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Walter Kempowski - Literaturpreisträger 1994 - Ansprache zur Preisverleihung

Sehr geehrter Herr Kempowski, lieber Herr Ministerpräsident Dr. Vogel, sehr geehrter Herr Professor Maier, meine Damen und Herren!

Die Juroren, für die ich hier stellvertretend die Vorsitzende, Frau Professor Lermen, herzlich begrüße, haben Walter Kempowski für sein vierbändiges monumentales Werk Das Echolot den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 1994 zuerkannt. Herr Kempowski, ich darf Sie und Ihre Gattin herzlich im Goethehaus begrüßen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Frau Dr. Müller-Krumbach, der Direktorin der Museen der Stiftung Weimarer Klassik, und Herrn Bernd Kauffmann, dem Präsidenten der Stiftung Weimarer Klassik, dafür danken, daß die Preisverleihung wiederum in diesem schönen Kunstsammlungssaal stattfinden kann. Dies war im übrigen ein Wunsch der ersten Trägerin unseres Preises, Sarah Kirsch.

Meine Damen und Herren, über fünfzehn Jahre hinweg hat Walter Kempowski Tagebücher, Biographien, Briefe, Photos, Akten, Alben, Notizen aller Art aus den Monaten Januar und Februar 1943 gesammelt. Er hat die Dokumente ausgewählt, einander zugeordnet und zu einem kunstvollen Chor komponiert.

Ein wahrlich sisyphushafter Versuch der Dokumentation von Zeitgeschichte "im Orginalton" und zugleich eine bisher einzigartige und höchst beeindruckende literarische Leistung. Kempowski tritt zwar in geradezu historischer Demut hinter dem Werk zurück und läßt es für sich sprechen. Die Montage der Dokumente jedoch, das "Kempowski-Prinzip" (Horst Krüger), läßt die spezifische Handschrift des Autors erkennen. Wichtige Gestaltungsmittel sind - um nur zwei zu nennen – Steigerung durch Wiederholung und kontrastierende Spiegelung.

Das Echolot ist ein auch im wörtlichen Sinne großes Werk von ebenso zeitgeschichtlicher wie literarischer Bedeutung – wohl einzigartig in der Literatur unseres Jahrhunderts. Es ist der Regie führende Autor-Herausgeber, der alle jene Zeugnisse der Vergangenheit aus ihrem gewohnten Zusammenhang löst, das Unbekannte vor dem Vergessen rettet und das Bekannte in neuem Licht zeigt: Walter Kempowski erzählt – das Verb sei erlaubt – Geschichte von "oben" und von "unten", als eine Belegsammlung der namenlosen Schrecken und niedergeschlagenen Hoffnungen unseres Jahrhunderts.

Lassen Sie mich drei exemplarische Stimmen aus dem Echolot zitieren. Am 8. Januar 1943 notiert Thomas Mann, Pacific Palisades, in sein Tagebuch: "Mit dem Joseph [dem Roman] bin ich früher fertig geworden, als die Welt mit dem Fascismus. Gesetzt, daß sie selbst durch den Sieg mit ihm fertig wird." – Zehn Tage darauf erteilt Heinrich Himmler, Berlin, den Auftrag, eine "Statistik für die Endlösung der europäischen Judenfrage" aufzustellen. Und ein paar Tage vorher, am 13. Januar, schreibt Anne Frank, Amsterdam, in ihr Tagebuch: "Stundenlang könnte ich Dir über das Elend, das der Krieg mit sich bringt, erzählen, aber das macht mich nur noch bedrückter. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als so ruhig wie nur möglich das Ende dieser Misere abzuwarten. Die Juden warten, die Christen warten, der ganze Erdball wartet, und viele warten auf ihren Tod."

Die so montierten Erinnerungsstücke stellen unserer Zeit ein eindringliches memento mori vor Augen. Herr Kempowski, ich darf Ihnen herzlich zu diesem Literaturpreis gratulieren und freue mich, einen Schriftsteller auszeichnen zu können, der auf seine Weise, wie unsere erste Preisträgerin Sarah Kirsch, unbeirrt und unermüdlich der Freiheit sein Wort gibt.

Jürgen Habermas hat sich unlängst auf einer Wittenberger Akademietagung mit der Frage befaßt, ob sich überhaupt aus der Geschichte lernen lasse, und festgestellt, theoretisch gebe es hierauf keine befriedigende Antwort: "Die Geschichte mag allenfalls eine kritische Lehrmeisterin sein, die uns sagt, wie wir es nicht machen sollen."

Praktisch jedoch gibt es die mahnenden und warnenden, erschütternden und empörenden Geschichten aus der Geschichte, die uns als Ganzes in Teilen vom Echolot wiedergegeben wird: so ist Echolot das Richtmaß, nicht um zu erkennen, wie es eigentlich war, sondern um die Vergangenheit als den Grund unserer Gegenwart auszuloten, auf dem wir längst nicht so sicher stehen, wie es mitunter scheint. "Nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die Einlösung der vergangenen Hoffnung ist es zu tun", schrieben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno im Mai 1944.

Der Autor des Echolots ist solch ein kritischer Aufklärer, der sich dafür einsetzt, den Menschen vor der totalen Vereinnahmung durch Ideologien zu bewahren, der ihm keine Sinndeutung vorgibt und ihn ermuntert, selbst Stellung zu nehmen. Ich möchte dem Autor hier das letzte Wort lassen: Sein kollektives Tagebuch, schrieb er vor fünf Jahren, "läßt demjenigen, der sich damit zu befassen beginnt, kaum eine Chance zu entkommen. Er wird sich in den Mitteilungen der vielen Menschen verlieren, wiederfinden, er wird erschrecken, lachen, sich wundern und empören. Und dann wird er erkennen, daß die schrecklichen Vereinfacher im Unrecht sind, und wenn er zu ihnen gehört, vielleicht stutzen und alles noch einmal überdenken."

Sehr geehrter, lieber Herr Kempowski, ich darf Ihnen nun den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung überreichen.