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Beschäftigung

Das Problem der Arbeitslosigkeit hat für den Einzelnen unmittelbare und nachhaltige Folgen (Verminderung des Lebensstandards, psychische Probleme). Deshalb besteht das vorrangige Ziel der Wirtschaftspolitik in der Schaffung von Arbeitsplätzen und der Bekämpfung der Unterbeschäftigung. Ökonomen befassen sich mit der Arbeitslosigkeit, um ihre Ursachen festzustellen und um der Politik wirtschaftspolitische Handlungsempfehlungen zu geben. Die Höhe der Beschäftigung ergibt sich grundsätzlich aus dem Zusammenspiel von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage. Der Angebotsüberhang am Arbeitsmarkt wird konventionell lediglich durch die Höhe der Arbeitslosigkeit gemessen, obwohl sich ein zusätzlicher Teil der potenziellen Arbeitsanbieter auch in der „stillen“, nicht als arbeitslos registrierten Reserve befindet.

Komponenten der Arbeitslosigkeit: Trotz der Vielzahl von Typologien der Arbeitslosigkeit ist es sinnvoll, die Arbeitslosenzahl in eine friktionell-strukturelle Komponente und in einen Angebotsüberhang zu zerlegen.

a) Friktionell-strukturelle Komponente: Friktionelle bzw. strukturelle Arbeitslosigkeit wird auf Hindernisse bei der Vermittlung zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zurückgeführt. Dies beruht darauf, dass aufgrund unterschiedlicher Anforderungen an Arbeitsangebot und –nachfrage hinsichtlich regionaler Verfügbarkeit, Qualifikation etc. Schwierigkeiten bei der Zuteilung von Arbeitskräften auf freie Arbeitsplätze auftreten, die sich in einer Koexistenz von Arbeitslosen und offenen Stellen äußern. In sämtlichen Marktwirtschaften tritt trotz aller wirtschaftspolitischer Maßnahmen zu jedem Zeitpunkt ein gewisses Maß an Arbeitslosigkeit auf. Diese friktionelle bzw. strukturelle Arbeitslosigkeit spiegelt vor allem den auch in wirtschaftlich normalen Zeiten zu erwartenden dauernden Strukturwandel wider, durch den permanent alte Arbeitsplätze abgebaut und neue geschaffen werden. Schon die Tatsache, dass dieser Wechsel nicht völlig friktionslos (also ohne Reibung bzw. zeitliche Verzögerung) vonstatten gehen kann, führt zur steten Existenz einer Arbeitslosenquote.

Diese natürliche Arbeitslosenquote („natural rate of unemployment – NRU“) beschreibt die durchschnittliche Unterbeschäftigung, um die die statistisch gemessene Arbeitslosigkeit im Zeitverlauf schwankt. Sie ist eigentlich alles andere als natürlich und wird bestimmt durch die Quote der aufgelösten und die der neu abgeschlossenen Arbeitsverhältnisse (genauer: Entlassungs- und Wiedereinstellungswahrscheinlichkeiten). Diese beiden Bestimmungsfaktoren werden im Wesentlichen beeinflusst durch die zur sozialen Abfederung von Arbeitslosigkeit geschaffenen sozialstaatlichen Transfers, Mindestlohngesetzgebung, Kündigungsschutzregelungen sowie den Strukturwandel. Beispielsweise verringert eine hohe und dauerhaft gewährte Lohnersatzleistung (Arbeitslosengeld) das Arbeitsangebot, da der Anreiz für Erwerbspersonen zur Aufnahme einer Arbeit sinkt. Die Beschäftigten sind hieran ebenfalls interessiert, da die Konkurrenz durch Arbeitslose geringer wird. Eine neue Erklärung der NRU bietet die Hysteresis-Theorie: Allgemein wird mit dem Begriff Hysteresis der langfristige Einfluss vergangener temporärer wirtschaftlicher Ereignisse auf die natürliche Quote bezeichnet. Speziell für die NRU heißt dies, dass die NRU in der laufenden Periode steigen wird, wenn die tatsächliche Arbeitslosenquote der Vorperiode die NRU der Vorperiode überstiegen hat (Zeitpfadabhängigkeit). Zur Ursachenerklärung gibt es zwei Ansätze: Die Dauerarbeitslosigkeitstheorie besagt, dass die Arbeitslosen während der Zeit ihrer Arbeitslosigkeit an Qualifikation verlieren und damit die Zahl der Langzeitarbeitslosen steigt. Die Insider-Outsider-Theorie betont die Macht der Arbeitsplatzbesitzer, die notwendige Lohnsenkungen verhindern und somit Outsider (Arbeitslose) vom Arbeitsprozess fernhalten können.

