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Wachstum

Wirtschaftswachstums ist keine Selbstverständlichkeit. Es gab Jahrhunderte der Stagnation, mit nur zyklischem Auf und Ab. Nennenswertes Wirtschaftswachstum beginnt in Europa im Zuge der Industriellen Revolution, in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Davor war die Entwicklung schleppend langsam. Die realen Pro-Kopf-Einkommen nahmen nur mit sehr geringen Raten – wenn überhaupt – zu. Immer wieder gab es Phasen nicht nur der Stagnation, sondern des Schrumpfens der Wirtschaftsleistung, ausgelöst durch zivilisatorische, klimatische, demographische, politische und ökonomische Krisen. Die Menschheit war in ständiger Knappheit und einem demographisch-ökonomischen Auf und Ab (malthusianische Falle) gefangen.

Die historische Erfahrung

Im ersten Jahrtausend nach Christus war die Wachstumsrate in Westeuropa wohl sogar leicht negativ, schätzt der angesehene Wirtschaftshistoriker Angus Maddison. Im langen Durchschnitt schrumpfte die Wirtschaftsleistung um 0,1 Prozent im Jahr – wobei es natürlich Wellenbewegungen gab. Vom 1000 bis 1820 lag die Wachstumsrate nach Maddisons Schätzung bei durchschnittlich 0,34 Prozent im Jahr.

Wohl schon im späten achtzehnten Jahrhundert – in der Zeit, als Adam Smith die erste moderne Wirtschafstheorie aufstellte – hat sich das Wachstum aber merklich beschleunigt, so stark und augenfällig, dass spätere Wissenschaftler von einem „revolutionären“ Prozess sprachen, der durch die Mechanisierung und Industrialisierung ausgelöst sei.

Um durchschnittlich gut 2,1 Prozent p. a. ist die Wirtschaftsleistung in Westeuropa seit dem frühen neunzehnten Jahrhundert bis heute gewachsen, hat Maddison berechnet. In den „westlichen Ablegern“, also vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada, Australien und Neuseeland, wuchs die Wirtschaftsleistung je Kopf – von niedrigem Niveau aus – von 1820 bis heute sogar deutlich schneller um 3,7 Prozent p. a..

Eine reale Wachstumsrate von 2 Prozent erscheint vielleicht als nicht besonders viel. Über lange Zeiträume resultiert daraus aber eine sehr starke Zunahme des materiellen Wohlstandes. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Westeuropas, also die Summe der jährlich produzierten Waren und Dienstleistungen, bewertet zu Marktpreisen, hat sich von 1820 bis 2000 gut vervierzigfacht. Je Einwohner ist das BIP immerhin um fast den Faktor 15 gestiegen.

Wachstum ist ein langfristiger Prozess. Etwas anderes ist die Konjunktur, welche die kurzfristigen Schwankungen wirtschaftlicher Aktivität um den Wachstumstrend herum misst. Mal werden die Produktionskapazitäten nur zum Teil ausgenutzt (Rezession), mal werden sie voll ausgelastet oder sogar überausgelastet (Hochkonjunktur). In den Nachkriegsjahrzehnten, als die Wirtschaftspolitik keynesianisch geprägt war, glaubten viele, dass durch staatliche Nachfragepolitik und –stimulierung der Konjunkturverlauf geglättet werden könne – und dass daraus sogar ein höheres Wachstum resultieren werde, wenn die schmerzhaften Rezessionen wegfielen. Nach den enttäuschenden Erfahrungen mit Konjunkturprogrammen in den siebziger Jahren ist man sehr viel zurückhaltender geworden.

Die klassischen Ökonomen, beginnend mit Adam Smith, waren der Meinung, dass Wirtschaftswachstum vor allem aus Kapitalakkumulation resultiere. Menschen sparen und investieren, das heißt, sie produzieren und kaufen neue Maschinen, mit denen sie die Produktion steigern können. Smith sah auch, dass Arbeitsteilung, Spezialisierung, Wettbewerb und Allokation über immer größere, integrierte Märkte zu höherer Produktivität führen. Aber als Hauptursache des Wachstums vermuteten die Klassiker dennoch die Kapitalakkumulation.

In pessimistischer Weise nahmen die Klassiker an, dass diese Akkumulation wegen sinkender Profitrate irgendwann enden müsse. John Stuart Mill etwa sagte dies voraus, weil bei sinkender Rentabilität der Sparanreiz erlahme. Bei Karl Marx verhärtete sich die Vermutung zu einem „Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate“. Aus seiner Annahme, dass nur Arbeit produktiv sei (Arbeitswertlehre), und der Vorstellung, dass es zu einer Überakkumulation von Kapital und Verdrängung und Verelendung der Arbeiterschaft komme, schloss Marx auf ein unausweichliches, katastrophales Ende des Kapitalismus.

