar für flexible Wechselkurse. Durch seine Funktion als Präsident des Instituts für Weltwirtschaft befördert, richtet er den Blick zudem immer mehr auf die globale Entwicklung; er wird zum wirtschaftspolitischen Vordenker der Globalisierung. Hatte er sich einst vornehmlich im regionalwirtschaftlichen Zusammenhang mit Standortfragen befasst, geht es ihm nun um Europa und um die Welt. In den achtziger Jahren diagnostiziert er besorgt die „Eurosklerose“, jenen von Überregulierung, Tarifkartell und wucherndem Wohlfahrtsstaat verursachten Reformstau, der hartnäckig Europas Dynamik hemmt.

Das globale Wirtschaftswachstum versteht Giersch dabei grundsätzlich als Ergebnis eines umfassenden Prozesses der Wissensteilung und Wissensmehrung (Friedrich August von Hayek) sowie der „schöpferischen Zerstörung“, der ökonomischen Pioniertaten und ihrer Nachahmung (Joseph Schumpeter). Mit diesem innovativen Ansatz legt er die Basis für spätere Entwicklungen in der Ökonomie, allen voran in der Theorie des endogenen Wachstums und der ökonomischen Geographie.

Wissenschaftlicher und beruflicher Werdegang:
1939-1942 Studium in Breslau und Kiel. 1942 Diplom-Volkswirt. 1948 Dr. rer. pol. in Münster. 1948-1950 Fellow an der London School of Economics. 1950 Habilitation. 1950-1951 sowie 1953-1954 auf Empfehlung von Wassily Leontief Referent bei der OEEC in Paris. 1951-1953 Privatdozent in Münster. 1954-1955 Lehrstuhlvertreter an der TH Braunschweig. 1955-1969 Professor an der Universität des Saarlandes. 1960-2007 Mitglied im wissenschaftlichen Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium. 1962, 1977 und 1978 Gastprofessor an der Yale University. 1964-1970 Gründungsmitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. 1969-1989 als Nachfolger von Erich Schneider Präsident des Instituts für Weltwirtschaft und Professor an der Universität Kiel. 1977 Großes Bundesverdienstkreuz. 1983 Ludwig-Erhard-Preis. Seit 1991 Mitglied im Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste. 1994 Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband. 1998 Gründung einer eigenen Stiftung.

Literaturhinweise:

  • Giersch, Herbert (1963), Das ökonomische Grundproblem der Regionalpolitik, in: Jahrbuch für Sozialwissenschaft, Göttingen, Bd. 14,, 3, S. 386-400;
  • Ders. (1960), Allgemeine Wirtschaftspolitik I, Wiesbaden;
  • Ders. (1977), Konjunktur- und Wachstumspolitik in der offenen Wirtschaft, Wiesbaden;
  • Ders. (1983), Allgemeine Wirtschaftspolitik II, Wiesbaden;
  • Ders. (2002), Abschied von der Nationalökonomie. Wirtschaften im weltweiten Wettbewerb, Frankfurt;
  • Paqué, Karl-Heinz (2010), Ein Leben für die offene Welt, in: Wirtschaftsdienst, Heft 9, S. 629-631;
  • Internet: Herbert Giersch Stiftung

Karen Horn