b) Angebotsüberhang: Der Angebotsüberhang – die zweite Komponente der Arbeitslosigkeit – ist die Differenz zwischen dem aggregierten Arbeitsangebot der privaten Haushalte und der Anzahl der von den Unternehmen nachgefragten Arbeitskräfte. Für die Analyse des Angebotsüberhangs stehen zwei Modelle zur Verfügung: Während die neoklassische Schule einen Angebotsüberhang auf dem Arbeitsmarkt stets auf überhöhte Reallöhne zurückführt und den Tarifparteien die Verantwortung für die Höhe der Beschäftigung zuweist, lautet die keynesianische Gegenposition, dass Arbeitsmarktungleichgewichte einen Mangel an realwirtschaftlicher Güternachfrage widerspiegeln. In einer Unterbeschäftigungssituation erscheint demnach eine Reallohnsenkung bzw. eine Ankurbelung der Güternachfrage angezeigt, wenn die Arbeitslosigkeit abgebaut werden soll. Die entscheidenden Variablen, insbesondere Preisniveau, reale Güternachfrage, Beschäftigung und Reallöhne bilden sich hierbei gemeinsam in einem simultanen Systemzusammenhang, der von den wirtschaftspolitischen Akteuren nicht ohne weiteres beeinflusst werden kann. Es zeigt sich, dass für die Bestimmung der Beschäftigungsmenge das Verhältnis von Güternachfrage und Nominallöhnen relevant ist, welches von der Geld-, Fiskal- und Tarifpolitik beeinflusst werden kann.

Beveridgekurve: Die Beveridgekurve wurde nach Lord Beveridge, Wissenschaftler und Englischer Arbeitsminister nach dem Zweiten Weltkrieg benannt. Sie ermöglicht es, eine Aufteilung der Arbeitslosenquote in die oben genannten Komponenten vorzunehmen und beschreibt den negativkonvexen Zusammenhang zwischen der Arbeitslosenquote und der Quote der offenen Stellen. Ein Zuwachs der offenen Stellen führt dabei zum Sinken der Arbeitslosenquote und umgekehrt. Das Ausmaß der friktionell-strukturellen Komponente der Arbeitslosigkeit lässt sich durch die räumliche Lage der Beveridgekurve zum Ausdruck bringen. Dem gegenüber bestimmt die Angebots-Nachfrage-Konstellation auf dem Arbeitsmarkt, wo auf einer gegebenen Beveridgekurve wir uns befinden.

„Magisches Viereck“: Neben dem Ziel eines hohen Beschäftigungsstandes sind für die Wirtschaftspolitik drei weitere makroökonomische Ziele von Bedeutung (Stabilitäts- und Wachstumsgesetz vom 8. Juni 1967). Da sich diese jedoch zum Teil nicht gleichzeitig verwirklichen lassen (Zielkonflikte in der Wirtschaftspolitik), spricht man vom „magischen Viereck“ der Wirtschaftspolitik.

a) Angemessenes und stetiges Wirtschaftswachstum: Das Wirtschaftswachstum misst man als Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die in der Realität zu beobachtende negative Beziehung zwischen Arbeitslosigkeit und BIP wird als Okunsches Gesetz bezeichnet (die Arbeitslosigkeit sinkt, wenn die wirtschaftliche Wachstumsrate steigt). Jedoch führt nicht jede Größenordnung und nicht jede Qualität an Wachstum unmittelbar zu einer geringeren Arbeitslosenrate. Die Arbeitslosenquote bleibt unverändert, falls das tatsächliche BIP-Wachstum dem so genannten „natürlichen“ BIP-Wachstum entspricht. Dieses „normale“ Wachstum ist auf Bevölkerungszunahme, Kapitalakkumulation und technischen Fortschritt zurückzuführen. Liegt aber das tatsächliche Wirtschaftswachstum über dem „normalen“ Wachstum, so sinkt die Arbeitslosenquote. Aufgrund dieser Eigenschaft bezeichnet man das „natürliche“ BIP-Wachstum auch als „Beschäftigungsschwelle“. In den USA lag die Beschäftigungsschwelle im Zeitraum 1960-1998 bei 3 v. H.

