Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Soziale Marktwirtschaft

Freiheit als Ziel der Sozialen Marktwirtschaft

Freiheit ist der Schlüssel zum Grundgedanken der Sozialen Marktwirtschaft. An ihr lassen sich daher sowohl die Ziele als auch die Zielkonflikte dieses Wirtschaftskonzeptes und seiner Umsetzung in idealer Weise nachvollziehen, was im Folgenden in drei Schritten geschehen soll. In (1) werden die zwei verschiedenen Freiheitsbegriffe aufgezeigt, die sich dem Konzept der Sozialen Marktwirtschaft zuordnen lassen. Dabei handelt es sich zu einen um die Idee der »Freiheit vom Staat«, die, kurz gesagt, der Schaffung eines Marktes dient. Zum anderen handelt es sich um die Idee einer »Freiheit mithilfe des Staates«, die, wiederum verkürzt, auf die soziale Abfederung von Marktergebnissen zielt. Allerdings sind Zielkonflikte vorprogrammiert, da dem ersten Verständnis von Freiheit eine ökonomische Funktion zugeschrieben wird, deren Ausübung durch die Folgen des zweiten Ziels teilweise scheinbar und teilweise bewusst verringert werden. Diese ökonomische Funktion der Freiheit wird im Abschnitt (2) anhand des Werks von Friedrich August von Hayek nachvollzogen. Daraus ergibt sich die Frage, ob es überhaupt möglich ist, beide (Freiheits-)Ziele der Sozialen Marktwirtschaft parallel umzusetzen. Der Beantwortung dieser Frage widmet sich der Abschnitt (3). Fazit wird sein, dass die Überwindung der Zielkonflikte durchaus möglich ist, es dazu aber nicht zuletzt einer entsprechenden Bildung und Resonanz in der Bevölkerung und der Politik bedarf.

(1) Freiheit ist nicht der einzige Wert der Sozialen Marktwirtschaft, soziale Sicherheit und Gerechtigkeit sollen ebenso umgesetzt werden (Soziale Gerechtigkeit). Müller-Armacks berühmte Kurzformel, „das Prinzip der Freiheit des Marktes mit dem des sozialen Ausgleichs“ zu verbinden, macht diesen Punkt deutlich. Dieser Vorsatz führte ihn in seiner Abhandlung Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft auch dazu, eine „synthetische Denkweise“ zu fordern: Die Soziale Marktwirtschaft vertrage sich weder mit dem Extrem des Laissez-faire (er nennt dies „Altliberale Marktwirtschaft“) noch mit dem anderen Extrem der Wirtschaftslenkung, bei der jegliche Wirtschaftsfreiheit unterdrückt wird. Erst eine „sozial gesteuerte Marktwirtschaft“ bringe jedem Bürger Fortschritt und Freiheit. Man wolle also etwas Drittes, Neues schaffen, das die Vorteile des ersten Systems sichert und die wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Nachteile des zweiten Systems nicht entstehen lässt.

Die zwei Pole »Markt« versus »Soziales« kann man dabei auch als Gegensatz zweier verschiedener Freiheitsbegriffe auffassen. Vereinfacht ausgedrückt, fordert die Soziale Marktwirtschaft gleichzeitig eine »Freiheit von« und eine »Freiheit durch«: Die »Freiheit von« Fremdbestimmung steht der »Freiheit durch« eine ausgleichende, staatlich geregelte Umverteilung gegenüber. Wer sich auf die Prämisse einlässt, dass hier zwei genuin gegensätzliche Freiheitsverständnisse vorliegen, erkennt allerdings deutlich, welchen Spagat dieses Wirtschaftsmodell versucht.

Müller-Armack sah freilich eine Vereinbarkeit beider Freiheitsdimensionen, da sie beide nicht in Reinform, sondern nur in gestaltbarer Form in einer „gesteuerten“ Marktwirtschaft umgesetzt werden können. Ebenso wie es in einer Marktwirtschaft keine unbegrenzte Freiheit auf dem Markt geben dürfe (Marktversagen, Wettbewerbsordnung u.a.), bedürfe die Gestaltung des Sozialen einer Balance gegenüber der Marktfreiheit. Die Verbindung sah er also in der gesellschaftlichen und politischen Komponente des Sozialen. Er formulierte dies wie folgt: „Die Entscheidung für eine Marktwirtschaft ist in erster Linie eine gesellschaftspolitische Entscheidung“. Und: „Unter den Gesichtspunkten der Freiheit dürfte die Marktwirtschaft auch dann noch vorzuziehen sein, wenn ihre ökonomischen Leistungen geringer wären als die der Wirtschaftslenkung“ (Müller-Armack, 1947, S. 65).

