Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)

Europäischer Denker der Freiheit

Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2016: Michael Kleeberg

Die Menschenrechte, der Sozialstaat, eine „Moral der ersten Hilfe“ und ein wehrhafter Humanismus: Das sind die Überzeugungen, mit denen Michael Kleeberg (im Interview mit der „Welt“ vom 20.11.2015) die europäische und deutsche Gegenwart in den Blick nimmt. Am 5. Juni 2016 wird der Autor, der zu den souveränsten Erzählern der Gegenwartsliteratur zählt, im Weimarer Musikgymnasium Schloss Belvedere mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet.

Der literarische Weg

Geboren am 24.8.1959 in Stuttgart, studierte Michael Kleeberg von 1978 bis 1982 Politische Wissenschaften und Neuere Geschichte an der Universität Hamburg und Visuelle Kommunikation an der Hamburger Hochschule der Bildenden Künste. Nach mehreren Auslandsaufenthalten – in Rom, in Amsterdam und von 1986 bis 1996 als Mitinhaber einer Werbeagentur in Paris – lebt er derzeit als Autor, Übersetzer (aus dem Französischen und Englischen) und Essayist (2017 hält er die Frankfurter Poetikvorlesungen) in Berlin. Seine Werke sind übersetzt in folgende Sprachen: Albanisch, Arabisch, Dänisch, Englisch, Französisch, Griechisch, Japanisch, Spanisch. Kleeberg erhielt bislang den Anna-Seghers-Preis (1995), den Lion-Feuchtwanger-Preis (2000), den Evangelischen Buchpreis (2011) sowie den Hölderlin-Preis (2015). 2008 war er Mainzer Stadtschreiber.

Der erste Erzählband, Böblinger Brezeln (1984), steht ersichtlich unter dem Einfluss von Hemingways Kurzgeschichten. Die eigenständig erschienene Erzählung Der saubere Tod (1987) spielt im Jugendmilieu von Berlin-Kreuzberg und lässt schon ein wichtiges Thema seines Schreibens erkennen: das elegante epische Panorama von Mentalitäten und Bildungswegen in zeitgenössischen Milieus, hier: die No-Future-Mentalität einer geschichtslosen Jugendgeneration. Der an Wieland geschulte Entwicklungsroman Proteus, der Pilger (1993) und der Band Der Kommunist vom Montmartre (1997) erweitern diesen Blick auf die „Identitätsmüdigkeit“ des westlichen Menschen in die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Gegengeschichten und Porträts der Gegenwart

Den Durchbruch erzielte Kleeberg mit seinem Roman Ein Garten im Norden (1998). Die Kritik stufte das Buch fast unisono als „staatsbürgerliche Wegweisung“ für die Berliner Republik ein (so die Frankfurter Allgemeine Zeitung). Der Roman enthält eine „historische Tiefendimension“ (Erhard Schütz), die das Buch nach Kleebergs eigener Einschätzung zu einem „Gegenbuch zu Thomas Manns Doktor Faustus“ macht, zu einem Versuch, dem „,Verhängnis’ der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert“ ein utopisches Alternativmodell entgegenzustellen, in dem die mitteleuropäische Geschichte auch einmal – ohne Krieg – kulturell und politisch gut gehen kann. Mit dieser Lizenz zum Erfinden einer ‚anderen‘ als der historischen Erinnerung lässt Kleeberg zum Beispiel Richard Wagner als heiteren Aufklärer oder Martin Heidegger als tangotanzenden Salonphilosophen auftreten. Die Kritik lobte die ebenso souveräne wie spannende Konstellation von „Politik und Geschichte, Zeitdiagnostik und Zukunftsbestimmung, Musikessay und literaturtheoretischer Debatte, himmlischer und irdischer Liebe“ (Die Welt, 22.8.1998). Von der Faszination, die der Roman auch auf Leser in Frankreich, Italien und den USA ausstrahlt, zeugen die Stimmen auf der Homepage www.michael.kleeberg.de.

Mit den Romanen Karlmann (2007) und Vaterjahre (2014) entwirft Kleeberg ein diffiziles Porträt des deutschen Mittelstands in den 1980er und 1990er Jahren. Das würdigt der Buchpreis der Staatsbibliothek „HamburgLesen“ 2015. Karlmann („Charly“) Renn ist ein durchschnittlicher Bürger, dem weder metaphysische Tröstungen noch besondere intellektuelle Fertigkeiten zur Verfügung stehen. Auf die Zumutungen der beschleunigten Moderne reagiert er mit unbeugsamem Lebensmut, und sei es bei einem faszinierenden Flight auf einem Hamburger Golfplatz. Seine sozialen Konditionierungen und die existentiellen Katastrophen, die er durchmacht, werden aus den gleitenden Perspektiven eines sich des Pathos und der Ironie bedienenden Erzählers entfaltet. Dabei gelingt es, ein nachfühlendes Erzählen mit kühlen, fast naturalistischen Einsichten im Stil Balzacs und Zolas zu verbinden. Ein dritter Band um diesen exemplarischen, ‚symboldeutschen‘ Helden „Karlmann“ soll die Trilogie abrunden.