Kapitalbildung und technischer Fortschritt als Treiber des Wachstumsprozesses

Schon bei den Klassikern finden sich aber Hinweise, dass es zur sinkenden Grenzproduktivität (wie man später sagte) des Kapitals auch gegenläufige Faktoren gibt, vor allem den technischen Fortschritt.

Einen entscheidenden Sprung nach vorne nahm die Wachstumstheorie durch Joseph Schumpeter in seinem Hauptwerk „Die Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“. Er betonte die Bedeutung von Innovationen. Gewinnsuchende Unternehmer versuchen neue „Kombinationen“ (neue Produkte, neue Verfahren, neue Absatzwege und Absatzmärkte) und reißen damit die Wirtschaft aus der Stagnation heraus. Der Kapitalismus erlebt immer neue Wachstumsschübe, die Gewinner, aber auch Verlierer hervorbringen, langfristig aber wohl mehr Gewinner als Verlierer. (Gleichwohl war Schumpeter in seinem Spätwerk pessimistisch, was die Überlebenschance des Kapitalismus anging, vor allem aus soziologischen Gründen heraus.)

Die neoklassische, mathematisierte Wirtschaftstheorie, die seit dem späten neunzehnten Jahrhundert entstand, interessierte sich für mehr als ein halbes Jahrhundert nicht sonderlich für das Wachstum, sie war – etwa mit Leon Walras – eher an eleganten mathematischen Gleichgewichtstheorien interessiert. Lediglich die österreichische Schule um Eugen von Böhm-Bawerk arbeitete über Wachstumstheorien: Nach ihrer Vorstellung rührt Wachstum vor allem daher, dass auf Konsum verzichtet und mehr Ersparnis gebildet und folglich Kapital investiert wird und damit „längere Produktionsumwege“ eingeschlagen werden können.

Werkzeuge und Maschinen erleichtern und vergrößern die Produktion. Man produziert aber nicht direkt für den Konsum, sondern produziert Investitionsgüter, bis schließlich nach langem „Umweg“ Konsumgüter herauskommen. Der Zins als „Zeitpräferenzrate“ ist ein wichtiger Regulator, wenn zwischen Gegenwartskonsum und Zukunftskonsum entschieden wird. Der Faktor Zeit ist ein zentrales Element der österreichischen Wirtschaftstheorie. Die Wirtschaft ist stets im Ungleichgewicht und bietet Innovatoren neue Chancen. „Schöpferische Zerstörung“ (J. Schumpeter) reißt die Welt aus dem Gleichgewicht und treibt den Fortschritt an. Damit war die österreichische Wachstums- und Konjunkturtheorie dynamisch, während die neoklassische Theorie, die von der Idee des Gleichgewichts beherrscht ist, eher statisch erscheint.

Nach dem Zweiten Weltkrieg formalisierte Robert Solow 1956 ein erstes neoklassisches Wachstumsmodell, das um die Faktoren Arbeit und Kapital sowie den technischen Fortschritt herum aufgebaut ist. Mehr Wirtschaftsleistung resultiert entweder auf mehr Arbeitseinsatz (wachsende Bevölkerung, höhere Erwerbsquote, längere Arbeitszeit) oder mehr Kapitaleinsatz (mehr Maschinen) - jeweils mit abnehmender Grenzproduktivität – sowie allgemein einem technischen Fortschritt. Im Solow-Modell werden die Auswirkungen des technischen Fortschritts modelliert, nicht aber seine Ursachen. Der technische Fortschritt ist „exogen“ gegeben – es fällt also in gewisser Weise „vom Himmel“.

Tatsächlich jedoch muss er ein Resultat bewusster menschlicher Aktionen sein, so wie es Schumpeter beschrieben hat. Allerdings entzog sich der schumpetersche Ansatz der Mathematisierung. Daher versuchten Ökonomen zunächst andere, viel einfachere Modelle. Eine „Endogenisierung“ des Wachstumsprozesses führte Kenneth Arrow 1962 mit dem Learning-by-doing-Modell ein: Im Zeitablauf steigt die Produktivität der Arbeiter durch Wiederholung und zunehmende Erfahrung. Hirofume Uzawa erweiterte das Solow-Modell um eine endogene Wachstumserklärung durch Humankapitalbildung. Menschen nutzen einen Teil ihrer Zeit nicht zur Arbeit, sondern zur Ausbildung in Schulen, Universitäten, Fortbildungseinrichtungen. Dadurch steigen ihr Humankapital und schließlich ihre Produktivität.

