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Katholische Soziallehre

Auszug aus: Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland
Hg.: von Winfried Becker, Günter Buchstab u.a. Paderborn 2002
S. 574 f.

Sie umfaßt die Erkenntnisse und Normen des Zusammenlebens der Menschen und der gesellschaftlichen Ordnungsstrukturen, die sich aufgrund des —»christl. Menschenbildes und Gesellschaftsverständnisses ergeben und von der Sozialverkündigung der kath. Kirche dargelegt werden. Danach ist jeder Mensch »Bild Gottes« und besitzt als Person eine unantastbare Würde und vom Schöpfer verliehene —»Grundrechte. Zugleich ist der Mensch von Natur aus ein soziales Wesen und kann sich nur »inmitten der Gesellschaft« (Heinrich Pesch) entfalten und zusammen mit anderen gemeinsame Ziele verwirklichen und Kultur aufbauen. Die tiefgreifenden Veränderungen im Zusammenleben der Menschen seit dem 19. Jh. bildeten den Grund für die Entstehung der kath. S. Am stärksten wirkte hier die Ablösung der bisherigen Bedarfsdeckungswirtschaft durch die neue arbeitsteilige, auf den Markt bezogene Wirtschaftsgesellschaft. Wegen fehlender Einbettung der Produktionsfaktoren —»Arbeit und Kapital und des —»Wettbewerbs in eine gesellschaftliche Rahmenordnung kam es zur —»sozialen Frage und zu den sozialen Ideologien einer individualistischen bzw. kollektivistischen Gesellschaftser-klärung. Die kapitalistische Klassengesellschaft und die Ausbeutung der Arbeiter führten auch auf christl. Seite zur Suche nach den Ursachen (W. E. von —»Ketteler; erste —»Sozialenzyklika Papst Leos XIII. »Rerum novarum«, 1891). Im Ringen um die Überwindung der sozialen Frage kristallisierten sich die -»Grundwerte der —»Freiheit, der —»Gerechtigkeit, der —»Solidarität, der —»Subsidiarität und des —»Gemeinwohls heraus, die der Wirtschaftsgesellschaft im Ganzen und in ihren Teilbereichen Orientierung und Zusammenhalt geben können. Der gerechte Lohn, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, die gerechte Verteilung von Einkommen und Vermögen, die soziale Partnerschaft (—»Partnerschaft, soziale) als Gegenstück zum Klassendenken bilden die Marksteine der kath. S. Im 20. Jh. kamen neue Problemstellungen hinzu: die pluralistische Gesellschaft (—»Pluralismus), der weltanschaulich neutrale —»Staat, der sich jedoch seiner Wertgrundlagen bewußt sein muß, die —»Menschenrechte und die Bedeutung der Religionsfreiheit, die —»Demokratie und ihre Voraussetzungen, die Generationensolidarität, die Entwicklungsproblematik (—»Entwicklungspolitik). Vor diesem Problemhintergrund wird die Besinnung auf die personalen Ordnungsstrukturen: —»Ehe und Familie, privates —»Eigentum und seine Sozialpflichtigkeit, Staat und Gemeinwohl sowie ihre Interdependenz vordringlich. Die Erkenntnisquellen der kath. S. sind die Offenbarung und vor allem das -»Naturrecht, das in einer pluralistischen Gesellschaft die gemeinsamen Wertorientierungen (—»Werte) und die notwendige Verbindlichkeit auf der Grundlage von Erkenntnissen, die allen Menschen zugänglich und einleuchtend sind, gewährleistet. Dabei hat die kath. S. die (relative) Autonomie der gesellschaftlichen Lebensbereiche sowie die Erkenntnisse der ihnen zugeordneten Wissenschaften zu beachten. Für die Analyse und Lösung der sozialen Aufgaben und Probleme ist der Dialog zwischen der kath. S., die die von ihr ermittelten Seins- und Wertgrundlagen einbringt, und den Human- und Sozialwissenschaften erforderlich. Die kath. S. kann wirksam werden durch das Eintreten der Christen für die Grundwerte, durch exemplarisches Handeln christl. Politiker, Arbeitnehmer, Gewerkschaftsführer, Unternehmer, Künstler, vor allem durch kath. Vereine und Verbände.

Lit.: G. GUNDLACH, in: DERS., Die Ordnung der menschlichen Gesellschaft, l (1964); O. VON NELL-BREUNlNG: Baugesetze der Gesellschaft (61975); A. RAUSCHER: Kirche in der Welt, l (1988); B. SUTOR: Politische Ethik. Gesamtdarstellung auf der Basis der christl. Gesellschaftslehre (1992); A. ANZEN-BACHER: Christl. Sozialethik (1999).

Anton Rauscher