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Besuch auf dem Wochenmarkt

„2 Kilogramm Boskop“, mit diesen kargen Worten bestellt eine ältere Dame ein paar Äpfel und merkt im nächsten Satz an: „Da is einer fuul“, woraufhin sich die Verkäuferin entschuldigt und den beschädigten Apfel durch einen neuen ersetzt. Mit 100 Gramm Feldsalat setzt die ältere Frau ihren Einkauf fort. Im nächsten Moment hält sie ein Bündel Lauchzwiebeln hoch. Die 60-jährige Verkäuferin nickt und segnet mit einem „Jaja, können se weg nehmen“ den Vorgang ab. Während die ältere Frau ihre frisch gekauften Produkte mit Hilfe ihres Mannes im Trolley verstaut, rechnet die Verkäuferin den Gesamtpreis aus. „8,70 Euro bitte“, verlangt sie von ihrer Kundin. Der Mann kommt ihrer Forderung nach und bezahlt mit einem zehn Euro Schein. Die ältere Frau richtet eine Frage an sich selbst: „ Andere Äpfel brauchen mer nit, oder ?“. Ihr Mann antwortet mit forschem und ungeduldigen Ton: „Nee, lass dat mal !“ und will endlich weiter gehen. Unbeirrt von der Aussage ihres Mannes greift die Frau in die Apfelkiste vor ihr, nimmt zwei kleine Äpfel einer anderen Sorte heraus und bezahlt nun selbst. Der Mann will los, die Frau stellt jedoch erneut eine Frage an sich selbst: „ Käse? – Brauchen mir keinen“. Dieser Überlegung stimmt ihr Mann mit einem genervt klingenden „Nää, komm!“ zu und zieht sie weiter.

Die jüngere Frau mit dem blond gelockten Pferdeschwanz hinter dem Verkaufstisch berichtet: „Zunächst habe ich den Job nur aushilfsmäßig ausgeführt, um meinem Vater und seiner Lebensgefährtin unter die Arme zu greifen. Nach dem Tod meines Vaters habe ich mich dazu entschlossen, meinen freien Tag jede Woche für diese Arbeit zu nutzen.“

Ihre Stiefmutter ist inzwischen 60 Jahre alt und sie beschreibt sie als jemanden, zu dem sie eine Art Mutter-Tochter-Beziehung hegt und die sich etwas anderes als ihre Arbeit einfach nicht vorstellen will und kann. „ Es fällt ihr sogar schwer, mal Urlaub zu machen; an den Ruhestand will sie gar nicht erst denken“. Seit 40 Jahren ist die „Chefin“ nun mit ihren Produkten, die aus eigenem Anbau stammen, ihren Kunden und ihrer Tradition fest verwurzelt. Ihre ca. 45 Jahre alte Verkaufspartnerin unterstützt sie jeden Freitag. „Ansonsten arbeite ich Halbtags im Büro und bin dort im Bereich Rechnungswesen tätig.“ Die blonde Frau erzählt aufgeschlossen weiter: „Der Tag auf dem Markt ist zwar sehr anstrengend, da wir bereits um halb sieben in der Frühe mit dem Aufbau beginnen und viele schwere Kisten beim Auf- / und Abladen des Wagens tragen müssen, andererseits stellt er einen perfekten Ausgleich zu meinem monotonen Büroalltag dar.“

Ihre 10-jährige Tochter haben die beiden freundlichen Frauen auch schon mit dem Marktfieber angesteckt. „Sobald sie einen Schultag frei hat, steht sie putzmunter um halb fünf morgens vor mir und freut sich darüber, uns an diesem Tag zur Seite zu stehen.“ Die Kunden kennen das aufgeschlossene Mädchen auch schon gut, bringen ihr oft kleine Geschenke oder Kuchen vorbei und erfreuen sich an ihren Rechen- und Verkaufskünsten, so die stolze Mutter.

Das Sortiment ihres Verkaufswagens fällt verhältnismäßig klein aus, sie verkaufen neben vier Apfelsorten, Williams Birnen, Feldsalat, Lauchzwiebeln und Rosenkohl auch Kartoffeln und besonders viele Eier. Die zwei Frauen hinter dem Stand sind ein perfekt eingespieltes Duo, das sich von Nichts und Niemandem aus der Ruhe bringen lässt, besonders nicht von der Konkurrenz. „Unsere Kunden legen besonderen Wert auf die Frische der Ware und die Gewissheit, die Herkunft der Produkte zu kennen.“

Uta, 49 Jahre alt, ist sehr auffällig gekleidet. Der bunte Vogel steht in einer langen Schlange vor dem grünen Wagen, denn der Markt ist inzwischen sehr gut besucht und es herrscht reger Trubel. Uta trägt schwarz-grüne, spitz zulaufende Schuhe, eine wild gemusterte lila-weiße Pumphose und auf ihrem Kopf befinden sich orangefarbene Haare. Im Kontrast dazu trägt sie jedoch eine sehr unauffällige Brille. Als die an die Reihe kommt, bestellt sie mit quietschender Stimme: „Ne krumme Zahl! 14 Eier bitte, 18 sind mir zu viel, zwölf zu wenig.“ Für die Eier und eine Handvoll Rosenkohl bezahlt sie 6,60 Euro und bedankt sich mit freundlicher Stimme. „Ich bin Stammkundin bei dem kleinen Obst- und Gemüsestand hier und ich lege viel Wert auf die Qualität meiner Einkäufe. Ob man einen Unterschied zwischen Fertigprodukten und Frische schmeckt kann sie nicht gut beurteilen denn: „Ich verabscheue Junk Food und habe noch nie etwas bei Mc Donalds gegessen. Mir schmecken solche Fertigprodukte einfach nicht. Auch die Herkunft interessiert mich, da der eigene Anbau von Produkten und der regionale Bezug mir sehr am Herzen liegen.“

Martina, 45 Jahre alt, von Beruf Journalistin, erklärt: „Mir gefällt die Atmosphäre vom Apostelnmarkt besonders gut. Der günstige Preis trotz hoher Qualität, den ich beim Wagen der zwei Frauen finde, hat mich überzeugt dort zu kaufen, nachdem ich einige Preis- und Qualitätsvergleiche auf dem Markt durchgeführt habe.“ Ein besonderes Kompliment macht Martina dem Markt zum Schluss. „Das Schlendern über den Wochenmarkt und das Einkaufserlebnis ist wie Urlaub und Erholung für mich“. Bei dieser Aussage leuchten ihre Augen auf und sie lächelt Den Aspekt des Urlaubes unterstreicht Petrus in diesem Moment mit einigen kräftigen Sonnenstrahlen, die den Markt hell erleuchten und die Farben noch fröhlicher und bunter erscheinen lassen.

Zuletzt bezieht Reiner, ein 67-jährigen Rentnerder früher als Realschullehrer für Erdkunde und Englisch gearbeitet hat, Stellung: „ Ich besuche den Markt fast jeden Freitag und kaufe meine Eier immer bei dem grünen Wagen der zwei Frauen.“ Den Unterschied zwischen ihnen und den Eiern aus dem Supermarkt schmecke er ehrlicherweise nicht und doch besucht er gerne solche Wochenmärkte. Er trägt eine dunkle Mütze und macht sich Sorgen um die Zukunft des Wochenmarktes: „ Der hohe Altersdurchschnitt beunruhigt mich, ich vermisse die jungen und „mittelalten“ Generationen. Aber mal schauen wie es so weiter geht“.

von Julia Boes