Als Gegenkonzept zur Wirtschaftslenkung des Dritten Reiches und der unmittelbaren Nachkriegsjahre konzipiert, hat die Soziale Marktwirtschaft anfangs vor allem die »Freiheit von« Fremdbestimmung im Blick (Soziale Marktwirtschaft: Einführung). Selbstverständlich steht dabei zunächst ein wirtschaftliches Freiheitsverständnis im Vordergrund: Freiheit verstanden als die Freiheit der Marktteilnehmer, ihre Entscheidungen selbst- und nicht fremdbestimmt zu treffen. Sie wurde als Recht des Individuums begriffen, gleichzeitig aber auch als ökonomische Notwendigkeit. Wachstum und wirtschaftlicher Fortschritt sollten die Folge der Marktfreiheit sein.

Nichtsdestotrotz wurde unter »Freiheit« von Anfang an mehr als nur Markt- oder Konsumfreiheit verstanden, da es die Väter der Sozialen Marktwirtschaft und der Freiburger Schule für unmöglich erachteten, „die Ideale menschlicher Freiheit und persönlicher Würde zu verwirklichen, sofern die wirtschaftliche Ordnung, die wir wählten, dem widerspricht“ (Müller-Armack). Ludwig Erhard zielte mit der Einführung der Sozialen Marktwirtschaft explizit darauf, dem deutschen Volk die „Würde der Freiheit“ zurückzugeben. Die Einführung von Konsum- und Marktfreiheit wurde also nicht als reiner Selbstzweck gefordert, sondern in der Überzeugung, dass ohne wirtschaftliche Freiheit mittelfristig auch die individuelle Freiheit leiden würde. Die wirtschaftliche Freiheit in diesem Sinne ist die Freiheit, als selbstbestimmtes (Wirtschafts-) Subjekt eigenverantwortlich zu handeln und für die Konsequenzen der eigenen Handlungen einzustehen. Sie ist eine Freiheit im Markt, die zwar gesetzlichen Schranken unterliegt, aber weitestgehend auf Selbstbestimmung zielt.

Dem gegenüber steht ein anderer Freiheitsbegriff, der ebenfalls Teil des Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft ist: die Freiheit »durch den Staat« oder »mithilfe des Staates«. Stand dieser Freiheitsbegriff bei den Vätern der Sozialen Marktwirtschaft noch deutlich hinter dem ersten zurück – bei Eucken oder Müller-Armack finden sich Grundzüge dieses Begriffs –, so hat er in der Politik über die Jahrzehnte gelebter Sozialer Marktwirtschaft zunehmend an Bedeutung gewonnen. Mittlerweile trägt er maßgeblich zur Rechtfertigung der Sozialpolitik in der Bundesrepublik bei. Müller-Armack bearbeitete diese Aspekte, nachdem die drängendsten Probleme der Not und Knappheiten der Nachkriegszeit überwunden waren. Die Titelelemente seiner Artikel von 1960/62 geben diese Zielsetzung gut wieder: Die zweite Phase der Sozialen Marktwirtschaft. Das gesellschaftspolitische Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft.

Nach dieser Auffassung bringen die Individuen die Fähigkeit zur Freiheit nicht von sich aus mit, sie werden vom Staat erst dazu befähigt. Ausgangspunkt der Überlegung ist, dass niemals alle Bürger oder Marktteilnehmer den Nutzen der oben beschriebenen »Freiheit von« gleichermaßen wahrnehmen können: Wer in Armut aufwächst, kann von seiner »Freiheit im Markt« nur wenig Gebrauch machen, solange ihm dazu die bildungsimmanenten oder finanziellen Voraussetzungen fehlen. Er genießt zwar de jure ein Recht auf Freiheit, kann dieses aber de facto nicht umsetzen. (Hier findet sich gewissermaßen ein anderes Unterscheidungsmerkmal der zwei Freiheitskonzepte: Das erste zielt auf eine Freiheit de jure, deren Ausübung Sache des Individuums ist, das zweite dagegen auf eine Freiheit de facto, deren Bedingungen zu schaffen nicht allein Aufgabe des Individuums, sondern bewusst des Staates ist.)

