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Literatur linguistisch betrachtet

Sprache – Literatur – Literatursprache. Linguistische Beiträge

Ein bisschen verwundert es auf den ersten Blick schon, wie schnell sich zwei Disziplinen, die beide wesentlich mit Sprache umgehen, so weit voneinander entfernen konnten. Linguistik und Literaturwissenschaft haben sich nicht nur in ihren theoretischen und methodischen Zugängen, sondern auch in ihren Gegenstandsbereichen, die in der Linguistik mittlerweile auch die Neuro-, Computer- und Psycholinguistik umfassen, beinahe grundlegend auseinanderentwickelt. Auch Kooperationsbemühungen zwischen den Fächern, die etwa bei der Gründung der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft in Bielefeld vor vierzig Jahren noch verfolgt wurden und die das Konzept der Fachzeitschrift „Literaturwissenschaft und Linguistik“ (LiLi) bis heute bestimmen, haben diese Tendenz nicht aufhalten können.

Seit einigen Jahren nun gibt es erneute, vornehmlich aus dem Bereich der Textlinguistik kommende (Vgl. dazu das Themenheft mit dem Schwerpunkt „Zwischen Linguistik und Literaturwissenschaft“, besorgt von Heiko Hausendorf, der Zeitschrift für germanistische Linguistik 36.3, 2008) Impulse, die Fächergrenzen wieder stärker zu öffnen und einen interdisziplinären Austausch anzuregen. Diesem Interesse trägt der vorliegende, von Anne Betten und Jürgen Schiewe herausgegebene Band Rechnung, der Analysen literarischer Texte aus linguistischer Perspektive versammelt. Sein Ziel ist es, wie die Herausgeber im Vorwort formulieren, „das Verhältnis von Sprach- und Literaturwissenschaft in Hinblick auf das Forschungsfeld ‚Sprache in der Literatur‘/ ‚Literatursprache‘ neu zu beleben“ (S. 7). Die Orientierung an einer Leittheorie sei dabei bewusst vermieden worden zugunsten einer Darstellung der Vielfalt der Analysemethoden, die die Autoren des Bandes in ihren jeweiligen Beiträgen anwenden und reflektieren, um die Möglichkeit zur Methodendiskussion zu eröffnen (S. 10).

In den insgesamt 16 Beiträgen des Sammelbandes nehmen Autoren des 19. und frühen 20. Jahrhunderts eher eine Randstellung ein; zumindest zeitlich isoliert steht der Beitrag von Simona Leonardi zu Johann Fischarts „Geschichtsklitterung“ aus dem 16. Jahrhundert. Die große Mehrzahl der Artikel beschäftigt sich mit der Literatur der Gegenwart, vornehmlich aus Österreich. Diesen Schwerpunkt des Bandes begründet Anne Betten in ihrem Überblick zur österreichischen Literatur mit dem Hinweis darauf, dass „Reflexionen zu Sprach- und Textverfahren“ den Texten etwa von Thomas Bernhard, Peter Handke, Ernst Jandl, Elfriede Jelinek, Friederike Mayröcker, Marie-Thérèse Kerschbaumer und Kathrin Röggla geradezu „eingeschrieben“ seien und somit die Sprache selbst zum eigentlichen Thema ihres Schreibens werde (S. 132). Damit jedoch realisieren diese österreichischen Autoren das, wie Betten einräumt, was generell „als Kennzeichen eines Großteils der Literatur der Moderne“ gelten könne (S. 133). Und so konzentrieren sich nahezu alle Beiträge des Bandes – mehr oder weniger intensiv – auf die sprach- und selbstreflexive Ebene der von ihnen behandelten literarischen Texte.

