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Die kulturelle Neuordnung Europas

Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2015 wird an Marica Bodrožić vergeben

Mit der Schreibweise und der deutschen Aussprache von Autorennamen, die aus dem nichtdeutschen Sprachraum stammen, haben es selbst Germanisten nicht leicht. „Mein dachgeschmücktes z und mein Vogellandeplatz des c in meinem Nachnamen macht die Menschen schon aus der Ferne schwitzen“, meint die Schriftstellerin Marica Bodrožić. Ihr Name lenkt den Blick auf die Differenz zwischen Schrift und Stimme, auf die poetischen Zwischenräume zwischen Namen und Bedeutung, auf das (wenn man so will) Europäische im Deutschen. Denn „Mariza“ ist nicht nur der Name einer der halbgöttlichen Nymphen in den Gesängen von Vergil und Ovid. So heißt auch der Fluss, der im bulgarischen Rila-Gebirge entspringt und in die Ägäis fließt (lateinisch „Hebrus“). Wir befinden uns damit einerseits an der antiken Wiege der europäischen Kultur, andererseits in der südosteuropäischen Gegenwart, im heutigen Kroatien, das bis 1991 zum Vielvölkerstaat Jugoslawien gehörte und auf dessen ehemaligem Gebiet eine Reihe blutiger Kriege bis 1995 ausgetragen wurden. Die ersten freien Wahlen fanden im Frühjahr 1990 statt. Ein Jahr darauf, am 25. Juni 1990, erklärte die kroatische Regierung die Unabhängigkeit Kroatiens. Seit 2013 ist Kroatien Mitgliedsstaat der Europäischen Union.

Deutsch als zweite Muttersprache

Am 3. August 1973 geboren, wuchs Marica Bodrožić in der Diktatur Titos auf, wo auch das katholisch geprägte Milieu nicht verhinderte, dass die Kinder an jeder Maiparade teilnahmen und die Pioniermützen im brudersozialistischen Geist tragen mussten. Ihre Eltern zogen früh als (wie man damals sagte) „Gastarbeiter“ nach Deutschland, ins hessische Sulzbach, sie blieb in der Obhut ihres Großvaters, der weder lesen noch schreiben konnte, und verbrachte dort die ersten neun Jahre ihrer Kindheit in einem jugoslawischen Dorf. Wenn die Eltern auf Heimaturlaub zu ihr kamen, brachten sie das Deutsche wie ein nur ihnen gehörendes Geheimnis mit, aus dem das noch nicht deutschsprechende Kind ausgeschlossen war. Das Deutsche war Sehnsuchtssprache – im Gegensatz zur Verbotssprache der Diktatur, in der man den Lehrer als „Bruder Genosse“ anreden musste.

1983 zog Marica Bodrožić zu ihren Eltern nach Hessen. Dort erlernte sie Deutsch als ihre „zweite Muttersprache“. Sie machte in Frankfurt eine Buchhändlerlehre, studierte dann dort Kulturanthropologie, Psychologie und Slawistik. 2002 publizierte sie ihren ersten Prosaband, Tito ist tot, dem ein weiterer Band mit Erzählungen – Der Windsammler (2007) – und ein Roman Der Spieler der inneren Stunde (2005) folgten, zudem die Gedichtbände Ein Kolibri kam unverwandelt (2007), Lichtorgeln (2008) und Quittenstunde (2011). Besondere Aufmerksamkeit fand ihr autobiographische Trilogie über die jüngste Geschichte von Krieg und Frieden in Südosteuropa. Zwei Romane liegen vor, Das Gedächtnis der Libellen (2010) und Kirschholz und alte Gefühle (2012). Die große autobiographische Erzählung Mein weißer Frieden (2014) ist ein Brückenkopf zum abschließenden Band der Trilogie, an dem die Autorin im Winter 2014 in Brüssel arbeitet.

2007 wurde ein Dokumentarfilm, den Marica Bodrožić zusammen mit der Filmemacherin Katja Gasser drehte, von 3sat ausgestrahlt (Das Herzgemälde der Erinnerung. Eine Reise durch mein Kroatien).

Phantasie und Realismus

Die Kritik hat Marica Bodrožićs Werke mit offenen Armen aufgenommen. Gewürdigt wurden vor allem ihre Erzählenergie, die Realitätsschärfe ihrer literarischen Beobachtungen im geschichtlichen Raum, die rhetorische Experimentierfreude, „große und originelle Humanität“ (SZ, 31.8.2010), ihre Bildkraft und sprachliche Phantasie. Sie ist – so die Kritikerin Meike Feßmann – „eine Schriftstellerin, die beides glänzend schildern kann: die luftigen Aufschwünge der Phantasie und die Erdenschwere der Existenz … das selbstverständliche Nebeneinander verschiedener Kulturen und Religionen, die neuen Nationalismen und die alten Mythen“ (Sinn und Form 5/2013).

