Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)

Hilde Domin - Literaturpreisträgerin 1995 - Ansprache zur Preisverleihung

Sehr geehrte Frau Domin, liebe Frau Lieberknecht,
sehr geehrter Herr Professor Reich-Ranicki,
meine Damen und Herren!

Nach Sarah Kirsch (1993) und Walter Kempowski (1994) wird in diesem Jahr Hilde Domin mit dem Literaturpreis der Konrad.Adenauer-Stiftung ausgezeichnet. Verehrte Frau Domin, ich darf Sie an erster Stelle herzlich begrüßen! Ich begrüße auch die Thüringer Ministerin für Bundesangelegenheiten, Frau Christine Lieberknecht, die den terminlich verhinderten Thüringer Ministerpräsidenten vertritt.

Die Entscheidung für Hilde Domin wäre nicht möglich gewesen ohne die intensive Arbeit der Mitglieder der Jury. Ich danke Ihnen dafür: ihrer Vorsitzenden Frau Professor Birgit Lermen, Herrn Professor Helmuth Kiesel, Herrn Dr. Sebastian Kleinschmidt, Herrn Dr. Volkmar Köhler sowie Herrn Dr. Frank Schirrmacher.

Zu unserer Freude hat uns Frau Dr. Müller-Krumbach, die Direktorin der Museen der Stiftung Weimarer Klassik, wiederum in diesem Hause aufgenommen. Auch ihr gilt mein Dank. Zu Johann Wolfgang von Goethe hat Hilde Domin ja eine besondere literarische Beziehung: Die Insel-Ausgabe ihres Lieblingsschriftstellers begleitete sie durch die Jahre des Exils.

Unser Literaturpreis zeichnet Autoren aus, die ihr Wort der Freiheit geben. Hilde Domin ist ohne Zweifel eine solche Dichterin: eine starke Ruferin, wenn es darum geht, die Menschenrechte zu verteidigen gegen Verrat und Selbstverrat, gegen Intoleranz und "Menschenblindheit" (Karl Jaspers). Hilde Domin ist, mit einem Wort, eine engagierte Dichterin, gleichermaßen ein poeta doctus wie ein homo politicus.

Mit dem Preis ehren wir Hilde Domin aber auch aus einem anderen Grund. Nach fast drei Jahrzehnten, bestimmt von Flucht und Exil, ist Hilde Domin freiwillig und ohne Verbitterung in das Land ihrer Muttersprache zurückgekehrt. Es war das Land der Mördersprache der Nationalsozialisten, das sie 1932 verließ. Diese Heimkehr einer vertriebenen deutschen Dichterin jüdischer Herkunft ist eine durchaus ungewöhnliche Entscheidung, und sie markiert ein historisches Datum – gerade in diesen Tagen des Gedenkens an das Kriegsende vor fünfzig Jahren.

Hilde Domin ist als "Botin der Versöhnung" in die Bundesrepublik zurückgekehrt, den "gutartigsten Staat, den es seit Hermann dem Cherusker auf diesem Boden gegeben hat". So wichtig es ihr ist, die Erinnerung an die Zeit der Unfreiheit und des Terrors wachzuhalten – ihr vorsichtiger, in der Not des Exils geschärfter Blick ist doch stets nach vorne gerichtet. Aus dieser erprobten Zuversicht zieht Hilde Domin ihre lyrische Summe, eine ermutigende Summe: Es ist die Hoffnung auf einen möglichen Neuanfang zwischen den Schuldigen und den Opfern, die aus ihren vielzitierten Versen spricht: "Abel steh auf / damit es anders anfängt / zwischen uns allen".

Verehrte, liebe Frau Domin, ich freue mich, eine Dichterin auszeichnen zu können, die es an dieser "Dennoch Hoffnung" nicht hat fehlen lassen, und gratuliere Ihnen sehr herzlich zu diesem Literaturpreis.