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Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG)

Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) beschreibt sich selbst als eine islamische Religionsgemeinschaft, die das religiöse Leben der Muslime umfassend organisieren möchte. Dabei solle die Grundlage ihres Islamverständnisses auf den Lehren von Koran und Sunna basieren. Im Bundesverfassungsschutzbericht 2014 wird die religiöse Orientierung bestätigt. Darüber hinaus wird konstatiert, dass eine Abnahme des Extremismusbezugs der IGMG festzustellen sei. Dies wird zurückgeführt auf die anhaltenden Bemühungen des IGMG-Vorsitzenden Kemal Ergün, die Organisation aus der Einflussnahme der Millî Görüş-Bewegung in der Türkei loszulösen und der IGMG ein eigenständiges Deutschland-spezifisches Profil zu geben.

Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş ist heute die einflussreichste islamische Organisation in Deutschland und eine der wichtigsten islamistischen Bewegungen, die innerhalb der türkischen Diaspora in Europa agiert. Den Angaben der IGMG kann entnommen werden, dass sie 514 Moscheegemeinden in Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, der Schweiz, Österreich, Italien, England, Dänemark, Schweden und Norwegen unterhält, die etwa 87.000 Mitglieder umfassen. Die Zahl der Mitglieder in Deutschland liegt bei etwa 33.000. Die IGMG schätzt, dass etwa 300.000 Menschen in Europa wöchentlich ihre Gottesdienste besuchen.

IGMG zwischen Ideologie und Realpolitik

Die ideologische Orientierung der ersten Stunde und die politische Agenda der IGMG in Deutschland sind auf Necmettin Erbakan (1926-2011) zurückzuführen – einer der führenden türkischen, islamistischen Intellektuellen und einflussreichsten türkischen Politiker in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

In der Türkei war die Millî Görüş (dt. „Nationale Sicht“) die erste wirkliche islamistische Bewegung; sie entstand 1967 mit einer anti-säkularen und anti-westlichen politischen Vision, denn Erbakan machte die westlichen Einflüsse verantwortlich für die Probleme der Türkei. Ihm zufolge sollte der Islam als ganzheitliche Ideologie dem entgegnen. Nur ein islamischer Staat und die damit implizierte Islamisierung der türkischen Gesellschaft konnten daher die Antwort sein. An dieser Stelle wird die ideologische Nähe der Millî Görus zur Muslimbruderschaft deutlich. Erbakan war stark beeinflusst vom wichtigsten Ideologen der Muslimbruderschaft, Sayyid Qutb, dessen Weltanschauung auf einer stark und zutiefst ideologisierten Lesart der islamischen Geschichte basiert, die einen reinen Urislam frei von westlichen Einflüssen beschreibt und den Ausweg islamischer Gesellschaften aus der Krise nur durch eine Rückkehr der Gesellschaft zum „wahren Glauben der ersten Generationen“ und deren Befreiung von unislamischen Einflüssen sieht. Erbakan rief damals öffentlich zum Sturz des türkischen säkularen kemalistischen Systems auf. Dabei präferierte er eine Strategie der islamischen Erweckung, die politische Reformen im Sinne einer Islamisierung des Systems begünstigt. Die Millî Görüş hatte somit die Aufgabe, die Türkei in einen islamischen Staat zu transformieren.

Erbakan gründete im Laufe seiner politischen Karriere bis zu seinem Tod verschiedene politische Parteien. Dabei fällt auf, dass öffentliche antiwestliche und sehr oft antisemitische Äußerungen im Laufe der Jahre immer weniger wurden. Auch schienen sich die Erben Erbakans mit dem Laizismus zu versöhnen. Insbesondere die erfolgreiche AKP unter der Führung Erdoğans gab sich lange reformorientiert. Doch bewertet man die Lage der Türkei heute, so kann man feststellen, dass die Türkei noch nie so tief gespalten war. Laizisten und Vertreter einer auf Basis der Religion formulierten Politik stehen sich unversöhnlich gegenüber. Säkulare demokratische Prinzipien werden sukzessive abgebaut, die Islamisierung der staatlichen Institutionen schreitet voran.

IGMG-Deutschland: Emanzipation einer Sektion?

Die deutsche Gründung Erbakans war keinesfalls als ein „deutsches Projekt“ gedacht. Vielmehr handelte es sich um eine Diaspora-Sektion, deren Mitglieder emotional sehr stark Türkeiverbunden waren. Das gehorsame Folgen begann jedoch Risse zu haben, als die organisationsinterne Zeitung „Milli Gazete“ vermehrt antisemitische Propaganda zu verbreiten begann. Dies brachte die Bewegung in Deutschland zunehmend unter Druck und führte zu einer verstärkten Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Schließlich distanzierte sich die IGMG öffentlich von Erbakans antisemitischen Äußerungen. Der Generationswechsel in der Führung der IGMG-Deutschland brachte bereits 2004 allmählich eine politische Entfremdung zwischen deutscher und türkischer Sektion von Millî Görüş mit sich. Diese Distanzierung war ein Signal, dem Erbakan vergeblich versucht hat entgegen zu wirken. Er scheiterte jedoch an der Weigerung der deutschen Regionalleiter. Trotz aller Differenziertheit erfolgte bislang kein eindeutiger Bruch mit der Programmatik oder gar mit der Ideologie, vielmehr existieren nach wie vor wichtige ideologische Affinitäten und substantielle Verbindungen zwischen den beiden Bewegungen in Deutschland und in der Türkei.

Innerhalb der IGMG-Deutschland hat sich eine Gruppe junger, gut ausgebildeter Anhänger gebildet, die in Deutschland geboren und oft intellektuell aufgestellt sind. Diese sind sehr ambitioniert. Ihre Beziehung zu Deutschland ist anders definiert als die ihrer Eltern. Sie suchen ihren Platz in der deutschen Gesellschaft. Die führenden Vertreter sind in vielen Städten und Kommunen Teil des öffentlichen Lebens geworden. Allerdings ist diese Entwicklung sehr jung, so dass es noch nicht ersichtlich ist, ob diese neue intellektuelle Elite den Spagat zwischen islamischen Werten und einer säkularen Moderne erfolgreich bewältigen wird. Kritiker vermuten, die IGMG verfolge nach wie vor die langfristige Strategie, die Gesellschaft nach islamischen Vorgaben umzugestalten. Dabei würden die Anhänger die rechtlichen Möglichkeiten des Rechtsstaates ausnutzen und eine Parallelwelt durch religiöse, auf Segregation basierende Bildungsarbeit aufbauen.

Der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, stellte in diesem Zusammenhang fest, dass man den Wandel bei IGMG als Organisation des legalistischen Islamismus wahrnehmen und weiter beobachten würde und stellte in Aussicht, dass die IGMG nach Jahren aus der Beobachtung durch seine Behörde herausfallen könnte.

Dr. Marwan Abou-Taam