Der Roman Das amerikanische Hospital (2010) beeindruckt als ein „Werk von höchster Reife“ mit „Weltreichhaltigkeit und literarischer Könnerschaft“ (Schütz). Erzählt wird die Begegnung des traumatisierten Irakkriegsveteranen David Cote mit der Französin Hélène, die keine Kinder bekommen kann. Die Konfrontation der Lebensgeschichten ist zugleich eine Zerreißprobe des technologischen Machbarkeitsglaubens. Michael Kleeberg geht es dabei mehr um Diagnose als Kritik der Gesellschaft; er zielt darauf ab, „Menschen zu porträtieren, die es gewohnt sind zu handeln, ohne die Verhältnisse in Frage zu stellen, in denen sie handeln“ (so der Autor im Interview in der FAZ).

Die Ethik der Literatur

Michael Kleeberg schreibt realistische Gesellschaftsromane des deutschen Mittelstands. Kaum ein anderer Autor geht der bürgerlichen Identität, den persönlichen Freiheitsansprüchen und dem Sinn für soziale Verantwortung so eindringlich auf den Grund wie er. Seine literarischen Treibkräfte sind: „Suche danach, ‚zu sagen, wie es wirklich war‘, Beschränkung auf die Gebiete, die durch eigene Erfahrung und Kenntnis abgedeckt werden, (literarisches und menschliches) Misstrauen gegen Rhetorik und Hohlheit“.

Zugleich ist Kleeberg kein Moralphilosoph, der die Welt so beschreibt, wie sie sein soll, sondern ein wert- und moralbewusster Autor in der Moralismus-Tradition Montaignes und Kleists, der Verhaltensforschung am modernen Menschen betreibt, gegen die moralischen Kosten des globalisierten Fortschritts aufbegehrt und – wie Wolfgang Frühwald betont – für ein Menschenbild der Nächstenliebe und Barmherzigkeit eintritt.

In seinen Essays und Aufsätzen (u.a. in der FAZ und im Spiegel) zeigt sich Kleeberg als hochreflektierter Citoyen, der sich in die Belange des öffentlichen Lebens und des politischen Diskurses einmischt, ohne Aktualitätszwang, dafür mit historischem Tiefblick. So verglich er im Februar 2015, nach dem Attentat auf die Redaktion der Pariser Satirezeitschrift Charlie Hebdo, die Geschichte der jüdischen und der islamischen Minderheit in der französischen Gesellschaft. In der FAZ berichtete er im Mai 2015 über das kafkaeske Gleichgewicht von Repression und Fortschritt im Iran. Auch das Libanesische Tagebuch (2004) zeigt den Autor als politischen Erzähler seiner Zeit, „skeptisch, ironisch, der Freiheit mehr verpflichtet als der Gleichheit“.

Michael Kleebergs literarisches Herz schlägt für die Freiheit des Menschen im Auslieferungsraum der Geschichte. Er lässt seine Figuren über den Schrecken der Geschichte im Ton später Trauer sprechen. Damit sorgt er für den Transport der Vergangenheit in unsere Gegenwart und lässt die literarische Erinnerung zu einem Teil unserer sozialen Identität werden.

Nicht zu vergessen: Michael Kleeberg ist ein deutsch-französischer Brückenbauer par excellence. Mit seinen Übersetzungen u.a. von Marcel Proust, mit Essays und Diskussionsbeiträgen steht er in der Tradition der deutschen „Transitoren“ (Rüdiger Görner), die kulturelle Brücken schlagen zwischen den Nachbarländern.

Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung

Die Stiftung hat Michael Kleebergs literarischen Weg stetig begleitet. Er hat in den 2000er Jahren mehrfach an der Autorenwerkstatt der Konrad-Adenauer-Stiftung in Cadenabbia am Comer See mitgewirkt. 2013 hat er im Bonner Wasserwerk bei einer vom Vorsitzenden der KAS, dem ehemaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments Dr. Hans-Gert Pöttering, eröffneten Soiree einen Vortrag über den Mutbürger Georg Büchner gehalten, der in der europäischen Kulturzeitschrift Merkur publiziert wurde. 2015 hat er in der Kooperationsreihe der KAS mit dem Bonner Institut français eine vielbeachtete Lesung, gemeinsam mit Frédéric Ciriez, über urbane Milieus und europäische Dimensionen von Paris absolviert.

Der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung zeichnet Autoren aus, die der Freiheit ihr Wort geben. Michael Kleeberg ist ein politisch wachsamer, europäischer Denker der Freiheit.

Michael Braun

Links

Michael Kleeberg - Literaturpreisträger 2016

Michael Kleeberg - Literaturpreisträger 2016 (Bild: dpa)

Achtung
Aktivieren Sie bitte JavaScript in Ihren Browsereinstellungen.
Bitte laden Sie das Flash-Plugin hier, um den Inhalt zu sehen. ›

Prof. Dr. Michael Braun (links) im Interview mit Michael Kleeberg.

Kontakt

Abbildung
Leiter des Referates Literatur
Prof. Dr. Michael Braun
Tel. +49 2241 246-2544
Fax +49 2241 246-52544
Michael.Braun(akas.de