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Martin Mosebach, Literaturpreisträger der KAS 2013

Romane der bürgerlichen Gesellschaft

Einer Anekdote zufolge wettete der Berliner Verleger Wolf Jobst Siedler einmal mit dem Historiker Joachim Fest um fünf Euro, dass sie auf dem Kurfürstendamm zur Mittagsstunde keinen Mann mit Krawatte sehen würden. Siedler gewann die Wette – und Fest hatte eine starke These: Das alte Bürgertum existiere nicht mehr. Jedenfalls nicht in Berlin.

Offenbar aber doch! Zumindest in Frankfurt am Main: Der dort 1951 geborene Martin Mosebach, der sich als Autor von mittlerweile neun Romanen, reiseliterarischen Werken, Prosa- und Essaybänden einen Namen gemacht und auch Lyrik, Libretti und Hörspiele geschrieben hat, gilt seit längerem als die berühmte Ausnahme von dieser Regel. Die Kritik spricht von einer Renaissance des Bürgertums in seinen Werken. Der Autor selbst tritt mit dem bürgerlichen Habitus eines Kulturbewahrers auf, der das Erhaltenswerte zu erhalten sucht, Taktgefühl als eine „politische Tugend“ schätzt und bekennt, keinen Tag seines Lebens „mit dem Aufstand gegen Tradition und Autorität zugebracht“ zu haben.

Gute „Manieren“

Es ist wahr, dass Martin Mosebach Krawatte trägt. Er praktiziert den klassischen Handkuß, von dem der äthiopische Prinz Asfa-Wossen Asserate (der 1972 nach Frankfurt kam) in seinem Kulturführer durch die europäischen „Manieren“ (2003) sagt, er sei eine „kleine Tanzfigur“, die „Selbstachtung, Distanz und Respekt“ ausdrücke. Auch in diesem Sinne darf man Martin Mosebach als einen hochkultivierten Wertkonservativen bezeichnen, der seine Gegenwart an der Überlieferung misst und für jene Ästhetik der bürgerlichen Umgangsformen eintritt, die man eben „gute Manieren“ nennt.

Träger dieser Manieren ist das europäische Bürgertum, dem wir die Demokratisierung des Kontinents, den „Strukturwandel der bürgerlichen Öffentlichkeit“ (Habermas), das moderne Bildungssystem, aber auch und jene säkularisierende Entwicklung der Religion verdanken, an der Mosebach den „Zerfall der hierarchischen und sakramentalen Kirche nach dem II. Vatikanischen Konzil“ kritisiert. „Die Kirche stirbt, wir müssen mit Gott allein sein. Das Gebet ist die einzige intelligente Tat“, so zitiert er den kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómez Dávila. Bei Brecht, so führt er an anderer Stelle aus, habe das Bürgertum bei den Bürgern schlechte Karten gehabt. Ironisch hat das vor genau 100 Jahren der expressionistische Dichter Jakob van Hoddis kommentiert, in seinem berühmten Gedicht „Weltende“: Am Beginn der technischen Moderne beunruhigt den Bürger, dem „vom spitzen Kopf der Hut“ fliegt, sein Schnupfen, nicht aber der Weltkrieg, die Mutterkatastrophe des 20. Jahrhunderts.

Die Stadt, das Bürgertum und die Fremde

War das der Anfang vom gar nicht so lustigen Ende des Bürgertums? Davon erzählt Mosebach mit guten Gründen. Seine Romane sind kritische Gesellschaftsstudien aus dem bürgerlichen Milieu, kulturelle Lehrstücke über die feinen Unterschiede, geschult an der Erzähltradition Thomas Manns und Heimito von Doderers. An Manns „Buddenbrooks“ (1901) erinnert Mosebachs dritter Roman „Westend“ (1992) über Aufstieg und Niedergang eines Immobilienimperiums in der Nachkriegszeit. Die Bankenstadt am Main ist ein Emblem seines Werks, sie ist Handlungsort der Romane „Lange Nacht“ (2009) und „Was davor geschah“ (2011).

Kein Zweifel, Mosebachs Romanfiguren sind Nachfahren der „Buddenbrooks“, Stadtbürger mit schlechtem Gewissen und hellem Verstand. Es sind Abenteurer auf der Jagd nach Freiheit im Dickicht der Städte und deshalb auch entlaufene Bürger, denen das Bürgertum abhanden gekommen ist, Hasardeure und Hochstapler. Sie nehmen ganz eigene Routen, abseits von Erziehung, Schule, Familie, Staat, stets bereit, oft aber unfähig zum „biographischen Bruch“ (Uwe Wittstock). Dieser zögerliche Nonkonformismus bewährt sich auch in fremden Milieus. Der Indienroman „Das Beben“ – 2005 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis nominiert – und der auf seinen Aufenthalt in Bikaner im Herbst 2006 zurückgehende, 2008 erschienene Reisebericht „Stadt der wilden Hunde“ – mit dem man seine Mosebach-Lektüre beginnen sollte – erschließen das Heilige in anderen Kulturen.

