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Männlichkeitsvorstellungen bei Salafisten

Salafisten propagieren eine Geschlechterordnung, die aus vorgeblich von Natur aus bestehenden Unterschieden zwischen Mann und Frau resultiert und in deren entsprechenden Rollen in der Gesellschaft ihren Ausdruck findet. Betrachtet man die Ikonographie, die visuelle Inszenierung und textuelle Erläuterungen in Videos, sozialen Medien oder anderen Dokumenten, so fällt ins Auge, dass Salafisten Männlichkeit mit spezifischen Komponenten versehen. Legitimatorisch angebunden werden diese Entwürfe an ausgewählte Koranstellen, Überlieferungen oder idealisierte Personen aus der islamischen Geschichte.

Gewalt ablehnende Salafisten und Jihādisten teilen in ihren Konstruktionen von Maskulinität eine Reihe von Elementen. Bei Jihādisten kommt die Rolle des gewalttätigen Kämpfers hinzu, die in der Regel in den Selbstinszenierungen großen Raum einnimmt (siehe auch Die Legitimation des Jihad im Islam).

Der Genderaspekt bei Salafisten und Salafistinnen ist ein Bereich, dessen genauere Erforschung bislang erst am Anfang steht, doch lassen sich die Männlichkeitsentwürfe bislang in folgenden Kategorien formulieren:
  • Religiöse Gelehrsamkeit
  • Ehre und homosoziale Gemeinschaftlichkeit
  • Aspekte jihādistischer Männlichkeitsentwürfe

1. Religiöse Gelehrsamkeit

Salafisten und insbesondere prominente Prediger, wie etwa Pierre Vogel oder Abdul Adhim Kamouss in Deutschland (siehe auch Salafismus in Deutschland), präsentieren sich in der Rolle eines gelehrten Mannes, der aufkläre über den „wahren“ Islam, der die Basistexte, also Koran und Hadīth, ausgiebig studiert habe (was in der Regel weitgehend autodidaktisch geschah) und alle Fragen unter Berufung auf diese Quellen beantworten könne. Zur Untermauerung dieser Selbstdarstellung werden Koranverse und Hadīthe bei sämtlichen Fragestellungen zitiert und religiöse Begrifflichkeiten erläutert. Religiöses Wissen und vor allem der Anspruch, Deutungshoheit zu besitzen, werden als symbolisches Kapital eingesetzt, um innergemeinschaftlich soziale Anerkennung zu erlangen und zugleich in seiner spezifischen Ausformung auch eine Abgrenzung nach außen vorzunehmen. Dabei treffen Salafisten unter Berufung auf ihre Quellenkenntnis Aussagen über die „von Gott gewollten Geschlechterrollen“, die als gleichwertig, aber unterschiedlich präsentiert werden.

2. Ehre und homosoziale Gemeinschaftlichkeit

Die Definition der männlichen Ehre geht einher mit der Postulierung einer traditionellen männlichen Beschützerrolle, die männliche Dominanz gegenüber den Frauen und deren Kontrolle auf verschiedenen Verhaltensebenen, insbesondere in Bezug auf weibliche Sexualität und ökonomische Unabhängigkeit, beinhaltet. Vor allem westliche Salafisten formulieren diese dominante Rolle als einen vermeintlichen Vorteil für Frauen: Die wirtschaftliche Verantwortung für die weiblichen Mitglieder der Familie wird hervorgehoben und deren Anspruch auf Versorgung und die Abwesenheit ökonomischer Eigenständigkeit als Privileg für die Frauen gedeutet. Diese Inhalte des männlichen Ehrbegriffes implizieren bei Salafisten weitere Ausdifferenzierungen auf der Verhaltensebene, insbesondere Geschlechtersegregation, das Tätigkeitsfeld im Alltag und die Einhaltung einer Kleiderordnung, die zwar auch Männer betrifft, Frauen jedoch weitaus rigider. Die Geschlechtersegregation sowie ökonomisch und gesellschaftlich klar zugeschriebene Rollenverteilungen führen damit auch zu einer homosozialen Gemeinschaftlichkeit, die unter Männern Solidarität stiftet und sie mit symbolischen Ressourcen im Sinne religiös-moralischer Orientierungen und Wertesystemen versorgt.