Erst in den achtziger Jahren gelang Paul Romer mit der neuen Wachstumstheorie eine noch grundlegendere Endogenisierung des technischen Fortschritts. Unternehmer verzichten auf Konsum und investieren die Ersparnis in Verbesserungen der Produktion. Im Romer-Modell spielt unvollständiger Wettbewerb (monopolistische Konkurrenz, es gibt also kein Gleichgewicht mit Null-Gewinnen) eine wichtige Rolle. Dies erlaubt Unternehmen, durch patentabgesicherte Innovationen positive Gewinne zu machen, die einen Anreiz für Forschung und Entwicklung darstellen.

Fassen wir noch einmal die historischen Phasen des Wachstums zusammen: Bis in die Neuzeit, als es nur wenig technische Innovationen gab, war der Wachstumsprozess hauptsächlich durch demographische Faktoren geprägt. In klimatisch günstigen Phasen wuchs die Bevölkerung, doch irgendwann stieß dieses Wachstum an (malthusianische) Grenzen und es kam zu schweren Krisen – etwa im vierzehnten und im siebzehnten Jahrhundert. Im achtzehnten Jahrhundert setzte mit einer Reihe von technischen und institutionellen Neuerungen und einer höheren Rechtssicherheit, die Investitionen anregte, ein stärkerer Wachstumsprozess ein („Industrielle Revolution“).

Problematische Wachstumspolitik

Die Haupttriebfeder des Wachstums ist unzweifelhaft der technische Fortschritt, der aus Innovationen, Forschung, Entwicklung und Humankapitalbildung resultiert. Die moderne Wachstumsforschung hat empirisch zu schätzen versucht, ob es Politikmaßnahmen gibt, die das Wachstum stärken können. Die Ergebnisse waren gemischt und allgemein eher enttäuschend. Der Erfolg von zielgerichteten Industriepolitiken in den fünfziger und sechziger Jahren zur Stärkung „zukunftsträchtiger“ Wirtschaftsfelder sowie von staatlichen Forschungs- und Entwicklungsprojekten war häufig gering, da schlicht das Wissen fehlt, was die „zukunftsträchtigen“ Industrien und Innovationen sind.

Es wurde am Bedarf vorbei geplant, hohen Kosten stand wenig Nutzen (Wachstum) gegenüber. Auch die „Energiewende“ als planwirtschaftliche Innovations- und Verbrauchssteuerung kann auf diese Weise scheitern. Liberale Ökonomen betonen dagegen, dass der marktwirtschaftliche Wettbewerb ein „Entdeckungsverfahren“ (Friedrich August von Hayek) ist, das neue Lösungen zum Umgang mit Knappheiten und zur Erweiterung unserer Möglichkeiten erst in der Konkurrenz und sozialen Interaktion findet; sie lassen sich nicht zentral planen.

Als vielversprechend gilt daher ein ergebnisoffener Ansatz mittels „Angebotspolitik“, der durch gute Rahmenbedinungen (gesicherte Eigentumsrechte und eine nicht-verzerrende, maßvolle Besteuerung) Anreize für Investitionen schafft. Dies ist Ordnungspolitik im besten Sinne. Die Versuche zu einer nachfrageseitigen Stärkung der Wirtschaft führten dagegen nur zu häufig in kurzfristige konjunkturelle Strohfeuer, die lediglich Inflation (in den siebziger Jahren) oder steigende Schuldenberge (heute) hinterlassen.

Kritik am Wachstumsparadigma

Seit den siebziger Jahren gibt es unterschiedliche Kritikansätze am „westlichen Wachstumsparadigma“. Der Club of Rome etwa postulierte in seinem Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ (1972), dass das Wachstum wegen der Endlichkeit der natürlichen Ressourcen – etwa der Mineralien, Erze, fossilen Energieträger – zwangsläufig enden oder aber in eine ökologische Katastrophe führen müsse.

Dagegen ist einzuwenden, dass Wachstum nicht zwangsläufig ein Mehr an materiellem Ressourcenverbrauch bedeuten muss. Es kann auch qualitatives Wachstum sein, das bessere – und ressourcensparende – Produkte und Dienstleistungen hervorbringt. Bislang allerdings ging der Wachstumsprozess – trotz steigender Energie- und Ressourceneffizienz und Recycling von Abfällen – mit einem Mehrverbrauch von Ressourcen einher, der zu einer tendenziellen Verknappung führt.

