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Jeder Mensch hat eine Geschichte – Die Kölner Marktreportage

Er ist sauer. Aggressiv steigt er aus seinem Auto. Ein lauter Knall der Autotür. Gefolgt von wütenden, schnellen Stampfern hinüber zu einem anderen Auto. ,,Ich war schon in der Kreuzung drin‘‘ schrie er jemanden an der sich vorher mit lautem Hupsignal über den Fahrstil des großen, glatzköpfigen Mannes beschwert hatte. Keine Antwort des anderen Fahrers. Eingeschüchtertes Sitzenbleiben im Wagen. Wildes Gehupe aus allen Richtungen und Menschen die das Geschehen betrachteten. Die Aufruhe löste sich allmählich, ich lief weiter mit der Hoffnung den eigentlichen Charme eines Wochenmarktes zu entdecken, die Geschichten der Leute zu erfahren, den Kontakt der Generationen zu erleben. Konzentriert auf mein Ziel beobachtete ich einen Honigverkäufer und seine Kundin. ,,Ich hab was für dich‘‘ sprach sie und zog eine Postkarte aus ihrem blauen Jute-Beutel. ,,Die ist aus den 40-ern, das belgische Haus‘‘. Gespannt auf die Reaktion des Verkäufers riss mich ein Arbeiter aus meinen Beobachtungen. ,,Kannst du einen 5€ Schein wechseln?‘‘ sprach er hektisch. Ich griff zu meinem, Portemonnaie, kein Kleingeld. ,,Sorry‘‘ begegnete ich ihm leise, er ging. Erneut fokussiert auf den Stand war die Kundin bereits weg. ,,Klar kennt man die Leute, die Kunden kommen öfters‘‘ entgegnete er mir auf die Frage ob man sich untereinander kenne. Seit 18 Jahren führt Rudolf sein Geschäft. Die Haare gezeichnet von einem Grau das seine 75 Lebensjahre widerspiegelt.

Mit einem zögerlichen ,,Joa‘‘ erzählte er mir, dass er diesen Betrieb gerne führe. ,,Es ist mein Hobby, sein Hobby macht man natürlich gerne‘‘ flossen die Worte schon fast wie selbstverständlich aus seinem Mund. War das eine dumme Frage? Bevor ich mich weiter verunsichern konnte riss er mich aus meinen Gedanken und fügte hinzu er habe eigene Bienen deren Honig er erntet. Mit einem erleichterten Lächeln, das er doch mit mir reden wollte, nahm ich die Info dankend auf und ging weiter.

Ein grelles Orange der Mandarinen machte sich in meinem Blickwinkel bemerkbar und stach mir ins Auge, mein Blick sprang, ein Stand voller Blumen gegenüber. Ein Moment blieb ich einfach stehen, horchte dem Gelächter am Gemüsestand zwischen zwei Frauen und von irgendwie nahm ich ein freundliches, dynamisches ,,Morgen! ‘‘ einer tiefen Herrenstimme auf.

Entschieden dem Gelächter zu folgen fragte ich einer der Frauen, die Verkäuferin, seit wann sie denn ihren Gemüsebetrieb führe. ,,30 Jahre, n‘ Familienbetrieb‘‘ sprach sie mit einem fast schon stolzen Lächeln auf den Lippen. Nach dem Arbeitstag warten ihre Kinder auf sie, ,,gemeinsames Essen, ganz wichtig und dann ne halbe Stunden hinlegen!‘‘. ,,Ganz besonders gefällt mir der Kontakt zu den Kunden. Gute 80% kennt man bereits, die Emotionen stecken einfach an! ‘‘. Froh über die Erkenntnis meinen Erwartungen doch noch näher zu kommen fiel mein Blick zurück auf den Blumenstand, Knospen hängen über den Rand des Verkaufstisches. Ich laufe weiter, schaue mich um.

Wen würde ich stören, kreisen meine Gedanken, wen nicht?

Ein leerer Metzgerstand fällt mir auf. Das freundliche Aussehen der Verkäuferinnen zieht mich an. Warmherzig und interessiert wendet sie sich zu mir. ,,Darf ich Sie fragen wie ihr Vorname lautet? ‘‘ ,,Klar. Ich heiße Lust‘‘. Verblüfft blicke ich von meinem Notizblock auf überzeugt davon ich hätte mich verhört. ,,Lust,‘‘ wiederholte sie, ohne das ich fragte ,,wie die Freude‘‘. In ihrer dunkelrot-weiß gestreiften Schürze schneidet sie ein Stück Fleisch während sie immer wieder von ihrem Wagen zu mir hinabblickt. Seit 25 Jahren macht sie diesen Beruf, gut und gerne betont sie. Von Anstrengung ist Lust nicht gezeichnet, gepflegtes blondes Haar und die Schürze scheint perfekt um ihren Körper gebunden, dazu immer ein Lächeln auf den Lippen. 59 Jahre ist sie. Eine Lieblingsgeschichte hat die quirlige Metzgerin nicht, sie wisse alles über ihre Kunden und teile viele schöne Geschichten mit ihnen. ,,Also sind Sie gebürtig aus Köln, wenn sie so viele Geschichten mit den Menschen hier teilen? ‘‘. Mit einem Kopfschütteln entgegnete sie, dass sie aus Bad Münstereifel komme.

Sichtlich froh und positiv überrascht von ihr verabschiedete ich mich und schlurfte mit offenen Augen weiter den Markt hinunter.

Mein Blick schweift ein letztes Mal zwischen all den kunterbunten Ständen hin und her. Im leichten Wind wehen Preisschilder in Herzchenform am Blumenstad entlang und von etwas weiter entfernt hört man noch das Brummen der Autos. Ich bleibe hängen an einer wilden Gestikulation einer Frau, die mit dem Rücken zu mir steht und sich unterhält. Ich höre nichts, sehe nur den gefesselten Blick ihres Gegenübers. Nach all den Geschichten wird meine Neugier plötzlich automatisch geweckt.

von Lara Buchholz