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Europas Zuhause liegt im Osten

Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2018 an Mathias Énard

Beethovens Kompass zeigt nach Osten. Wieso eigentlich? Mathias Énard erzählt davon in seinem Roman Kompass (2016). Es ist ein Buch über die Faszination, die der Orient auf die neuzeitliche europäische Kulturgeschichte ausstrahlt. Als vielsprachiger Weltbürger, als Vordenker einer orientalischen Renaissance und als überzeugter Europäer setzt sich der 1972 geborene französische Autor für einen demokratischen Dialog von Abend- und Morgenland ein, für „Miteinander und Kontinuität“. Am 6. Mai 2018 wird Mathias Énard in Weimar mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet. Die Laudatio hält die Ministerpräsidentin des Saarlandes, Annegret Kramp-Karrenbauer.

Biographie

Mathias Énard wurde am 11. Januar 1972 im westfranzösischen Niort geboren, einem kleinen Ort zwischen Poitiers und La Rochelle. Von dort aus brach er auf in die Welt. Er studierte zunächst zeitgenössische Kunst. Anfang der 1990er Jahre kam er ans Pariser Institut national des langues et civilisations orientales. Mit geschärftem Sinn für die politische Situation der Zeit erlernte er die arabische und persische Sprache: „Es war die Zeit, als nach den algerischen Wahlen im Jahr 1991 ein Bürgerkrieg begann. Die einen ergriffen Partei für die Islamische Heilsfront FIS, die anderen gegen einen radikal politischen Islam, der alle Teile der Gesellschaft erfasst“ (Gespräch im Tagesspiegel, 22.03.2017).

Nach dem Studium lebte Énard in Teheran, in Beirut, in Damaskus, einem syrischen Dorf, wo er Französisch unterrichtete, und in Rom (mit einem Stipendium der Villa Medici 2005/06). Längere Aufenthalte führten ihn nach Brüssel, zuletzt auch nach Berlin: „Das heißt 25 Jahre außerhalb Frankreichs. Man lernt viel“ (Deutschlandfunk, 17.03.2017). Im Jahr 2000 zog Énard nach Barcelona, in den multikulturellen Stadtteil El Raval. Dort arbeitete er bei Kulturzeitschriften mit, war Mitglied der Redaktion der französischen Zeitschrift für Literatur und Philosophie 'Inculte – und führt das libanesische Restaurant „Karakala“ in der Torrent de L’Olla.

Romane ums Mittelmeer

Énards literarische Karriere begann mit dem Roman Zone, der 2008 in Frankreich, 2012 in deutscher Übersetzung erschien und mit dem deutsch-französischen Candide-Preis sowie mit dem Prix Décembre ausgezeichnet wurde. Der Roman wurde in Deutschland wie in Frankreich als gelungenes Experiment begrüßt: der fast 600seitige, interpunktionslose Bewusstseinsmonolog eines Geheimagenten und französisch-kroatischen Ex-Söldners im Jugoslawienkrieg. Die „Zone“ ist das Mittelmeer, Wiege und zugleich Wunde der abendländischen Zivilisation, seit Homers Ilias Herrschaftsgebiet der „wütenden Götter“, „gesäumt von Felsen und Bergen jener Steinhaufen die auf ebenso viele Gräber Leichengruben Massengräber hinweisen auf eine neue Karte ein anderes Netz von Spuren Straßen Schienen Flüssen die nach wie vor vergessene verehrte anonyme oder in der großen Geschichtsrolle verzeichnete Leichen Überreste Bruchstücke Schreie Gebeine mit sich führen“. (wie fast alle Werke von Mathias Énard aus dem Französischen in ein geschmeidiges Deutsch übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller.)

24 Kapitel hat das Buch, ebenso viele Gesänge hat Homers Epos. Doch Énards „homerische Reise“ (so Katharina Teutsch in der FAZ, 29.10.2010) ist weder Kriegsreportage noch Agententhriller. Gleichwohl erzählt er voller Spannung vom Umgang mit den traumatischen Erinnerungen der europäischen Geschichte, von Tragik und Rache, von Versöhnungsmut und Wiedergutmachungswillen.

Die folgenden Romane Énards sind Wächter an den Toren des Mittelmeeres, das „mare nostrum“ genannt wurde und seit dem 7. Jahrhundert von römischer und arabischer Vorherrschaft umkämpft war. Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten (2010/2013) spielt am Bosporus, zur Zeit Michelangelos, Straße der Diebe (2012/2013) an der Meerenge von Gibraltar, in unserer Gegenwart. Die Meerengen verbinden Europa mit Asien und mit Afrika, es sind historische und zeitpolitisch bedeutende Orte, Geographien von Kampf und Krieg, aber auch Transferräume von großer Kunst und Kultur.