Ein unregulierter Markt ist daher in dieser Interpretation nicht nur Ausdruck persönlicher Freiheit, sondern auch persönlicher Unfreiheit. Da in einem sozialen Rechtsstaat wie der Bundesrepublik jedoch jeder Mensch das Recht auf eine Freiheit de facto haben soll – so die Annahme –, wird es als Aufgabe des Staates betrachtet, jenen Schützenhilfe zu leisten, denen ansonsten die Ausübung ihrer Freiheit schwer fällt oder unmöglich ist. Diese »Freiheit durch den Staat« bedeutet daher, jedem Bürger ein Mindestmaß an finanzieller Absicherung zu garantieren. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wird der sozialstaatliche Liberale Ernst-Wolfgang Böckenförde davon sprechen, dass es darum ginge, „die sozialen Voraussetzungen zur Verwirklichung der rechtsstaatlichen Freiheit für alle“ zu schaffen. Hierum geht es auch bereits Walter Eucken und Alfred Müller-Armack, wenn sie eine sozialverträgliche Umverteilung fordern. In Grundsätze der Wirtschaftspolitik betont Walter Eucken nicht umsonst: „Die soziale Frage ist heute in ihrem Kern die Frage nach der Freiheit des Menschen“. Freiheit ist in diesem Sinne auch eine individuelle Freiheit vom Markt: Erst wenn die sozial Schwachen zu einem gewissen Grad unabhängig vom Marktergebnis sind, ist die individuelle Freiheit aller Gesellschaftsmitglieder gewährleistet.

Das Ausmaß dieser staatlichen Aufgabe sowie das Ausmaß der komplementären Eigenvorsorge bleiben eine schwierige Aufgabe. Beiden Freiheitsbegriffen in einem (Wirtschafts-)System gerecht zu werden, ist daher nicht gerade einfach. Denn die beiden Konzepte stehen sich in ihrer gesellschaftspolitischen Umsetzung diametral gegenüber: Baut das erste auf die Eigenverantwortung, so bewirkt das zweite eine gewisse individuelle Entlastung. »Freiheit vom Staat« bedeutet, dass das Individuum so weit wie möglich für sein persönliches Handeln verantwortlich zeichnet. Wer am Arbeitsmarkt keinen Erfolg hat, muss sich zunächst fragen lassen, inwiefern er daran selbst die Schuld trägt. Und falls er dies tut (beispielsweise durch eine falsch gewählte oder fehlende Ausbildung), muss er auch die Konsequenzen dieser Situation tragen. Nur wenn er daran keine Schuld trägt (durch eine chronische Erkrankung oder dergleichen), greift ein soziales Netz. Das zweite Konzept der »Freiheit mithilfe des Staates« erachtet Armut dagegen – ohne die Frage nach der Verantwortung zu stellen – als Freiheitsbeschneidung und damit als nicht duldbaren Zustand. Dadurch muss in diesem Fall der Staat eingreifen. Anders ausgedrückt: Im ersten Konzept ist die Gefahr des persönliches Scheitern als Korrektiv notwendig, im zweiten dagegen ist das aus ethischen Gründen nicht erlaubt bzw. wird in seinen Auswirkungen gezähmt. Dieser Gegensatz stellt die Wirtschafts- und Sozialpolitik vor große Schwierigkeiten.

Nicht selten wird in der Literatur behauptet, der Widerspruch existiere gar nicht, da die Väter der Sozialen Marktwirtschaft letztlich nur den ersten Freiheitsbegriff im Blick gehabt hätten. Dem allerdings widerspricht bereits Müller-Armacks eingangs genannte Idee einer „synthetischen Denkweise“; die staatliche Umverteilung war von Anfang an aus ethischen Gründen Teil des Konzeptes. Allerdings hofften die Väter der Sozialen Marktwirtschaft darauf, dass mit einem gesunden Wirtschaftswachstum immer weniger staatliche Hilfen vonnöten sein würden: Je stärker das Wirtschaftswachstum alle Bevölkerungsschichten erreichen würde, desto weniger wäre soziale Umverteilung nötig. So gesehen ging man anfangs davon aus, dass der Widerspruch vor allem beim Neuaufbau der Wirtschaft und Gesellschaft auftauchen und dann deutlich abnehmen würde. Die »Freiheit mithilfe des Staates« sollte zur Überbrückung dienen, bis sich jeder Bürger nach Erreichen des »Wohlstands für alle« selbst helfen konnte. Ludwig Erhard umreißt diese Erwartung im Kapitel „Versorgungsstaat - der moderne Wahn“ in Wohlstand für alle. Darin heißt es u.a.: „Tatsächlich sind um so weniger sozialpolitische Eingriffe und Hilfsmaßnahmen notwendig, je erfolgreicher die Wirtschaftspolitik gestaltet werden kann“.

