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Die Kunst des Erzählers

Michael Köhlmeier ist 25. Träger des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung

Ein „natural born narrator“, so würdigt die Welt (18.10.2014), in Anspielung auf einen Filmtitel, Michael Köhlmeier. Der am 15.10.1949 in Hard am Bodensee geborene Autor ist ein bedeutender Erzähler und Nacherzähler. Seine epische Bandbreite ist enorm: von Romanen und Novellen über Libretti, Hör- und Drehbücher bis zu Nachdichtungen von biblischen Geschichten, antiken Mythen, Märchen und Shakespeare-Dramen. Erzählen bedeutet Verwandeln von Geschichte und Lebensstoff in Kunst mit den Zeichen der Zeit. Für James Wood, den ‚Reich-Ranicki der amerikanischen Literaturkritik‘, bittet der Erzähler „uns nicht, Dinge (in einem philosophischen Sinn) zu glauben, sondern sie uns (in einem künstlerischen Sinn) vorzustellen“ (Die Kunst des Erzählens, 2013). In diesem Sinne stellt uns Michael Köhlmeier auf ebenso freimütige wie kunstvolle Weise unsere Zeit, unsere Herkunft, unsere Traditionen und Werte vor.

Biographie und literarischer Lebenslauf

„Ich bin“ – schreibt Michael Köhlmeier – „in einer erzählsüchtigen Familie aufgewachsen und habe schon als Kind gewusst, dass ich gerne Schriftsteller werden möchte.“ Das vorliterarische Erzählen hat Köhlmeiers Entwicklung geprägt. Es umfasst Erfinden und Erinnern. Es ist gemeinschaftsbildend, verbindet die Generationen, muss aber aus der mündlichen Alltagspraxis in die individuelle Schriftform überführt werden, um Kunst zu sein. Das demonstriert der Roman Bleib bei mir (1993), eine Nachkriegsliebesgeschichte über seine Eltern, die sich in Coburg begegnet sind.

Köhlmeier begann als Schüler im Kapuziner-Internat in Feldkirch zu schreiben, in einer Atmosphäre, die von Gruppendruck und Autoritätswettkämpfen geprägt war. Wie sehr Erzählen auch immer Staunen und Trösten ist, darüber gibt der Roman Die Musterschüler (1989) Auskunft. Der dritte frühe Schreibeinfluss – nach Elternhaus und Schule – war das Studium der Germanistik in Marburg (1970-1978); daneben studierte Köhlmeier Mathematik und Physik in Gießen und Frankfurt am Main. 1975 schickte Köhlmeier einen Text zum Rauriser Literaturwettbewerb, vergaß ihn und wurde daran erinnert, als er einen Brief erhielt, in dem stand, dass er den Preis gewonnen habe. Michael Köhlmeier setzte sich in seinen VW, fuhr nach Wetzlar, ging spazieren und beschloss, ab nun Schriftsteller zu sein.

Erzähler zum Hören

Sein literarisches Schaffen begann mit den Originalton-Hörspielen, die er Anfang der 1980er Jahre über Konflikte der Arbeitswelt und soziale Randgruppen schrieb. Ein Durchbruch war die Sammlung von Neuerzählungen von Sagen des klassischen Altertums (1995-1998, 15 CDs). Seit 2007 läuft eine Reihe von weiteren Neuerzählungen antiker Geschichten in einer 80-teiligen Sendereihe des Bayerischen Rundfunks (gesendet von ARD-alpha).

Die biblischen, antiken und germanischen Mythen, neben den Romanen der zweite Hauptstamm seines Werks, sind für Köhlmeier „ferne Spiegel“, die es uns erleichtern, unsere Geschichte zu begreifen. Darin stehen Götterschwank und Kriegskatastrophe nebeneinander, es geschehen kalkulierte Abstürze vom Erhabenen ins Vulgäre und Banale, die Figuren werden psychologisch vertieft. Wenn der Erzähler jemand ist, der „dem Hörer Rat weiß“, dann ist Michael Köhlmeier ein weiser Erzähler; in den Mythen liegt die „epische Seite der Wahrheit“ (Walter Benjamin). Das zeigt sein jüngstes Buch Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam? (2016). Orientiert an Grundfragen unserer Zeit, enthält der Band Märchen, Legenden und Geschichten über Helden aus Bibel und Antike, erzählt von Michael Köhlmeier und erklärt von dem Wiener Philosophen Paul Konrad Ließmann. Es geht um das Doppelgesicht der „Neugier“ in der biblischen Paradiesgeschichte, den fatalen Zusammenhang von „Gewalt“ und „Traurigkeit“, das „Daidalos-Prinzip“ der „Arbeit“: Unsere Arbeit ist die Lösung der (ökologischen, technischen, sozialen) Probleme, die uns die Maschinen hinterlassen, die wir zur Beschleunigung und Vereinfachung der Arbeit entwickelt haben.

