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Die Muslimbruderschaft in Deutschland

Orientiert am Vorbild ihrer ägyptischen Mutterorganisation versuchen die Muslimbrüder in Deutschland durch soziales und religiöses Engagement sowie durch Dialogangebote Anerkennung in der Gesellschaft zu finden. Diese Versuche zielen jedoch darauf ab, die Ideologie der MB gesellschaftsfähig zu machen und sich hierzulande als anerkannte Interessenvertreter der Muslime zu etablieren.

In den Verfassungsschutzberichten wird die „Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.“ (IGD) als die wichtigste und zentrale Organisation von Anhängern der Muslimbruderschaft in der Bundesrepublik beschrieben. Die IGD hat rund 1.300 Mitglieder, ist im gesamten Bundesgebiet aktiv und koordiniert eigenen Angaben zufolge ihre Aktivitäten mit mehr als 50 Moscheegemeinden. In der deutschen Islamlandschaft spielt die IGD eine nicht zu unterschätzende Rolle. Denn sie ist Gründungsmitglied des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD) und war über diesen auch an der Gründung des Koordinierungsrates der Muslime (KRM) beteiligt.

Bereits seit ihrer Gründung steht die IGD unter bestimmender Einflussnahme der MB. Ihre Gründung im Jahre 1960 ging von Said Ramadan aus, dem prominenten Muslimbruder und Schwiegersohn des MB-Begründers Hasan al-Banna. Auch Mahdi Akef, der als „Allgemeiner Führer“ das höchste Amt in der Mutterorganisation in Ägypten von 2004 bis 2010 bekleidete, hatte Mitte der 1980er Jahre das der IGD zugehörige „Islamische Zentrum München“ (IZM) geleitet und dort als Imam gewirkt.

Die IGD zählt zu den ältesten muslimischen Organisationen in Deutschland. Sie wurde am 9. März 1960 zunächst als „Moscheebau-Kommission e.V.“ in München gegründet und benannte sich 1962 in die „Islamische Gemeinschaft in Süddeutschland e.V“ sowie 1982 in die „Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.“ (IGD) um. Beide Namensänderungen gehen auf die Ausdehnung der Tätigkeiten der IGD über München und den süddeutschen Raum hinaus zurück. Heute hat die IGD ihren Hauptsitz in Köln und ist ein Zusammenschluss islamischer Zentren in München, Frankfurt, Wuppertal, Stuttgart, Trier, Darmstadt, Köln, Erlangen, Marburg und Nürnberg. Damit verfügt die IGD über 10 Büros im Bundesgebiet. Die IGD finanziert sich durch Spenden, Mitgliedsbeiträge und den Verkauf von Publikationen. Die Spendenbereitschaft der Anhänger ist jedoch eher gering, so dass anlässlich von Veranstaltungen ständig zu höherer Spendenbereitschaft aufgerufen wird. Die im Jahre 1994 gegründete „Muslimische Jugend in Deutschland e.V.“ (MJD) gilt aufgrund personeller Verflechtungen als Jugendorganisation der IGD. Sie hat ihren Sitz in Berlin und organisiert sich in bundesweiten „Lokalkreisgruppen“. Der Verein bietet jungen Muslimen Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Für Außenstehende ist dabei meist nicht ersichtlich, dass im Schulungs- und Freizeitangebot der MJD auch Gedankengut der MB propagiert wird.

Die IGD ist um eine Verselbstständigung der ihr nachgeordneten „Islamischen“ Zentren bemüht. Damit entstehen Vereinsstrukturen, die von deutschen Sicherheitsbehörden nur schwer kontrollierbar sind und die die tatsächliche Anbindung an die IGD verschleiern. Dieses Vorgehen ermöglicht den neu gegründeten selbstständigen Vereinen, für sich die Gemeinnützigkeit (steuerrechtliche Vorteile) zu beantragen. Die IGD selbst verlor 1999 die Gemeinnützigkeit, eine zunächst gegen diese Entscheidung eingereichte Klage nahm sie später wieder zurück.

Die IGD gilt als wichtiger Akteur im europäischen MB-Netzwerk. Sie ist Gründungsmitglied der „Föderation der Islamischen Organisationen in Europa“ (FIOE) mit Sitz in Brüssel. Bei der FIOE handelt es sich um den Dachverband aller MB-nahen Organisationen in Europa. Eigenen Angaben zufolge vereinigt die FIOE Organisationen aus 28 Staaten, darunter viele nationale Dachverbände wie die „Union des Organisations Islamiques de France“ (UOIF) und die „Muslim Association of Britain“ (MAB). In enger Verbindung zur FIOE steht der „Europäische Rat für Fatwa und Islamstudien“ (ECFR) mit Sitz in Dublin. Seit seiner Gründung 1997 steht er unter dem Vorsitz Yusuf al-Qaradawis, einem in Katar lebenden islamistischen Gelehrten. In Frankfurt am Main gibt es seit 2004 den „Rat der Imame und Gelehrten in Deutschland e. V.“ (RIG). Ähnlich wie der ECFR auf europäischer Ebene erhebt der RIG den Anspruch, als wissenschaftliche Autorität in Fragen der Koranauslegung für die in Deutschland lebenden Muslime zu fungieren. Der RIG steht sowohl organisatorisch als auch ideologisch der IGD nahe.

Auf Initiative der IGD wurde im Dezember 2012 das „Europäische Institut für Humanwissenschaften“ (EIHW) in Frankfurt am Main gegründet. Die Einrichtung soll Studienabschlüsse in arabischer Sprache und Islamwissenschaft vermitteln. Damit strebt die IGD eine Alternative zum staatlich geförderten Vorhaben an, Imame und muslimische Theologen an deutschen Universitäten auszubilden.

Vorrangiges Ziel der IGD ist es, die hier lebenden Muslime ideologisch zu beeinflussen und für sich zu gewinnen. Bei öffentlichen Auftritten werden Bekenntnisse zur MB und verfassungsfeindliche Äußerungen vermieden. Vertreter der Organisation weisen immer wieder darauf hin, dass hier lebende Muslime sich vom islamistischen Terrorismus zu distanzieren und die Gesetze zu beachten haben. Die von der Organisation betriebenen Islamischen Zentren dienen jedoch zum einen als Veranstaltungsorte für politische Agitation, zum anderen erfüllen sie als Begegnungsstätten die Funktion einer Klammer für Anhänger islamistischer Organisationen diverser Länder. Aufgrund der ideologischen Ausrichtung an der MB sind die Aktivitäten der IGD geeignet, unter den in Deutschland lebenden Muslimen eine ablehnende Haltung gegenüber europäischen Werten zu verstärken und Demokratiedistanz zu fördern.

Aladdin Sarhan

Lesetipps:

  • Bundesamt für Verfassungsschutz, Verfassungsschutzbericht 2014, Berlin 2015.
  • Landesamt für Verfassungsschutz Hessen, Verfassungsschutzbericht 2013, Wiesbaden 2014.
  • Stefan Meining, Eine Moschee in Deutschland: Nazis, Geheimdienste und der Aufstieg des politischen Islam im Westen, München 2011.