Mittlerweile hat sich deutlich gezeigt, dass die Väter der Sozialen Marktwirtschaft hier zu optimistisch waren: Nicht weniger, sondern immer mehr Sozialleistungen werden und wurden nachgefragt, obwohl das Wirtschaftswachstum in den ersten Jahrzehnten sogar alle Prognosen übertraf. Der Grund für die unplanmäßige Ausweitung des Sozialstaats liegt nicht nur in der demokratischen Dynamik (Umverteilung ist politisch seit jeher besser durchsetzbar als ihr Gegenteil), sondern auch in einem von Harbrecht (1997) empirisch nachgewiesenen Phänomen: Mit steigendem Einkommen steigen das Bedürfnis nach sozialer Absicherung und die Nachfrage nach Sozialleistungen überproportional. Harbrecht spricht vom „Luxusgutcharakter“ der Sicherungssysteme. Je wohlhabender die Menschen werden, desto stärker sinkt ihre Risikobereitschaft und der Wille zur Eigeninitiative und desto stärker vertrauen sie auf die »Freiheit mithilfe des Staates«. So gesehen hat das »Wirtschaftswunder« den Ausbau des Sozialstaats nicht überflüssig gemacht, sondern das Gegenteil bewirkt: Es hat den Sozialstaat nicht nur finanziell möglich, sondern durch den einsetzenden Mentalitätswandel auch mehrheitsfähig gemacht. Eine Rückkehr zu mehr Eigenverantwortung und mehr »Freiheit vom Staat« ist seitdem politisch immer schwieriger durchsetzbar. Nichtsdestotrotz ist die auf Eigenverantwortung zielende Freiheit für die (Soziale) Marktwirtschaft absolut grundlegend, da die »Freiheit vom Staat« nicht nur einen Wert, sondern auch eine Funktion hat (freie Wohlfahrtspflege).

(2) Dass wirtschaftliche Freiheit ein Kernelement jeder funktionierenden Marktwirtschaft ist, gehört zu den Gemeinplätzen ökonomischen Denkens und Schreibens. Erstaunlicherweise liegen jedoch kaum Werke vor, die sich näher mit dieser Funktion befassen. Eine herausragende Stellung nimmt hier das Œuvre Friedrich August von Hayeks ein, dessen beide Hauptwerke (Die Verfassung der Freiheit und Recht, Gesetz und Freiheit) sich dieser Frage widmen. Zwar gehört von Hayek nicht im engeren Sinne zu den Vätern der Sozialen Marktwirtschaft, steht sogar Teilen dieses Konzepts unverhohlen kritisch gegenüber; aber seine Analysen auf diesem Gebiet sind grundlegend. Es lohnt sich daher, seine Argumentation für die Freiheit im Einzelnen nachzuvollziehen.

Für Hayek ist die Freiheit nicht in erster Linie ein moralischer Wert, sondern ein Kompensationsmechanismus für die menschliche Unwissenheit beim Zustandekommen von wirtschaftlichem Fortschritt. Seine Argumentation basiert dabei auf einem Fortschrittsglauben, der nicht nur die ersten Jahre der Bundesrepublik und das »Wirtschaftswunder« geprägt hat: Der ständig wachsenden Weltbevölkerung und ihren wachsenden Ansprüchen kann nur entsprochen werden, solange es ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum gibt. Was in einem Jahrzehnt der Luxus der Eliten ist, wird im nächsten Jahrzehnt zur Selbstverständlichkeit für die Massen – das ist nur möglich, solange der wirtschaftliche Fortschritt kontinuierlich voranschreitet. (In Wohlstand für alle bemerkt auch Ludwig Erhard: „Nur die Expansion hat es ermöglicht, auch die Armen mehr und mehr an der Wohlstandssteigerung teilhaben zu lassen,“). Sollte dies einmal nicht mehr gelingen, sieht Hayek den Weltfrieden und die westliche Zivilisation als solche in Gefahr; ein Ende des Fortschritts wäre auch ein Ende des gesellschaftlichen Friedens. Fortschritt ist also das oberste Ziel – daher muss alles getan werden, um ihn zu sichern.

