Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)DDR - Mythos und Wirklichkeit

Religion und Kirche

Einführung

Das ideologische Fundament der DDR, die sich als sozialistischer Staat definierte, war der dialektische Materialismus. Die philosophische Grundlage bildete der Marxismus-Leninismus mit seiner klaren Definition von Religion als „Opium des Volkes“ (Marx) bzw. „Opium für das Volk“ (Lenin), der Atheismus einschloss. Glaube und Religion galten als „unwissenschaftlich“ und damit als etwas, was abzulehnen war.

Trotz der in den Verfassungen (.pdf) der DDR formal garantierten Glaubens- und Gewissensfreiheit lebten die Kirchen in einer latenten Rechtsunsicherheit, da sie keine Möglichkeit hatten, ihre Rechte auch tatsächlich einzuklagen.

© Harald Hauswald, Agentur Ostkreuz Berlin
© Harald Hauswald, Agentur Ostkreuz Berlin

Die Religionsgemeinschaften waren die natürlichen Konkurrenten des Staates, standen sie doch weltanschaulich im diametralen Gegensatz zur herrschenden Ideologie. Sie stellten für die SED die letzte Bastion eines zu überwindenden bürgerlichen Gesellschaftssystems dar und galten als Vorposten des kapitalistischen Feindes im eigenen Land.

Die Aktivitäten der Kirchen sollten allein auf die Ausübung des Kultes beschränkt werden. Im Zuge der Durchsetzung der sozialistischen Gesellschaftsordnung erwartete man zwangsläufig das Absterben aller Religion.

Um diesen Prozess zu beschleunigen, begann in den 1950er Jahren ein regelrechter Kirchenkampf. Antikirchliche Pressekampagnen, Relegationen von christlich engagierten Oberschülern und Studenten, massive Werbung für den Kirchenaustritt und auch Durchsuchungen kirchlicher Räume und Verhaftungen kennzeichneten diese Jahre. Zudem sollte der kirchliche Einfluss auf Kinder und Jugendliche zurückgedrängt werden. Vor allem die Einführung sozialistischer Ersatzriten in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre zielte auf die Verdrängung der Religion aus dem Leben des „sozialistischen Menschen“.

Zuständig für die Belange der Kirchen auf Regierungsebene war seit 1957 die Dienststelle des Staatssekretärs für Kirchenfragen. Beim Ministerium für Staatssicherheit übernahm seit 1952 die Hauptabteilung V (später XX) die Bearbeitung von Kirchenangelegenheiten.

Da alle Versuche einer ideologischen Vereinnahmung der Kirchen scheiterten, versuchte man, „positive Kräfte“ in den Kirchen für den Aufbau des Sozialismus zu gewinnen bzw. sie zu instrumentalisieren – ohne dass deswegen die Behinderung kirchlichen Lebens eingestellt worden wäre. Die durch diese „Differenzierungspolitik“ intendierten Spaltungen innerhalb der Kirchen und Religionsgemeinschaften traten jedoch nur in wenigen Fällen tatsächlich ein. Der in den 1980er Jahren begonnene marxistisch-christliche Dialog akademischer Provenienz wurde misstrauisch beobachtet.

Alles in allem blieben die Kirchen bis 1989 Fremdkörper in der „sozialistischen Gesellschaft“. Christen mussten generell, wenn auch in unterschiedlicher Weise, mit Benachteiligungen in vielen Bereichen rechnen. Ohne gewisse „Anpassungsprozesse“ war eine berufliche Karriere ausgeschlossen. So lebten viele mit dem Widerspruch zwischen einer gesellschaftlich ausgegrenzten christlicher Existenz einerseits und andererseits der Notwendigkeit eines „gesellschaftlichen Engagements“, wollten sie nicht beruflich, sozial und wirtschaftlich ins Abseits geraten. Als ein Ergebnis kirchen- und religionsfeindlicher Aktivitäten darf das Absinken des Anteils der religiös gebundenen Bevölkerung von ursprünglich 95 Prozent im Jahre 1950 auf etwa 30 Prozent im Jahre 1989 gelten.

Die Kirchen selbst traten häufig nur im Bereich von Diakonie und Caritas öffentlich in Erscheinung, um für alle Menschen des Landes wirken zu können. Sie blieben aber andererseits trotz aller Pressionen die einzigen ideologiefreien Räume innerhalb der Gesellschaft.

Der Anspruch, umfassend alle Facetten zu beleuchten, besteht nicht. Wir wollen vielmehr zur Auseinandersetzung mit der Thematik anregen, die Materialien in den Schulbüchern ergänzen sowie den Interessierten einen schnellen Zugriff auf die wichtigsten Themenfelder ermöglichen.