Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)

Ralf Rothmann erhält Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2008

Der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, Ministerpräsident a.D. Prof. Dr. Bernhard Vogel, gibt Ralf Rothmann als Träger des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung 2008 bekannt. Der Preis wird am 18. Mai 2008 im Weimarer Musikgymnasium Schloss Belvedere verliehen.

Der 1953 in Schleswig geborene, heute in Berlin lebende Autor Ralf Rothmann hat ein ebenso breites wie gehaltvolles Oeuvre publiziert: sechs Romane, vier Prosabände, zwei Lyrikbände, ein Drama und einen Essayband.

Biographie und Werk

Ralf Rothmann wurde am 10.5.1953 in Schleswig geboren und wuchs im Ruhrgebiet in der Umgebung von Bochum und Oberhausen auf. Nach der Volksschule und einem kurzen Besuch der Handelsschule absolvierte er zunächst eine Lehre als Maurer, arbeitete dann als Fahrer, Koch, Drucker und als Krankenpfleger. Seit 1976 lebt er mit seiner Frau in Berlin-Friedrichshagen.

Das schmale biographische Datengerüst ist literarisches Programm. Wer etwas über Ralf Rothmann wissen will, muss seine Bücher lesen. Hier porträtiert sich der Autor so, wie er seine Erzähler auftreten lässt: als distanzierter Beobachter, der gleichwohl ein Herz für die Welt und die Menschen hat, die er beschreibt. Ralf Rothmann enthält sich tagespolitischer Stellungnahmen, er zieht sich häufig von der Öffentlichkeit zurück, ohne dabei den Nimbus des Außenseiters zu kultivieren oder als agent provocateur aufzutreten wie Handke oder Botho Strauß. Er nimmt nur soviel Anteil am Literaturbetrieb, wie es nötig ist. Den großen Erfolg seiner seltenen Lesungen und der öffentlichen Reden bezeugen z.B. seine Gastprofessur als „poet in residence“ an der Universität Essen (1999/2000) und seine Rede zur Verleihung des Max-Frisch-Preises in Zürich (2006).

Ein Schlüssel zum Verständnis der Werke Rothmanns ist seine Generationserfahrung. Geboren 1953, zählt er zu den Autoren, denen die „Gruppe 47“ zu politisch und die Popkultur der achtziger Jahre zu ästhetisch ist. Schreiben – und Lesen – ist für Rothmann die einzig gültige Form politischer Zeitgenossenschaft. Er hält an dem Vorsatz fest, durch Literatur die Menschen (angefangen beim Autor) verändern, ja verbessern zu können. Die Epochenschwelle 1968 ist in seinen Werken kein Protestsignal oder postmoderner Impuls, sondern ein Siegel für die Erinnerungen an einesteils beengenden, andererseits befreienden Erfahrungen, die er als Jugendlicher im Ruhrgebiet der späten sechziger und frühen siebziger Jahre gemacht hat. Das hat die Kritik an dem „Naturtalent“ Rothmann, der ohne akademisches Studium zum Schreiben kam, gleich erkannt und anerkannt – ebenso wie seinen erfolgreichen Versuch, einen eigenen literarischen Ton zu finden. Geholfen hat ihm dabei als Mentor und erster Lektor der Schriftsteller Christoph Meckel, der ihm die Adjektive aus den ersten Gedichten herausstrich.

Sie erschienen 1984 in dem Debütband „Kratzer“. Hier findet man die thematischen Hauptquellen seiner künftigen Werke: Autorität und Familie („die Kindheit, / eine Prügelstrafe“), Freiheitsverlangen und Verantwortung, Flucht aus vorgezeichneten Lebensläufen, Sozialmilieu und Arbeitswelt, Geschlechterrollen, Durchleuchtung der deutschen Zeitgeschichte, Sinnsuche und biblische Motive. 1986 und 1988 folgten die Erzählungen „Messers Schneide“ und „Der Windfisch“. Auch hier geht es um Ausbruchs- und Aufbruchsversuche junger Männer, um sanfte Revolutionen gegen Familie und Kirche, um unaufgearbeitete deutsche Vergangenheit, die ein Stück der eigenen Geschichte ist.

Die ersten Bücher fanden in der Literaturkritik ein achtbares Echo. Einem größeren Publikum wurde Rothmann mit seinem Roman „Stier“ von 1991 bekannt. Er eröffnet die „Ruhrgebiets-Trilogie“, die mit den Romanen „Wäldernacht“ (1994) und „Milch und Kohle“ (2000) fortgesetzt wird. Die Trilogie, die in der Gegend zwischen Oberhausen und Essen um 1970 spielt, ist von der Kritik als klassischer Entwicklungsroman in modernem Milieu und als bedeutende „sozialgeschichtliche Genealogie des Ruhrgebietes“ gewürdigt worden, „die drei Generationen, ihre Hoffnungen, Ängste und seelischen Deformationen in den Blick nimmt“ (Mangold in Berliner Morgenpost, 26.3.2000). Das Arbeitermilieu des „Kohlenpotts“, der als designierte europäische Kulturhauptstadt 2010 „nicht mehr Staub, sondern Zukunft atmet“ (Muschg) und heute als kulturelle Metropole Vorbild ist für urbane Regionen in Europa, dieses Ruhrgebiet beschreibt Rothmann – ganz ohne Nostalgie, mit Humor und Selbstironie – aus der Perspektive seiner und unserer Gegenwart. So gelangen die Schrebergartenwelten und Zechen des Ruhrgebiets ins kulturelle Gedächtnis der Gegenwart.

