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Armut auf Zeit

Filter im Mundwinkel, Packung Tabak auf dem Schoß, Dose Bier zwischen den Beinen. Es regnet in Strömen. Der Mann dreht sich eine Zigarette, zündet sie an und nimmt einen tiefen Zug. Er blickt in die Ferne, inmitten der großen Stadt. Spürt, wie der Rauch an seiner Kehle vorbei in die Lungen kriecht. Und atmet langsam wieder aus. Er sitzt an der Haltestelle Neumarkt, im Halbtrockenen unter dem Dach. Behält die Selbstgedrehte zwischen den Lippen, um mit beiden Händen die Räder vorwärts bewegen zu können. In seinem Rollstuhl steuert er auf eine Frau mittleren Alters zu. „Können Sie mir einen Gefallen tun?“, fragt der Mann. Skeptisch schaut die blonde Frau ihn an und fragt, was sie für ihn tun könne. „Machen Sie doch bitte das Wetter schöner!“ Sie zieht die Augenbrauen hoch. „Tut mir leid, aber ich bin kein Engel.“ Das bestätigt sich, als sie die Zeitung ablehnt, die der Rollstuhlfahrer ihr zum Kauf anbietet. Eine Stadtbahn nähert sich und hält, Linie 9 in Richtung Sülz. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren steigt die Frau ein. „Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen noch!“, ruft der Mann ihr hinterher. Kein sichtbares Anzeichen von Enttäuschung.

Seit einem knappen Jahr verkauft Michael Schmitz (Name von der Redaktion geändert) den „DRAUSSENSEITER“, ein Kölner Straßenmagazin. Für 1,70 € verkauft er das Heft und darf 90 Cent behalten, von zehn Exemplare sogar den vollen Preis. Michael ist einer von circa 30 DRAUSSENSEITER-Verkäufern in Köln, die sich auf diese Weise etwas hinzu verdienen. „Nur durch den Verkauf der Obdachlosenzeitung kann ich mich über Wasser halten. Lieber hätte ich einen richtigen Job.“ Drei Stunden verbringt er täglich damit. „So wenig Zeit wie möglich, weil es aufs Gemüt schlägt. Zuvor überlege ich mir, wie viel Geld ich benötige, und bemühe mich, dieses Mindestziel zu erreichen.“ Wenn er seinen Stapel Straßenmagazine verkauft hat, trifft er sich mit Freunden – daran hat sich nichts geändert – und versucht „irgendwie den Tag rumzubringen.“ Michael selbst ist nicht obdachlos: Der gelernte Koch lebt in einer Mietwohnung, besitzt einen PC mit Internetzugang, ein Mobiltelefon, sogar einen Hund. Und einen Rollstuhl, mit dem er jeden Tag in der Kölner Innenstadt unterwegs ist.

Hinter dem DRAUSSENSEITER steckt die Absicht, dass die Verkäufer mit Menschen ins Gespräch kommen und dabei Akzeptanz erfahren. Michael hält das Projekt für eine vernünftige Sache, auch wenn es kein Job ist, der für gute Laune sorgt. „Ich muss mir oft dumme Sprüche anhören, Prügel werden mir angedroht, für viele Leute scheine ich unsichtbar zu sein. Da überlege ich es mir oft dreimal, bevor ich auf eine Person zugehe“, erzählt er, während seine kalten Hände unruhig die Rollstuhlräder drehen. Zudem seien die Verkäufer von Straßenmagazinen in Verruf geraten, da sich manche von ihnen mit dieser Arbeit das Geld für ihre Suchtmittel verdienen möchten. Hinzu kommen Taschendiebe, die Fußgänger ins Gespräch verwickeln, um sie abzulenken. Trotzdem hält Michael an diesem Job fest. „Was soll ich sonst machen? Wovon soll ich leben? Allein mit Hartz IV [Arbeitslosengeld II] ist ein eigener Haushalt nicht machbar.“

Angefangen hatte alles mit einer Zahnentzündung. Über den Blutkreislauf gelangten Bakterien in sein rechtes Bein und verursachten auch dort eine Entzündung. Das war im Mai 2013. „Erst habe ich die Schmerzen ignoriert. Ich wusste nicht, wer meinen Hund versorgen kann.“ Gerade noch rechtzeitig suchte er einen Arzt auf. Seinen Hund konnte er bei einem Freund unterbringen. Sieben Wochen verbrachte Michael im Krankenhaus, wurde in den ersten drei Wochen achtmal operiert. Noch kann er nicht wieder gehen, sein Bein liegt ausgestreckt auf einer Stütze am Rollstuhl. An der Rückenlehne sind neben seinem Rucksack auch Krücken befestigt, damit er aufstehen kann. Zumindest vorerst kann der 49-Jährige nicht mehr als Koch arbeiten. So schnell hat sich das Leben des zweifachen Vaters verändert.

Ein Freund kommt an die Haltestelle und begrüßt ihn gut gelaunt. „Hey, Michael, hast du schon das Neueste von Thomas gehört?“ Michael lacht und fragt, was dieser denn schon wieder angestellt habe. „Das muss ich dir erzählen!“ Trotz seines Schicksalsschlags und der derzeit unglücklichen Lebensumstände ist der „waschechte Kölner“ optimistisch. „Sobald mein Bein gesund ist, möchte ich wieder als Koch arbeiten.“ Der Arzt habe ihm Hoffnung gemacht, in einem halben Jahr würde er mithilfe der Krücken gehen können. Außerdem ist Michael Schmitz stolz auf seinen zehnjährigen Sohn, der bei der Mutter wohnt. Dieser erhielt ein sehr gutes Grundschulzeugnis und besucht nun die 5. Klasse der Realschule. „Es wird nicht mehr lange dauern, dann ist Vieles wieder wie früher.“ Bis es soweit ist, verkauft er weiterhin den DRAUSSENSEITER und fährt in seinem Rollstuhl durch die „geilste Stadt der Welt“, wie er seine Heimat liebevoll nennt.

von Janine Ponzer