Wie Emmanuelle Prak-Derrington in ihrem Artikel zur Wiederholung und Zeitstruktur in Romanen von Herta Müller und Thomas Mann betont, ist nicht nur das „Auf-sich-selbst-Verweisen der Wörter“ für die „Sprache überhaupt konstitutiv[.]“ Zudem unterscheide die „Autonymie der Sprache“ diese „von allen anderen Zeichensystemen“ (S. 70). In der zeitgenössischen Literatur führe diese Konzentration auf das sprachliche Material selbst zu einer „De(s)automatisierung der Sprache“ und ihrer „Wahrnehmung“, so Neva Šlibar in ihrem Beitrag (S. 13ff.). Jürgen Schiewe spricht vor allem Texten zeitgenössischer Schriftsteller, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, die besondere Fähigkeit zu, „sprachlich Konventionelles, Unauffälliges und Selbstverständliches, in neue Beziehungen zu setzen und damit zugleich neuen Sinn zu konstituieren.“ (S. 242)

Dies verdeutlicht er beispielhaft an Texten von Emine Sevgi Özdamar und Yoko Tawada. Die „[s]prachbiographische[n] Gegebenheiten oder Konflikte“ der Autoren lösten in der Literatur „metasprachliche Reflexionen aus“ (S. 241). Dadurch könne die Sprache zu dem Ort werden, „an dem Probleme des Identitätsverlustes und der Identitätsfindung sprachbiographisch erörtert werden und darüber hinaus Identität überhaupt literarisch und somit auch sprachlich gefunden wird“ (S. 242). Hierin sieht Schiewe ein wichtiges literarisches Forschungsfeld, für das besonders „die Linguistik mit all ihren Teildisziplinen“ einen entscheidenden Beitrag leisten könne, indem sie „an der Beschreibung und Erklärung der Spezifika dieser Form literarischen Schreibens“ mitwirkte (ebd.).

Weitere Forschungsperspektiven des Sammelbandes, die sich zur Zeit auch in der Literaturwissenschaft verstärkter Aufmerksamkeit erfreuen und eine Möglichkeit zum interdisziplinären Austausch bieten, sind erstens der Aspekt der Perspektivierung/Fokalisierung, wie ihn u. a. Georg Weidacher in seinem Beitrag zu (multi-)perspektivischen Inszenierungen in literarisch-narrativen Texten erörtert, und zweitens das ‚unzuverlässige Erzählen’, wie es Marie-Hélène Pérennec in Texten von Franz Kafka untersucht. Beide, Weidacher und Pérennec, weisen überzeugend nach, wie die Erzeugung und die Effekte dieses Erzählens präzise mit linguistischen Verfahren erfasst werden können. Jedoch drängt sich hier wie überhaupt beim Lesen des Bandes aus literaturwissenschaftlicher Sicht die ketzerische Frage auf, ob die linguistische Analyse literarischer Texte – oder zumindest eine linguistische Beschreibung der dargestellten Art – wirklich so weit von dem entfernt ist, was LiteraturwissenschaftlerInnen Tag täglich betreiben und ob durch eine solche Zugangsweise wirklich immer ganz andere und neue Perspektiven auf die Texte eröffnet werden.

Vielleicht geht es aber auch eher um Differenzierungen und um den erweiterten Blick auf Ansätze, die in den Nachbardisziplinen bereits existent sind. Allerdings wird die methodische Herangehensweise der Beiträge dieses Bandes, die sich konsequent auf die sprachliche Machart eines Textes konzentrieren, gerade angesichts der mittlerweile erfolgten kulturwissenschaftlichen Öffnung der Philologien dann doch bedeutsam. Für die Literaturwissenschaft ermöglicht die Auseinandersetzung mit linguistischen Zugängen und Analysemethoden, den Gegenstand ihres Faches – die Literatur und die Spezifik literarischer Sprache – im Dschungel kulturtheoretischer, kulturanthropologischer, sozial- und gesellschaftsgeschichtlicher Ansätze etc. nicht aus dem Blick zu verlieren. Literatur linguistisch zu betrachten (Ich übernehme diese Formulierung dem Beitrag von Angelika Redder in leicht abgewandelter Form. Vgl. S. 118.), scheint in dieser Hinsicht sehr fruchtbar zu sein – als Besinnung auf die gemeinsamen Grundlagen von Sprach- und Literaturforschung.

Anne Betten, Jürgen Schiewe (Hrsg.): Sprache – Literatur – Literatursprache. Linguistische Beiträge. Berlin: Erich Schmidt, 2011.

Von Saskia Fischer, Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung, Universität Bielefeld

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