Berlin als europäische Metropole – wo Rothmann seit 30 Jahren lebt – ist das zweite Epizentrum von Rothmanns epischem Werk. Die Romane „Flieh, mein Freund“ (1998), „Hitze“ (2003) und „Junges Licht“ (2004) nehmen Rekurs auf die Erfahrungen von Migration und Interkulturalität, Arbeiterwelt und Intellektuellenszene im Berlin der Jahrtausendwende, gehen aber zugleich immer wieder zurück auf Kindheits- und Jugenderfahrungen. In diesem Sinne erzählen auch die Geschichten in den Prosabänden „Ein Winter unter Hirschen“ (2001) und „Rehe am Meer“ (2006) von Rothmanns Generation, die aus dem Westen Deutschlands stammt und in der europäischen Metropole Berlin nach einer neuen Identität sucht.

Was in der Literaturkritik als „Alleinstellungsmerkmal“ von Rothmanns Prosa hervorgehoben wird, ist die hohe Präzision und Authentizität seiner Sprache, mit der Milieu, Idiom, Szene, Charakter auf unvergleichliche Weise literarisch profiliert werden. Auch in anderen Hinsichten stellt Rothmann einen Sonderfall in der gegenwärtigen Literaturlandschaft dar: Wo alle über Simulation und virtuelle Welten reden und sich multimedial beschallen lassen, spricht er von authentischen Erfahrungen und plädiert für das „Erlebnis der Stille“, die „innere Freiheit“ erfahren lässt. Zudem haben Religionserfahrung und Gottesbilder einen zentralen Ort in der Prosa und Lyrik des „inbrünstig katholisch“ aufgewachsenen Rothmann (z.B. in dem Gedichtband „Gebet in Ruinen“ von 2000).

Auszeichnungen

Mit Preisen und Stipendien sind Rothmanns Werke bislang reichlich bedacht worden: Märkischer Kulturpreis (1986), Förderpreis des Bundesverbandes der Industrie (1989), Mara Cassens-Preis (1992), Stadtschreiber von Bergen (1992/93), Literaturpreis Ruhrgebiet (1996), Hermann-Lenz-Preis (2001), Kranichsteiner Literaturpreis (2002), Evangelischer Buchpreis (2003), Wilhelm-Raabe-Literaturpreis (2004), Rheingau Literatur Preis (2004), Heinrich-Böll-Preis (2005), Max-Frisch-Preis der Stadt Zürich (2006), Erik-Reger-Preis (2007). Im März 2008 erhält Rothmann den mit 8.000 EURO dotierten Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster.

Politische und literarische Bedeutung

Freiheit und Verantwortung: Rothmanns Werke verteidigen das Ringen um die Freiheit als ein Grundmenschenrecht und zeigen zugleich auf, dass sich diese Freiheit ohne soziale Integration und Verantwortung nicht realisieren lässt. Literatur als Freiheit: Rothmann ist überzeugt davon, dass „Geist und Kultur von Belang sind in dieser Welt und Kultur den Alltag humanisiert“. Literatur hilft dem Menschen, der „müde von nutzlosem Wissen [ist], gefangen im Realitätsprinzip“, seine Freiheit zum Selbstdenken zu stärken und die „Fragen an das Leben etwas genauer zu stellen“. Literatur ist somit ein „Freiraum für Träume, an dem man von Herzen ungestraft lügen kann und am Ende, wenn es gut geht, doch die Wahrheit gesagt hat“ (Frisch-Rede).

Rothmanns Prosa als andere Geschichte der 68er Zeit: Vierzig Jahre nach dem Epochenschnitt von 1968 bringen Rothmanns Romane über die heranwachsende Generation um 1970 im Ruhrgebiet eine alternative Protest-Geschichte ins kulturelle Gedächtnis der Gegenwart ein: eine Geschichte abseits von APO, Marcuse und Dutschke, eine Geschichte aus Industriemilieus, eine Geschichte der Befreiung durch Literatur, Musik, Religion auf der einen, Alkohol und Aggression auf der anderen Seite.

Rothmann als Geschichtsschreiber der ‚alten’ und ,neuen’ Bundesrepublik, der Archivist der zeitgenössischen Sozial- und Kulturgeschichte, der die soziale, ökonomische und ökologische Entwicklung des Ruhrgebiets und Berlins genau in den Blick nimmt.

Zusammengefasst: Ralf Rothmann hat alles, was ein Romanautor besitzen muss, auf unspektakuläre Weise: ein kompositorisches Talent, mit dem er große Stoffmassen bewältigt; eine Sprache mit Zugängen zur Poesie an Orten, wo sonst keiner Poetisches vermutet; ein ausgezeichnetes mimetisches Vergnügen an Dialog und Milieuschilderung; ein seismographisches Gedächtnis für die Erinnerungslandschaften der westdeutschen Industriestädte; eine Empathie für die Figuren dieser Welt; eine erstaunliche Neutralität, die dennoch das beteiligte Herz des Erzählers spüren lässt.