Die Frage ist also: Wie garantiert man Wachstum? »Gar nicht«, wäre vermutlich Hayeks Antwort: Wachstum ist genauso wenig planbar wie die Zukunft. Dass der Sozialismus und seine Planwirtschaft diesen Umstand leugnen, erachtet er als deren zentralen Denkfehler. Eine effektive Wirtschaftspolitik geht laut Hayek im Gegenteil von der menschlichen Unwissenheit aus. In Bezug auf den Fortschritt, den die Zivilisation so dringend braucht, "können (wir) nichts weiter tun, als günstige Vorbedingungen für ihn zu schaffen, und dann das Beste hoffen“.

Hier kommt die Freiheit ins Spiel: Als wirtschaftliche Experimentierfreiheit verstanden, ist sie laut Hayek die einzige Chance der Zivilisation, sich weiterzuentwickeln. Nur in einem Markt, in dem größtmögliche Handlungs- und Kommunikationsfreiheit bei gleichzeitiger Rechtssicherheit gewährt werden, kann wirtschaftlicher Fortschritt entstehen. Die individuelle Handlungs- und Berufsfreiheit ist gewissermaßen ein Kompensationsmechanismus: Weil der Mensch nicht wissen kann, muss er ausprobieren. Hayek kommt sogar zu dem Schluss: „Wenn es allwissende Menschen gäbe, (..) gäbe es wenig zugunsten der Freiheit zu sagen“. Es wäre vielleicht schöner, wenn der Mensch seine Zukunft planen könnte – aber da er es nicht kann, muss er auf die Ergebnisse ausgiebiger Experimente hoffen.

Die allen gewährte wirtschaftliche Freiheit trägt natürlich nur bei wenigen Früchte; es sind laut Hayek immer nur einige wenige Köpfe, die wirklich zum Fortschritt beitragen. Doch da niemand wissen kann, wer diese wenigen sein werden, muss allen Menschen gleichermaßen Freiheit gewährt werden. „Die Vorteile, die ich aus der Freiheit ziehe, sind (..) weitgehend das Ergebnis des Gebrauchs der Freiheit durch andere und größtenteils das Ergebnis eines Gebrauchs der Freiheit, den ich selbst nie machen könnte“, so Hayek. Freiheit ist letztlich nur eine Gelegenheit für wenige Unbekannte. Doch er ist überzeugt: Das von wenigen Zugpferden bewirkte Wachstum kommt letztlich allen Gesellschaftsmitgliedern zugute. Insofern findet eine soziale Aneignung privater Erfolge statt (Willgerodt, 1975).

Wer wirtschaftliche Sicherheit will, darf daher um keinen Preis die Marktfreiheit beschneiden. Weniger Freiheit hieße schließlich weniger Wachstum und damit langfristig eine Gefährdung der Grundlagen der Zivilisation. Es wundert nicht, dass Hayek ein vehementer Gegner des ausufernden Sozialstaats ist: Die damit einhergehende – zu weitreichende –Umverteilung schwächt seiner Überzeugung nach zwangsläufig die Leistungs- und Risikobereitschaft der Individuen und gefährdet damit mittelfristig den wirtschaftlichen Fortschritt.

(3) So sehr die Väter der Sozialen Marktwirtschaft diese dem Fortschritt dienende Funktion der Freiheit nutzen wollten, so wenig teilten sie die von Hayek und anderen Marktliberalen vorgetragene Überzeugung, dass das Wirtschaftswachstum auch ohne Umverteilung allen Gesellschaftsmitgliedern zugute kommt. Wie soll vom Wachstum profitieren, wer keinen Arbeitsplatz hat? Man hielt es daher aus ethischen Gründen für geboten, das Marktergebnis durch Umverteilung sozial abzufedern - und zwar weit über das von Hayek geforderte lebensnotwendige Mindestmaß hinaus.

