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Christliches Menschenbild

Auszug aus: Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland
Hg.: von Winfried Becker, Günter Buchstab u.a. Paderborn 2002
S. 676 - 679

Die Frage nach dem M. ist in religiösweltanschaulichen Gesellschaften unausweichlich, weil den unterschiedlichen Anschauungen vom Menschen zugleich auch konkurrierende Vorstellungen von Gesellschaft und staatlicher Rechtsgemeinschaft korrespondieren und weil die politische Gestaltung von Normen, Institutionen und Ordnungen aus der Reflexion über den Menschen, seine Grundbedürfnisse und Ansprüche, normative Orientierung und Legitimation empfängt. Das christl. Verständnis des Menschen nimmt die jüdische Tradition in sich auf, so daß von einem jüdisch-christl. M. zu sprechen ist. Der Mensch erscheint einerseits in seiner Kreatürlichkeit, das heißt als einer, der sich in seiner Herkunft dem schöpferischen Handeln Gottes verdankt und in seiner Vergänglichkeit den übrigen Geschöpfen gleicht. Andererseits erscheint er kraft seiner Begabung mit Freiheit und Vernunft in seiner Kreativität, die ihn über die übrige Schöpfung erhebt und an der schöpferischen Kraft Gottes teilhaben läßt. Befähigt zur Selbstreflexion, Selbstüberschreitung und planender Vorausschau, ist er zur Gestaltung der natürlichen Umwelt und der sozialen Mitwelt berufen, zugleich erfährt er sich selbst in seiner Entwurfsoffenheit und Selbstaufgegebenheit und weiß um seine stete Gefährdung, hinter dem Anspruch dieser seiner Berufung zurückzubleiben. Der Mensch ist sittliches Subjekt, weil er in freier Entscheidung selbstbestimmt zu handeln und die Unterscheidung zwischen Gut und Böse zu treffen vermag. Sein Tun und Lassen ist ihm zuzurechnen. Er trägt dafür vor sich selbst, vor seinen Mitmenschen und vor Gott Verantwortung.

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Das jüdisch-christl. Verständnis des Menschen steht also in einem dialektischen Spannungsverhältnis: auf der einen Seite die kreatürliche Begrenztheit des Menschen und die geforderte Selbstbescheidung des Nicht-wie-Gott-sein-Wollens, auf der anderen Seite die besondere Erwählung, die schöpfungstheologisch in seiner Kreativität und heilsgeschichtlich im Handeln Gottes mit dem Menschen und, für den Christen, in der Menschwerdung des Gottessohnes hervortritt. Der Gedanke der Würde des Menschen nimmt von hier seinen Ausgang, verschmilzt mit Vorstellungen der griechischen (Stoa) und römischen Antike (Cicero) von der in der Natur eines jeden Menschen verankerten Dignität und verbindet sich spätestens im mittelalterlichen Denken mit dem Begriff der Person. Eine nachhaltige Auslegung dessen, was personale Würde des Menschen bedeutet, formuliert Immanuel Kant im kategorischen Imperativ: »Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit als Zweck, und niemals bloß als Mittel gebrauchst.« Menschen- bzw. Personwürde heißt nach christl. Verständnis, daß jedem, der Menschenantlitz trägt, in jeder Phase seines individuellen Entwicklungsstands und unabhängig von seinen Eigenschaften und Leistungen ein unbedingter Wert zukommt, der - negativ - jede instrumentalisierende Verrechnung verbietet. Zugleich fordert die Achtung der Menschenwürde - positiv -, die vielfältigen Dimensionen entfalteter personaler Existenz in den Blick zu nehmen, die aus der Bestimmung des Menschen zur Freiheit und Verantwortung und aus seinen materiellen und geistigen, individuellen und sozialen Bedürfnissen resultieren. Damit rücken die Grundansprüche des Menschen ins Zentrum, die in der Formulierung der Menschenrechte ihre Rechtsgestalt erhalten haben: in den persönlichen Freiheitsrechten, in den politischen und gesellschaftlichen Mitwirkungsrechten und in den sozialen Grundrechten. Der gesellschaftlichen Anerkennung dieser grundlegenden Rechte zum Durchbruch zu verhelfen und diese Rechte in einem optimierenden Gleichgewicht für alle Menschen innerhalb der nationalen und internationalen Rechtsgemeinschaften konkret durchzusetzen, ist Aufgabe einer am christl. M. orientierten Politik .

Lit.: W. PANNENBERG: Anthropologie in theologischer Perspektive (1983); E.-W. BÖCKENFÖRDE/R. SPAEMANN (Hg.): Menschenrechte und Menschenwürde (1987); L. HONNEFELDER: Der Streit um die Person in der Ethik, in: Philosophisches Jb. 100 (1993); H. SCHMIDINGER: Der Mensch ist Person, l (1994); E. HERMS (Hg.): Christi. M. und Menschenwürde (2001).

Alois Baumgartner