Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Begabtenförderung und Kultur

Der fliegende Blumenverkäufer

Der Mann fliegt zwischen den Blumensträußen und niedrigen Tischen mit Eimern voller Tulpen von Kundschaft zu Kundschaft. Mit strahlendem Lächeln wünscht er einer älteren Dame in einem kribbelbunten Mantel mit roten, gelben, blauen und grünen Patchworkmuster ein herzliches ¨Guten Morgen¨, wickelt flink ihre weißen Tulpen ein und trägt die Blumen zur Kasse. Sie reicht ihm einen Zehn-Euro-Schein, mit flinken Fingern gibt der Verkäufer ihr das Wechselgeld raus. ¨Tschüss, schönes Wochenende!¨ Eine andere Frau mit grauen Haar und gebückter Haltung möchte gern Azaleen. Der Verkäufer überlegt laut: ¨Rot oder weiß?¨ Die Frau zuckt etwas unschlüssig mit den Schultern. Sofort fliegt der Händler los und kommt mit einem Topf rotweißer Azaleen zurück. ¨Echte Kölner Farben¨, scherzt er mit einem breiten Grinsen, das sich über sein ganzes Gesicht zieht und die weißen Schneidezähne zeigt. Die Frau lächelt zufrieden, kauft noch eine Orchidee und Tulpen.

René Kreuels liebt seinen Job. Vor fünfzehn Jahren hat der Mann mit dem wettergegerbten Gesicht, dem schwarzen, kurzen Haar und dem breiten, nie Enden wollenden Lachen den Familienbetrieb ¨Blumen Heiner¨ von seinem Vater übernommen. Seitdem steht Kreuels jeden Dienstag und Freitag Sommer wie Winter mit seinen Laster und den vielen Blumentischen auf dem Wochenmarkt an der Apostelkirche in Köln. Abends geht er schlafen, wenn er seinen zweijährigen Sohn ins Bett bringt, um um zwei Uhr frisch in den Tag zu starten.

Zwischen Fischbude und Obst-Stand hat der Blumenhändler seine Frühlingsdecke aus orangefarbenen Tulpen, gelben Osterglocken und weißen Orchideen aufgebaut.

¨Ich muss schon ein großes Aufgebot anfahren, um für die Kunden eine angenehme Atmosphäre zu erzeugen und zum Kaufen einzuladen. Hätte ich nur einen kleinen Tisch mit nur drei Blumensorten, würde ich nichts verkaufen¨, sagt René. Und tatsächlich, seine Taktik geht auf. Eine mittelalte Frau mit schulterlangen, dunkelblonden Haar und einem crémefarbenen Mantel stöbert zwischen den Blumen, schaut, atmet den Duft von roten Tulpen im Topf ein, dreht die Primeln im winterlich-weißen Sonnenlicht hin und her und entscheidet sich für ein Bund hellgelber französischer Tulpen. Im Minutentakt verkauft René Sträucher, Rosen und immer wieder Tulpen. Dazwischen flitzt er in den großen, rot-weißen Laster mit dem Logo des Familienbetriebes und kommt kurz darauf mit zehn, fünfzehn Bündel verschiedener Blumenarten auf den Schultern heraus. Er posiert frische weißer Tulpen auf den Tisch, füllt die Eimer mit den farbendurchmischten Tulpenmix wieder auf. Wenn er sich eine Zigarette ansteckt, dann hat er den Glimmstängel schon im Mundwinkel und führt den Kopf etwas geneigt zum Feuerzeug. Er lässt seine Kundschaft nie aus dem Augen, immer bereit, für sie da zu sein.

¨Hier wird man noch beraten¨

"Die Menschen hier sind einfach toll. Die Kundschaft ist sehr abwechslungsreich und freundlich!¨, strahlt René und wirft einer Kundin einen Gruß zu. Blumen Heiner lebt vor allem durch seine Stammkundschaft. Man kennt sich, duzt sich, scherzt. ¨Na dann sagen wir 10, bevor du mich erschlägst¨, gibt René einer Feilscherin nach. Sie lacht.

