Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Rechtsextremismus

Welche Rolle nehmen Gewalt und Kampf im Weltbild des Rechtsextremismus ein?

Kriege, Bürgerkriege und Gewaltkriminalität gelten unter zivilisierten Menschen gemeinhin als unerwünschte Ausnahmen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Der neonazistische Flügel des Rechtsextremismus findet sie eher normal.

Der Grund dafür ist ein doppelter: Zum einen stammen gerade Angehörige solcher harter rechtsextremer Szenen häufig aus defekten Familien, in denen familiäre Gewalt überdurchschnittlich häufig vorkommt. Viele der späteren Neonazis erleben sie deshalb als tägliche Normalität und nutzen sie ihrerseits als Mittel zur Konfliktlösung. Oft fallen sie damit schon im Kindergarten oder in der Grundschule auf. Ihre Chancen, später ein von Gewalt und Straftaten freies Leben zu führen, sind daher vergleichsweise geringer als diejenigen von Jugendlichen, die nicht mit solchen Risikofaktoren belastet sind.

Zum zweiten ist die positive Bewertung von Kampf, Gewalt und sogar Krieg der neonazistischen Ideologie immanent. Sie geht nämlich davon aus, dass die von dem Naturforscher Charles Darwin (1809-1882) gemachten Beobachtungen, dass stärkere oder anpassungsfähigere Arten und Einzelwesen in der Natur eine größere Überlebenschance haben als schwächere und an z. B. klimatische Verhältnisse weniger anpassungsfähige. Diese Beobachtungen übertrugen Rechtsextremisten als sogenannten Sozialdarwinismus auf die menschliche Gesellschaft. Besonders für die Nationalsozialisten galt dann die „natürliche Auslese“ als unüberwindbares Naturgesetz. Demnach würden schwächere Arten und Individuen zu Recht ausgerottet, während stärkere im Überlebenskampf obsiegten.

Kampf und Gewalt bis hin zu Krieg werden so zu natürlichem Sozialverhalten bei der Durchsetzung eigener Interessen erklärt. Sie gelten nicht mehr wie in zivilisierten Staaten als unerwünschte Ausnahmen, die man durch Vorhalt einer geeigneten Verteidigungsfähigkeit von Staaten und einer Polizei zu unterbinden sucht. Deshalb haben Neonazis ein bedenkenlos positives Verhältnis zu Gewalt: Sie gilt ihnen als Lebensgesetz und sogar als Äußerung besonderer Vitalität. Außerdem ist sie permanent und ewig: Alle politische Auseinandersetzung ist Kampf, und er endet nie, da selbst nach Vernichtung eines unterlegenen Gegners dem Sieger neue Herausforderungen im „Lebenskampf“ erwachsen. Das sei Motor des Fortschritts zu einer immer perfekteren „natürlichen“ Ordnung, aus der das Kranke und Schwache zunehmend ausgeschieden werde, so Hitlers Überzeugung.

Bei deutschen Neonazis wird eine solche Sichtweise nahezu eins zu eins abgebildet. Michael Kühnen, eine der Ikonen der zeitgenössischen Neonazi-Szene, führte dazu aus:
„Der Kampf ist unser Lebensinhalt. Es ist gesund und natürlich, Freude am Kampf und an der männlichen Bewährung zu empfinden. (…) In dieser Welt hat sich stets nur etwas durch die Tat geändert, nie durch prahlerische Redensarten! Nichts ist wirklich, solange es sich nicht im Kampf bewährt hat, dort geadelt und bestätigt wurde. Der Kampf, das Ringen der Gewalten - das ist die Auslese der Besten, der Würdigen. Hier finden sich die Menschen, die Geschichte machen, hier fallen die Entscheidungen.“ (1)

Die ideologische Rechtfertigung von Gewalt kann mehrere Aspekte der Neonazi-Szene erklären:

Rudolf van Hüllen

(1) Das Zitat stammt aus Kühnens Manuskript „Die zweite Revolution. Glaube und Kampf“, das er 1978 bis 1982 in Strafhaft verfasst hat, zit. nach Rüdiger Kreutz, Organisierte Gewalt in der Gesellschaft. Gruppierungen - Inhalte - Aussagen, Bonn 1989, S. 46.