Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)DDR - Mythos und Wirklichkeit

17. Juni 1953

Der Ausbruch des Juni-Aufstandes in der DDR kam überraschend. Am Morgen des 16. Juni 1953 protestierte in Ostberlin eine Handvoll Bauarbeiter gegen eine zehnprozentige Normerhöhung. Am 17. Juni brach sich der Protest in nahezu 300 Städten und Ortschaften der DDR in Streiks, Demonstrationen und Unruhen Bahn – er richtete sich keineswegs nur gegen die Normerhöhung, sondern gegen das DDR-System überhaupt und forderte u.a. freie Wahlen.

Anfang der 1950er Jahre war die politische Weltlage vom Kalten Krieg bestimmt. Die Spannungen zwischen der UdSSR und den USA hatten sich verschärft. Das geteilte Deutschland war ein wichtiger Schauplatz dieses Kampfes um die Vormachtstellung in der Welt. Die Propagandaschlachten zwischen Ost und West erreichten ein bis dahin nicht gekanntes Ausmaß. Das politische System der späteren DDR wurde seit dem Kriegsende 1945 in jeglicher Hinsicht dem sowjetischen Vorbild angeglichen. Die DDR war seit ihrer Gründung am 7. Oktober 1949 ein gleichgeschalteter Baustein im ost- und mitteleuropäischen Einflussbereich der stalinistisch geprägten Sowjetunion. Die unter westeuropäischem Einfluss stehende Bundesrepublik und ihre politischen Parteien waren ein Hauptziel der Propaganda der von den Sowjets an die Macht gebrachten SED. Alle wesentlichen Entscheidungen hatte die DDR-Staatspartei bis Mitte der 1980er Jahre mit dem sogenannten großen Bruder, der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, abzustimmen bzw. erhielt von ihr politische Weisungen.

Im Juli 1952 beschloss die SED auf ihrer zweiten Parteikonferenz den „Aufbau des Sozialismus“. Dabei wurde der Entwicklung der Schwerindustrie größte Beachtung beigemessen und die Konsumgüterproduktion stark vernachlässigt. Diese Schwerpunktsetzung ging mit Angriffen auf die Bauernschaft und den Mittelstand einher. Ihnen wurden die Lebensmittelkarten entzogen, und angesichts des einsetzenden Kollektivierungsdrucks flohen viele Bauern und enteignete Privatunternehmer und Handwerker aus dem „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ in den Westen, wodurch die Versorgungsengpässe noch virulenter wurden. In der Industrie versuchte die SED dieser Entwicklung durch eine Erhöhung der Arbeitsnormen zu begegnen. Die gesamte Gesellschaft befand sich zudem seit der 2. Parteikonferenz mit dem Aufbau der Kasernierten Volkspolizei, des Vorläufers einer eigenen DDR-Armee, in einer Phase der erneut einsetzenden Militarisierung.

Politisch wird die „Junge Gemeinde“ wegen ihrer antimilitaristischen Grundhaltung und der Ablehnung des Dienstes in der Kasernierten Volkspolizei zum Ziel der innerstaatlichen Hetze. Sie wird als Feindorganisation und westliche Agentenzentrale diffamiert, junge Christen werden massenweise von den Oberschulen und Universitäten relegiert. Die politischen Willkürakte und die Willkürurteile der Justiz erreichen im ersten Halbjahr 1953 ihren Höhepunkt. Eine für zwei Personen ausgelegte Gefängniszelle war zu dieser Zeit in der Regel mit acht bis zehn Gefangenen gefüllt.

Mit dem Tod des sowjetischen Diktators Stalin am 5. März 1953 beruhigte sich die angespannte weltpolitische Situation scheinbar etwas. Anfang Juni 1953 erhält die SED-Spitze von Moskau veränderte Richtlinien, worauf sie am 9. Juni einen „Neuen Kurs“ beschließt. Durch Selbstkritik und Zurücknahme der „falschen Maßnahmen“ will sie das verloren gegangene Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen. Aber ausgerechnet die kürzlich erhöhten Arbeitsnormen werden von der sog. Arbeiterpartei nicht sofort zurückgenommen. Am 16. Juni verlangt daher eine Delegation von Berliner Bauarbeitern vor dem Haus der Ministerien die Zurücknahme der Normerhöhungen. Da darauf keine sofortige Reaktion erfolgt, wird für den nächsten Tag der Generalstreik ausgerufen. Diese Nachricht wird vom Sender RIAS in der ganzen DDR publik gemacht, was von der SED später so dargestellt wurde, als hätte der RIAS zum Streik aufgerufen.