Der Michelangelo-Roman, der sich vorzüglich als Einstieg in Énards Werk eignet, greift eine überlieferte Anekdote aus dem 16. Jahrhundert auf, deren historische Wahrheit allerdings nicht verbürgt ist: Michelangelo wird von dem Sultan von Konstantinopel beauftragt, den Bauplan für eine Brücke über den Bosporus zu entwickeln. Tatsächlich aber war Michelangelo 1506 in Konstantinopel, und es gibt einen Konkurrenzentwurf von einer Brücke am Goldenen Horn, der von Leonardo da Vinci stammt. Énard nutzt den Einfall, um jene „Geschichte von verlorenen Schlachten, vergessenen Königen, verschwundenen Tieren“ zu erzählen, die der Titel seines Romans von Rudyard Kiplings Indienbuch ausborgt. Es ist eine Geschichte von der Geburt des Kosmopolitismus aus dem Geiste des künstlerischen Genies. Énards Michelangelo ist Bildhauer und Architekt, aber auch europäischer Diplomat und Geschichtenerzähler mit großer Neugier auf den Orient. Nachdem er sich in das Nachtleben von Konstantinopel gestürzt hat, kommt ihm die Vision von einer Brücke, die Orient und Okzident verbindet: „Wie viele Kunstwerke braucht es, bis die Schönheit in die Welt kommt“, lässt Énard seine Figur denken und am Ende mit einem unvollendeten Bauwerk, „heimlich“, wie es heißt, die Stadt verlassen.

Der Michelangelo-Roman, gewürdigt mit dem Prix Goncourt des lycéens 2010, ist schmal und episodisch aufgebaut, wie ein Rondo. Ganz anders der folgende, 2012 erschienene Roman Rue des Voleurs, der 2013 ins Deutsche (Straße der Diebe) übersetzt wurde. Es ist ein Abenteurerbuch und ein politisches Menetekel, angesiedelt zwischen Arabischem Frühling, der spanischen Revolution und der politischen Bewegung ¡Democracia Real Ya! (‚Echte Demokratie Jetzt!‘) zu Beginn der 2010er Jahre. Der Held des Romans, ein junger Marokkaner namens Lakhdar aus der Banlieue von Tanger, kämpft auf schlechte Weise für das Gute. Er pendelt zwischen seinem Heimatland und Spanien, auf der Suche nach Arbeit und Freiheit, nach Kunst und Liebe. Seine Entscheidung, auf europäischem Boden zu bleiben und die „fruchtlosen Hin- und Rückfahrten auf der Meerenge“ zu beenden, lässt sich datieren, auf das Jahr 2011: „Ende Oktober, als die Tunesier gerade auf demokratischem Weg die Islamisten von der Ennahda-Partei an die Regierung brachten und die Spanier sich anschickten, die Katholiken vom Partido Popular zu wählen, wie auch die Marokkaner etwa zum selben Zeitpunkt den Weg zu den Urnen antraten“.

Énard liest seine Zeit genau, aber er liest ihr nicht die Leviten. Moralisieren ist ihm ebenso fremd wie Politisieren. Er ist ein Erzähler von Übergängen und Wanderungen, ein epischer Anthropologe. Die Wege, die Europa mit Afrika und mit Asien verbinden, sind für ihn das, was die Menschen aus ihnen machen, Pilgerwege, Kreuzwege, Irr- und Suchwege. Migration und Integration, Terror und Interkulturalität spielen mit. Die Flüchtlinge, die auf ihrem Weg nach Europa im Mittelmeer sterben, werden ebenso wenig verschwiegen wie die islamistischen Attentate in Marrakesch und in Europa. Und am Ende des Romans Straße der Diebe, das man nicht verraten sollte, wenn man es noch nicht gelesen hat, steht eine faustdicke und nicht unbedingt erfreuliche Überraschung.

Orientalische Renaissance

Der umfangreiche Roman Kompass (2015/2016) ist nach einhelliger Ansicht der Kritik ein „literarisches Meisterwerk“ (Ijoma Mangold). Eine „Enzyklopädie der orientalischen Kultur“, schrieb Der Spiegel, „das Traumbuch des Jahres“, lobte Die Welt, „ein Phänomen in der französischen Gegenwartsliteratur“, so die Süddeutsche Zeitung. Im März 2017 erhielt Mathias Énard für den Roman den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. In ihrer Laudatio sagte die französische Historikern Leyla Dakhli: „Meiner Ansicht nach ist Kompass ein Weg der Erkenntnis und des Verstehens. Der Roman zeigt die Möglichkeiten eines glücklichen Wegs auf. Er verläuft über die Wissenschaft, die Liebe und die Schönheit der Bücher wie der Menschen.“