Zwar haben sich viele der alarmistischen Prognosen des Club of Rome zur Erschöpfung bestimmter Ressourcen als falsch herausgestellt, doch ist grundsätzlich die Endlichkeit unbestritten. Wachstum wird nur durch ressourcensparende Innovationen möglich sein. Kritiker der zukunftspessimistischen Wachstumskritiker betonen zudem, dass etwa der Club of Rome – vor allem in seinem jüngsten Bericht „2052: A Global Forecast for the Next Forty Years“ – zu autoritären Lösungen neigt und freiheitsfeindlichen, zentralistisch-diktatorischen Regimen wie China eine höhere Kompetenz zur Bewältigung künftiger Herausforderungen zutraut als freiheitlichen Demokratien und Marktwirtschaften.

Dabei zeigt die Wirtschaftsgeschichte das genaue Gegenteil: Offene Märkte und offene Gesellschaften haben in dynamischen Prozessen immer neues Wachstum generiert und werden auch Wege finden, um mit künftigen Knappheiten umzugehen.

Das BIP als Indikator für Wohlstand

Seit etwa den siebziger Jahren ist auch umstritten, ob das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der richtige Maßstab für Wohlstand sei. Das volkswirtschaftliche Konzept – im Englischen „Gross Domestic Product“ – wurde erstmals in den 1930er Jahren von Simon Kuznets entwickelt, zugleich aber seine Begrenztheit betont. Das BIP gibt den Wert der in einem Jahr in einem Land erzeugten Waren und Dienstleistungen an. Zunehmend steht es in der Kritik, weil es den Blick auf Ökonomisches verenge und andere wichtige Aspekte des Lebens und der Umwelt außen vor lasse.

Die UNO hat 1990 den „Human Development Index“ (HDI) eingeführt, der auf Ideen von Amartya Sen beruht. Der HDI umfasst drei Dimensionen: langes und gesundes Leben (gemessen durch Lebenserwartung bei Geburt), Zugang zu Wissen (Schulbesuchsdauer) und materiellen Lebensstandard (Bruttonationaleinkommen je Kopf).

Die Stiglitz-Sen-Fittoussi-Kommission (SSFC) legte 2009 im Auftrag des französischen Präsidenten einen Bericht über die Messung ökonomischer Leistung und sozialen Fortschritts vor. Joseph Stiglitz sprach verächtlich von einem „BIP-Fetischismus“. Neben dem materiellen Lebensstandard soll man nach Empfehlung der SSFC mehr die Verteilung von Einkommen, die Gesundheit, die Bildung und die Verwirklichungschancen der Menschen berücksichtigen.

Der Bericht stieß auch in Deutschland eine breite Debatte an. Der Bundestag setzte 2010 eine Enquêtekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, die 2013 in ihrem Abschlussbericht mehrheitlich einen Strauß von zehn Indikatoren empfahl: Neben BIP, Einkommensverteilung und Staatsschulden sollten „Soziales/Teilhabe“ (Beschäftigung, Bildung, Gesundheit, Bildung) und Ökologie (Artenvielfalt, Stickstoff- und Treibhausgasemissionen) berücksichtigt werden. Zusätzlich sollten Warnlampen eingeführt werden, wenn bestimmte Grenzwerte überschritten werden. Kritiker in der Kommission hielten den Ansatz für überfrachtet und zu kompliziert.

Grüne und Linke wollten noch den „ökologischen Fußabdruck“ hinzunehmen. Dieser misst, wie viel Ackerland- und Wasserflächen eine Bevölkerung zur Produktion ihrer konsumierten Güter und Dienstleistungen sowie zur Absorption der Abfälle und Emissionen benötigt. Der „ökologische Fußabdruck“ sei methodisch so komplex und schwer nachzurechnen, dass er kaum geeignet sei, sagte Kommissionsmitglied Gert Wagner.

Es gibt noch andere, zweifelhafte Indikatoren, die in eine ähnliche Richtung zielen, etwa den „Happy Planet Index“ (HPI) der New Economics Foundation, der den „ökologischen Fußabdruck“ im Nenner stark berücksichtigt. Auf dem HPI stehen Costa Rica, Mexiko und selbst Kuba besser da als die Vereinigten Staaten, deren Ressourcenverbrauch zu hoch ist; nordafrikanische Staaten liegen vor Frankreich und Deutschland.

Das Königreich Bhutan hat schon vor vierzig Jahren einen Glücks-Index entwickelt. Dazu befragt es seine Untertanen, ob sie zufrieden und gesund sind, ob sie genug Geld fürs Leben haben (es ist nicht viel), ob sie täglich beten und meditieren. Die Wirtschaft ist einem strikten Umweltschutz untergeordnet. Es liegt auf der Hand, dass ein solcher Index für Manipulationen anfällig ist.

