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Gemeinwohl

Auszug aus: Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland
Hg.: von Winfried Becker, Günter Buchstab u.a. Paderborn 2002
S. 546 f.

Der Begriff G. (lat.: bonum commune; engl.: common good), ist normativer Bezugspunkt jeder praktischen Politik, Grundbegriff jeder Sozialtheorie; eine besondere Ausformung hat das G. in der —»kath. Soziallehre erfahren. Gemäß klassischer Definition wird G. verstanden als Inbegriff der Mittel und Chancen, die in sozialer Kooperation und Organisation bereitzustellen sind, damit der einzelne, die Familien und die Gruppierungen im Gemeinwesen ihre eigenen Werte und Ziele angemessen verwirklichen können. Das G. beinhaltet demnach die Summe all jener —»Werte, die Voraussetzung dafür sind, daß alle ihre Werte verwirklichen können (G. als Dienstwert bzw. instrumenteller G.begriff). Im Unterschied hierzu kann das G. auch als Ziel der Gesellschaft auf-gefaßt werden, die als eigenständige Größe angesehen wird; G, meint dann »den durch Zusammenwirken aller Glieder zu verwirklichenden Wert oder Inbegriff von Werten oder, was sachlich dasselbe ist, das ihnen allen gemeinsame Wohl« (O. von —»Nell-Breuning). G. intendiert demnach »das personale Wohl aller Gesellschaftsglieder, sofern es nur in sozialer Kooperation erstrebt werden kann« (A. Anzenbacher); es hat Selbstwertcharakter, schließt jedoch die Selbstzweckhaftigkeit der Personen ein und ist somit im strengen Sinn ein »personhaftes, nicht ein irgendwie freischwebendes Gut« (Walter Kerber). G. in diesem Sinne wird auch als Gemeingut bezeichnet. Dessen Vorrang vor dem Einzelwohl gilt allerdings nur, »insofern und insoweit der Mensch als Glied einem bestimmten Sozialgebilde verpflichtet ist« (Joseph Höffner). Für das G. als personhaftem Gut stellen die —»Menschenrechte unverzichtbare Normen der politisch-gesellschaftlichen Ordnung dar. Neben Freiheitsrechten sind dies insbes. politische und gesellschaftliche Teilhaberechte. Das G. intendiert demnach die Rahmenbedingungen für die Realisierung sozialer —»Gerechtigkeit (u. a. Absicherung der materiellen Lebensgrundlage, Förderung von Einkommens- und Wirtschaftswachstum sowie von Wohlstand), aber auch ideelle Aspekte. Im Unterschied zu kollektivistischen und sozialistischen Theorien mit ihrem etatistischen G.verständ-nis bemißt sich im christl.-demokratischen Gesellschafts- und Politikverständnis (—»christl. Menschenbild) die Zuständigkeit des Staates bezüglich des G. am Subsidiaritätsprinzip: Der —»Staat ist wohl Garant des G., er setzt die Rechtsordnung und besorgt die innere und äußere Sicherheit, doch leistet er in wirtschaftlicher, kultureller und sozialpolitischer Hinsicht Dienste nur soweit, als die einzelnen und die Gliedgemeinschaften hierzu nicht in der Lage sind.

Gegenüber betont individualistischen Theorien rücken die vor allem im angelsächsischen Denken beheimateten Kommunitaristen die sozialen Werthaltungen und Tugenden wieder verstärkt ins Blickfeld. Sie verweisen auf den Bürgerund Gemeinsinn (—»Bürger) als notwendige Grundlage pluralistischer Gesellschaften (—»Pluralismus), auf die Bedeutung von Gemeinschaften für die Identitätsstiftung und für das Wettbe-wußtsein des einzelnen; und sie appellieren an die —»Verantwortung der Bürger für die Gesellschaft und das G.

Lit.: J. MESSNER: Das G. (1962); D. WENDLAND: Person und Gesellschaft in ev. Sicht (1965); O. VON NELL-BREUNING: Gerechtigkeit und Freiheit (1980); A. ANZENBACHER: Christl. Sozialethik (1997); U. NOTHELLE-WILDFEUER: Soziale Gerechtigkeit und Zivilgesellschaft (1999).

Ursula Nothelle-Wildfeuer