Der Roman holt weit aus. Der Musikwissenschaftler Franz Ritter erinnert sich in einer schlaflosen Nacht seiner Liebe zu der genialen Orientwissenschaftlerin Sarah, seiner Studienorte in der arabisch-persischen Welt und der Kulturgeschichte des Morgenlandes – und das natürlich nicht zufällig in Wien, dem Tor zum Orient. Es kommt ein vielfarbiges Orientbild heraus, das nicht auf Politik und Religion reduzierbar ist, das fern von Imperialismus und Kolonialismus agiert (in Anknüpfung an Edward Saids Buch Orientalismus, 1978) und das tief in die europäische Kulturgeschichte hineinragt, so tief, dass es kaum noch möglich ist, europäische und orientalische Erbteile voneinander zu scheiden. Im Gegenteil, so will es Énard erzählen, die Kulturen durchdringen und befruchten sich, und es ist der beständige Austausch zwischen Europa und dem Orient, aus dem wir lernen können. Sarah ist im Roman die Lehrmeisterin dieser Renaissance des Orients aus kosmopolitischem Geiste: „Der Orient ist eine Konstruktion aus Bildern, ein Komplex von Repräsentationen, aus dem jeder, je nach Standpunkt, nach Belieben schöpfe. Es sei naiv zu glauben, fuhr Sarah mit lauter Stimme fort, dass dieser Koffer mit orientalischen Bildern heute allein ein spezifisches Gut Europas sei. Nein. Diese Bilder, diese Schatztruhe, seien allen zugänglich und alle steuerten zu ihnen bei mit dem, was sie jeweils an Kulturgütern hervorbrachten, neue Aufkleber, neue Porträts, neue Musik“.

Die Nostalgie aus Tausendundeinernacht wird damit in eine epische Kulturgeschichte verwandelt, in der mühelos Verbindungen zwischen Goethe und dem persischen Dichter Hafis, Balzac und seinem Übersetzer ins Arabische, Joseph von Hammer-Purgstall, dem konservativen Wahhabismus und den Disneyfilmen hergestellt werden können.

Énards Romane erzählen vom Kulturtransfer über die Mittelmeerländer und der Faszination der Europäer für die orientalische Kultur. Orient und Okzident sind für Énard, ganz im Sinne Goethes, nicht mehr zu trennen. Mit seinem epischen Sinn für die wechselseitige Inspiration der Ethnien, Religionen und Kulturen rund ums Mittelmeer ist Énard ein Vordenker des Mediterranismus (Michael Herzfeld / David Abulafia) und zugleich eine Gegenfigur zu den identitären Bewegungen, ein ‚Anti-Houellebecq‘, dem es auf historische Durchleuchtung der Gegenwart ankommt, nicht auf düstere Zukunftsbilder von einer islamistischen Beherrschung Europas. Énard schreibt an einem kosmopolitischen Werk. Es ist ein Werk des Austauschs der Kulturen und ein Werk des Friedens. Das ist, auch im Gedenken an das Ende des „Grande Guerre“ vor hundert Jahren, von europäischer, ja globaler Bedeutung.

Und Beethovens Kompass?

Und von da aus wird auch die Geschichte von Beethovens Kompass erhellt. Beethoven besaß tatsächlich einen Kompass, ein kleines rundes Metallgerät mit farbigem Rahmen und Windrose. Es kam in den Besitz von Stefan Zweig, den man wegen seines Sammlereifers gelegentlich „Erwerbs-Zweig“ nannte, und wanderte dann über den Schweizer Mäzen Hans Conrad Bodmer ins Bonner Beethoven-Haus. Dort sieht man, dass Beethovens Gerät nach Norden weist. Aber Énards Erfindung hat eine Pointe. Mit der Nadel weist auch der historische Beziehungssinn nach Osten. Beethoven kannte den Orientalisten Hammer-Purgstall. Der hatte dem Komponisten vorgeschlagen, orientalische Texte zu vertonen. Daraus ist nichts geworden, außer dem Türkischen Marsch aus Beethovens Festspiel Die Ruinen von Athen (1811). Aber was bleibt, ist die Orientierung der Klassiker und der Modernen, sei es in der Literatur oder in der Musik, am Osten. So stattet Énard seine Romanfigur mit einem „der wenigen Kompasse aus, die in den Orient zeigen, dem Kompass der Erleuchtung. […] Das Wesentliche ist, den Osten nicht zu verlieren“.

Die zitierten Werke von Mathias Énard sind beim Hanser Verlag (Berlin) erschienen und aus dem Französischen übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller.

Michael Braun