Eine Synthese von »Freiheit vom Staat« und »Freiheit durch oder mithilfe des Staates« ist machbar. Sie ist allerdings anspruchsvoll und bedarf nicht nur seitens der Politik, sondern vor allem auch seitens der Bürger Verständnis für den schwierigen Balanceakt der Sozialen Marktwirtschaft. Sowohl die Prinzipien der rein »liberalen« Marktwirtschaft als jene des weit reichenden Versorgungsstaats sind viel einfacher zu verstehen: Im ersten Fall gilt, dass arbeiten muss, wer überleben will, im zweiten Fall gilt dies nicht mehr – schlimmstenfalls kann es hier sogar rational sein, nicht zu arbeiten. Das »Mischmodell« Soziale Marktwirtschaft versucht, einem viel höheren Anspruch gerecht zu werden, da es ein moralisch-ethisches Ziel wirtschaftlich-finanziell tragfähig machen will. Das kann nur gelingen, solange die Mehrheit der Bevölkerung diese beiden Zielsetzungen teilt und deshalb ihre Mechanismen nicht übermäßig missbraucht. Daher ist Bildung der Schlüssel zur Funktionsfähigkeit der Sozialen Marktwirtschaft; das reine Setzen ordnungspolitischer Impulse reicht bei einem derart anspruchsvollen Konzept nicht aus. Dieser Aspekt, so sei hier behauptet, wird seit der Implementierung des »dritten Weges« drastisch unterschätzt und dadurch vernachlässigt. Und die Politik beschädigt diese Zielsetzung nachhaltig in zweierlei Form: Durch die Ausweitung des Sozialstaates ohne eine solide Finanzierung (Verschuldung bzw. keine nachhaltige Finanzierung - also ungedeckte Rechte) sowie durch die permanente Unterfinanzierung der Bildung. Im Grunde müssten die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft in der Schule gelehrt werden. Allerdings ist die Zurückhaltung in diesem Punkt gerade in den Nachkriegsjahren verständlich: Nach Jahren intensiver politisch-ideologischer Indoktrination wollte man in Westdeutschland bewusst keine politisch-moralische Einflussnahme vornehmen.

Sind beide Freiheitskonzepte also gleichzeitig umsetzbar? Dies kann nur funktionieren, solange beide nicht als gleichwertig betrachtet werden. Letztlich ist die Balance zwischen Markt und Sozialem nur zu erreichen, solange eine Hierarchie eingehalten wird: Erst kommt die »Freiheit von«, dann die »Freiheit mithilfe«. Sonst kann die Freiheit ihre ökonomische Funktion nicht mehr erfüllen, und der Staat verliert die Einnahmequelle, die überhaupt erst das Vorhandensein des Sozialstaats ermöglicht. Es geht darum, das Marktergebnis aus ethischen Gründen abzufedern, nicht jedoch darum, den Markt aus sozialen Gründen auszuhebeln.

Am Begriff der Freiheit zeigt sich also, welch hohen Anspruch das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft beinhaltet und warum sie nur funktionieren kann, wenn dieser Anspruch gekannt und geteilt wird. Wohlstand für alle war ein utopisches Gesellschaftsziel. Doch das korrespondierende Wirtschaftsmodell ist umsetzbar – solange seine Zielkonflikte dadurch minimiert werden, dass die »Freiheit vom Staat« einen klaren Vorrang vor der »Freiheit durch den Staat« behält.

Literaturhinweise

  • Böckenförde, Ernst-Wolfgang (1991), Recht, Staat, Freiheit, Frankfurt a. M.;
  • Erhard, Ludwig (1964), Wohlstand für alle, Düsseldorf (8. Auflage);
  • Eucken, Walter (1990), Grundsätze der Wirtschaftspolitik, Tübingen (6. Auflage);
  • Harbrecht, Wolfgang (1997), Die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft im Zeitalter der Globalisierung, in: Berthold, Norbert / Speyer, Bernhard (Hrsg.), Vergessene Dimensionen der Außenwirtschaft: Raum, technischer Fortschritt und Entwicklung, Festschrift für Detlef Lorenz, Berlin, S. 187-205;
  • Hayek, Friedrich August von (2005), Die Verfassung der Freiheit, Tübingen (4. Auflage);
  • Hayek, Friedrich August von (2003), Recht, Gesetz und Freiheit, Tübingen;
  • Müller-Armack, Alfred (1947), Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft, Hamburg;
  • Willgerodt, Hans (1975), Die gesellschaftliche Aneignung privater Leistungserfolge als Grundelement der wettbewerblichen Wirtschaft, wieder abgedruckt in: ders. (2011), Werte und Wissen. Beiträge zur Politischen Ökonomik. Marktwirtschaftliche Reformpolitik. Schriftenreihe der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft, Band 11, Stuttgart, S.43-59.

Johanna Falk