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Oh Happy Day! Teil 1.

Gospel zu Besuch auf den Hamburger Kirchentag

Die Menschen stehen auf, lassen sich von der Musik mitreißen, klatschen, singen und lachen mit. Die Kreuzkirche in Hamburg-Ottensen war voll mit Besuchern der Hamburger Kirchentage vom 01. bis zum 05. Mai 2013, um Norddeutschlands größtes Gospelkonzert zu sehen.

Gospel Chor
Gospel Chor

„Es war unglaublich, wie der Chorleiter das Publikum mitgerissen hat“, sagt eine etwa 40 Jahre alte Frau nach dem Konzert. Kann deutscher Gospel wirklich das vermitteln, was sich viele spätestens nach “Sister Act“ unter gutem Gospel vorstellen? Anfangs sitzen die rund 400 Gospelinteressierten gespannt in den Sitzreihen. Mit seiner Ansprache motiviert der Chorleiter Volker Dymel das Publikum, sich an den Songs aktiv zu beteiligen. Nach den ersten bekannten Klängen von dem Klassiker “I Will Follow Him“ von Sister Act erheben sich die ersten von ihren Plätzen. Kurze Zeit später steht die gesamte Kirche, klatscht den Rhythmus mit, und einige Gesangsbegeisterte unterstützen den Chor kräftig. Langsame, gefühlvolle Stücke dienen dem Publikum zur Verschnaufpause. „Andere gehen ins Fitnessstudio, ich mach’ Gospel“, sagt Volker Dymel.

Zunächst überrascht, dass der Chor sich lediglich aus 21 Sängern und dem Chorleiter Volker Dymel zusammensetzt, da im Programm schließlich von „Norddeutschlands größtem Gospelkonzert“ die Rede war. Nach dem Einstieg mit dem Klassiker klärt Dymel die Verwirrten auf: Mangels Platz in der Kirche, treten nur die Solisten aus seinen insgesamt drei Chören auf, die sich dann “Joyful Gospel“ nennen. Insgesamt sind es aber über 100 Chormitglieder, die vergangenes Jahr Norddeutschlands größte Gospeltour auf die Beine gestellt haben.

Nicht nur den Zuhörern sieht man während des Konzerts die Begeisterung an. Die Sänger kommen fröhlich und strahlend in ihren orangegoldenen Gewändern den Mittelgang zur farbenfroh beleuchteten Bühne entlang. Selbst noch beim letzten Song strahlen die Chormitglieder und ihr Groove springt zu den Menschen über. Weitere Highlights liefert Dymel durch Interaktion mit dem Publikum: Bei besonders einfachen Textstellen hält er das Mikrofon einzelnen Personen hin, die begeistert ihr Gesangstalent preisgeben. Nach einer vom Publikum geforderten Zugabe verlässt der Chor singend die Kirche und beendet somit das Konzert.

Personen vor Roll-Up
Personen vor Roll-Up

Wie die Chöre zustande gekommen sind, was Gospel ausmacht und wie man Besucher einer Kirche so motivieren und mitreißen kann, erklärt der Hamburger Chorleiter Volker Dymel (46) in einem Interview.

KAS: Haben Sie schon immer Musik gemacht?

DYMEL: Mit sechs Jahren habe ich angefangen Akkordeon und anschließend Gitarre zu spielen. Als ich zwölf war, fing ich mit dem Singen an, und mit 15 hatte ich meine erste christliche Band, mit der ich Rockmusik gemacht habe. Und ab Anfang 20 habe ich mich dann schließlich dem Gospel gewidmet.

KAS: Haben Sie zuerst selbst Gospel gesungen und warum haben Sie sich für den Gospel begeistert?

DYMEL: Als ich in Amerika war, hat mein Freund mich mit in eine afroamerikanische Kirche genommen, wo Gospel gesungen wurde. Dort stand ich dann als einziger Weißer zwischen circa 1700 Afroamerikanern, die um mich herum sangen und groovten. Das hat mich so berührt und bewegt, mir liefen irgendwann sogar die Tränen die Wangen runter. Und ich dachte mir nur, wie geil ist das denn?! (lacht)

KAS: Und wie ging es dann für Sie weiter?

DYMEL: Ich habe mir sofort Platten gekauft, mich von ihnen inspirieren lassen. Als ich nach Norddeutschland zurückkehrte, kannte ich bereits hier Gospelbegeisterte und wir haben angefangen, im Chor zu singen. Damals waren wir nur acht Mitglieder und unseren ersten Auftritt hatten wir in einer Kneipe in Buxtehude. Es war rappelvoll und die Menschen waren begeistert. So entstand dann die Gospelgruppe “Joyful Gospel“. Seit gut 20 Jahren gibt es uns bereits und wir haben insgesamt schon acht CDs herausgebracht.

KAS: Wie kam es dazu, dass Sie zusätzlich drei Chöre gegründet haben?

DYMEL: Nach der “Gospelwelle“, die von dem Film “Sister Act“ ausgelöst wurde – weil auf einmal alle begeistert von der Musik waren – habe ich angefangen, mich selbstständig zu machen. So gründete ich vor 16 Jahren meinen ersten Chor “Lean on Gospel“ und später noch “It’Z Gospelpower“ und “Rhythm of Faith“.

