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Sarah Kirsch - Literaturpreisträgerin 1993 - Ansprache

Sehr verehrte Frau Kirsch, lieber Herr Ministerpräsident Dr. Vogel, sehr geehrter Herr Professor Frühwald, meine Damen und Herren!

Lassen Sie mich mit einem Zitat beginnen:

"Weimar hat den Ruhm einer wissenschaftlichen und kunstreichen Bil dung über Deutschland, ja über Europa verbreitet; dadurch ward her kömmlich, sich in zweifelhaften literarischen und artistischen Fällen hier guten Rats zu erholen."

Das teilte der Namenspatron und einstige Herr dieses Hauses Ende 1815 in einem Memorandum dem Minister Christian Gottlob von Voigt mit. Kurz zuvor war er selbst in Amt und Würden eines Staats ministers im Großherzogtum Sachsen Weimar Eisenach erhoben worden.

Nun ist der gute Rat der Juroren, die ich hier ganz herzlich begrüße, bereits eingeholt, und um einen zweifelhaften Fall handelt es sich bei der Preisträgerin keineswegs. Bei Kritikern und Kollegen gleicherma ßen gilt sie als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen der Gegenwart.

Frau Kirsch, wir gratulieren Ihnen sehr herzlich zum Literaturpreis der Konrad Adenauer Stiftung und danken Ihnen dafür, daß Sie mit der Annahme dieses neugeschaffenen Preises und Ihrem persönlichen Erscheinen einen guten Anfang des Weges markiert haben, den die Adenauer Stiftung eingeschlagen hat.

Von Goethe und Schiller vor allem geht die kulturelle Tradition aus, die Weimar bis heute mit den Werten eines geistigen Weltbürgertums und toleranten Humanismus verknüpft. Leben und Werk der Weima rer Klassiker repräsentierten weithin das Deutschland, für das 1813 und 1848 gefochten wurde und auf das sich die Weimarer Republik, aller dings auch das sogenannte "Dritte Reich" und schließlich die beiden Teile des jetzt vereinigten Deutschland nach 1945 beriefen.

Im dritten Jahr nach der deutschen Einigung ist Weimar eine Stätte, an der sich wieder reiches kulturelles Leben entfaltet. An dieser Stelle danke ich Frau Dr. Renate Müller Krumbach, der Direktorin der Mu seen der Stiftung Weimarer Klassik, daß die Preisverleihung in diesem schönen Saal stattfinden kann.

Wozu verleiht eine politische Stiftung einen Literaturpreis? Immerhin sah ja das klassische Paar Goethe/Schiller in einem bissigen Xenion das politische Deutschland dort aufhören, wo das gelehrte anfing. Aber Goethe gelang auch das Kunststück einer Personalunion von Macht und Geist, eines Doppellebens als Staatsbediensteter und Dichter, ohne die poetische Freiheit den Zwecken und Zwängen einer politischen Partei zu opfern. Bekanntlich hielten ihn die Ordnung der Landesfi nanzen, die Reduzierung des Heeres und die Sorge um die Not der Strumpfwirker in Apolda mehr von der literarischen Arbeit ab, als ihm lieb war. Geschadet hat dies weder seiner Person noch seinen Schriften.

Der geistige Vater des Literaturpreises der Konrad Adenauer Stiftung, der Thüringer Ministerpräsident Dr. Bernhard Vogel, hat die Preisver gabe an zwei Voraussetzungen gebunden. Der selten einfache Dialog zwischen Literaten und Politikern bietet nur dann eine Chance für die gemeinsam zu gestaltende Zukunft, wenn beide Seiten zum einen bereit sind, Kritik und Spannung unterschiedlicher Standpunkte und Erfahrungen auszuhalten und offen auszutragen; zum anderen aber Schwierigkeiten beim Schreiben und Aussprechen der Wahrheit nicht scheuen, sondern, wo erforderlich, der Freiheit und Würde des Men schen unbedingt zu ihrem Recht verhelfen.

Meine Damen und Herren, das besorgte Engagement Sarah Kirschs gilt unverdrossen dem Menschen und der Natur – seiner Natur – , deren vergehender Schönheit und früherem Zauber er langsam, aber unauf haltsam den Garaus zu machen droht:

"Mitleid kommt auf, kann denn die Wasserblas, der leichte Mensch be stehn? Ich sah mich gezwungen, ihn dennoch als natürliches Wesen, wie andere noch, in dieser Welt zu begreifen und die Ausgeburten seines Gehirnes, sei es die schönste Mazurka ein gotischer Bogen oder eine Raketenstellung im Hunsrück, gleichfalls seiner Natur zuzurech nen", sagt sie in der autobiographischen Chronik Allerlei Rauh.

Das ureigene, einsame "Metier" Sarah Kirschs, der diplomierten Biolo gin und Schülerin des ehemaligen Johannes R. Becher Instituts in Leip zig, ist das lyrische Beschreiben der sichtbaren und verborgenen Natur erscheinungen, die ein Spiegel menschlicher Befindlichkeiten und gesellschaftlicher Zustände sind. Diese Gleichnishaftigkeit von Natur und Kunst ist von der Antike bis zur Gegenwart ästhetische Richt schnur der Dichter.

Nach dem so folgenschweren Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns zog Sarah Kirsch 1977 "von der volkseigenen Idylle ins freie Land der Wölfe" aus, wie sie in einem Gespräch mit Klaus Wagenbach sagte. Seit zehn Jahren lebt sie in der Abgeschiedenheit der schleswig holsteinischen Marsch. Es zeichnet aber ihre Dichtung aus, daß diese Enzyklopädistin des Landlebens sich nicht in sanfte Utopien und be queme Idyllen zurückzieht, sondern sich zu feien sucht "gegen Verrat und / Samtige Sprüche", wie es in ihrem jüngsten Gedichtband heißt.

Subtil und anschaulich macht Sarah Kirsch in ihrer Lyrik und Prosa das Politische im Poetischen vernehmbar, transformiert privat Erlebtes zur öffentlichen Sache. Wie schöpferisch ihre Suche nach Auswegen aus der Krise menschlichen Weiterlebens "auf diesem verblichenen/ Planeten" ist, hat Franz Fühmann einmal auf einen treffenden Nenner gebracht: "Den Widerspruch meines Lebens lösen heißt das Leben seines Widerspruchs immer wieder erneuern."

Wissen wir zu schätzen, daß es solche Verse wie die von Sarah Kirsch gibt, die uns mit sanftem Schrecken mögliche Katastrophen ins Be wußtsein rufen und eindringlich den "verlorenen Traum von der / Schönheit der Welt die so / Verkommen darnieder / Liegt" beklagen!

Verehrte Frau Kirsch, ich darf Sie nun bitten, den Literaturpreis der Konrad Adenauer Stiftung 1993 entgegenzunehmen