Ein zentrales Problem mit alternativen, zusammengesetzten Wohlfahrtsindikatoren ist stets die Aggregation: Wenn mehrere Indikatoren zusammengefasst werden, droht durch die Gewichtung ein hohes Maß an Willkür oder Manipulation zu politischen Zwecken.

Die größte Stärke des BIP ist, dass es international vergleichbar und objektiv Auskunft über den Wert der marktgängigen materiellen und immateriellen Produktion in einem Land gibt. Allerdings umfasst es nur jene Tätigkeiten, die am Markt gekauft werden, nicht aber die Haushaltsproduktion, Nachbarschaftshilfe und ehrenamtliche Arbeit, deren Wert schwerer zu beurteilen ist, weil eben keine Marktpreise vorliegen. Das kann aber einen verzerrten Blick auf die Wohlfahrt bringen. Wenn einstmals in der Familie erbrachte Leistungen zunehmend von kommerziellen oder staatlichen Anbietern übernommen werden – etwa die Kindererziehung – oder wenn Ehen geschieden werden und dadurch mehr haushaltsnahe Dienstleistungen am Markt abgerechnet werden, dann steigert dies zwar auf dem Papier das BIP, doch würden viele Betroffene den Zuwachs an Lebensglück und Wohlstand bezweifeln.

Fragwürdig ist auch, mit welchen Werten staatliche Verwaltungs- oder Wirtschaftsaktivitäten in das BIP eingerechnet werden sollen. Ist eine große Bürokratie immer ein Mehrwert, der etwa mit der Summe der gezahlten Gehälter ins BIP einfließen soll, oder hemmt ein zu großer Staatssektor nicht eher die volkswirtschaftliche Dynamik?

Ein großer Kritikpunkt am BIP aus ökologischer Perspektive ist, dass negative externe Effekte des Wirtschaftens – etwa schädliche Emissionen – ausgeklammert werden beziehungsweise sowohl Umweltverschmutzung als auch ihre Bekämpfung positiv in die BIP-Rechnung einfließen. Zudem berücksichtigt die Brutto-Betrachtung nicht den Verbrauch von nicht-nachwachsenden Ressourcen. Länder, die viel Einkommen aus dem Abbau und Verkauf fossiler Ressourcen wie Öl erzielen, weisen zwar ein hohes BIP aus, doch gleichzeitig sinkt ihre Kapitalstock.

Das BIP ist eine Stromgröße, man muss also zugleich den Kapitalstock mit im Auge behalten, um eine umfassende Einschätzung des Wohlstandes eines Landes zu erhalten. Dieser unterliegt gleichwohl ebenfalls Bewertungsproblemen, wie nicht erst seit den jüngsten Immobilienpreis- und Finanzblasen offenkundig ist. Ob ein bestimmtes Wachstum nachhaltig ist, lässt sich immer erst aus der Rückschau beurteilen.

Viel Aufmerksamkeit hat in den vergangenen Jahren die Frage erregt, ob steigendes Einkommen zu einem subjektiv höheren Glück oder mehr Zufriedenheit führt. Es gibt seit dem Beitrag von Richard Easterlin (1974) die These, dass dies nicht der Fall sei. Wichtiger als die absolute Einkommensposition sei die relative Position. Andere experimentelle Wirtschaftsforscher wie Ruut Veenhoven und Joachim Weimann (2012) beharren darauf, dass materieller Wohlstand und subjektives Wohlbefinden korreliert sind.

Literaturhinweise:

  • Maddison, A. (2001), The World Economy. A Millennial Perspective, OECD Paris; auf Deutsch: ders.(2001), Die Weltwirtschaft: eine tausendjährige Perspektive, Paris OECD;
  • Arnold, L. (1997), Wachstumstheorie, München;
  • Barro, R. J./Sala-i-Martin, Xavier (2003), Economic Growth, 2. Aufl., MIT Press Cambridge-London;
  • Easterlin, R. A. (1974), Does Economic Growth Improve the Human Lot?, in: David,. P. A./ Reder, M. W. (Hrsg.), Nations and Households in Economic Growth. Essays in Honour of Moses Abramovitz, New York;
  • Paqué, K.-H. (2010), Wachstum! Die Zukunft des globalen Kapitalismus, München;
  • Weimann, J./ Knabe, A./ Schöb, R. (2012), Geld macht doch glücklich. Wo sich die ökonomische Glücksforschung irrt, Stuttgart.

Philip Plickert