Marica Bodrožić wurde mehrfach mit deutschen und europäischen Auszeichnungen im Förderbereich und mittleren Preissegment bedacht. Sie erhielt u.a. den Heimito-von-Doderer-Förderpreis (2002), den Förderpreis des Chamissopreises (2003), den Kulturpreis Deutsche Sprache (2008), den Liechtenstein-Literaturpreis (2011), den Preis der LiteraTour Nord (2013) und den Kranichsteiner Literaturpreis (2013).

Die Konrad-Adenauer-Stiftung stand am Beginn von Marica Bodrožićs literarischem Weg und hat ihre Laufbahn kontinuierlich begleitet. Nach dem Erscheinen ihres Debütbandes (2002) erhielt sie ein Stipendium aus dem Else-Heiliger-Fonds. In den Folgejahren hat sie mehrfach mit großer Resonanz an Veranstaltungen der KAS mitgewirkt (EHF-Stipendiatenwerkstatt, Autorenwerkstatt in Cadenabbia, Lesungen in Berlin, Vorträge und Workshops). 2009 wurde sie mit dem Bruno-Heck-Preis der Altstipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet.

Am 31. Mai 2015 wird sie in Weimar mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet.

Migrations- und Erinnerungsliteratur

Die Bedeutung der deutschen Sprache ist ein wichtiger Schlüssel zu den Werken von Marica Bodrožić. Die deutsche Sprache hält zusammen, was andernfalls auseinanderfallen würde: die Erinnerungssplitter von Kindheit und Krieg, die Herkunft aus einem Land, das es nicht mehr gibt, und die Ankunft in einem neuen Land mit einer neuen Sprache. Marica Bodrožićs erste Muttersprache war ein südslawisch-serbo-kroatisches Konglomerat, durchmischt von herzegovinischen Wörtern, osmanischen Klängen und einem dalmatinischen Dialekt, der in den kroatischen Städten nicht verstanden wurde. Als Marica Bodrožić sich 1991 in Deutschland mit ersten Gedichten in kroatischer Sprache versuchte, war ihr Herkunftsland Kriegsgebiet; es wurde von „Kampfzonen, Militäreinheiten, Gewehren, Granaten“ gesprochen, später kamen die Wörter „Armut“ und „Hunger“ hinzu.

Die deutsche Sprache als „zweite Muttersprache“ ist für Marica Bodrožić ein zentrales Medium der Zugehörigkeit. Auskunft über ihre „Ankunft in Wörtern“ gibt sie in ihrem biographischen Essay Sterne erben, Sterne färben aus dem Jahr 2007, aus dem auch Texte für das Zentralabitur ausgewählt wurden. Sie beruft sich auf Rilke, der schreibt: „Die deutsche Sprache wurde mir nicht als Fremdes eingegeben, sie wirkt aus mir“ (Vortrag im Burgtheater Wien, 2012).

Marica Bodrožićs epische Werke sind europäische Migrations- und Erinnerungsliteratur. Migration ist für sie nicht nur ein transnationaler räumlicher Prozess, sondern auch eine Reise in der Zeit, eine Erzählung vom kulturellen Gedächtnis der südosteuropäischen Zeitgeschichte. Dieser Blick in Raum und Zeit durchbricht heile Familienwelten und starre Freund-Feind-Bilder, um dahinter „Gottesbeobachtungs¬notizen“ in der katholischen Orthodoxie, Probleme von Arbeitsmigranten und multiethnische Konflikte sichtbar zu machen. Das Schreiben zwischen den europäischen Kulturen ist selten so nuancenreich und so bildkräftig praktiziert worden wie in Bodrožićs Büchern.

Die Literatur und die Neuordnung Europas

Marica Bodrožić leistet mit ihren epischen Werken einen maßgeblichen kulturellen Beitrag zur Neuordnung Europas nach 1989. Von der Transformation eines Europas der Nationen in eine multipolare Welt erzählt sie auf eine eindringliche, realistische und zugleich poetisch-phantasievolle Weise. Zugleich beschreibt sie damit den gefährdeten Weg Europas in die Freiheit und die gemeinsame Zukunftsaufgabe einer friedlichen Integration. Sie plädiert für die Freiheit des Denkens jenseits von Nationalitätsgrenzen und baut im Prozess des zusammenwachsenden Europas auf die integrative Erinnerungs- und Gestaltungskraft der Literatur. „Wenn wir die Streitenden immer nur voneinander trennen und nichts voneinander lernen lassen, wird auch die Tiefe vergiftet, aus der heraus Versöhnung möglich wäre und in der eine Sprache der Friedfertigkeit entsteht“.

Dr. Michael Braun