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Das Abenteuer der Freiheit

Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2014 an Rüdiger Safranski, einen faszinierenden Erzähler der europäischen Kulturgeschichte

In seiner Selbstvorstellung vor der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Turin 2001 bekannte Rüdiger Safranski, mit der Erfahrung von zwei Welten großgeworden zu sein, der Kunst und der Politik. Geboren am 1.1.1945 in Rottweil als Sohn eines ostpreußischen Juristen, der mit seiner Frau im Spätsommer 1944 aus Königsberg geflohen war und sich im Schwarzwald niedergelassen hatte, wuchs er unter den Fittichen seiner pietistischen Großmutter auf. Die Andacht und die Liebe zum Kino in der Kindheit, später dann (1968) protestierende Flugblattaktionen und Proust-Lektüre: Das Leben in diesem „Zweikammersystem“ hat Safranskis Weg zum, wie er selbst sagt, „philosophierenden und diskursiv erzählenden Schriftsteller“ geprägt.

1965 nahm Rüdiger Safranski das Studium der Philosophie, Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte in Frankfurt am Main auf und hörte u.a. bei Adorno; 1970 legte er an der Freien Universität Berlin das Magister-Examen ab. 1976 promovierte er, zugleich wissenschaftlicher Assistent an der FU, dort mit einer Dissertation über die Arbeiterliteratur in der Bundesrepublik. Von 1977 bis 1981 gab er die kulturpolitische Zeitschrift Berliner Hefte mit heraus und war als Dozent in der Erwachsenenbildung tätig. Von 2002 bis 2012 moderierte er gemeinsam mit Peter Sloterdijk im ZDF das Kulturgespräch Das philosophische Quartett. Seit dem Sommer 2012 lehrt er als Honorarprofessor am Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften an der FU Berlin. Rüdiger Safranski ist u.a. Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland. Seine Bücher erscheinen in dem – bis 2013 von Michael Krüger geleiteten – Hanser Verlag.

Meister-Biographien deutscher Dichter und Denker

Bekannt und berühmt geworden ist Rüdiger Safranski durch eine stattliche Reihe von Biographien, in denen er die Geschichte deutscher Dichter und Denker vom 18. bis zum 20. Jahrhundert abschreitet: E.T.A. Hoffmann. Das Leben eines skeptischen Phantasten (1984), Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie (1987), Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit (1994), Friedrich Nietzsche. Biographie seines Denkens (2000), Schiller oder Die Erfindung des deutschen Idealismus (2004), zuletzt Goethe. Kunstwerk des Lebens (2013). Daneben hat er zahlreiche kulturpolitische Essays und Traktate zu Fragen der Zeit verfasst, u.a. Wie viel Globalisierung verträgt der Mensch? (2003).

Rüdiger Safranskis Bücher sind in mehr als 20 Sprachen übersetzt und wurden mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen geehrt, u.a. mit dem Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik 1998, dem Premio Internazionale Federico Nietzsche (2003), dem Friedrich-Hölderlin-Preis und dem Welt-Literaturpreis 2006. 2009 wurde Safranski mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Das Betriebsgeheimnis der bei Kritik wie Leserschaft erfolgreichen Bücher von Rüdiger Safranski hat KAS-Literaturpreisträger Cees Nooteboom einmal damit erklärt, Safranski sei ein Denker, „der die Gedanken des anderen, ohne sie zu denken, so formuliert, dass derjenige, der sie liest, das Gefühl hat, nicht noch näher herankommen zu können“. Mitdenkend und nachdenkend entstaubt Safranski die Klassiker und befragt – auch kritisch – deren Modernität.

Freiheit und europäische Kulturgeschichte

Rüdiger Safranski ist ein herausragender europäischer Kulturhistoriker, der auf der Höhe der Zeit die deutschen Kulturtraditionen ins Ausland vermittelt. Als skeptischer „Fragesteller“ und „Könner der pointierten Charakterisierung“ (Franziska Augstein), als „großer Porträtist der deutschen Geistesgeschichte“ (Ijoma Mangold) macht er die „literarisch-philosophische Erzählung Deutschlands“ lebendig.

So ist Safranskis Nachdenken über deutsche Denker zugleich ein europäisches Nachdenken: Es geht um die Frage, wie das kulturelle Erbe der „Wunderzeit vor und nach 1800“ (Focus 1/2005) – mit ihren lichtvollen Seiten, aber auch ihren Irrtümern und Holzwegen – gedeutet und an das Europa des 21. Jahrhunderts vermittelt werden kann. Im Kern dieses europäischen Kulturauftrags stehen die Idee der Freiheit, die Entdeckung des verantwortungsvoll-mündigen Subjekts, der Standortvorteil des freien schöpferischen Geistes, der das politische Gewicht der Welt nicht abschüttelt. Erst die ästhetische Erziehung und Bildung – so die an Goethe und Schiller angelehnte Überzeugung – befähigt den Menschen zu einer verantwortungsvoll wahrgenommenen Freiheit. Von der Kunst lasse sich „die Erfahrung von offener Weite in enger Begrenzung“ lernen (in: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch?). Mit dieser kulturellen Grundausrüstung sind auch die Zumutungen der „normativen Globalisierung“ zu meistern: Traditionsverlust, Entwurzelung, „Nihilismus der Konsumkultur“ und Vermischung des Nahen und Fernen.