b) Preisniveaustabilität: Unter dem Begriff „Phillipskurve“ wurde in den 60er und 70er Jahren ein negativer Zusammenhang zwischen Inflationsrate und durchschnittlicher Arbeitslosenquote diskutiert (geringere Arbeitslosigkeit bei höherer Inflationsrate und umgekehrt). Man ging von einer Wahlmöglichkeit für die Wirtschaftspolitik (Trade-off) zwischen beiden Größen aus: Eine staatlich wünschenswerte Arbeitslosenquote kann durch eine entsprechende Inflationsrate „erkauft“ werden. Dieser Zusammenhang konnte jedoch nur kurzfristig und unter bestimmten Voraussetzungen beobachtet werden. Langfristig besteht keine Wahlmöglichkeit zwischen Arbeitslosigkeit und Inflationsrate, da sich vor allem die Tarifparteien bei der Lohnfindung an der Bereitschaft der Regierung, Inflation zu erzeugen, orientieren und diese Erwartungen ihren Lohnforderungen zugrunde legen. Preise und Löhne steigen deshalb langfristig mit derselben Wachstumsrate; der Reallohn (Lohn geteilt durch Preisniveau) als wichtigste Bestimmungsgröße der Beschäftigung verändert sich nicht. Dies erklärt auch das Phänomen der Stagflation: Trotz höherer Arbeitslosigkeit steigt das Preisniveau weiter an. Die Gewährleistung von Preisniveaustabilität durch eine stetige und voraussehbare Geldpolitik der Zentralbank ist somit unverzichtbare Grundlage für ein angemessenes Beschäftigungswachstum.

c) Außenwirtschaftliches Gleichgewicht: Gerade in der Bundesrepublik Deutschland wurden konjunkturelle Wendepunkte immer wieder vor allem durch Änderungen der Höhe des Außenbeitrags eingeleitet. Insofern besteht kein empirisch begründeter Widerspruch zwischen dem Ziel eines außenwirtschaftlichen Gleichgewichts und dem Ziel der Vollbeschäftigung. Jedoch führt eine Erhöhung der Exporte keineswegs zwingend zu einer Verbesserung der Arbeitsmarktlage. Denn Rigiditäten auf Arbeitsmärkten wie hohe Einstellungs- und Kündigungskosten, Immobilität der Arbeitskräfte, können die Anregung zusätzlicher Beschäftigung in bestimmtem Umfang verhindern. Auch die Wahl des Wechselkurssystems spielt eine Rolle (Reform des internationalen Währungssystems). Entscheidet man sich im Verhältnis zu den wichtigsten Handelspartnern für eine Ausschaltung des Wechselkursrisikos durch unwiderruflich fixierte Wechselkurse, d. h. für eine Währungsunion, können negative Arbeitsmarkteffekte überhöhter Lohnabschlüsse nicht mehr durch eine Abwertung der heimischen Währung ausgeglichen werden. Vermutlich steigt hierdurch der Wettbewerb zwischen länderspezifischen Arbeitsmarktinstitutionen (Systemwettbewerb). Anreize für strukturelle Reformen auf verkrusteten Arbeitsmärkten („Eurosklerose“) werden erhöht. Durch diese endogenen Effekte der Währungsunion werden Zielkonflikte vermieden.

Bei flexiblen Wechselkursen werden Konflikte zwischen binnenwirtschaftlichen Stabilitätszielen und dem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht durch Wechselkursanpassung weitgehend vermieden und gelöst. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass der Wechselkurs systematisch und vorhersehbar auf Änderungen ökonomischer Fundamentaldaten (Preis, Einkommen u. a.) reagiert. Zielkonflikte zwischen dem Ziel eines hohen Beschäftigungsstands und den drei anderen Zielen des „magischen Vierecks“ bestehen insgesamt gesehen dann nicht, wenn Preise, Lohnsätze und Zinssätze sich möglichst frei bilden, der Wettbewerb gestärkt wird und eine stetige Geldpolitik betrieben wird. Zur Beseitigung von Unterbeschäftigung wird deshalb von Vertretern der Hysteresis-Theorie vorgeschlagen, eine expansive Nachfragepolitik (Zinssatzsenkungen, expansive Fiskalpolitik) durch angebotsseitige flexibilisierende Maßnahmen (Investitionsanreize, Lohnzurückhaltung) zu ergänzen („two-handed approach“).

Literaturhinweise

  • Belke, A. (2001), Wechselkursschwankungen, Außenhandel und Beschäftigung, Berlin u. a.;
  • Franz, W. (2003), Arbeitsmarktökonomik, 5. Aufl., Berlin;
  • Landmann, O./ Jerger, J. (1999), Beschäftigungstheorie, Berlin u. a.;
  • Institut Für Arbeitsmarkt- Und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit: http://www.iab.de/iab/publikationen/themen.htm.

Ansgar Belke
Frank Baumgärtner