Romane und Erzählungen

Michael Köhlmeiers episches Werk umfasst mehrere Romane und Novellen. Sie zeichnen sich aus durch ein Erzählen, das souverän und gelassen ist und es, bei aller Sympathie für die Figuren, an kluger Weitsicht nicht fehlen lässt. Der Autor vertritt die Auffassung, dass „unbedingte Menschenliebe“ und „unbedingter Menschenhass“ den Blick des Erzählers trüben. Deshalb lässt er seine Figuren zwischen Hoffnung und Depression schwanken, führt sie an die Siegesstätten und auf die Schlachtfelder der Geschichte, gibt ihnen eine archetypische Tiefenstruktur. Sie ist ein Grundmerkmal von Köhlmeiers Erzählen: „Wenn ich von einem Vater erzähle, und es schimmert dahinter ein Gedanke Abraham oder der Vater an sich, dann bekommt das eine ungemeine Tiefenwirkung, die jedes Erzählen rechtfertigt“ (Die Presse, 12.3.1994).

Der Roman Abendland, nominiert auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2007, erzählt eine Geschichte des 20. Jahrhunderts am Beispiel des fast hundertjährigen Mathematikers, Weltbürgers und Jazz-Fans Candoris (dem der Österreicher Leopold Vietoris Pate gestanden hat). Aufgezeichnet wird diese Lebensgeschichte von einem Schriftsteller. Beides – die Politik in der Geschichte und der persönliche Erzähler im Roman – sind wichtige Elemente von Köhlmeiers Kompositionskunst. Story und History, Faktum und Fiktion bilden eine epische Einheit. „Man kann nur Geschichten von einzelnen Menschen erzählen, Geschichte als solche lässt sich nicht erzählen“, schreibt Köhlmeier. Die Zeit (20.9.2007) lobte das Werk als „Epochenroman über den modernen Menschen, aufgeklärt und leidend, von Freud, dem Sexus, dem Todestrieb und den Anforderungen der Emanzipation unterwandert und überfordert, den Gefahren der Naturwissenschaft, ihren Möglichkeiten und Folgen ausgesetzt“.

Das gleiche Prinzip bestimmt den Roman Zwei Herren am Strand (2016). Auch hier tritt ein Erzähler auf, der die Lebensgeschichten Charly Chaplins und Winston Churchills preisgibt. Beide schließen einen Pakt: sich gegenseitig zu helfen, wenn einer von ihnen in schwere Depression verfällt. Der Roman ist ein „ausgefuchstes Fabulierspiegelspiel“ (Die Welt, 18.10.2014) mit realen und erfundenen Quellen, eine Geschichte über eine weitgehend unbekannt gebliebene Freundschaft, die getragen wird durch den gemeinsamen, aber mit unterschiedlichen Mitteln geführten Kampf gegen Hitler. Die Frage nach Wahrheit und Täuschung, Gut und Böse grundiert auch den 2013 erschienenen Roman Die Abenteuer des Joel Spazierer, einen Schelmenroman über die Diktatoren und ihre Helfershelfer im 20. Jahrhundert.

Michael Köhlmeiers novellistisches Erzählen steht in der goetheschen Linie: ein Problem wird pointiert, spannend inszeniert und in einer brüchigen Idylle aufgelöst. Sunrise (1994) ist eine Doppelgängergeschichte und moderne Adaption des Ackermanns aus Böhmen von Johannes von Tepl aus dem Jahr 1400. Idylle mit ertrinkendem Hund (2005), Buch der Stadt Köln 2013, ist eine Glückstrauererzählung, in der der Autor, unverschleiert wie selten zuvor, den Unfalltod der eigenen Tochter verarbeitet. 2016 erschien Das Mädchen mit dem Fingerhut, eine coming of age-Legende und eine Parabel auf die westeuropäische Einwanderungsgesellschaft.

Zu erwähnen ist auch die Lyrik; auf den Band Der Liebhaber bald nach dem Frühstück (2012) folgt im Februar 2017 der Band Ein Vorbild für die Tiere. Nahezu alle Bücher Köhlmeiers erscheinen im Hanser Verlag, München.

Würdigung des Werkes

In der Literaturkritik wird Michael Köhlmeier als begnadeter Erzähler mit einer großen epischen Bandbreite geschätzt. Köhlmeier besinnt sich des reichen Stoffvorrats der abendländischen Kulturgeschichte. Er beherrscht virtuos die Gattungen und Medien der Narration, vom Volksmärchen über Legende, Schelmenroman, Erinnerungsfiktion und Generationenepos bis zur zeitkritischen Novelle, und schöpft die Möglichkeiten des Erzählens aus, vom Phantastischen und Unterhaltenden über das Therapeutische bis hin zum Lehrhaften. Nachhaltig stellt er die Frage nach der Herkunft des Menschen und den christlich-humanen Werten, orientiert er sich am Erfahrungswissen unserer Zeit, bedenkt er die Herausforderungen der Gegenwart: Migration und Gewalt. Zwischen Tragödie und Idylle findet der Erzähler Michael Köhlmeier einen originellen Weg von poetischer Freiheit in politischer Verantwortung. – Seine Bücher und Geschichten sind längst in viele Sprachen Europas übersetzt und werden heute auf Französisch ebenso gelesen wie auf Türkisch, Spanisch oder Slowenisch.

Michael Köhlmeier ist unter anderem mit dem Hebel-Preis (1988), dem Hasenclever-Literaturpreis (2014) und dem Düsseldorfer Literaturpreis (2015) ausgezeichnet worden. Am 21. Mai erhält er den von der Evangelischen Akademie Tutzing verliehenen Kaschnitz-Preis. Der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung wird am 25. Juni 2017 in Weimar verliehen, die Laudatio hält die Konstanzer Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Aleida Assmann. Michael Köhlmeier ist der 25. Preisträger der Stiftung.

Michael Braun