Und das mit humorvollem Distanzblick auf die Fremde. In Bikaner gibt es keine Bücher und keine Leser, wohl aber einen Bibliothekstempel und einen großen Schriftsteller, dem der deutsche Dichter eine kleine Gefälligkeit erweist. Sie besteht darin, dass er dem indischen Gastgeber, der ihn ungehörig lange warten lässt und dann um seine Meinung über das „unvergleichliche Buch“ bittet, das er geschrieben hat, ein dickes Lob diktiert. Dieses Lob des „zu Gast weilenden Gelehrten Mr. Martin“ druckte dann am nächsten Tag die Zeitung.

„Stilleben mit wildem Tier“

Was die Kritik an Mosebachs Romanen immer wieder hervorhebt, ist das „Vertrauen in die groteske Wendung und das Auge fürs sprechende Detail“ (Felicitas von Lovenberg), ist die Satzbaukunst, die von „formvollendetem Stil“ zeuge (Andrea Köhler), sind die „federnd wohlgefügten Satzperioden“ (Ijoma Mangold). Diese Stilkunst, die durch Eleganz, geistreiche Ironie, Anmut und Kühnheit überzeugt, ist freilich keine artistische Selbstfeier. Jedes Wort, welches das Gewöhnliche ins Kostbare zieht, dient der Durchleuchtung einer sprachverwahrlosten Gegenwart.

Sprachliche Nachlässigkeit ist für Mosebach eine Untugend, weil der Schriftsteller sein Wortmaterial nicht beherrschen darf, sondern interpretieren muss. Seine Aufgabe ist es, die Grenzen der Sprache „zu weiten, sich durch ihre Hindernisse hindurchzuwinden, sie in ein überraschendes Licht zu setzen, sie zu verdunkeln, sie zu verknappen, ihre Wirkung zu steigern, ihren Klang zu inszenieren“ („Schriftstellers Deutsch“, 2003). Dazu gehört auch ein phantasievoller Umgang mit den Spezialsprachen und Mundarten des Deutschen. Das „Denglisch“, G.B. Shaw zufolge die am leichtesten schlecht zu sprechende Sprache, bekämpft er, weil es nicht die Wirklichkeit, sondern nur die Zugehörigkeit des Sprechers bezeichne („Die Schriftsteller und die Fremdwörter“). Die Fremdwörter toleriert er, solange sie anschaulich bleiben, und würdigt sie – wie der Frankfurter Philosoph Adorno – als Goldadern im Körper der deutschen Sprache.

Ein kurzes Beispiel für Mosebachs Stilkunst als Sprach- und Sozialkritik ist „Stilleben mit wildem Tier“, eine der frühen Erzählungen aus dem gleichnamigen Band (2001). Die neapolitianische Familie Esposito hat in ihrem Wohnzimmer eine stattliche Weihnachtskrippe mit über dreihundert handgroßen Figuren aufgebaut. Während draußen das Stadtleben treibt, regt sich in der Krippenlandschaft eine Maus, verfolgt von einer Katze, die zum Sprung ansetzt und damit ein Desaster im bürgerlichen Wohnzimmer der Espositos anrichtet. „Die Stille ist nicht gestört worden, und doch gleicht das Tal zu Füßen der Heiligen Familie einem Schlachtfeld.“ Dieses groteske Ende der Geschichte kommentiert den Einbruch der Welt-Gewalt in eine zum „Stilleben“ erstarrte Kunst. In klassisch ausgeruhtem Tonfall wird dem religiösen Kunsthandwerk der Garaus gemacht.

Und wie hält es der Autor mit dem Christentum?