Das Abenteuer des Denkens

Safranskis Biographien verbinden philosophische Phänomenologie mit politischer Anthropologie. Im Zentrum steht nie allein die Kunst oder die Idee, sondern der Mensch, der sie anwendet. Politik, so heißt es in dem Essay Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? (1990), ist „das Geschäft der Friedensstiftung im Felde der kombattanten Wahrheiten“. Dazu gehört die Ermöglichung künstlerischer Freiheit im Rahmen gemeinschaftsdienlicher Spielregeln. Diese feine, nicht immer leicht festzustellende Unterscheidung zwischen kultureller und politischer Wahrheit, zwischen Denkbarem und Lebbarem kommt vor allem in seiner neuen Goethe-Biographie zum Ausdruck. Safranski zeichnet Goethe, der am Weimarer Hofe jahrelang ein Ministerium (Bergbau, Straßen, Finanzen) leitete, nicht nur als Dichter mit großen Stärken und kleinen Schwächen („mit dem Humor hapert es“). Goethe erscheint auch als politischer Akteur und Herr des Wechselspiels zwischen Erkenntnis und Erfahrung. So wird diese Biographie zu einem Vademecum der politischen Ethik.

Was macht gutes Regierungshandeln aus? Wie viel Europa brauchen die Debatten in Deutschland? Goethes Leben ist, schreibt Safranski, Beispiel für „geistigen Reichtum, schöpferische Kraft und Lebensklugheit“. Aktuell sei Goethes Kunst, seinen universalen Geist mit einem „unglaublichen Eigensinn“ zu verbinden (Gespräch mit Daniel Kehlmann, FAZ, 21.9.2013): „Für mich ist Goethe jemand, an dem man beobachten kann, wie ein kulturelles Immunsystem funktioniert. Dazu braucht man Beweglichkeit und einen Willen zur Selbstbewahrung. Man könnte das auch existentielle Urteilskraft nennen. Jedenfalls kommt es nicht darauf an, mit allem und jedem vernetzt zu sein.“

„Glückliches Ereignis“: Schiller und Goethe

Als „Erfinder des Idealismus“, den man nicht für die „deutsche Affäre“ der romantischen Geisteshaltung und für ideologischen Missbrauch haftbar machen kann, hat Rüdiger Safranski Friedrich Schiller und sein kulturgeschichtliches Umfeld in zwei anregenden Studien (2004 und 2007) gewürdigt. Im Schillerjahr 2009 ist Goethe & Schiller. Geschichte einer Freundschaft hinzugekommen. Safranski zeigt, wie im Sommer 1794 aus Konkurrenten Freunde wurden, die wetteifernd an gemeinsamer Sache arbeiteten, und warum ihre Gespräche in Jena und Weimar, bei denen manchmal so laut gelacht wurde, dass Schillers Frau nicht schlafen konnte, nicht trotz, sondern gerade wegen der eklatanten Gegensätze so profitabel für beide Seiten gewesen sind. Hier der Berufsschriftsteller Schiller, der nach oben heiratete, dort der Staatsbeamte Goethe mit dem zehnfachen Einkommen, der eine Verbindung nach unten wagte, hier der Idealist mit zu wenig Welt und dort der Realist mit zu viel Welt, hier das wortmächtige Evangelium der Freiheit und die Idee der ästhetischen Erziehung, dort das Pochen auf zarte Empirie und die Praxis geselliger Bildung. Safranskis Doppelbiographie zeigt, wie aus diesen Differenzen Werke und Erkenntnisse erwachsen, die europäische Kulturgeschichte geschrieben haben.

Wissenschaft als Kunst

Die Biographik Safranskis zeichnet sich durch Anschaulichkeit und Eleganz aus und durch einen souverän erzählenden Stil, der philosophische Reflexion mit poetischer Intuition verbindet. Die Kritik hat seine Bücher daher oft als „Abenteuer des Denkens“ gewürdigt; „spannend erzählte deutsche Geistesgeschichte“ attestierte Die Zeit (6.9.2007) dem Buch Romantik. Eine deutsche Affäre. Ohne die Komplexität künstlerischer Lebensläufe zu manipulieren, praktiziert Rüdiger Safranski so Wissenschaft als Kunst. Sein essayistisches Schreiben steht in der Tradition der europäischen Moralistik (Montaigne, Heine), die soziale und menschliche Verhältnisse so beschreibt wie sie sind, und nicht (so die Moralphilosophen) wie sie sein sollen. Auf diese Weise sind Safranskis Bücher eine willkommene Einladung, über die Zukunft des kulturellen Erbes deutscher Dichter und Denker in Europa zu diskutieren.

Michael Braun


Auswahlbibliographie Rüdiger Safranski:

  • E.T.A. Hoffmann. Das Leben eines skeptischen Phantasten. München/Wien: Hanser, 1984.
  • Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie. Eine Biographie. 2. Aufl. München/Wien, Hanser, 1988.
  • Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? Über das Denkbare und das Lebbare. München/Wien: Hanser, 1990.
  • Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit. München/Wien: Hanser, 1994.
  • Das Böse oder Das Drama der Freiheit. München/Wien: Hanser, 1997.
  • Friedrich Nietzsche. Biographie seines Denkens. München/Wien: Hanser, 2000.
  • Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? München/Wien: Hanser, 2003.
  • Schiller oder die Erfindung des Deutschen Idealismus. München/Wien: Hanser, 2004.
  • Schiller als Philosoph – Eine Anthologie. Berlin: wjs-Verlag, 2005.
  • Romantik. Eine deutsche Affäre. München/Wien: Hanser, 2007.
  • Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft. München/Wien: Hanser, 2009.
  • Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biografie. München/Wien: Hanser, 2013.