Am Morgen des 17. Juni beginnt der landesweite Streik mit Belegschaftsversammlungen, der Gründung von Streikkomitees und der Formulierung von politischen und sozialen Forderungen. Das Spektrum reicht von der Senkung der Preise in den Läden der Handelsorganisation (HO) über die Wiederherstellung der alten Arbeitsnormen bis hin zur Freilassung der politischen Gefangenen, dem Rücktritt der SED-Regierung und der Wiederherstellung der deutschen Einheit. Der Streik weitet sich innerhalb weniger Stunden zum landesweiten Volksaufstand gegen das kommunistische Regime aus, der zugleich die mangelnde Legitimation der SED-Herrschaft demonstriert. In mehr als 700 Städten und Ortschaften der DDR kommt es unter der Losung „Solidarität mit Berlin“ zu Streiks, Demonstrationen, Gefangenenbefreiungen und Gewalttätigkeiten gegenüber Objekten und Repräsentanten der Staatsmacht. Nur durch den ab 13 Uhr von Moskau aus für Ostberlin verhängten Ausnahmezustand und den darauf folgenden Einsatz sowjetischer Panzer in Verbindung mit Kräften der Kasernierten Volkspolizei kann der Aufstand zunächst in Berlin und dann republikweit niedergeschlagen werden. Insgesamt wird in 167 von 217 Stadt- und Landkreisen von den sowjetischen Besatzungstruppen der Ausnahmezustand ausgerufen, und vielfach werden Panzer gegen demonstrierende Arbeiter eingesetzt.

In Leipzig blieben die Beschränkungen am längsten in Kraft, nämlich bis zum 11. Juli 23 Uhr. Insgesamt haben sich Hunderttausende an der Streikbewegung und den damit zusammenhängenden Aktionen beteiligt. Dabei kamen 55 Personen ums Leben. Einige tausend Personen sind im Anschluss verhaftet, verurteilt und zum Teil in sowjetische Arbeitslager bzw. in das Gefängnis Waldheim gekommen. Auch eine bis heute unbekannte Anzahl sowjetischer Soldaten, die sich weigerten, auf ihre unbewaffneten deutschen Klassenbrüder zu schießen, wurde standrechtlich erschossen. Noch am Nachmittag des 17. Juni gab die SED-Führung die offizielle Lesart aus, wonach der 17. Juni 1953 ein „von westlichen Geheimdiensten gesteuerter faschistischer Putschversuch“ war, und forderte zur Ergreifung der Rädelsführer auf. Eine bis zum Herbst 1989 anhaltende Verfolgung politisch Andersdenkender durch das MfS hatte begonnen. Der 17. Juni war zum Trauma der herrschenden SED und ihres nun noch stärker auszubauenden Sicherheitsapparats geworden. In der Bundesrepublik war er bis zum 3. Oktober 1990, dem Tag der deutschen Wiedervereinigung, der Feiertag „Tag der Deutschen Einheit“.

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Auschnitt aus dem Film „50 Jahre CDU - 50 Jahre erfolgreiche Politik für Deutschland und Europa“ (© ACDP der Konrad-Adenauer-Stiftung und Deutsche Wochenschau Filmarchiv)

DDR - Mythos und Wirklichkeit 17. Juni 1953

(Bild © ACDP, Konrad-Adenauer-Stiftung)

DDR - Mythos und Wirklichkeit 17. Juni 1953

(Bild © ACDP, Konrad-Adenauer-Stiftung)

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Mitschnitt der Rede/Ansprache von Konrad Adenauer zum 17. Juni 1953

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Mitschnitt des Interviews mit Otto Nuschke im RIAS zum 17. Juni 1953