Anne und Jochen Hillmann kommen fast jeden Freitag auf den Markt. Die Rentnerin mit den grauen Locken und den lebendigen, grünen Augen schwärmt: ¨Die Atmosphäre mit der Kirche hier ist so schön und das Angebot ist frisch.¨ Sie macht eine ausschweifende Geste mit den Armen über das Blumenmeer: ¨Hier bekommen Sie doch alles. Und ich werde noch beraten. Eben hat mir der Verkäufer¨, dabei zeigt sie auf René, ¨erklärt, dass die orangefarbenen Tulpen mit zu den besten gehören, die am längsten halten! Wer sagt mir sowas sonst?¨ Ihr Ehemann nickt sanft.

¨Eigentlich wollte ich das gar nicht¨, erinnert sich René bei einer kurzen Pause zurück, während er seinen Stand betrachtet. ¨Seit dem ich klein bin, habe ich meinen Vater immer begleitet, selbst während der Bundeswehr habe ich ihm beim Verkauf geholfen. Immer wieder Blumen, ich hatte erstmal die Nase voll und habe eine Ausbildung zum Fliesenleger gemacht. Allerdings war mir der Kontakt zu den Kunden zu gering. Dann habe ich doch den Stand hier von meinem Vater übernommen. Ich durfte ihn aber so gestaltet, wie ich es mir vorstelle und jetzt bin ich glücklich.¨

Vom Apfel zur Rose

Als Renés Großvater begann, auf dem Markt zu verkaufen, bot er noch selbst angebautes Gemüse und Obst an. Renés Vater brachte dann noch Blumen auf den Verkaufstisch, das Angebot von Obst und Gemüse nahm dafür ab. Kreuels verkauft heute nur noch Blumen, er hat jedoch die Sortenauswahl ausgebaut. Beetpflanzen, Sträuche, Schnittblumen sind nur ein paar Beispiele für sein Sortiment.

Die Blumen kauft er auf dem Düsseldorfer Großmarkt ein. Aber er arbeitet auch viel mit Groß- und Kleingärtnern zusammen. Dafür hat René ein breites Netzwerk rund um Düsseldorf aufgebaut. Selbst in den Niederlanden hat Kreuels Gärtner, von denen er vorwiegend Beetpflanzen kauft. Montags und Donnerstag sind Einkaufstage, an denen René die Handelspartner anfährt und seinen Laster mit der vielfältig duftenden Flora belädt. Hinzu kommen dann noch die täglichen Wege von Düsseldorf, wo der Blumenhändler lebt, zu einem der Märkte in Köln an der Apostelkirche, Köln-Rhiel und Essen-Steele. Das Kostet, denn der Laster frisst viel Sprit und Benzin ist teuer. Außerdem hat die Umrüstung auf die Umweltplakette weitere 8000 Euro verschlungen. "Die Gewinnspanne hat sich verringert", gesteht René ein und zuckt resigniert mit den Schultern.

Doch Kreuels liebt die Herausforderung. Zwei Wochen vor Ostern möchte er den Wochenmarkt mit über hundert Tulpensorten überschwemmen. "Das wird ein Highlight, sowas haben die Kölner noch nicht gesehen", freut sich René und seine Augen strahlen dabei wie bei einem kleinen Kind, dass die eingepackten Weihnachtsgeschenke schon entdeckt hat und es kaum noch erwarten kann, dass Papier runter zu reißen, um zu sehen, ob ihm der Weihnachtswunsch erfüllt wurde.

Viertel nach zwölf lässt der Besucherstrom etwas nach, eine kurze Pause, in der René, seine Mitarbeiter und seine Mitarbeiterin durchschnaufen können. Feste Pausenzeiten gibt es sonst nicht. Rene´ schiebt sich einen Softcake gefüllt mit Orangengelee zwischen die Zähne. ¨Mittags gibt es, was die Kunden ab und zu mitbringen.¨ Er holt noch ein paar Blumen aus dem Laster, um sie dekorativ auf dem Verkaufstisch auszubreiten, schiebt Blumentöpfe wieder gerade und wirft noch einmal einen prüfenden Blick über seinen Stand. Dann wirft er einer Frau im grauen Parka ein breites Lächeln zu. "Guten Morgen, wie kann ich helfen?"

von Sophia Hofer