Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)

Burkhard Spinnen - Literaturpreisträger 1999 - Ansprache zur Preisverleihung

Sehr geehrter Herr Dr. Spinnen,
sehr geehrte Frau Spinnen,
lieber Herr Ministerpräsident Dr. Vogel,
sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Schavan,
meine Damen und Herren!

Es gibt eine Erzählung, die von einem Politiker handelt, der kurz nach einer vermeintlichen Wahlniederlage "an einem bedeutenden Wendepunkt" seines Lebens steht, vor der Entscheidung nämlich, Politiker zu bleiben oder Privatmann zu werden. Die Erzählung trägt den Titel Wahlnacht und findet sich in dem 1991 erschienenen Debütband von Burkhard Spinnen, dem von der Kritik sogleich bescheinigt wurde, er sei "einer, wie wir lange keinen hatten" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Juni 1991).

Der Verfasser dieser Würdigung, der Heidelberger Literaturwissenschaftler Professor Dr. Helmuth Kiesel, kann heute leider aufgrund einer anderweitigen dringlichen Verpflichtung nicht zugegen sein. Ich will ihm aber als einem Mitglied der Jury, die Burkhard Spinnen zum diesjährigen Träger des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung gekürt hat, ebenso herzlich danken wie den anderen Juroren: der Vorsitzenden, Frau Professor Dr. Birgit Lermen, die deutsche Literatur an der Universität zu Köln lehrt, Herrn Jochen Hieber, der als Kulturredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung arbeitet, Herrn Dr. Sebastian Kleinschmidt, dem Chefredakteur von Sinn und Form, und Herrn Dr. Volkmar Köhler, meinem langjährigen Kollegen als Parlamentarischer Staatssekretär.

Ein Wort des Dankes möchte ich auch an Herrn Direktor Wolfgang Haak richten, der uns wiederum so gastfreundlich die Türen des Weimarer Musikgymnasiums geöffnet hat.

Ihm verdanken wir auch die freundliche Einladung an Sie alle, meine Damen und Herren, im Anschluß an diese Preisverleihung das Schloß Belvedere zu besuchen. Unsere Einladungskarte gilt dort heute nachmittag als Eintrittskarte, so daß Sie Ihren Aufenthalt in Weimar mit einem Besuch dieses Museums bereichern können.

Daß der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung in Weimar vergeben wird: diesem Wunsch unserer ersten Preisträgerin Sarah Kirsch wurde seinerzeit, vor sechs Jahren, von Herrn Ministerpräsident Dr. Vogel, dem geistigen Vater des Literaturpreises, nur zu gerne entsprochen.

Natürlich freut es uns ganz besonders, daß Weimar in diesem Jahr unter einem glücklichen Stern steht - als Goethestadt und als europäische Kulturstadt. Ob Goethe sich das hätte träumen lassen, als er der Stadt 1782 ins Stammbuch schrieb:

"O Weimar! dir fiel ein besonder Los! Wie Bethlehem in Juda, klein und groß. Bald wegen Geist und Witz beruft dich weit Europens Mund [...]!"

Eine Freude ist mir auch, daß der musikalische Teil der Feier von der in Bonn geborenen Pianistin Susanne Kessel gestaltet wird, die Absolventin der Musikhochschule Köln und Stipendiatin unserer Stiftung ist und ihre Nähe zur Literatur durch Interpretationen klassischer Vertonungen von Brecht- und Heine-Gedichten erwiesen hat.

Meine Damen und Herren, es ist mir aufgefallen, daß Burkhard Spinnen seine Erzählungen ganz unprätentiös Geschichten nennt. Die Titel klingen harmlos, Dicker Mann im Meer etwa oder Kalte Ente, um nur die bekanntesten Prosa-Bände von 1991 und 1994 zu nennen. Die Sprache bleibt undramatisch, unaufgeregt, und für Empörung will der Erzähler keinen Grund sehen, obwohl die schöne neue Medien- und Warenwelt, die er uns vor Augen führt, doch genügend Gründe dafür böte.

Subtiler Humor und diskrete Ironie, ein an Kleist geschulter Sinn für das Tragikomische: das sind die literarischen Mittel, mit denen Burkhard Spinnen dem Egoismus und der Konformität, zwei Urübeln der Konkurrenz- und Konsumgesellschaft, beherzt zu Leibe rückt. Der beste Beweis dafür ist Burkhard Spinnens Roman Langer Samstag (1995), eine Chronik der Stör- und Schmerzensfälle des Alltags.

So ist der Erzähler Burkhard Spinnen ein scharfsinniger Zeitdiagnostiker, der sieht, was viele übersehen. Seine Figuren sind Durchschnittsexistenzen aller Berufe und Schichten, Menschen, die wie der eingangs erwähnte Politiker unvermutet von einer "ungeahnten Kraft" aus dem "Kreis ihres Wirkens" herausgerissen und in ein neues Verhältnis zu sich und ihrer Umwelt gesetzt werden. "Spannend sind für mich", sagte Burkhard Spinnen 1996 in einem Gespräch, die Figuren, "die hier weitermachen, die regieren, verwalten, lieben, einkaufen und wegschmeißen."

Sehr geehrter Herr Spinnen, des Literaturpreises wegen dürfen wir uns glücklich schätzen, daß Sie nach Ihrer Promotion, die wohl nicht zufällig "Kurzer Prosa" galt, nach eigenen Worten nicht den Weg des Germanisten mit "Interpretation und Exempel" eingeschlagen haben, sondern den "Weg des Sprachphysiognomen", der in die "Tiefen des Sprachgebrauchs" blickt und nicht aufhört, "eine grundsätzliche Wahrheit noch in den allerdahingesagtesten Parolen" zu hinterfragen (Sprache im technischen Zeitalter, 1997).

Es ist uns eine Freude und Ehre, Sie, sehr geehrter, lieber Herr Spinnen, heute mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung auszuzeichnen. Sie stehen in einer ansehnlichen Reihe: nach Sarah Kirsch empfingen Walter Kempowski, Hilde Domin, Günter de Bruyn, Thomas Hürlimann und Hartmut Lange den Preis.

Ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zu dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung und wünsche Ihnen und Ihren Lesern, daß Sie "das Leben in der Literatur" weiterhin so spannend, so subtil und so humorvoll erfinden mögen, wie Ihnen das zuletzt in Ihrer kleinen Geschichte über einen passionierten Modelleisenbahnsammler gelungen ist.

Ich darf Sie, Herr Spinnen, nun gemeinsam mit der Vorsitzenden der Jury, Frau Professor Lermen, und mit Herrn Ministerpräsident Dr. Vogel zu mir bitten, damit ich die Urkunde verlesen kann.