3. Aspekte jihādistischer Männlichkeitsentwürfe

a) Gewalt und Kriegertum
Jihādisten teilen mit nicht gewalttätigen Salafisten die zuvor erwähnten Aspekte von Maskulinitätskonfiguration, doch stellen sie vor allem in bildlichen Inszenierungen das Kriegertum explizit in den Vordergrund. Unter den Jihādisten aus dem deutschsprachigen Raum ist in dieser Rolle besonders Denis Cuspert alias Abu Talha al-Almani (geb. 1975) eine prominente Figur (siehe auch Von „Deso Dogg“ zu „Abu Talha al-Almani“: Die dschihadistische Karriere von Denis Cuspert). Er agiert(e) (sein Tod gilt als ungewiss) als Kämpfer und Propagandist für den sogenannten „Islamischen Staat“ (IS). Jihādisten präsentieren sich häufig bewusst in militärischer Uniformierung, um die Legitimation des Einsatzes von Gewalt und zugleich auch die Rolle eines männlichen Beschützers zu demonstrieren. Solche Selbstdarstellungen postulieren Stärke und Überlegenheit und richten sich zwar in ihrer Botschaft auch an salafistische Frauen, vor allem aber an andere Männer. Aus soziologischer Sicht erfüllen die Überlegenheitsansprüche und die Erniedrigung von Ungläubigen, wie sie etwa in IS-Videos von Hinrichtungen besonders drastisch zum Ausdruck kommen, einen bestimmten Sinn. Für marginalisierte Männer kann Gewalt zu einer Ressource werden. In Situationen ökonomischer, sozialer sowie kultureller Benachteiligung können Erniedrigung und Tötung des Gegners dazu dienen, sich seiner eigenen Männlichkeit zu versichern. In Ermangelung anderer Ressourcen wie finanzieller Unabhängigkeit oder Zugang zu Arbeit und des damit verbundenen sozialen Status kann die Demonstration physischer Stärke durch Gewalt zu einer Ressource werden, um die eigene Maskulinität unter Beweis zu stellen.

b) Fürsorge und Zärtlichkeit
Erst seit 2014 begegnen wir einem neuen Aspekt der Inszenierung jihādistischer Männlichkeit, der vor allem bei aus dem Westen stammenden Kämpfern zu beobachten ist. Sie präsentieren sich in Videos etwa bei der Verteilung von Süßigkeiten an Kinder, womit eine liebevolle Fürsorge zum Ausdruck gebracht wird. Noch häufiger zeigen sich Kämpfer auf Fotos mit Katzen, die sie liebkosen und umhegen. Das Symbol der Katze als islamisch gerechtfertigter Ausdruck männlicher Zärtlichkeit erklärt sich über den Propheten Muhammad und seinen Gefährten Abū Huraira (wörtl. „Vater des Kätzchens“), die als Katzenliebhaber bekannt gewesen sein sollen. Dass gerade in westlichen Staaten sozialisierte Kämpfer diese Katzenfotos posten, erscheint nicht zufällig, sondern steht eher in Verbindung mit aktuellen vorherrschenden Männlichkeitsentwürfen im Westen. Ein Teil davon ist, dass Frauen heute zumeist auch zärtliche und liebevolle Aufmerksamkeit als wichtigen Aspekt für eine erfüllte Beziehung erachten und von Männern einfordern. Zu berücksichtigen ist dabei auch, dass Eheschließungen unter Jihādisten/innen, wie sie seit Kurzem im IS zu beobachten sind, aufgrund von Sozialisation und Sprache oftmals innerhalb des eigenen Kontexts verbleiben. Europäische Jihādisten heiraten meist europäische Jihādistinnen, häufig sogar aus demselben Herkunftsland. Die Selbstinszenierung mit Katzen richtet sich deshalb an Frauen als potentielle Heiratskandidatinnen, um neben einer wehrhaften Maskulinität auch das Bild eines zärtlichen Liebhabers zu zeichnen.

Salafistische Männlichkeitskonfigurationen stellen also zum einen Formen von Protestmaskulinität dar, besonders eindrücklich bei Jihādisten durch Gewalt. Zum anderen müssen salafistische Männlichkeitskonstruktionen auch immer in Beziehung zu vorherrschenden Genderentwürfen gesehen werden, von denen sie Teile integrieren oder umdeuten.

Dr. Mariella Ourghi