Seit dem Doderer-Preis (1999) und dem Kleist-Preis (2002) hat sich Martin Mosebach zusehends mit Essays zur kulturellen und geistig-religiösen Lage der Zeit geäußert. Als geschickter Diskutant wirkte er im Herbst 2004 an der Bonner Veranstaltungsreihe der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Dialog der Religionen mit (http://www.kas.de/wf/de/17.12365/). In der Tageszeitung „Die Welt“ plädierte er im Juni 2004 für einen Gottesbezug in der europäischen Verfassung: „Mit Gott in der Verfassung bekennt der entstehende Riesenstaat, daß er nicht perfekt ist und nicht perfekt sein kann“. Nicht selten polarisiert der Autor mit kontroversen Thesen. So zieht Mosebachs Büchnerpreisrede 2007 („Ultima ratio regis“) eine Vergleichslinie zwischen der Französischen Revolution und dem Totalitarismus des 20. Jahrhunderts, zwischen Paris und Posen, St. Just und Himmler. Und fragt nach dem Preis einer Freiheit ohne humane Verantwortung: „Woher kommt bei Büchners Protagonisten, die sich im Besitz des siegreichen Gesetzes der Geschichte glauben, das schlechte Gewissen?“

In seinem Buch „Die Häresie der Formlosigkeit“ (2002, Neuauflage 2007) tritt er für die vorkonziliare Liturgie ein und kritisiert die Reformen des Zweiten Vatikanums als „Akt der Tyrannis“, ausgeübt von „Modernisierern und Fortschrittsgläubigen“. Seine Kritik als gläubiger Katholik und als „Feind des Kitsches“ richtet sich gegen eine Kirche, in der man die „Altäre gedeckt sieht wie Couchtische“, wie Felicitas von Lovenberg schreibt.

Sein Plädoyer für ein „Blasphemieverbot“ in der „Frankfurter Rundschau“ vom 18. Juni 2012 ließ Kritiker vom „Gotteskrieger im Tweedjackett“ („Der Spiegel“) und „Deutschlands Religionspolizei“ („Cicero“) sprechen. Mosebach fand aber auch Zustimmung, wie der Autor im Dezember 2012 bei einer Veranstaltung im Belgischen Haus in Köln sagte: bei dem Philosophen Robert Spaemann und beim Bamberger Erzbischof Ludwig Schick. Wir sollten dem guten Rat von Mosebachs Büchnerpreis-Laudator Navid Kermani folgen und dessen Texte genau lesen. Denn Mosebach, so Kermani, kritisiere beileibe nicht die Kunstfreiheit. Ihn störe die Blasphemie, wenn sie als „lässige Attitüde oder als kalkulierte Spielerei“, als „Schnörkel, Laune oder Ungezogenheit“ auftrete.

Dementsprechend verteidigt Mosebach das Privileg des Autors, sich in die „,Verbrecher aus verlorener Ehre’ und die Kohlhaase einzufühlen“. Die Demarkationslinie der künstlerischen Freiheit aber verläuft für ihn entlang der „guten Sitten“, die das zivilisierte Leben der menschlichen Gesellschaft regeln. Deshalb mahnt er in einer Nachbemerkung zu seinem umstrittenen Artikel: „Wer sich Verachtung gestattet, wird Wut ernten und beschädigt das Zusammenleben aller“.

Staunender Realismus

Martin Mosebachs Poetik ist einem „staunenden Realismus“ verpflichtet, den er als Fellow des Internationalen Kollegs Morphomata in Köln mit der liebvollen Geste erklärte, mit der der Schriftsteller die Träume aus der Tageswelt zu rekonstruieren versteht und von innen heraus die Dinge auf ihre Qualität hin prüft. Dem entgegen stehe der „depressive Realismus“ jener Autoren, die das Recht einklagten, in Arkadien geboren zu sein, aber in Wanne-Eickel lebten und dort an ihren Klagen stürben. Auf diese Weise neigt Mosebach mehr zu einem philosophischen als zu einem politischen Schreiben.

Staunen ist der Anfang des Denkens, und Martin Mosebachs Werke sind eine elegante Schule des Selbst-Denkens. Fortschritt und Zeitgeist haben darin durchaus ihren Platz, sofern sie nicht historisch bewährte Grundwerte – wie die Verantwortung für die Freiheit des Wortes – gefährden. Auf diese Weise gemahnt Mosebach daran, dass der Mensch nicht nur eine politische und ästhetische Existenz hat, sondern auch von Geschichte und Tradition abhängt. Man muss keine Krawatte tragen, um ein passabler Bürger zu sein. Aber wissen, dass jede bürgerliche Freiheit an Wert verliert und verflacht, wenn sie sich nicht an den Werten orientiert, aus denen sie in oft schwierigen Prozessen erwachsen ist. Nicht also Rückkehr zur Vergangenheit ist die Devise des bürgerlichen Schriftstellers Martin Mosebach, sondern die Bewahrung des Bewahrenswerten: „Hände weg vom Status quo“. Und mag das auch eine intellektuelle Herausforderung sein, eine Einladung zur Diskussion um bürgerliche Werte.

Michael Braun, Leiter Referat Literatur