KAS: Wie koordinieren und organisieren Sie drei Chöre auf einmal?

DYMEL: Weiß ich auch nicht! (lacht) Mit jedem Chor probe ich einmal die Woche und das Programm ist gleich, da wir auch oft zusammen singen. Zudem haben alle die gleiche Gesangsausbildung von mir bekommen, sodass es so und technisch passt und man die Chöre ruhig mal zusammenschmeißen kann.

KAS: Würden Sie von sich selbst sagen, dass Sie ein strenger Chorleiter sind?

DYMEL: Nein, ich bin ein zu lascher Chorleiter. Mir wird immer bei den Proben gesagt, ich sei zu nett. Dazu muss man auch sagen, dass – auch wenn viel Arbeit drinsteckt – es ein Hobby von den Sängern ist, daher die Lockerheit. Wenn Leute aber öfters nicht zu den Proben kommen, gibt es auch mal Regeln, die ich durchsetze. Aber im Endeffekt steht der Spaß im Vordergrund. Nach den Proben gehen wir gemeinsam was Essen oder Trinken und man hat Spaß zusammen.

KAS: So etwas stärkt natürlich den Zusammenhalt der Gruppe.

DYMEL: Ja, auf jeden Fall. Das ist enorm wichtig. Wir singen alle jetzt schon so lange zusammen. Wer einmal dabei ist, hört eigentlich auch nie auf. Und wenn einer mal geht, dann nur, weil er wegzieht oder familiäre Probleme hat.

KAS: Und auf was für Veranstaltungen treten Sie auf?

DYMEL: Wir treten auf Hochzeiten, Festivals, Veranstaltungen wie der Hamburger Kirchentag, bei Gospeldinnern – das heißt, wir singen, während die Leute im Restaurant essen – auf und natürlich noch zu erwähnen ist unsere Gospeltour durch Norddeutschland.

KAS: Haben Sie einen Ort, wo Sie am liebsten auftreten?

DYMEL: Das kann man gar nicht so genau sagen. Ich finde es klasse, wenn man gerade so ein richtig großes Ding mit Band und Bühne macht und die Halle mit 1000 Leuten voll ist. Aber auch wenn du mal in einer kleinen Besetzung wie heute bist, einen Pianisten hast und rund 100 Leute da sind, ist es toll. Es ist eine ganz andere Dynamik und du hast einen anderen Zugang zu den Leuten. Beides hat irgendwie was.

KAS: Unterstützt Sie die Stimmung des Publikums bei Ihrer Performance?

DYMEL: Bei so einer Veranstaltung wie heute, wo die Leute mitgehen und aufstehen, törnt es mich total an auf der Bühne. Kann auch mal sein, dass sie einfach sitzen bleiben und nur zuhören. Aber man merkt auch dann in ihren Gesichtern, dass es ihnen gefällt und dass sie berührt sind von unseren Liedern. Und am Ende flippen sie total aus und applaudieren. Für einen selbst ist es natürlich am Schönsten, wenn die Leute mitgehen.

KAS: Fiel es Ihnen in den Anfängen Ihrer Karriere schwer, die Menschen zu motivieren?

DYMEL: Ich habe in Amerika mitbekommen, wie amerikanische Chöre den Gospel ausdrücken, wie die Kommunikation ist. Die Gemeinde ist sofort dabei. Sobald der Pastor reinkommt, stehen die Leute auf. Und auf sein „Halleluja“ grölt die Menschenmenge „Halleluja“ zurück. Ich habe mir angeguckt, wie das funktioniert und versuche, es auf eine ähnliche Art und Weise zu machen. Wenn du positiv, locker und mit Freude auf die Leute zugehst, sind sie auch dabei und machen mit. Aber das ist mir nie wirklich schwer gefallen, weil ich einfach so ein Bühnentyp bin.

KAS: Wie sieht es in Zukunft mit Ihren Gospelchören aus?

DYMEL: Das geht immer weiter, ich will auch wieder nach Amerika. Es zieht mich immer wieder dorthin, um mich weiter inspirieren zu lassen. In einem afroamerikanischen Gottesdienst zu sein, ist einfach das Größte für mich. Das ist für mich wie auftanken. (lacht)

KAS: Was ist für Sie das Besondere am Gospel?

DYMEL: Mich fasziniert, was mich auch am Anfang in Amerika sehr inspiriert hat, wie die Leute ihren Glauben damit ausdrücken. Deutschland ist dazu leider kein Vergleich, denn dort drüben herrscht pure Freude, da geht’s richtig ab. Auch musikalisch gesehen ist Gospel eine ganz außergewöhnliche Musikrichtung. Rock und Jazz ist ähnlich, aber doch anders. Einfach von der Energie, die dahinter steckt. Jede andere Musik, die es gibt, kommt da für mich nicht ran.

Wer Volker Dymel und seine Gospelchöre live sehen möchte, kann am 09. November 2013 in die Hamburger Hauptkirche St. Michaelis gehen. In den letzten Jahren waren die Konzerte immer mit bis zu 2000 Besuchern ausverkauft. Joyful Gospel

Slideshow
Stimmen zum Gospelkonzert on PhotoPeach


von Alina Scheithauer & Phillip F. Wittkamp